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Kowalsky auf den Straßen des Möglichen

Der alte Mann im Fenster gegenüber hat heute Nasenbluten. In der rechten Hand hält er sonst immer seine Bierflasche fest, heute aber drückt er sich stattdessen ein hellgraues Tuch über Mund und Nase. In der warmen Morgensonne döst er immer wieder ein und lässt dabei ganz langsam die Hand aufs Fensterbrett sinken. Dann kann man die rötlichbraunen Flecken auf dem Tuch erkennen. Die Straße ist sehr schmal, eine am Rand der Altstadt gelegene Gasse, die nur in den frühen Morgenstunden vom Sonnenlicht durchflutet wird. Der Alte wohnt im gleichen Stockwerk wie ich, und so sitzen wir manchmal vis-à-vis am Fensterbrett und schauen auf die Straße, in den Himmel oder durch die verstaubten Fenster in die anderen Wohnungen hinein. Wann immer ich mein klappriges Fenster mit den gesprungenen Scheiben öffne, sitzt der Alte reglos mit zusammengekniffenen Augen da. Am Anfang war es mir unangenehm, ich fühlte mich von ihm beobachtet, vermied seinen Blick. Dann ging ich dazu über, ihm zaghaft zuzunicken, bevor ich meine Zigarette anzündete, doch mein Gruß blieb jedes Mal unerwidert.
     Im Sommer knattern ununterbrochen Autos durch die gepflasterte Gasse, die vom Marktplatz zum Flussufer führt, und bringen mit ihren dröhnenden Boxen die dünnen Fensterscheiben zum Vibrieren. Kleine Kinder mit eiscremeverschmierten Gesichtern hängen kreischend an den Händen ihrer Mütter, Hundegebell, schrille Pfiffe, helles Lachen, Feuerwehrsirenen, alles drängt sich durch die Häuserschlucht hinauf, quillt unablässig in den blassen Himmel wie dichter Rauch, und viel später schwirren die lallenden Gesänge der Betrunkenen durch die laternenhelle Nacht.
     All das sieht und hört der Alte im Fenster jedoch nicht. Unsere Wohnungen liegen so nah beieinander, dass ich zwei fransige Löcher in seiner braunen Wolljacke erkennen kann, der Wolljacke, die er auch im Sommer niemals ablegt. So nah, dass ich den Ring an seinem Mittelfinger sehen kann, ein Goldring mit einem eckigen, schwarzen Stein darauf, wie ein Stückchen Kohle. So nah, dass ich die Biermarke auf der Flasche in seiner Hand erkennen kann, Tuborg. Für einen Moment bin ich verwirrt, frage mich, warum Tuborg, als müsse das irgendeine mysteriöse Bedeutung haben. Ich runzele die Stirn über mich selber und mache eine seltsame Bewegung, als würde ich diesen albernen Gedanken wegwischen wollen, aber weil das so aussieht, als wolle ich dem Alten zuwinken, breche ich auf halbem Weg ab und fahre mir stattdessen durch die Haare. Ich spüre, wie die Röte in meinem Gesicht aufsteigt. Mir ist, als hätte der Alte kurz gezwinkert, ich bin mir fast sicher. Aber auch wenn es so sein sollte, ich weiß, dass er nichts sieht, weil er sich an einem anderen Ort befindet.
