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Kathrin Röggla
gesundheitsapostel

sie sind seine gesundheitsapostel. sie wissen, was zu tun ist diesbezüglich, wohin der hase rennt in seinen gesundheitsangelegenheiten. auch in abwesenheit, ja auch in seiner abwesenheit – „wäre sie da, aber gottseidank ist sie das nicht.“ sie wissen, was gut ist für ihn und was nicht. sie warten seine alkoholikerhände erst gar nicht ab, sie beginnen sie schon vorher zu sehen, sie beginnen sie schon vorher zu vermuten – nein, sie warten seine alkoholikerhände erst gar nicht ab. sie beginnen sie schon überall zu sehen, wo noch gar nichts zu sehen ist. für sie sind sie schon immer eher da. zittern ihnen was vor – „der kann ja bald nur noch mit dem schal kaffee trinken!“ – „bitte?“ – „der kann bald nur noch die tasse mit dem schal zum mund führen – noch nie gesehen?“ na, sie haben da ein geübtes auge entwickelt, ein durchaus geübtes, sie kennen alle kleinigkeiten, an denen man so jemand erkennt –

sie sind seine gesundheitsapostel. sie wissen immer schon vorher bescheid über ihn. immer, was zu machen ist. immer, wohin es geht. sie sehen eben voraus, was gleich passieren wird, aber von einfachen vorwegnahmen halten sie nichts, nein, es sind langwierige reisen, komplizierte wege, die man doch nicht unterbrechen kann, abkürzen gar. denn ob man den weg nicht schneller hinter sich bringen könne, wurden sie schon oft gefragt. „da gibt es keine abkürzungen“, sagen sie auch jetzt, „die man nehmen kann“. man könne nicht vorpreschen und am ende auf ihn warten, und dann kommt er womöglich nicht. deswegen bleiben sie lieber bei ihm, sehen zu, daß er ihnen nicht entwischt, und so müssen sie immer durch diese vorstellungen durch, durch jede einzelne, als ob sie jedesmal erst in deckung gebracht werden müßte mit dem, was gleich geschieht – was eine ziemliche arbeit ist. denn diese vorstellungen sind manchmal ganz schön unangenehm, sie rücken ihnen auf den leib, und so müssen sie gleichzeitig immer zusehen, daß sie ihnen auch wieder entgehen, wo er dann jedesmal zurückgeblieben ist.

während sie hingegen nicht aufhören kann mit ihrer ferndiagnose, „ja, das sieht man doch! sie haben doch keine ahnung, wo der jetzt ist. sie haben ihn doch vollständig aus den augen verloren.“ aber kein grund, gleich darüber in aufregung zu geraten, kein grund, gleich die flinte ins korn zu werfen. ist ihnen ja auch mal passiert. ist ihnen auch passiert, daß ihnen einer abhanden gekommen ist. zunächst hat er sich telefonisch unerreichbar gemacht, dann war er zuhause nicht mehr anzutreffen und schließlich hat er anderen gegenüber behauptet, daß er völlig in ordnung ist -
nein, sie solle jetzt nicht sagen, sie kenne ihn in- und auswendig, sie brauche seine gegenwart gar nicht. sie solle jetzt nicht glauben, sie könne mit bestimmtheit sagen, welchen krankheitsverlauf er wieder einmal eingeschlagen hat, welchen weg das wieder nimmt, sie habe sich sowas schon vorher gedacht, sie hätte es ihm direkt sagen können, was er da wieder veranstaltet, er habe es nur nicht wissen wollen. doch wie gesagt, diese vorwegnahmen gelten nicht.
und nein, mit der polizei ist da nichts zu machen, mit der polizei kriegt man ihn nicht. rückführungen dieser art werden nicht mehr gemacht, obwohl wohler wäre ihr dann bestimmt. da müsse man ganz anders rangehen, da müsse man ganz andere seiten aufziehen.
sie wissen ja bescheid, sie haben ja ein geübtes auge entwickelt, ein durchaus geübtes – und sicher, in dieses geübte auge auch mal ein alkoholikerhändchen sticht, das noch zu entwickeln ist. aber bei ihr ist schon alles geschehen, nur hat sie es glatt übersehen, weil sie abgewimmelt worden ist, weil sie sich hat abwimmeln lassen, und das mit gutem grund -
wie? sie könne das fast als gedicht runtersagen, will aber nicht? klar, lustig ist das nicht. wie ein selbstmordgehäuse sei er ja auch ihnen vorgekommen, das sich dreht und dreht und dreht, und immer mehr fliehkraft erzeugt. eine art umgekehrtes schwarzes loch, das alles von sich schleudert, das lebendig ist. doch eben dieses dürfe man niemals aus den augen verlieren, weil es einen sonst von hinten erwischt, nein, da müsse man immer dran bleiben.

