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Das Chinesische ist eine romantische Sprache

Luo Lingyuan im Gespräch mit Katharina Bendixen
Luo Lingyuan

Foto: © Media-Mania

  Das Gespräch mit Luo Lingyuan
ist abgedruckt in poet nr. 8.
 
Luo Lingyuan wurde 1963 in der Volksrepublik China geboren, studierte Computer­wissenschaften und Journalismus und lebt seit 1990 in Berlin. Sie veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände, zuletzt »Die Sterne von Shenzhen« (2008) und »Wie eine Chinesin schwanger wird« (2009), und erhielt mehrere Stipendien, unter anderem das Alfred-Döblin-Stipendium (2000) und ein Stipendium des Künstlerdorfs Schöppingen (2003). Für den Erzählband »Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!« wurde sie 2007 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet. Luo Lingyuan möchte eine »literarische« und keine »politische« Autorin sein.

Katharina Bendixen: Sie sind in China geboren und leben seit 1990 in Deutschland, wann haben Sie die Entscheidung getroffen, Ihre literarischen Texte auf Deutsch zu verfassen?

Lou Lingyuan: Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich dazu entschlossen habe. Erst 1995 habe ich meine erste Erzählung auf Deutsch geschrieben. Ich habe sie meinem Mann zur Korrektur gegeben, und als ich sie zurückbe­kam, war in jeder Zeile irgendetwas rot angestrichen. Dann habe ich über­legt, wie ich mein Deutsch verbessern kann. Ich habe begonnen, deutsche Zeitungen und Bücher zu lesen, denn so habe ich auch gelernt, auf Chine­sisch zu schreiben. Ich habe zuerst die deutschen Bücher über China gele­sen, und dabei ist mir aufgefallen, dass diese Bücher ein Bild von China zeichneten, mit dem ich so nicht einverstanden war.

K. Bendixen: Das war der Grund, Ihre Bücher auf Deutsch zu schreiben?

Luo Lingyuan
Wie eine Chinesin
schwanger wird
Roman
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Luo L.: Ja, ich wollte über ein China schreiben, das viel­fältig und wider­sprüch­lich ist. Über das China, das ich erlebt habe und kenne, und über Chi­nesen, die genau­so indi­vi­duell und unter­schied­lich sind wie die Deutschen. Und natür­lich hat auch meine Umge­bung dazu bei­ge­tragen: Ich habe jeden Tag Deutsch gelesen und gehört, da hat es mich gereizt, etwas auf Deutsch zu schreiben.

K. Bendixen: Häufig geht es in Ihren Büchern um interkulturelle Unter­schie­de zwischen Chinesen und Deutschen. Denken Sie manch­mal dar­über nach, worüber Sie schrei­ben würden, wenn Sie nicht nach Deutsch­land gekommen wären?

Luo L.: Ich würde in jedem Fall über China schreiben. Aber anders. In dem neuen Buch Wie eine Chinesin schwanger wird stelle ich chinesische Fami­lien­ver­hält­nisse dar. Diese Ver­hält­nisse sind chinesischen Lesern natürlich bekannt, und wenn ich ein solches Buch auf Chine­sisch schreiben würde, müsste ich viel spezieller werden. Der dargestellte Konflikt wäre anders.

K. Bendixen: Und worin besteht für Sie der sprach­liche Unter­schied im Schreiben auf Deutsch und auf Chinesisch?

Luo L.: Die chinesische Sprache ist viel bildhafter. Ich finde, Chinesisch ist eine roman­tische Sprache, während die deutsche Sprache eher nüchtern ist, obwohl sie natürlich auch alle roma­ntischen Elemente in sich trägt. Aber das Deutsche geht sehr sparsam mit Wörtern und fantasie­vollen Bildern um und trifft immer klare Aussagen. Das Deutsche ist eher für journalistische Texte geeignet, während das Chinesische eine sehr schöne Sprache für Literatur darstellt.

K. Bendixen: Gibt es Sachverhalte, die im Deutschen leichter auszu­drücken sind als im Chinesischen, und – umgekehrt – Sachverhalte, die sich im Chinesischen leichter ausdrücken lassen?

Luo L.: Es gibt im Deutschen viele Wörter, die im Chinesischen nicht existieren. Zum Beispiel gibt es im Chinesischen kein Wort für „Termin“, man müsste es mit Rendezvous übersetzen, das ist natürlich nicht ganz dasselbe. Es gibt viele solche Fälle, und das führt dazu, dass ich in eine Art Mischsprache verfalle, wenn ich mich mit deutschsprachigen Chinesen unterhalte.

