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José Saramago

Eine Zeit ohne Tod

Die Un-Logik des Todes

Saramago | Eine Zeit ohne Tod
José Saramago
Eine Zeit ohne Tod
Roman
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Rowohlt 2007

Das Buch bei Amazon

José Saramago ist der Meister der Was-wäre-wenn-Szenarien. Konsequent entwirft er in seinen Romanen absurde Situationen, die er ins immer Absurdere führt: In Die Stadt der Blinden erzählte er von dem plötzlichen Verlust des Augenlichts aller Menschen, in Die Stadt der Sehenden malte er bis ins kleinste Detail die Verletzlichkeit der Demokratie aus. In seinem neuen Roman Eine Zeit ohne Tod nun kommt den Menschen das abhanden, was – wie sich schnell herausstellt – mehr als alles andere das Leben ausmacht: der Tod.

Zunächst scheint durch das Fehlen des Todes das Paradies auf Erden zu beginnen: „… ein einzigartiges, wunderbares Leben ohne die tägliche Angst vor der quietschenden Schere der Schicksalsgöttin, Unsterblichkeit in der ureigenen Heimat ohne jegliche metaphysische Unannehmlichkeiten, gratis für alle, ohne eine versiegelte, in der Stunde des Todes zu öffnende Order, du ins Paradies, du ins Fegefeuer, du in die Hölle …“ Schnell stellt sich jedoch heraus, dass ohne den Tod die Gesellschaft auseinander bricht: „Falls wir nicht wieder sterben, haben wir keine Zukunft mehr.“

In seiner gewohnt atemlosen Erzählweise führt Saramago die Konsequenzen vor, die sich durch das Fehlen des Todes ergeben: Versicherungs-Gesellschaften gehen bankrott, weil alle die Auszahlung ihrer Lebens-Versicherung fordern. Bestattungsunternehmen bitten um die gesetzliche Pflicht, Haustiere zu bestatten, weil ihnen die Existenzgrundlage abhanden gekommen ist. Die Altenheime und Krankenhäuser stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen und wünschen nichts mehr als die Rückkehr des Todes. Und die katholische Kirche hat keine Daseinsberechtigung mehr, wenn der Tod nicht existiert.

Saramagos Protagonisten sind keine Personen, sondern Personengruppen, Unternehmen, die Gesellschaft – und der Tod, der nach sieben Monaten zurückkehrt und ein neues Sterbeprinzip einführt: Eine Woche vor ihrem Ableben werden die Menschen nun informiert, dass sie nun beginnen können, in Ruhe ihre letzten Angelegenheiten zu regeln. Als eine weibliche „tod“ taucht die unkonkrete Vorstellung „Tod“ im dritten Teil des Buches auf, sitzt in Laken gehüllt und mit knochigem Gesicht auf einem Stuhl und muss jeden Tag 250 Briefe auf lilafarbenem Papier schreiben, weil per Mail noch nicht alle bald Sterbenden erreichbar sind. Einer der Sterbenden aber weigert sich: Der lilafarbene Ankündigungsbrief eines 49-jährigen Cellisten kehrt immer wieder zu „tod“ zurück. „tod“ ist verärgert, griesgrämig, schlecht gelaunt.

Die weitgehende Protagonistenlosigkeit ist eines von Saramagos Prinzipien. Indem er die Gesellschaft als Protagonist darstellt und die Konsequenzen seiner Szenarien nicht an Individuen vorführt, hebt er seine Utopien auf eine allgemeingültigere und gleichzeitig erschreckendere Ebene. Erst im dritten Teil etabliert Saramago mit „tod“ und dem Cellisten zwei Protagonisten. Konsequent anthropomorphisiert Saramago „tod“: Bis auf die Art der Fortbewegung bekommt sie menschliche Eigenschaften. Der Schrecken, der ihr innewohnt und den sie in Eine Zeit ohne Tod zusätzlich durch die lilafarbenen Briefe verbreitet, wird ihr dadurch genommen. „tod“ wird entzaubert und durch ihren Ärger über den widerspenstigen Cellisten beinahe sympathisch.

Dadurch, dass das Buch in drei Teile zerfällt – das Was-wäre-wenn-Szenarium, die Rückkehr des Todes mit den lilafarbenen Briefen und die Episode zwischen „tod“ und dem Cellisten –, wirkt es seltsam ausgefranst. Wie aber Saramago durch seine Utopien unsere Denkgewohnheiten verändern will, will er dies vielleicht auch durch die ungewohnte Dramaturgie mit unseren Lesegewohnheiten tun: Ein roter Faden zieht sich weder durch die Realität noch durch das Buch. Eine offensichtliche Logik liegt auch dem Vorgehen des Todes nicht inne. Aber ohne den Tod – das zeigt Saramago – ist die Gesellschaft weder besser noch funktionstüchtiger.
José Saramago, geboren 1922 in Azinhaga, einem Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo, entstammt einer Landarbeiterfamilie. Der Romancier, Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Essayist erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur. Saramago lebt auf Lanzarote.

José Saramago bei Rowohlt  externer Link

Katharina Bendixen   16.11.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Katharina Bendixen
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