„und auch bei ihnen mein herr, wird noch einiges zu klären sein. sie sagen, die krebserkrankung ihrer freundin kommt bestimmt. ja, sie haben nicht nur den verdacht, daß diese krankheit unausweichlich ist, sie rechnen fest damit. und nicht nur sie, ja, selbst deren bruder scheint davon auszugehen und mit ihrer besten freundin haben sie auch schon ausgemacht, daß da nichts anderes zu erwarten ist – ‚alle sagen das.’ sogar ihre arbeitskollegen. zumindest lasse sich das aus ihren aussagen schließen, die die über sie so machen.“
auf die ankunft der krebserkrankung seiner freundin wartet er bestimmt, er kann nur noch nicht mit sicherheit sagen, wann diese beginnt. nein, um den krebs seiner freundin kämen sie alle nicht herum, „der zieht jetzt schon seine kreise“, d.h. fäden durch alle gespräche, auch durch dieses hier.
er wisse sicher auch schon welcher. als hautkrebs stelle er sich ihn jedenfalls nicht vor, „wie sie das so macht.“ auch sie gingen ja eher von was innerem aus. bauchspeicheldrüse oder so. sie hält aber stur an ihrem hautkrebs fest, täglich gelte es, ihre haut zu untersuchen, ob sich da nicht doch etwas findet. sie führe immer irgendwelche hautstellen an, die nicht mehr richtig reagieren, irgendwelche erhebungen und verfärbungen deuten sich ihnen an, während doch offensichtlich ist, daß sie nicht der typ dafür ist. „dafür bist du der typ nicht!“ habe er ihr doch auch oft genug gesagt, habe er doch auch immer gesagt, daß sie das nicht könne, wissen, was für ein typ sie ist. doch in letzter zeit schwenkte er immer mehr auf ihren kurs ein, ja, es wird eine art überläufertum zu bemerken sein, das aus jenen konzentrationsschwierigkeiten resultiert, die schon länger an ihm zu beobachten und bald nicht mehr zu kontrollieren sind, wenn nichts geschieht.

sie sind schließlich gesundheitsapostel, sie wissen gesundheitsgrade von krankheitsgraden zu unterscheiden. sie wissen gesundheitsgrade auszuteilen mitten in ein gesicht, bevor es ihnen entwischt. und das passiert mit ihnen sicher nicht.
wie? das interessiert die beiden hier jetzt nicht? nein, sie sind keine sozialarbeiter, kam gerade unisono aus ihrem mund. das ist doch zu komisch, wie ähnlich sie sich sind. obwohl: sie hält ihn für nen kontrollfreak, „mal ehrlich“, so wie der seine freundin rumkommandiert.
– das müsse ausgerechnet sie sagen, wo sie andauernd ihre ferndiagnosen betreibt.
– nun, sie bleibt eben ganz und gar verurteilt dazu, weil, der meldet sich noch immer nicht. nein, auch in der zwischenzeit hat sich nichts ergeben, in der man so dagestanden sei.
– tatsächlich nicht?
– in der zwischenzeit, die sie sich oft mit gesprächen über seine krankheit vertreibt, und das ist ja klar, dass so jemand krank sein muss, so wie der sich benimmt.
– in der zwischenzeit, die man sich oft mit gesprächen vertreibt und mit einem bier oder zweien -
– weil es sonst nicht auszuhalten ist -
– und man zu trinken beginnt.

