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Politik ist eine Seuche

Gespräch mit Edo Popović
Edo Popović

  Edo Popović   Foto: Christian Kortüm

  Das vollständige Interview erscheint im Magazin poet nr. 9 (August/September 2010). Bei den Gesprächsbeiträgen in poet nr 9 geht es um das Thema Literatur und Politik.


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Edo Popović, geboren 1957, lebt in Zagreb. Er war Mitbegründer einer der einfluss­reichsten Underground-Literatur­zeit­schriften des ehemaligen Jugo­slawiens, sein erster Roman Ponoćni boogie (Mitternachtsboogie, 1987) wurde zum Kult­buch seiner Generation. Von 1991 bis 1995 war Popović Kriegs­reporter, anschlie­ßend veröffent­lichte er mehrere Romane und Erzählbände, auf Deutsch zuletzt Kalda (2008) und Die Spieler (2009, beide bei Voland & Quist). Edo Popović gilt als die Stimme des urbanen Kroatiens, die TAZ bezeichnete ihn als Chef-Under­groundler der kroatischen Literatur­szene.
Katharina Bendixen: Würden Sie sich selbst als einen politischen Autor bezeichnen?

Edo Popović: Ich würde nicht sagen, dass meine Bücher politisch sind. Die politischen Umstände sind nicht das, was mich inspiriert. Ich schreibe über Menschen und ihre Beziehungen untereinander. Meiner Meinung nach ist Schreiben in erster Linie ein künstlerischer, ästhetischer Vorgang. Mit Politik hat das nichts zu tun.

K. Bendixen: Aber trifft nicht jeder Autor politische Aussagen, weil er von Menschen in ihrer jeweiligen Zeit berichtet?

E. Popović: Sie haben Recht, ein Schriftsteller ist automatisch ein Zeitzeu­ge. Meine Protagonisten sind immer Opfer der politischen Umstände. Wir alle sind Opfer der politischen Umstände. Deshalb spielt die Politik in meinen Büchern eine wichtige Rolle. Die Politik ist eine Seuche, man kann ihr nicht entkommen. Es gibt keine Inseln oder entlegenen Gebiete, an denen man Schutz suchen könnte. Doch wenn ich das Bedürfnis hätte, mich politisch zu Wort zu melden, würde ich dafür nicht die Literatur nutzen. In dieser Hin­sicht bin ich eher für zivilen Ungehorsam: Molotowcocktails oder Ziegelstei­ne.

K. Bendixen: Also sehen Sie einen Unterschied zwischen politischen Auto­ren und denen, die die Politik nur als Folie der Handlung verwenden ...

E. Popović: In meine Romane kann alles einfließen, was mich umgibt: harte Fakten ebenso wie Träume, persönliche Erlebnisse, Musik, Filme. Sowohl die Realität als auch unsere Vorstellung von ihr sind Material für Bücher. Wenn man dieses Material jedoch nur als Mittel zum Zweck benutzt, nimmt das meist kein gutes Ende. Der Sozialistische Realismus hat gezeigt, was passiert, wenn die Kunst für politische Zwecke missbraucht wird. Ein Ro­man, ein Film, ein Bild oder ein Lied, die im Dienste der Politik stehen – all das sind keine Kunstwerke, sondern nichts anderes als kunstfertige Propa­ganda. Ein Autor und sein Werk verlieren ihre künstlerische Integrität, wenn sie eine politische Botschaft transportieren wollen. Deshalb kann ich mit den so genannten „politisch engagierten” Autoren und ihren Büchern nicht viel anfangen. Mir ist schon klar, dass politisch korrekte Romane heutzutage mo­dern sind. Aber ich finde das fürchterlich. Ein Haufen untalentierter Schrift­steller aus dem ehemaligen Jugoslawien hat mitbekommen, dass die Gräueltaten des Krieges gerade ziemlich angesagt sind. Deshalb gibt es plötzlich so viele ir­gend­wie politisch korrekte, irgendwie kritische und irgendwie auch didaktische Texte. Max Frisch hat einmal gesagt, dass Kunst zwar politisch sein muss, dass sie aber nicht didaktisch sein darf, und dass Literatur niemals eine außerkünstlerische Legitimation benötigt.

K. Bendixen: In Ihrem Roman Kalda gibt es eine Szene, in der der junge Kalda nach den Studentenunruhen durch Zagreb läuft. Ein Polizist sagt zu ihm: „All das, er zeigte auf den Trümmerhaufen auf der Straße, kommt von den verfluchten Büchern. Die Welt wäre viel friedlicher, wenn es keine gäbe.” Kann die Literatur tatsächlich Unruhen auslösen?

E. Popović: Ich bin in einem sozialistischen Staat aufgewachsen, und da habe ich oft gehört, wie Polizisten oder Offiziere der Volksarmee bestimmte Bücher als „gefährlich” bezeichneten. Aus diesem Grund waren hinter dem Eisernen Vorhang viele gute Bücher verboten, ihre Autoren wurden verfolgt, bestraft oder sogar hingerichtet. So etwas gibt es in jeder Diktatur. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Roman die Leute zu einem Volksaufstand veranlasst. Vielleicht kann die Literatur die gleichgültige Schale durchbre­chen, in der wir uns wie Schildkröten verstecken. Aber das heißt noch nicht, dass sich deshalb irgendetwas verändert.

K. Bendixen: Wenn der Literatur so viele schlechte Eigenschaften unter­stellt werden, wäre es dann im Umkehrschluss nicht denkbar, dass sie auch in die umgekehrte Richtung wirkt? Nur als Gedankenspiel: Könnte Literatur nicht auch Kriege verhindern?

E. Popović: Auf keinen Fall. Nicht nur weil diejenigen, die die großen Ent­scheidungen treffen, sich aus Literatur überhaupt nichts machen. Sondern auch weil Literatur so etwas einfach nicht kann. Wenn Dostojewski, Hesse oder Bukowski die Welt verändern könnten, wären Hitler, Stalin oder George W. Bush keine so großen Nummern geworden. Können Sie sich vorstellen, wie der amerikanische und der russische Präsident im Garten des LCB sitzen und Geschichten von Franz Dobler und Clemens Meyer lauschen? Und danach sagen: Also schön, jetzt vernichten wir alle Waffen? Kurz gesagt: Kunst ist etwas für die Seele, und diejenigen, die über Kriege und das Schicksal von Millionen entscheiden, haben keine Seelen.

K. Bendixen: In Ihren Büchern führen Sie ein großes gesellschaftliches Panorama vor: Vom mittelmäßig erfolgreichen Autor und Fotografen über einen Germanisten, einen Kommissar bis hin zu Prostituierten und Klein­kriminellen ist alles dabei. Geht es Ihnen in Ihren Büchern um eben diese gesellschaftliche Vielfalt?

E. Popović: Unsere Welt ist ungemein reich, sie ist wunderschön, voller Magie, hässlich, bedrohlich und noch vieles mehr. Meine Bücher sind so vielfältig, weil ich mir in ihnen die Welt zu erklären versuche. Wenn sich außer mir noch jemand für diese Erklärungsversuche interessiert, umso besser. Mit den Jahren habe ich verstanden, dass der Mensch kein Wesen ist, das in dieser Welt ausgesetzt wurde, sondern dass der Mensch diese Welt ist. Eine Prostituierte, ein Taschendieb, ein Mörder, ein Lyriker, ein Bergarbeiter, ein Pfarrer, ein Polizist – sie alle sind diese Welt.

K. Bendixen: Und welche Gruppe steht eher für unsere Gesellschaft: die Gewinner oder die Verlierer?

E. Popović: Um im Bild zu bleiben: Ohne Sünden gäbe es keinen Pfarrer, ohne arme Schlucker gäbe es keine Prostituierten, ohne Gewinner gäbe es keine Verlierer. Ich werde mir immer unsicherer, was genau Sieg und Nie­derlage eigentlich bedeuten. In einer alten Zen-Geschichte kämpfen zwei Drachen um einen Edelstein. Der Lehrling fragt den Meister: Welcher der beiden wird gewinnen? Der Meister antwortet: Dem Verlierer wird der Stein nicht fehlen, der Gewinner wird ihn nicht benötigen.

Edo Popović | ausfahrt zagreb-süd
Edo Popović
ausfahrt  zagreb-süd
Roman
Verlag Voland & Quist

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K. Bendixen: Kalda, Die Spieler und ausfahrt Zagreb-Süd haben mindestens eine weitere Gemeinsamkeit: Re­dakteure von großen Tageszeitungen spielen eine wich­tige Rolle. Sie regieren ihre Blätter nicht im Sinne der Wahr­heit, sondern immer im Sinne der Ökonomie. Wo findet sich heute die Wahrheit, wenn nicht in den kroa­tischen Zeitungen?

E. Popović: Die Wahrheit ist ein extrem schwieriger Begriff, mit dem will ich jetzt gar nicht anfangen. Ich wür­de lieber von sachlich richtigen Informationen sprechen, die zum rechten Zeitpunkt unter das Volk gebracht werden, und zwar – zumindest unter normalen Umstän­den – von Zeitungen und Zeitschriften. Diese Informatio­nen findet man heutzutage überall: in Cafés, in Müllton­nen, im Gefängnis, in Irrenanstalten und Bordellen. Aber nicht in den kroatischen Zeitungen. Bestimmte Tageszei­tungen und Magazine sind zu Organen bestimmter Grup­pen geworden, die in Politik, Wirtschaft oder kriminelle Machenschaften verstrickt sind. Sie kommen ihrer Informationspflicht nicht mehr nach, einen journalistischen Kodex scheint es für sie nicht mehr zu geben. Aus diesem Grund habe ich nicht nur aufgehört, für Zeitungen zu schreiben, ich habe auch aufgehört, sie zu kaufen. Meine Informationen ziehe ich aus dem Internet. In Kroatien gibt es eine Reihe von hervorra­genden Webportalen, deren Artikeln man Glauben schenken kann.
K. Bendixen: Mir ist auch aufgefallen, dass der Krieg in Ihren Büchern zwar sehr präsent ist, dass Sie aber niemals tatsächliche Kämpfe beschreiben. In Kalda bricht der Krieg aus wie eine Nebensache: „Wir hatten also Krieg.” Ist die Eins-zu-eins-Beschreibung des Krieges uninteressant?