K. Bendixen: Denken Sie, dass Sie die deutsche Sprache vorsichtiger verwenden als Muttersprachler?

Luo L.: Ich glaube eher, dass ich unbefangener bin. Wenn ich einen Aus­druck nicht kenne, versuche ich, etwas aus dem Chinesischen ins Deu­tsche zu pflanzen. Im Chine­sischen gibt es sehr viele schöne Ausdrücke, die im Deutschen nicht existieren, und ich versuche manchmal, diese Ausdrücke direkt zu übersetzen. Aber das kann ich natürlich nicht allzu oft machen. Deshalb benutze ich auch gern deutsche Redensarten und Sprich­wörter, die ähnlich bildhaft sind wie das Chinesische.

K. Bendixen: Welchen Einfluss hat die chinesische Erzähltradition auf Ihr Schreiben?

Luo L.: Ich bin sehr geprägt von der chinesischen Erzähltradition. Die chinesische Literatur ist immer prachtvoll erzählt, mit vielen Figuren, wechselnden Schauplätzen und verschiedenen Perspektiven, die es erlau­ben, die Welt besser zu sehen. Dieser ständig wechselnde Blickwinkel hat auch mit der chinesischen Philosophie zu tun. Für deutsche Leser sind chinesische Klassiker wie Die Drei Reiche oder Der Traum der Roten Kammer sehr verwirrend: Es tauchen wahnsinnig viele Figuren auf, die alle auch noch chinesische Namen haben, und genauso viele Ortsnamen. Außerdem nehmen sich die chinesischen Autoren so weit wie möglich zurück. Es ist ihnen wichtig, etwas über das Leben zu erzählen, aber jeder Leser soll seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Dies alles ist mir sehr nahe. Ich möchte in meinen Büchern auch erzählen und nicht reflektieren.

K. Bendixen: Würden Sie Ihre Texte zur deutschen oder zur chinesischen Gegenwartsliteratur zählen?

Luo L.: Ich denke, dass sich Autoren wie ich immer an der Grenze zwischen zwei Kulturen bewegen: Sie fühlen sich beiden Kulturen zuge­hörig und beiden Kulturen nicht ganz zugehörig. Ich fühle mich deutsch-­chinesisch oder chinesisch-deutsch. Meine Bücher haben meist einen Chinaschwer­punkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass ich irgendwann einen Roman schreibe, der sich nur mit Deutschland beschäftigt. Da ich jedoch gleich­zeitig stark von chinesischen Autoren beeinflusst bin, würde ich meine Bücher auch zur chinesischen Gegenwartsliteratur zählen, selbst wenn sie auf Deutsch verfasst sind.

K. Bendixen: Diese Frage betrifft ja nicht nur Ihre Bücher, sondern, wenn man sie weiterdenkt, auch Ihre Identität, Ihr Heimatgefühl.

Luo L.: Meine Heimat ist nach wie vor China, und Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich fühle mich in beiden Ländern wohl. In China fühle ich mich jedoch besonders wohl, weil alle Menschen chinesisch sprechen und mir die chinesische Mentalität näher ist. Für mich ist Heimat untrennbar mit Sprache verbunden. Wenn China eines Tages von Europäern oder Afrika­nern bevölkert wäre, würde ich mich dort nicht mehr zu Hause fühlen. Und gleichzeitig fühle ich mich Deutschland umso verbundener, je besser ich die Sprache lerne und je mehr ich von der Mentalität begreife.

K. Bendixen: Fast alle Ihrer Bücher spielen in der Großstadt, woran liegt das?

Luo L.: Es gibt in China unglaublich viele Bücher über das Landleben, vor allem die Bücher, die vor den neunziger Jahren publiziert wurden, beschäf­tigen sich dauernd mit Dörfern. Das hat auch mit der Ideologie zu tun, das chinesische Proletariat sollte in den Stand einer höheren Klasse versetzt werden, was in der Realität natürlich nicht der Fall war. Ich habe diese Bücher total satt, deshalb spielen meine Bücher zumeist in der Großstadt. Aber meine Kindheit habe ich in einer Kleinstadt verbracht, und in meinem ersten Erzählungsband gibt es einige Geschichten, die das Leben von Bauern zum Gegenstand haben.

