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Nicolas Fargues

Nicht so schlimm

Doch so schlimm!

Nicolas Fargues | Nicht so schlimm
Nicolas Fargues
Nicht so schlimm
Roman
Übersetzer: Frank Wegner
Rowohlt 2007

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Von einem französischen Bestseller, der in elf Sprachen übersetzt wurde, darf man doch etwas erwarten, oder? Zumindest, dass er „Nicht so schlimm“ ist, wenn dies schon das Einzige ist, was der Titel verspricht: Am 20. Juli erschien der autobiographische Roman des 35jährigen Nicolas Fargues bei Rowohlt. Von Rowohlt darf man doch etwas erwarten, oder?

Et voilà: Eine französische Liebesgeschichte (korrigiere: Leidensgeschichte) in italienischer Idylle mit amerikanischem Ende. Im Original: „J' étais derrière toi“ – Ich stehe hinter dir. Was allemal ein weniger schlimmer Titel ist, vor allem, weil er weniger in Bezug zur Textwertung zu bringen ist. „Ich stehe hinter dir“ heißt es in der deutschen Fassung nur auf Seite eins. Wer steht da hinter wem?

Jedenfalls steht ein „kleiner, heuchlerischer Durchschnittsehemann“, er tritt sogar, nämlich: auf der Stelle. Et voilà: Sein 187-seitiger Monolog über eine Dreiecksbeziehung, vielmehr eine unbeleuchtete Vierecksbeziehung. Zu Hause: Tanambo, Afrika. Zu Hause: Alexandrina, schwarzhäutig, groß, schwer, dominant, dazu zwei Kinder, die namenlos bleiben und zu nichts mehr taugen, als Argument für die Unmöglichkeit einer Trennung zu sein. Alexandrina, die ihren Durchschnittsehemann mit einem Mobalesen betrogen hat, in außerdem unterdrückt, manipuliert, demütigt. „... nein, mir gefällt das nicht, nein, ich leide nicht gern, nein, ich lasse mir nicht gern die Fresse mit einem Stromkabel kaputt hauen ...“

Dann hätten wir noch: Paris. Dort im Hotel mit Alexandrina: dasselbe. Und Italien, ein kleiner Ort namens „Romanze“, in Romanze eine Romanze – wie originell! „Bin ich ein Dreckskerl?“ Ein Restaurantbesuch, eine zugesteckte Telefonnummer, am anderen Ende der Leitung: Alice. Alice: hellhäutig, schmal, liebevoll, jung. Mit Alice so etwas wie das Wunderland: Glück statt Psychokrise. „Ganz cool, oder? Und dann war es natürlich schmeichelhaft und ermutigend, die Rolle des Traummannes zu spielen, nachdem ich drei Monate lang ein Schwein von Ehemann war, betrogen und impotent.“ Oh ja, Männer können leiden. 187 Seiten lang leiden. „Meine Geschichte ist völlig banal und bürgerlich.“ Das darf sie sein, bitteschön, aber bitte weniger schön selbstgerecht, weniger besessen von einer Botschaft an die Welt, die da heißen könnte: So kranke Beziehungen gibt es, auch wenn man nie gedacht hätte, dass es einen selbst trifft, dass man da mitmacht und dass man dazu kein Arschloch sein muss, wirklich nicht. Literarisch kaum mehr aufbereitet als das, im O-Ton: „von Anfang an will ich deutlich machen, dass ich eigentlich das Opfer bin.“

Die typische 30er-Krise also, Vorstufe der Midlifecrisis, ein unentschlossenes Hin- und Hertaumeln zwischen Einbruch und Ausbruch aus dem unheilvollen Familienleben. Redundanzen. Wahrscheinlich besteht der Lebenslauf des normalen Menschen aus Krisen, in jedem beginnenden Jahrzehnt eine neue, zur Halbzeit eine gratis, Krisen, vor denen keiner sicher ist. Krisen sind verzeihlich. Verzeihlich ist auch ihre Verarbeitung, dringend angeraten sogar, meinetwegen mit Sprache: ausgezeichnet. Worte sind tauglich für die Verarbeitung. Nur ist das Ergebnis dann nicht zwingend romanreif.

„Wahrscheinlich lache ich eines Tages darüber“, schreibt Fargues. Hoffentlich! Ein vor Trivialitäten strotzender Roman, tauglich für den anspruchslosen Leser an einem heißen Sommertag oder für einen, der wenig soziale Kontakte hat. Das sind so Gespräche, auf die man gern verzichten würde: abends beim Bier, wenn einer einfach erzählen will, nur um zu erzählen, wenn man eigentlich lieber bezahlen würde und ins Bett gehen, oder ein Buch lesen, ein gutes Buch, ein besseres! Da helfen auch keine der zahlreichen rhetorischen Zwischenfragen, à la: „Ich weiß ja auch, dass mein Gerede dem einen oder anderen, den ich in letzter Zeit vollgequatscht habe, irgendwann lästig wurde, dir zum Beispiel, oder?“ Ehrliche Antwort: Ja!
Nicolas Fargues, heute in Paris lebend, wurde 1972 geboren und wuchs in Kamerun, im Libanon und auf Korsika auf. Er studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Fünf Romane hat Fargues bisher geschrieben – sein literarisches Vorbild ist Houellebecq.

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Nicolas Fargues | Nicht so schlimm – Leseprobe  externer Link

Katrin Merten   09.08.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Katrin Merten
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