     Ich habe den alten Mann schon manches Mal früh morgens an seinem Fenster gesehen, die Augen gebannt auf das Stückchen Hauswand unter meinem Fenster geheftet. Ich rauche in der kühlen Morgenluft eine Zigarette, folge aus den Augenwinkeln heraus seinem unergründlichen Blick und muss auf dem Weg zur Arbeit immer wieder daran denken, was er wohl vor sich hin gemurmelt hat. Seit mir klar geworden ist, dass er weder mich noch die Straße oder die anderen Menschen wahrnimmt, folge ich seinen Blicken, als würde sich in jeder Maserung der Mauer und in jeder Wolkenformation ein Geheimnis offenbaren. Abends, wenn ich von der Arbeit zurück bin, setze ich mich wieder ans Fensterbrett, ignoriere mein klingelndes Telefon, rauche und blase den Rauch den blassen Sternen zu. Die Wohnung des Alten scheint absolut leer zu sein. Zumindest kann man von außen nichts erkennen als eine nackte Glühbirne, die an einem Kabel von der Decke hängt. Keine Möbel, keine Bilder, und niemals ist jemand anderes in der Wohnung. Ich frage mich, ob es irgendwann ein Ereignis gegeben hat, das ihn so aus der Bahn geworfen hat, dass danach kein Weiterleben mehr möglich war. Eine Erschütterung, die der Platte einen endgültigen Sprung versetzt hat. Vielleicht spielt sich immer wieder und wieder dieses eine Ereignis vor seinen Augen ab, in tausend verschiedenen Variationen, denn jedes Mal, wenn es zu der entscheidenden Stelle kommt, zu diesen Worten, die niemals wieder gutzumachen sind, wählt er einen anderen Weg, ein anderes Wort, einen anderen Schritt. Unglaublich, wie viele Wege es gibt und wohin sie alle führen. Jahrelang kann man auf diesen Straßen wandeln, ohne jemals irgendwo anzukommen. Vielleicht hat es ihn früher deprimiert, letztlich doch immer wieder dort zu erwachen, wohin der eine damals so unglücklich gewählte Weg ihn geführt hat. Vielleicht hat er daraufhin beschlossen, für alle Zeiten auf den Straßen des Möglichen zu bleiben und nie mehr in die verhasste Gegenwart zurückzukehren.
     Doch es muss nicht ein bestimmtes Ereignis gewesen sein, das ihn auf diese Straßen hinweg gespült hat. Man kann sich leicht verlieren in den Städten, inmitten all der lärmenden Menschen, die in Hausfluren, Autos und Zügen verschwinden, durch Parks und Alleen rennen und sich im Marktgetümmel verlieren, um an unvermuteten Stellen wieder aufzutauchen. Man steigt einmal in den falschen Zug ein oder an der falschen Station aus, und schon hat man die Gegenwart völlig aus den Augen verloren. Bis dann endlich jemand gefunden ist, der helfen kann und will, hat sich die Welt schon wieder derartig verändert, dass man den Ort, an den man zurück gebracht werden wollte, gar nicht mehr wieder erkennt. Dass sich die Welt eines Tages aus heiterem Himmel eine fremde Fratze überstülpt und lange aufbehält, ist nicht unmöglicher als ein plötzlicher Gewittersturm oder eine Lawine, die scheinbar aus dem blauen Nichts herunter tost.
     Offenbar hat das Nasenbluten jetzt aufgehört. Auch die Bierflasche ist leer, vielleicht schon seit Stunden, zumindest habe ich den Alten in der letzten Zeit nicht trinken gesehen. Genaugenommen habe ich ihn eigentlich noch nie trinken gesehen. Vielleicht ist er ein trockener Alkoholiker, der immerzu eine Flasche in der Hand halten muss. Ich drücke seufzend den Stummel aus und schließe das Fenster. Im gleichen Moment erhebt sich auch der Alte schwerfällig von seinem Fensterplatz und verschwindet in der kahlen Wohnung. Als ich eine halbe Stunde später aus dem Haus gehe, sehe ich ihn plötzlich auf der anderen Straßenseite dicht an der Hauswand entlang hinken. In seiner Wohnung sitzt er wohl auf einem hohen Stuhl, denn hier draußen wirkt er sehr klein und geht zudem noch stark gebeugt. Der polierte Stock, auf den er sich abstützt, klickt in langsamen Abständen auf den Asphalt, das rechte Bein schlurft schwerfällig hinterher. In seiner dicken, alten Wolljacke und der abgeschabten Cordhose sieht er an diesem frischen Frühlingstag wie ein Überbleibsel von etwas längst Vergangenem aus. Kinder auf bunten Fahrrädern sausen an ihm vorbei, Hunde drücken sich schnüffelnd zwischen ihn und die Hauswand, Spaziergänger schlagen flotte Bogen um ihn herum. Er ist ein Hindernis auf der belebten Straße, doch er kämpft sich unbeirrt Schritt für Schritt weiter, überquert ohne einen Seitenblick die Straße und bleibt einige Sekunden keuchend an der Schwelle des Tabakladens stehen, bevor er sich die eine Stufe hochzieht und die Tür aufstößt.