nein, auch ein verbrecherpärchen sind sie nicht, wo schon das pärchen nicht wirklich stimmt – wo sie sich getroffen haben? „wie man sich eben so trifft.“ an bushaltestellen, in u-bahnstationen, vor garageneinfahrten, bei tankstellen, in kino-foyers und bankfilialen stehen sie so rum und betreiben ihre ferndiagnosen, laufen mit ihrer diagnostischen blase herum, die sie so gar nicht mehr verlassen – „nein, schon seit längerem nicht.“ so eine diagnostische blase, in der man jetzt zwei köpfe stecken sieht, was man doch ansonsten eher selten tut, weil sie dann meist zu zerplatzen droht. und auch die hier ist schon gewaltig aufgepumpt. auch die hier auf gefährliche weise zu vibrieren beginnt.
– weil man genug getrunken hat.
– bzw. eher volltrunken ist.
– sich jedenfalls vollständig bepißt.
– also keine ferndiagnosen mehr!
– ja, keine ferndiagnosen mehr, damit wird jetzt schluß gemacht.
– obwohl sie weiß, der stirbt jetzt bestimmt, wenn sich jetzt nichts ändern wird!
– und er weiß, seine freundin stirbt noch immer nicht – nein, er wird da auch nicht größer nachhelfen müssen, dieser gedanke kam ihm nicht. aber manchmal wäre er auch gerne fertig damit.
– ja manchmal wäre sie ihn auch gerne los, aber sie müsse sagen, ihre warteposition würde sie wohl nie verlassen.
– und er müsse sagen, er hat seiner freundin noch keine krankheit aberkannt, die sie ihm so zugetragen hat, im gegenteil, nach ihr wurden alle krankheiten benannt, die ihnen so zugelaufen sind –

keine ferndiagnosen mehr, das hat man doch eben beschlossen. warum hören sie nicht auf damit? warum strengt man sich nicht mehr an, aus dieser diagnostischen blase zu entkommen, in der man immer noch zwei köpfe stecken sieht – und niemand sonst auftauchen? oder ist da nicht doch jemand mit verspätung aufgetaucht, der sich bloß noch nicht traut, den mund aufzumachen? – nein, was sollte er auch sagen? „sie haben die rechnung ohne den wirt gemacht?“
inzwischen haben nämlich die gesundheitsapostel weitergemacht. ja, die eingangsapostel haben weitergemacht, sie sind ganz schön vorangekommen, sie haben sich einen ordentlichen vorsprung organisiert. „dieses rennen muß zu gewinnen sein!“ haben sie sich aber nicht gesagt, das waren eher die beiden anderen, das verbrecherpärchen, das keines ist, sie haben ihn beinahe schon zu ende gebracht, den krankheitsverlauf. – was? sind seine alkoholikerhände abgewandert aus seinem gesicht? – nein, wirklich abgewandert sind sie nicht, nur etwas aus dem blickfeld geraten. denn während hier alles am reden war, hat er ihnen einen vorsprung organisiert, den er nicht mehr einholen wird – auch nicht mehr einzuholen gedenkt? – auch nicht mehr einzuholen gedenkt! er hat ihnen seinen alkoholismus vollständig durchnummeriert und weitergegeben. aus den eingangsaposteln sollen ausgangsaposteln werden, hat er sich wohl gesagt und sich ganz auf die beiden verlassen. – auf das verbrecherpärchen, das keines ist? – ja, denn wieder beginnen sie zu sehen: die abgewanderten, die abgeheilten alkoholikerhände, sie tauchen jetzt wieder auf. aber mehr so vor der eigenen nase, mehr so vor dem eigenen gesicht. denn „wie sehen wir eigentlich aus?“ fragen sie sich nicht, das machen schon die gesundheitsapostel, nicht umsonst treiben sie sich rum auf dem gebiet, nicht umsonst haben sie ihr geübtes auge nicht gleich wieder eingesteckt, sie halten es ausgepackt, obwohl von ihm nichts mehr zu sehen ist. ist er auch in gesundheitsgraden steckengeblieben, die ihnen abhanden gekommen sind, gänzlich abhanden, denn nicht umsonst sind die gesund­heits­aposteln angekommen direkt bei ihnen, auf ihrer augenhöhe halten sie sich auf, in ihrem gesicht. denn von ferndiagnosen, so viel ist klar, halten sie nichts.

Kathrin Röggla    2005    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen