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Erst lesen. Dann schreiben

Olaf Kutzmutz/Stephan Porombka (Hrsg.)

Von Lektürefrüchten

Olaf Kutzmutz/Stephan Porombka (Hrsg.) | Erst lesen. Dann schreiben.
Erst lesen. Dann schreiben
22 Autoren und ihre Lehrmeister
Olaf Kutzmutz /
Stephan Porombka (Hrsg.)
Luchterhand 2007
Das Buch bei Amazon
„Wer es sich einfach machen will, fängt ohnehin nicht an zu schreiben.“ Zu lesen eigentlich auch nicht, so unüberschaubar ist die Flut an Neuerscheinungen und Klassikern, die man kennen sollte. Und wenn man aus dem Lesen etwas für das Schreiben lernen will, fällt die Auswahl noch schwerer. Auf der einen Seite liegt die Weltliteratur, ohne die im Rücken ein Autor seinen ersten Roman angeblich gar nicht erst zu beginnen braucht. Auf der anderen Seite sind die Schreibratgeber, die alles über die Aufzucht und Pflege eines Romans oder die Kunst des Bestsellerschreibens wissen wollen. Und dazwischen befindet sich Erst lesen. Dann schreiben, herausgegeben von Olaf Kutzmutz und Stephan Porombka.

Zweiundzwanzig Autoren berichten in diesem Band von ihren Lehrmeistern und von Büchern, von denen sie etwas für das Schreiben gelernt haben oder die sie bewundern. Im Grunde, so die Herausgeber, geht es darum, den Akt des „produktiven Lesens“ nachvollziehbar zu machen – um angehende Autoren einzuführen in eine innerliche Schreibwerkstatt, in die Kunst, aus der Machart fremder Texte etwas für die eigene Textproduktion zu lernen. Vielseitig sind die berichteten Leseerfahrungen, interessant die Einblicke in fremde Poetiken, zum Teil überraschend die Lehrmeister und Lieblingsbücher der Autoren, erhellend die Beobachtungsvorschläge für die besprochenen Werke – auch wenn die Auswahl der Autoren nicht ganz nachvollziehbar ist und der Ton manches Beitrags gar zu literaturwissenschaftlich anmutet.

Robert Gernhardt berichtet, wie er von Georg Christoph Lichtenberg das Zweifeln gelernt hat; Matthias Göritz ist fasziniert von Charles Dickens' Kunst der Romananfänge; Andreas Eschbach bewundert George Simenons Talent zum Schnellschreiben; John von Düffel lernt von Joseph Conrad den „Bruch mit der Sprache als dem Angeborenen, Zugewachsenen“. Und Ulrich Greiner meint, dass Autoren sich eher an den Fehlern als an der Meisterschaft der großen Autoren schulen sollten, denn: „Große Literatur ist nicht selten gerade deshalb groß, weil sie in ihrem Drang, das Unsägliche sagbar zu machen, willentlich oder unwillentlich das Risiko des Scheiterns eingeht.“

Zwei Dinge scheinen die ehemals Kleinen von den Großen hauptsächlich zu gelernt zu haben: Nicht das Was, sondern das Wie der Texte ist ausschlaggebend. Und, eng mit dieser Erkenntnis verknüpft, wichtig ist nicht der Plot, sondern die Details. Gleich drei Autoren – Peter Glaser, Paul Brodowsky und Franziska Wolffheim – haben von drei Lehrmeistern – Nicholson Baker, Peter Handke, Wilhelm Genazino – die Faszination für Kleinigkeiten gelernt und stellen fest: Wichtig für zukünftige Autoren ist eine Art Wahrnehmungsfetischismus, Lesen als produktiver Vorgang sollte im besten Fall „Beobachtungsbegierde" und „Beschreibungslust“ entfachen. Paul Brodowsky schlägt als Übung in Anlehnung an Handkes Essay Versuch über die Müdigkeit vor, in einem schlafbedürftigen, übersensiblen, entrückten Zustand in den frühen Morgenstunden die eigene Wahrnehmung zu schulen.

Das Lernen von den Großen hat allerdings zwei Seiten: Während Hans-Ulrich Treichel „Nachahmung als wichtige Technik zur Initiation in die literarische Tätigkeit“ sieht, warnt Burkhard Spinnen vor der „Anregung durch Literatur als Stimulation zur Nachahmung“ und hebt vielmehr hervor, dass von bestimmten Texten Aufforderungen ausgehen, die an die eigenen Texte gestellt werden sollten. Auch Ulrich Greiner betont, „dass Vorbilder nichts taugen, wenn man sich nicht von ihnen freihalten kann“. Nach der Lektüre des Bandes steht also die Ja-wie-denn-nun-Frage im Raum. Und die ist sowieso nicht zu beantworten. Wie alle Schreibratgeber bietet auch Erst lesen. Dann schreiben bestenfalls Anregungen für die eigene literarische Tätigkeit, aber dies auf eine anschauliche, für einen Schreibratgeber ungewöhnliche Art und Weise. Und hebt immer wieder hervor: „Wer es sich einfach machen will, der fängt ohnehin nicht an zu schreiben.“

Katharina Bendixen     01.12.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

Katharina Bendixen
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