POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 

Richard Yates

Easter Parade

Glasklarer Realismus

Richard Yates | Easter Parade
Richard Yates
Easter Parade
Roman
DVA 2007
Das Buch bei Amazon  externer Link
„Keine der Grimes-Schwestern sollte im Leben glücklich werden...“, beginnt der Roman Easter Parade, der bereits 1976 in Amerika erschien und nun erstmals auf deutsch vorliegt. Ein viel versprechender Anfang, und ein Anfang, der sein Versprechen sowohl inhaltlich als auch sprachlich hält. Amerika in den 30er Jahren: Sarah und Emily, die Grimes-Schwestern, leiden unter der Scheidung ihrer Eltern und ihrer extravaganten Mutter, die sich von ihnen Pookie nennen lässt und von Flair viel hält. Pookie zieht mit ihren Töchtern von New Yorker Vorort zu New Yorker Vorort und mietet lieber viel zu große Wohnungen mit Stuck und Flair, anstatt gutes Essen oder anständige Kleider für ihre Töchter zu kaufen. Der Vater von Sarah und Emily verfasst Überschriften für die New York Sun, denken die Kinder; in Wirklichkeit ist er lediglich Korrektor und gescheiterter Journalist und stirbt zeitig an Alkoholismus.

Keine guten Voraussetzungen also, um im Leben glücklich zu werden. Und Richard Yates sagt im ersten Satz ja auch schon das voraus, was nach zwei oder drei Kapiteln ohnehin klar ist: Hier herrscht traurige Mittelmäßigkeit, die als solche nicht anerkannt werden will. Die erwachsenen Schwestern in den 50er Jahren werden nicht zufriedener als ihre Mutter: Sarah möchte ihren Traumprinzen heiraten und erwischt stattdessen einen schlagenden Autoliebhaber. Emily studiert und möchte intellektuell werden, bleibt jedoch hinter ihren ehrgeizigen Ansprüchen zurück und endet als Texterin in einer Werbeagentur. Es sind nicht die Lebensläufe, von denen Yates vordergründig berichtet, sondern die Diskrepanz zwischen Hoffnung und Realität, die unterschwellig, aber regelmäßig und bedrohlich auftbricht und für die beiden Schwestern ungreifbar bleibt. So lautet dann auch Emilys letzter Satz im Buch: „Ich bin fast fünfzig Jahre alt, und ich habe noch nie im Leben irgend etwas verstanden.“

Es ist wohl keine übertriebene Deutung, die Lebensumstände von Sarah und Emily auf Yates' eigene Kindheit zu übertragen: Yates selbst wurde 1926 in der Nähe von New York geboren, und nach der Scheidung seiner Eltern zog seine Mutter Dookie mit ihm und seiner Schwester von Ort zu Ort in der Hoffnung, ihren Traum von einer Schauspielkarriere zu verwirklichen. Die wurzellose Kindheit hat Yates also mit seinen Protagonistinnen gemeinsam. Und weitere Facetten aus Yates' Leben klingen an: Emilys Job in einer Werbeagentur, die schriftstellerische Erfolglosigkeit und Verzweiflung einer ihrer Liebhaber, der ständige Alkoholkonsum der beiden Schwestern. Aber ob Autobiografie oder Fiktion, Inspirationsquelle hin oder her – Easter Parade ist ein authentischer Roman voller glaubhafter Charaktere und von glasklarem Realismus.

Der beiden Frauen, vor allem Emily, nimmt Yates sich wie ein Freund an. Emilys Selbstgerechtigkeit, ihre aufgesetzte Intellektualität und ihre zahlreichen Männereskapaden beschreibt Yates knapp und nüchtern, ohne sich dabei zu distanzieren oder Emily zur Schau zu stellen. Die Sympathie für seine verzweifelten, manchmal abstoßenden Figuren ist das, was Easter Parade zu einem lesenswerten und warmherzigen Roman macht – und eine Erinnerung an einen literarischen Realismus vermittelt, den man heute unter deutschen Autoren vergeblich sucht. Traurige Mittelmäßigkeit zumindest herrscht nur im Leben von Yates' Figuren – in seinem Roman ganz bestimmt nicht.
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Kalifornien. Er diente im Zweiten Weltkrieg in der U.S. Army. Nach dem Krieg war er eine Zeitlang als Werbetexter beschäftigt und in den späten Sechzigern kurzzeitig als Redenschreiber für Senator Robert Kennedy tätig.

     Er verfasste sieben Romane und zwei Erzählbände. Seine Wiederentdeckung ist vor allem Stewart O'Nan und Richard Ford zu verdanken, die unermüdlich auf die literarische Bedeutung von Yates als Chronist des amerikanischen Durchschnittslebens hingewiesen haben.

Richard Yates | Verliebte Lügner  externer Link
Richard Yates | Elf Arten der Einsamkeit  externer Link

Richard Yates | Website  externer Link

Katharina Bendixen     27.02.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Katharina Bendixen
Prosa
Reportage
Gespräch