     Drinnen ist es düster wie in einer Höhle, ein Fenster gibt es nicht, aber dennoch riecht die abgestandene Luft merkwürdig frisch nach Tabak, gedrucktem Papier und Pfefferminztee. Als die Türglocke bimmelt, hebt eine ältere Frau ihr ausdrucksloses Gesicht aus einer Illustrierten und schiebt mit dem Zeigefinger eine schmale Brille zurück. Sie scheint den alten Mann zu kennen, denn ihr Blick ruht milde und fast resigniert auf seiner humpelnden Gestalt. Ich mache mir an den Zeitschriften zu schaffen und höre zu, wie der Alte etwas Unverständliches murmelt und dabei schon mit ein paar Münzen in der Hand klimpert. Seine tiefe, kratzige Stimme ist nicht mehr ans Sprechen gewöhnt. Wie ungehobelte Klötze stolpern die Worte aus seinem Mund, und einmal stürzt ganz unvermittelt ein raues Lachen hinterher. Die Frau antwortet etwas und klingt freundlich dabei, sie versteht auf Anhieb, was er möchte, es ist fast, als würden sie in einer geheimen Sprache kommunizieren. Doch als ich mit meiner Zeitschrift hinter ihn trete und er immer noch murmelnd in einer Handvoll Münzen wühlt, hört die Frau auf, mit ihm zu sprechen und wirft mir stattdessen über ihn hinweg ein mitleidiges, entschuldigendes Lächeln zu. Verrat, denke ich wütend, ich will sofort meine Zeitschrift hinlegen und gehen, doch womöglich denkt sie dann noch, die Langsamkeit des Alten habe mich ungeduldig gemacht. So bleibe ich also stehen, ignoriere ihren Blick und schaue aus dem Augenwinkel dabei zu, wie der Alte sein Tabakpäckchen, ein Feuerzeug, drei Flaschen Tuborg und eine Tafel Schokolade in eine ausgebeulte Plastiktüte stopft und dann seine kleine, klauenartige Hand voller Münzen über den Tresen hält. Einen Moment noch steht er da, schließt kurz die Augen und stützt sich erschöpft auf einem Stapel Comics ab. Doch da greift die Verkäuferin auch schon unwirsch an ihm vorbei nach meiner Zeitschrift. Dabei streift sie seine Jacke in der Hoffnung, ihm damit zu verstehen zu geben, dass dies kein Erholungspark ist, sondern ein Ort der raschen Transaktionen, die er durch seinen hinfälligen Zustand in arge Verzögerung bringt. Mühsam dreht sich der Alte um und schlurft an seinem Stock zurück zur Türe. Einen Moment lang schaut er mir direkt in die Augen, ohne ein Zeichen des Erkennens. In seinem Blick liegt nichts als verbissene Konzentration. Es ist nicht sein Alter, das seine Langsamkeit erzeugt oder das Bier, das ihn benommen macht. Er ist nicht zu Hause in dieser Welt, er erkennt die Dinge nur noch schemenhaft und wie vom Hörensagen. Deshalb ist es so wichtig, dass er sich konzentriert, dass er die Namen der Dinge und den Ablauf der Tätigkeiten im Sinn behält. Sonst könnte er sich verlieren auf der fremden Straße, auf die er täglich herab blickt, ohne sie zu sehen, oder, was noch viel schlimmer wäre, er könnte dadurch auffallen, dass er etwas Unnormales tut, zum Beispiel, zu lange am Tresen im Tabakladen stehenbleiben oder sich auf der Straße an einem sonnigen Eck einfach auf den Boden setzen oder im Supermarkt an einer großen Tüte Katzenfutter angelehnt stehenbleiben und einer fernen Stimme nachlauschen. Das sind die Dinge, die er keinesfalls tun darf, denn dann kommen sie sofort angerannt und nehmen ihn am Arm, als liefe er Gefahr, gleich umzufallen, und schreien ihm ihre Fragen ins Ohr, als wäre er taub. Aber wenn er sich konzentriert, wenn er sich immer wieder daran erinnert, was zu tun ist, und nicht locker lässt, bis er in der schattigen Gasse seinen Hauseingang näher kommen sieht, dann geht es und sie lassen ihn in Frieden.
