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Philippe Claudel
Brodecks Bericht

„Der Mensch ist ein Tier, das immer wieder neu anfängt“
Kritik
  Mit „Brodecks Bericht“ beendet Phillip Claudel seine Trilogie über die Verführ­barkeit des Menschen zur Gewalt


Philippe Claudel
Brodecks Bericht
Roman
Kindler Verlag, Reinbek 2009
332 Seiten, 19,90€

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Es gibt eine Schmetterlingsart, die in größeren Gruppen zusammenlebt. In friedlichen Zeiten akzeptieren sie auch artfremde Exemplare. In bedrohlichen Situationen aber schließen sie diese aus der Gemeinschaft aus, um das eigene Überleben zu sichern: „Wenn es um das Fortbestehen ihrer Gruppe oder um ihr eigenes Überleben geht, opfern sie ohne Zögern den Schmet­ter­ling, der nicht einer von ihnen ist“, begründet Leutnant Adolf Buller seinen Befehl das kleine Bergdorf von „Fremden“ zu „säubern“ (nicht ohne Grund hat ‚Buller' die gleiche Buch­stabenzahl wie ›Hitler‹). Wenige Tage zuvor ist er mit einem Regiment über die Landesgrenze gekommen und hat der Dorf­bevöl­kerung erklärt, dass sie fortan zum „Reich“ gehören würden.

Es kommt zu einer Macht­demon­stration an deren Ende ein Dorfbewohner hingerichtet wird und zwei andere, die das Stigma der „Fremden“ aufgedrückt bekommen haben, in ferne „Lager“ deportiert werden. Einer davon ist Brodeck. Das was ihn zum „Fremden“ macht, ist das „fehlende Stück Haut zwischen seinen Schenkeln“. Aber Brodeck überlebt und kehrt nach dem Abzug von Bullers Truppe in die Gemeinschaft der Schmetter­linge zurück. Er ertrug das Grauen des Lagers, weil er sich das Geschehen dort als eine Ausnahme von der Regel erklärte. Brodeck hält die Hoffnung aufrecht, dass diese schreckliche Verfehlung aller Menschlich­keit mit seiner Rückkehr in das Heimatdorf und zu seiner geliebten Frau ungeschehen wird.

Seine Hoffnungen brechen alsbald zusammen: Die feindlichen Truppen haben seine Frau vergewaltigt. Noch schlimmer: Die Dorfbewohner sahen nicht nur tatenlos zu, sondern beteiligten sich selbst an der grauenvollen Tat. Doch Brodeck, der nach seiner Rückkehr psychisch und physisch am Ende seiner Kräfte ist, bleibt mit seiner Familie im Dorf. Eines Tages kommt der „Andere“ in das Dorf. Das ist ein exotisch aus­sehender Mann mit ungewöhn­lichen Verhaltens­weisen, der sich allein dadurch meilenweit von der Lebenswelt der Dorf­bevölkerung entfernt. Er mietet sich im Gasthof ein und bleibt in seiner all­gegen­wärtigen Sicht­barkeit unsicht­bar. Der „Andere“ wandert mit Zeichen- und Notizblock im Dorf und in den Bergen herum. Ansonsten schweigt er. Der „Andere“ versucht sich überhaupt nicht den Dorf­bewohnern zu erklären. Die Gerüche über ihn kochen hoch: „Dieser Mann war wie ein Spiegel [...] er sagte nichts, man sah nur sich selbst in ihm.“ Am Ende steht der kollektive Mord an ihm, über den Brodeck, der daran nicht beteiligt war, einen Bericht schreiben soll. Die Gewalt der fremden Truppen, die Claudel mit dem alter­tümlich klingenden Wort „Frater­gekeime“ bezeichnet, ist auf frucht­baren Boden gefallen. Denn die Dorf­gemeinschaft war auch schon vor ihrer Ankunft alles andere als friedlich. Der Keim der Gewalt­samkeit steckte tief hinter den verkniffenen Gesichtern. Denn wer einmal Blut geleckt hat, giert immer wieder danach.

„Brodecks Bericht“ ist ein Zeugnis über die Macht der Masse. In ihr brodelt etwas, das sich jederzeit in Gewalt­exzes­sen entladen kann. Brodeck versucht in seinem Bericht diesen dunklen Kern zu ergründen, muss aber erkennen: Das Böse ist unbe­rechenbar. Man kann es in kein „Wenn dann“ – Schema pressen.

Das ist auch Claudels Fazit, das er schon in den beiden voran­gegan­genen Romanen, „Die grauen Seelen“ und „Monsieur Linh und die Gabe der Hoff­nung“, gezogen hat. Einen Hoffnungs­schimmer gibt Claudel angesichts solcher düsteren Zusammen­hänge dem Leser doch zur Hand: Der Chronist Brodeck, der an dem Mord nicht beteiligt war und ihn scharf verurteilt, ist ein Intel­lektuel­ler. Als einziger unter den Dorf­bewohnern war er eine Zeit lang in der Stadt und hat studiert. Macht das Wissen der Bücher und die Welt­offenheit einer Univer­sität die Seele stark gegen das Böse?

Claudel gelingt es meister­haft, die Düsternis der Seelen in der Atmosphäre des Dorfes und der Berg­landschaft zu spiegeln. Überall gibt es Zeichen, die keiner deuten kann und die darum umso unheimlicher wirken: Warum finden die Dorf­bewohner seit einiger Zeit immer wieder massenweise tote Füchse, die keinerlei Symptome einer Krankheit aufweisen? Die Geschichte geht um, dass sie freiwillig in den Tod gegangen sind. Aber ist das nicht gegen die Natur? Unnatürlich sind auch die immer wieder kehrenden Gräueltaten der Geschichte, auf die Claudel in seiner Trilogie verweist. In Interviews erklärte er, kein bestimmtes historisches Ereignis und keine bestimmte Region im Kopf gehabt zu haben. Dennoch sind die Hinweise im Text deutlich: Die Handlung spielt in Europa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die archaischen, oft sprechenden Namen der Figuren zeigen aber: Es geht nicht um den repräsentativen Menschentypus dieser Zeit, sondern um den Mensch an sich.

Philippe Claudel ist mit „Brodecks Bericht“ zweierlei gelungen: Eine nach­denk­lich machende Studie über die Abgründe des menschlichen Seins und ein packend geschrie­bener Roman, an dessen Ende man Brodeck nicht ziehen lassen will.


Karen Lohse   02.12.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Karen Lohse