E. Popović: Ich persönlich finde das uninteressant. Ich habe den Krieg als Berichterstatter und als Soldat im kroatischen Heer erlebt. Ich wüsste nicht, warum ich meine Kriegserlebnisse niederschreiben sollte. Viel interessanter finde ich es, über die Beziehungen der Personen untereinander zu schrei­ben, was sie denken, was sie fühlen, was sie sich wünschen ... Eine einzige echte Kriegsgeschichte habe ich geschrieben, die Erzählung Unter dem Regenbogen (erschienen in Schreibheft Nr. 62, April 2004), und in dieser Geschichte passiert fast gar nichts. Fünf, sechs Soldaten sind in einem Haus in einem eingekesselten Dorf gefangen, das vor kurzem dem Erdbo­den gleich gemacht wurde. Sie warten auf die Nacht. Die Geschichte erzählt nur ein paar Stunden, und sie spielt in einem einzigen Raum: dem Haus, in dem die Soldaten warten. Warten und Angst – das ist Krieg.

K. Bendixen: Könnten Ihre Bücher auch in anderen Ländern spielen? Die Spieler beispielsweise findet in einem korrupten Land statt, könnte das nicht überall sein?

E. Popović: Meine Bücher könnten überall spielen. Zum Beispiel auch in Deutschland. Wie es um Deutschland bestellt ist, kann man übrigens in dem wunderbaren Roman Vom Geist der Gesetze von Georg M. Oswald nachlesen.

K. Bendixen: Überlegen Sie manchmal, worüber Sie schreiben würden, wenn es den Krieg und die Umwälzungen in Jugoslawien nicht gegeben hätte?

E. Popović: Darüber denke ich nicht nach. Es gibt immer etwas, wo – rüber ich schreiben kann. Immer wieder wird man vom Leben aus der Bahn geworfen. Der französische Autor Romain Garry hat einmal gesagt, dass die Recherchekosten für den Roman Krieg und Frieden viel zu hoch seien. Ich stimme ihm zu.

K. Bendixen: Und überlegen Sie, wo Sie dann leben würden?

E. Popović: Höchstwahrscheinlich in einem Land, das besser, gerechter und glücklicher ist als das, in dem ich gerade lebe.

K. Bendixen: Kroatien kommt in Ihren Büchern nicht gut weg. Einmal heißt es: „Kroatisch, schnaubte er verächtlich, das ist doch keine Nationalität, das ist eine Diagnose. Schau dir doch an, was wir aus diesem Staat gemacht haben. Einen Zirkus haben wir daraus gemacht.” Oder: „Der kroatische Krimi ist eine spezielle Gattung, hundertprozentig sauber und hundert­prozentig kroatisch, ohne diese idiotischen Komplikationen und Unklarheiten, die das Gehirn des kroatischen Bürgers nur belasten würden.” Oder: „Sie ging irgendwie gekünstelt, so wie sich kroatische Regisseure eine Kellnerin in einem Nachtclub vorstellen. Und was kommt dabei heraus? Der kroa­tische Film.” Ist es eine Art Hassliebe, die Sie mit diesem Land verbindet?

E. Popović: Ob meine Heimat oder ein anderes Land – ich kann einen Staat weder lieben noch hassen. Solche Gefühle sind Menschen vorbehalten. Der kroatische Dichter Boris Maruna hat einmal sinngemäß gesagt: Nicht Kroa­tien geht mir auf die Nerven, sondern die Kroaten. Dem kann ich nur zustim­men: Kroatien wäre ein wunderbarer Ort zum Leben, wenn da nicht die Kroaten wären. Aber ich glaube, so verhält es sich in allen Ländern der Welt.

K. Bendixen: Vielen Dank für das Gespräch.
  Das vollständige Interview
erscheint in poet nr. 9,
Anfang September 2010

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poet nr. 9   externer Link

poet nr. 9 bietet auf über 270 Seiten Prosa, Lyrik und Autorengespräche. Jeder Autor ist automatisch Zeitzeuge, gleich mit welcher Intention er schreibt. Doch wie sieht das Wechselspiel zwischen Literatur und Politik aus? Sechs namhafte Autoren geben Auskunft. Darunter Reinhard Jirgl, Michael Wildenhain, Iris Hanika, Norbert Lange, Edo Popović, Kathrin Röggla.



  poet nr. 8
literaturmagazin
poetenladen, Leipzig 2010

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Wie erleben Schriftsteller anderer Länder die deutsche Sprache und Literatur? Gibt es den kosmopolitischen Autor oder wird angesichts einer alles nivellierenden Globa­lisie­rung das Regionale in der Literatur wichtiger? Der poet (Ausgabe 8) hat Autoren zum Thema Sprache und Heimat befragt: Ilija Trojanow, María Cecilia Barbetta, Luo Lingyuan, Jan Faktor, You-Il Kang.

Katharina Bendixen   25.08.2010    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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