     Ich bin lange wach geblieben in dieser Nacht, habe geraucht und ruhelos aus dem Fensterspalt in den nächtlichen Frühlingshimmel geschaut. Später habe ich mich in unruhigen Träumen gewälzt, immer wieder bin ich verschwitzt und atemlos aus dem Kissen gefahren, mit einem drängenden Wort auf der Zunge, einem panischen Gedanken im Sinn. Gegen Morgen, als es schon hell war, bin ich wieder aufgeschreckt. Es hatte geknallt in meinem Traum, doch jetzt habe ich die Augen geöffnet und kann es nochmals hören, sehr nachdrücklich, ein Schuss. Es ist noch sehr früh und ich fühle mich so erschöpft, als hätte ich mich gerade erst hingelegt. Gleichzeitig bin ich aber aufgewühlt und hellwach, es ist etwas passiert, doch ich weiß nicht, ob in meinem Traum oder in der Wirklichkeit. Ich stehe auf, klettere die harte Leiter hinunter, die sich jeden Morgen schmerzhaft in meine Fußsohlen bohrt, und schaue zum Fenster hinaus. Mein Blick bleibt an einem Federbüschel hängen. Auf dem Dach eines Autos ein paar Häuser weiter liegt ein toter Vogel, eine Taube. Sie liegt da, als hätte sie jemand wütend hingeschleudert. Die schwarzen Knopfaugen starren erschrocken ins Leere, der Körper ist ganz verdreht und ein zerfetzter Flügel stakt blutig in die Höhe.
     Später mache ich mich auf den Weg in die Stadt, stoße das quietschende, alte Tor zur Straße hin auf und trete fast auf eine kopflose Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Boden liegt. Der Hals ist ein blutig geborstener Stummel, aus dem verschieden farbige Sehnen hervorquellen. Angewidert wende ich den Blick ab und gehe schnell weiter. Als ich mit Tüten beladen von meinen Einkäufen zurückkomme, sehe ich schon von weitem die Menschenmenge am Anfang meiner Straße. Blaulicht flimmert an den Hauswänden, ich will mich durch die Leute hindurchzwängen, werde aber von einem Polizisten zurückgehalten. Die ganze Straße ist abgeriegelt, immer mehr Menschen strömen herbei und die neugierigen Zuschauer in der Straße werden von schreienden Polizisten von ihren Fensterplätzen zurückgewiesen. Der Grund des ganzen Spektakels, so erfahre ich aus verschiedenen aufgeregten Quellen, sind einige Jugendliche, die sich mit einem Luftgewehr im Dachgeschoss einer Wohnung eingebunkert haben und treffsicher jeden Vogel vom Frühlingshimmel holen. Ich darf nicht in meine Wohnung, obwohl die Eiscreme schmilzt und die Kanten des Sixpacks sich schmerzhaft in meine Handflächen graben. Die Polizisten sind ungehalten über den alten Mann, der trotz mehrmaliger Aufforderung durch das Megaphon seinen Fensterplatz nicht räumen will.
