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Renatus Deckert (Hrsg.)

Das erste Buch.  Schriftsteller über ihr literarisches Debüt

Literaturgeschichte von innen

Renatus Deckert (Hrsg.) | Das erste Buch
Renatus Deckert (Hrsg.)
Das erste Buch
Schriftsteller über ihr literarisches Debüt
Suhrkamp 2007
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Michael Lentz bezeichnet sein erstes Buch als »sympathisch verworrenen Mist«, Norbert Hummelt findet den Titel seines ersten Gedichtbands knackige codes »hip und unsympathisch«, Adolf Endler geht sogar so weit, demjenigen zehn Euro zu versprechen, der ihm ein signiertes Exemplar seines »verlogen-pathetischen« Erstlings Weg in die Wische zu einer Lesung mitbringt. Über einhundert Autoren wurden gebeten, einen neuerlichen Blick auf ihr literarisches Debüt zu werfen. 92 von ihnen sind der Bitte nachgekommen, und die Sichten auf ihre Erstveröffentlichung hat Renatus Deckert in Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt herausgegeben. Der Band beginnt mit Ilse Aichinger, deren Roman Die größere Hoffnung 1948 erschien, endet mit Lutz Seilers Nachdenken über seinen 1995 veröffentlichten Lyrikband berührt/geführt und versammelt dazwischen Beiträge von Autoren wie Günter Grass, Friederike Mayröcker, Adolf Endler, Elke Erb, Bodo Kirchhoff, Kurt Drawert oder Ingo Schulze.

Uwe Timm berichtet von Lesungen vor der Kampnagel-Fabrik im Schneetreiben mit einem Megaphon, Sten Nadolny von »fünf in der Jugend vergeudeten Jahren hochgradig paranoiden Promovierens«, Robert Menasse von einem Startkredit für junge Doktoranden, den er dazu benutzte, ein Jahr einen misslungenen ersten Roman zu schreiben, der nicht sein erstes Buch wurde, und dadurch in arge Rückzahlnöte geriet. Hans-Ulrich Treichel erzählt von seiner Aversion gegen Friseurbesuche, Kleiderkäufe und Fototermine, Edgar Hilsenrath von einem versehentlich falsch geschalteten Telefonat, das ihm zu seiner ersten Veröffentlichung verhalf, und Martin Walser von den zwei Welten, der tatsächlichen und der Literaturwelt, den Schutz durch die Literatur und seiner ausführlichen Kafkalektüre.

Ganz unterschiedlich stellen die Autoren ihre Anfänge im Literaturbetrieb dar, die häufig nicht mit den literarischen Anfängen übereinstimmen. Einige berichten von ihren Gefühlen beim Wiederlesen ihres Debüts, andere erzählen den Inhalt des Buchs, wieder andere die Hintergründe, wie es zur Veröffentlichung kam und wer ihnen den Weg in den Literaturbetrieb ebnete. Die Einstellung gegenüber dem Erstling reicht von Ablehnung über anhaltenden Stolz bis hin zu einer Verwunderung über die damals unverstellte Stimme; die Stimmung in den Texten von Widerwillen über blasierte Eitelkeit bis hin zu vollkommener Natürlichkeit ohne jede Etikette. Gemeinsam ist vielen Berichten das Bedauern darüber, die weniger reflektierte, dadurch auch weniger künstlerische, aber authentischere Stimme des literarischen Erstlings mit den Jahren verloren zu haben. Lediglich Franzobel nimmt für sich in Anspruch, noch immer von der »Begeisterung, Naivität und immensen Erwartung« eines Debütanten beseelt zu sein.

Von verschobenen oder verhinderten erzählen die Autoren, die in der DDR gegen Grenzen anschrieben. Einige Autoren beschreiben den Verfasser ihres Debüts in der dritten Person, um die Distanz zu ihrem früheren literarischen Schaffen auszudrücken. Häufig ist von epigonalen Texten die Rede, wenn Autoren sich auf die frühesten Schreibversuche besinnen. Bestimmte Namen literarischer Vorbilder tauchen immer wieder auf: Bernhard, Celan, Stifter, Kafka. Aversionen gegen die Arbeitswelt mit geregelten Bürozeiten ziehen sich ebenso durch den Band wie die Geschichte, ohne eine einzige Ablehnung mit nur einer Einsendung oder einem zufälligen Treffen sofort einen Verlag gefunden zu haben – eine Literaturbetriebslegende? Was autobiografische Fiktion ist und was der Wahrheit entspricht, bleibt wie in Romanen manchmal im Dunkeln. Aber vielleicht ist das auch einerlei, vielleicht geht es um Legenden und Symbole. Vielen Beiträgen darf man trauen, und so ist Das erste Buch eine besondere Art der Literaturgeschichte: eine vielstimmige, subjektive Literaturgeschichte von innen.
Renatus Deckert, geboren 1977 in Dresden, lebt und arbeitet in Berlin. Studium der Literatur, Philosophie in Hamburg, Berlin, Paris. Mitherausgeber der Zeitschrift Lose Blätter.
Autor und Buch bei Suhrkamp

Katharina Bendixen     07.04.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Katharina Bendixen
Prosa
Reportage
Gespräch