K. Bendixen: Alle Ihre Texte sind im Präsens verfasst, hat das etwas mit der chinesischen Sprache zu tun?

Luo L.: Ja, das liegt an der chinesischen Sprache: Im Chinesischen gibt es zwar auch Zeitformen, aber sie sind nicht so auffällig markiert wie im Deutschen. Im Chinesischen klingt alles wie Präsens, deshalb mag ich diese Form sehr. Ich finde sie lebendiger. Ich höre zwar immer wieder von Kollegen und Freunden, dass es eleganter sei, in der Vergangenheitsform zu schreiben. Aber dieses Gefühl habe ich nicht, daher schreibe ich weiter im Präsens.

K. Bendixen: Mir ist auch aufgefallen, dass Sie die Emotionen sehr genau benennen. Das kenne ich nur von anderen asiatischen Autoren, Haruki Murakami und Banana Yoshimoto machen es beispielsweise ebenfalls so, während deutsche oder angelsächsische Autoren emotionale Zustände eher zwischen den Zeilen transportieren. Hat diese Erzählweise etwas mit der asiatischen Mentalität zu tun?

Luo L.: Ich denke, dass Chinesen offener sind als Deutsche. Und sie haben ein sehr starkes Bedürfnis, sich emotional auszutauschen. Wenn Chinesen zusammensitzen, reden sie sofort los. Sie erzählen sich alles, und sie vermeiden dabei auch die Emotionen nicht. Deshalb ist es mir nicht fremd, die Dinge so zu benennen, wie sie sind.

K. Bendixen: In Ihrem ersten Buch, dem Erzählband Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock! gehen Sie sehr kritisch mit der chinesi­schen Realität um. Sie erzählen, wie der Sicherheits­dienst eine harmlose Studenten­party auflöst oder wie eine Chinesin drangsaliert wird, weil sie heimlich ihren Geliebten im Ausländer­viertel besucht. Wäre es denkbar, dass diese Erzäh­lungen in China erscheinen?

Luo L.: Zu dem Zeitpunkt, zu dem das Buch in Deutschland erschien, wäre das sicher nicht möglich gewesen. Doch inzwischen gibt es in China sehr viele kritische Bücher, sodass es mittlerweile sicher kein Problem mehr wäre. Die Freiheit in China nimmt immer mehr zu, und die Möglichkeiten, kritische Texte zu veröffentlichen, werden immer größer.

K. Bendixen: Würden Sie Ihre Texte als politisch bezeichnen?

Luo L.: Ich wollte nie eine politische Autorin sein, und ich werde auch keine. Wenn man über China schreibt, wirkt das jedoch immer po­litisch, weil das ganze Land von Politik durchdrungen ist. China ist ganz anders als Deutsch­land. Inzwischen hat die Politik sich ein bisschen zurück­genommen, doch wenn man über die achtziger oder neunziger Jahre schreibt, muss man politische Aussagen treffen, weil die Politik damals noch die zentrale Rolle spielte. Darum geht es mir jedoch nicht.

K. Bendixen: Und was ist mit den Lesererwartungen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leser denken: Als chinesischer Autor darf man keine Liebesgeschichten schreiben, sondern muss gefälligst die politischen Zu­stände zum Thema machen, weil in China so vieles im Argen liegt.

Luo L.: Diese Leser werde ich wohl enttäuschen. Aber es gibt so viele Dissidenten und so viele politische Bücher, da muss niemand enttäuscht sein, wenn er auch mal Liebesgeschichten von einer chinesischen Autorin liest. Ich möchte keine politische Autorin sein, sondern als literarische Autorin anerkannt werden.

K. Bendixen: Vielen Dank für das Gespräch.
     Erschienen in poet 8
poet nr. 8
literaturmagazin
poetenladen, Leipzig 2010
portofrei lieferbar
Inhalt
poet-Website

Wie erleben Schriftsteller anderer Länder die deutsche Sprache und Literatur? Gibt es den kosmopolitischen Autor oder wird angesichts einer alles nivellierenden Globa­lisie­rung das Regionale in der Literatur wichtiger? Der poet (Ausgabe 8) hat Autoren zum Thema Sprache und Heimat befragt: Ilija Trojanow, María Cecilia Barbetta, Luo Lingyuan, Jan Faktor, You-Il Kang.

Katharina Bendixen   18.04.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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