     „Er kann Sie nicht hören“, schreie ich dem Polizisten von hinten zu, „er kriegt überhaupt nichts mit!“ Der Polizist beachtet mich zuerst gar nicht, doch plötzlich dreht er sich auf das Winken eines anderen hin doch um und stellt mir unzählige Fragen. Ob ich den Mann kenne, seit wann ich ihn kenne, wie er heißt, wie ich heiße. Ich kontere mit frei erfundenen Antworten, tue ohne zu Zögern so, als würde ich den Alten schon länger kennen und habe dabei noch nicht einmal das Gefühl, als würde ich lügen. Schließlich äußert der Polizist keine Frage, sondern eine Feststellung: Ich soll vermitteln. Da der Alte weder auf Klingeln noch auf Zurufe reagiert, soll ich als seine Bekannte nach oben gehen und mit ihm reden. Ich stehe einfach da, ohne zu protestieren, alles geht viel zu schnell und ich bin ganz benommen von meinem unerklärlichen Verhalten. Schon nimmt man mir die Einkaufstüten ab und der Polizist schiebt mich durch die Menschenmenge hindurch an der Absperrung vorbei und weiter dicht an der Hauswand entlang, genau dort, wo der Alte auch immer zu seinen spärlichen Einkäufen entlang humpelt, bis zum Eingang der Nummer 36. Ich schaue kurz hinüber zu meinem eigenen Hauseingang und fühle mich auf einmal schwindlig und müde. Die Dinge sind nur um wenige Meter verschoben, und doch hängt der ganze Tag schief in der Luft wie ein Trugbild aus einem quälenden Traum.
     Ich trete in das dämmrige Treppenhaus ein, wo die Tapete genau wie in meinem Haus in Fetzen von den Wänden herabhängt und die Treppen selbst von einer dicken Staubschicht bedeckt sind. Dumpfer Kellergeruch vermischt sich, während ich nach oben steige, allmählich mit Kohlgestank und kaltem Zigarettenrauch. Dieses Treppenhaus ist meinem so ähnlich, dass ich schon im ersten Stock vergesse, wo ich bin, und es mir erst wieder einfällt, als ich vor der dunkelgrün gestrichenen Tür des Alten stehe und mein Blick auf das unleserlich gekritzelte Klingelschild fällt. Kowalsky, Rowelsky, Kornulsky - es ist unmöglich, die Schrift zu entziffern. Obwohl ich keine Ahnung habe, was ich zu ihm sagen könnte, drücke ich sofort auf die Klingel. Als das Schlurfen von drinnen endlich näher kommt und die Türe einen Spalt breit aufgeht, hebe ich den Blick und es ist soweit.
     Wir schauen uns eine ganze Weile lang an, ohne etwas zu sagen. Ich wundere mich, dass er die Tür nicht gleich wieder zuschlägt. Dass er sie überhaupt geöffnet hat. Er umklammert den Türknauf mit der linken Hand und schaut mich ohne jeden Gesichtsausdruck an. Seine dunklen Augen sind zusammengekniffen und konzentriert, als bemühe er sich, jemanden in mir zu erkennen. Ich halte meinen Rucksack fest, lächle ein wenig und hole Luft. Es gibt nichts, was ich in diesem Moment sagen könnte, um die Situation weniger absurd zu machen. „Draußen schießen sie auf Vögel“ oder „Die Polizei hat die Straße gesperrt und wartet darauf, dass Sie ihren Fensterplatz verlassen“ oder vielleicht „Ich bin Ihre Nachbarin von gegenüber und komme wegen der toten Vögel.“ In dem Moment fällt mir der Wein in meinem Rucksack ein. Ich ziehe den Reißverschluss auf, hole die Flasche heraus und halte sie ihm mit einem erleichterten Lächeln entgegen. „Der ist für Sie.“ Er steht unbewegt vor mir und schaut mich lange mit diesem unergründlichen Blick an. Mein Herz rast, mein Hals ist trocken. Ich habe plötzlich das Gefühl, diesen fremden, alten Mann zu verärgern, ihn vor den Kopf zu stoßen. Heiße Röte steigt mir ins Gesicht und ich suche vergeblich nach weiteren Worten, die ich zu ihm sagen könnte, doch in dem Moment leuchtet etwas auf in seinem Gesicht und er streckt langsam die Hand aus. Ich reiche ihm erleichtert die Weinflasche und will mich schnell wieder verabschieden, aber jetzt winkt er mir auf eine seltsam vertraute Art zu, er dreht sich um, humpelt zurück in seine Wohnung und lässt die Tür weit offen stehen.
     Ich folge ihm langsam in seine Wohnung, voller Angst, ich könne seine Geste falsch gedeutet haben. Dennoch muss ich ihn ja zumindest davon abhalten, sich gleich wieder ans Fenster zu setzen. Die Wohnung ist kahl und von einem muffigen Geruch durchdrungen, doch es gibt, was man von meinem Fenster aus nicht erkennen kann, immerhin ein schmales Bett, einen kleinen runden Tisch mit drei Stühlen und einen Schrank aus billigen Spanplatten. Über der Kochnische sind zwei Regale angebracht, von denen eins leer ist und auf dem zweiten nur ein einziger Topf steht. Die hellen Wände sind vollkommen leer und nach oben hin gelblich verfärbt vom Rauch. Der Alte hat einen Korkenzieher aus der Schublade gefischt und macht sich keuchend daran, die Weinflasche zu öffnen. Ich blicke zum Fenster hinaus und direkt in mein eigenes Zimmer hinein. Der Schreibtisch mit dem Bücherstapel darauf, die kleine Lampe mit dem Schirm aus roten Glasperlen und im Hintergrund die Leiter zum Hochbett. Einen Moment lang bin ich überzeugt davon, mich gleich auf der anderen Seite der Straße selbst in mein Zimmer treten zu sehen. Ich spüre, wie sich meine Nackenhärchen sträuben bei dem Gedanken, ich könnte unbemerkt durch die Maschen dieses Netzes gefallen sein, das mich bisher auf unsichtbare Weise gehalten hat. Ich trete einen Schritt nach vorne, schaue kurz hinab auf die menschenleere Straße und schließe das Fenster.
     Inzwischen hat der alte Mann zwei staubige Gläser mit rotem Wein gefüllt. Er sitzt leicht gekrümmt auf einem der Stühlchen und beachtet mich nicht, sondern starrt versunken auf den fleckigen Linoleumboden. Ich lasse mich auf den schmerzlich knarrenden Stuhl neben ihm niedersinken und trinke einen großen Schluck Wein. Es dauert lange, bis der alte Mann wieder aus seinem Dämmerzustand auftaucht und mich bemerkt. Er hebt eine Augenbraue und ich zucke zusammen vor Schreck über meine Anwesenheit in seiner Wohnung und über den Umstand, dass ich schon zweimal mein Glas nachgefüllt habe mit dem für ihn bestimmten Wein. Doch als sein Blick auf sein volles Glas fällt, scheint er sich wieder zu erinnern, prostet mir wortlos zu und nimmt einen tiefen Zug. Dann fängt er an zu sprechen. Seine Stimme ist rau und sandig, mir schwirrt der Kopf von dem Wein, der zu dieser früher Stunde besonders benebelnd wirkt. Erst nach einer Weile begreife ich, dass er eine fremde Sprache spricht. Eine harte Sprache voller Konsonanten, die sich ungehobelt aus seinem kaum geöffneten Mund drängen und in meinen Ohren nicht den Hauch eines Verständnisses erwecken. Polnisch muss es sein, denke ich. Oder Tschechisch. Er hält mich für jemanden, der ich nicht bin. Für jemanden aus dieser Vergangenheit, in der er sich so konsequent aufhält und von der ich so gerne wüßte, wie sie beschaffen ist. Und jetzt sitze ich hier in seiner Wohnung und höre ihm zu, wie er davon erzählt, in dieser holprigen, störrischen Sprache, die sich wie ein Eselskarren über eine steinige Straße dahin schleppt. Und während ich berauscht zum Fenster hinaus blicke, an der Häuserschlucht empor bis zu einem schmalen Streifen blauen Himmels, wird mir klar, dass es keinen Unterschied macht. Dass ich vermutlich nicht mehr von seiner Geschichte begreifen würde, wenn er sie mir in meiner eigenen Sprache erzählen würde.
     Der alte Mann spricht lange, ohne eine Antwort von mir zu erwarten. Genauso plötzlich, wie er angefangen hat, hört sein Redefluss auch wieder auf. Wir sitzen ein paar Minuten da, schauen irgendwohin und schweigen. Dann beginne ich zu reden. Ich erzähle ihm von meiner Wohnung gegenüber, von dem ersten Tag, an dem er mir am Fenster aufgefallen ist, und dass ich mich beobachtet fühlte. Ich erzähle ihm von den warmen Nächten, in denen ich mit ihm zusammen am Fenster eine rauchte und dabei über die Bilder nachdachte, die er wohl vor Augen hatte. Ich lache leise und er lächelt versonnen in den Raum hinein. Dabei kann er mich nicht besser verstehen als ich ihn vorher verstanden habe, denn ich erzähle ihm all das in meiner Muttersprache. Ich spreche rumänisch und die Worte strömen zögerlich und doch urvertraut aus mir heraus. Jedes Mal, wenn ich diese Sprache spreche, fühle ich mich wie ein Kind, ganz so, als müsse gleich meine Mutter den Raum betreten, um mich an der Hand nach Hause zu führen. Ich werfe dem alten Mann einen verlegenen Blick zu, doch natürlich hat er nichts bemerkt. Er hält sein Glas fest in der Hand und blickt das Sonnenmuster auf der Tischplatte an. Ich weiß nicht, ob er mir zuhört oder seinen eigenen Gedanken nachhängt, aber sein Gesichtsausdruck beruhigt mich und ich fahre fort. Ich erzähle ihm von den Bildern, die in mir aufsteigen, wenn ich rumänisch spreche. Immer sehe ich unseren Garten und immer ist es Sommer. Der grüne Garten, dschungelhaft groß und voller Überraschungen aus leuchtend roten Johannisbeeren und Himbeeren, kleinen, hüpfenden Fröschen, schillernden Käfern und manchmal einem verloren gegangenen Huhn vom Nachbarn. Es ist, als hätte ich all die Jahre, die ich in meinem Heimatland gelebt habe, in diesem Garten zugebracht.
     Die Weinflasche ist schon seit einer ganzen Weile leer und der alte Mann scheint im warmen Sonnenlicht eingenickt zu sein. Ich schaue mich schläfrig um und spüre einen pelzigen Geschmack auf der Zunge. Als ich aufstehe, schwankt das Zimmer sanft wie ein angeleintes Boot im Hafen. Ich raschele mit meinem Rucksack und räuspere mich, und als der Alte keine Reaktion zeigt, gehe ich leise aus der Wohnung und ziehe die Tür hinter mir zu. Die Straße ist immer noch leer, doch die Polizeisperre samt Menschenmenge sind verschwunden. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, aber ich fühle mich sehr müde und klettere in meinem Zimmer sofort aufs Bett. Nach einigen Stunden wache ich benommen von einem durchdringenden Hupton auf. Draußen dämmert es schon. Ich steige vom Bett herunter, setze mich aufs Fensterbrett und fische die letzte Zigarette aus der Schachtel. Zünde sie an und blicke im selben Moment dem Alten ins Gesicht. Er sitzt an seinem gewohnten Platz, eine Flasche Tuborg in der Hand, den Blick auf die Mauer geheftet. Ich erinnere mich vage an den diffusen Vormittag, sehe uns wie durch einen Schleier hindurch an dem kleinen Tisch sitzen, helle Sonnenmuster im tiefroten Wein. Der Alte zwinkert mir zu, ganz kurz, ich bin mir fast sicher. Aber vielleicht habe ich mich auch getäuscht.

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Karina Roth
Prosa