poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Räume für ein Katzenleben

Von Wewelsfleth über Schöppingen nach Berlin
  Reportage von Katharina Bendixen | 3. Teil

Katharina Bendixen reiste für die aktuelle Ausgabe des Magazins poet zu drei Stipen­dienorten, ins Döb­lin-Haus (1. Teil), ins Küns­tler­dorf Schöp­pin­gen (2. Teil) und ins LCB (3. Teil). Die Illustrationen besorgte Miriam Zedelius.

  Teil 1 – Döblin-Haus
Teil 2 – Schöppingen
Teil 3 – LCB




Literaturorte sind nicht nur die Orte, an denen Literatur vorgelesen wird, sondern auch jene, an denen sie entsteht. Wohl nirgendwo geschieht das in geball­terer Form als in Stipendiatenhäusern und Künstlerdörfern, von denen es im deutsch­sprachigen Raum mehrere Dutzend gibt. Autoren kommen dort für einige Monate unter und schreiben, frei von finan­ziellem Druck, an ihren Texten. Katharina Bendixen ist quer durch Deutsch­land gefahren und hat drei dieser Orte besucht. Sie ist mit den Stipendiaten spazieren gegangen, hat einen Hund kennen­gelernt und einiges über Kotz­flecken, spukende Schrift­steller und das Leben von Katzen erfahren.


Teil 3

Während ins Alfred-Döblin-Haus von Zeit zu Zeit die Außenwelt einbricht und im Künstlerdorf Schöppingen die Innen­welt eine größere Bedeutung bekommt, gehen für die Stipendiaten des dritten Orts Innen- und Außenwelt eine inspirierende Symbiose ein. So inspirierend, dass Anna-Elisabeth Mayer, gegen­wärtig Stipen­diatin im Litera­rischen Collo­quium Berlin, sich nicht wundern würde, wenn es im Haus spukt. »Ein paar Gläser sollte man immer in seinem Zimmer haben«, sagt sie. »Denn wenn mal ein Geist vorbeischaut, muss man ihm etwas anbieten können.« An ihrer Tür bräuchte der Geist von Kleist, der seinem Leben am Kleinen Wannsee ein Ende setzte, nicht einmal anzuklopfen: Er wäre sehr gern gesehen. Auch gegen die Geister von Unica Zürn, Julio Cortázar oder Robert Walser hätte die Wiener Autorin nichts einzu­wenden. »Ich bin geist­freudig«, sagt sie. Tatsächlich ist es gar keine so absurde Vorstellung, dass in der Villa am Berliner Stadtrand Geister ihr Unwesen treiben. Der Back­steinbau mit seinen verspielten Türmen wirkt fast verwunschen. Von der Terrasse, auf der Anna-Elisabeth Mayer den Spuk herauf­beschwört, fällt das Gelände fünfund­zwanzig Meter tief zum Ufer des Großen Wannsee ab. Der Blick ist malerisch, Berliner Lärm und Menschen­massen scheinen meilen­weit entfernt. »Wenn man dann nach Berlin fährt«, erzählt sie, »ist das sehr eigenartig. Alles prasselt auf einen ein, das über­fordert die Wahr­nehmung und schärft sie zugleich.«
  Anna-Elisabeth Mayers bevorzugte Besucher waren im Literarischen Collo­quium vielleicht noch nicht zu Gast – alle anderen aber schon. Seit Mitte der achtziger Jahre reisen Autoren aus dem deutschsprachigen Raum an, um in einem der elf Gästezimmer für drei Monate ungestört zu arbeiten – fünf bis sechs sind es pro Jahr. Es kommen Übersetzer aus der ganzen Welt, außer­dem regelmäßig Autoren aus Korea und Taiwan. Anders als das Alfred-Döblin-Haus in Wewels­fleth und das Künstlerdorf Schöppingen ist das Litera­rische Collo­quium jedoch weit mehr als ein Ort für Stipendiaten, und das Haus gibt es schon länger als seine Stipen­dien­programme. Mitte der sech­ziger Jahre gegründet, hat es sich zu dem Literatur­ort im deutsch­sprachigen Raum schlecht­hin entwickelt. Hier wird unter anderem der Alfred-Döblin-Preis verliehen. In der all­jährlich statt­findenden Autoren­werk­statt Prosa, an der im vergan­genen Jahr auch Eva Ruth Wemme teil­nahm, arbeiten Nach­wuchs­autoren unter profes­sionel­ler Anleitung an ihren Texten. Viermal im Jahr er­scheint die Zeitschriftt Sprache im techni­schen Zeitalter. Das Literarische Colloquium rief den Deutschen Übersetzer­fonds und die Literatur­seite literatur­port.de ins Leben. Gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung fördert es Recherchen von Autoren in Osteuropa. Und fast jeden Abend sind Autoren zu Gast, sie kommen aus Berlin, Finnland oder den USA.
  An diesen Lesungen können die Stipendiaten teil­nehmen, und natürlich sitzen sie während ihres Stipendiums auch selbst einmal auf der Bühne. Sie können sich in das Berliner Kulturleben stürzen. Mit Berliner Freunden um die Häuser ziehen und dann morgens in einer leeren S-Bahn zurück zum Wannsee fahren – eine halbe Stunde dauert das von Berlin-Mitte aus. Oder sie bleiben einfach im Haus und schreiben. So hält es Anna-Elisabeth Mayer bisher. »Ich habe mir viel vorge­nom­men«, erzählt sie und schaut über den See, »unter anderem auch, richtig touristisch mit dem Boot über den Wannsee zu fahren. Aber nach einem Monat habe ich es noch nicht einmal an Kleists Grab geschafft.« Im vergangenen Jahr ist ihr erster Roman Fliegen­gewicht erschie­nen, im Literarischen Colloquium schreibt sie an ihrem zweiten Buch, einer Familien­geschichte mit dem Arbeits­titel Wir sind nicht alleine. Ein Jahr lag das Manuskript auf der Seite, nun überarbeitet sie es grundlegend. Für diesen »nicht sehr fröhlichen Roman«, wie sie sagt, ist die Atmosphäre am Wannsee schon fast etwas zu viel des Guten: »Die Vögel singen, die Holzbalken knarren, alles ist grün, von den drei Rundbogenfenstern in meinem Zimmer kann ich direkt in den Himmel schauen. Und wenn ich abends am See die Sonne untergehen sehe, müsste ich eigentlich Malerin sein.«
  Die Gründerzeitvilla und ihre Umgebung fließen nicht in Anna-Elisabeth Mayers neuen Roman ein, dafür ist das Manuskript schon zu weit gediehen. Genau wie Eva Ruth Wemme in Wewels­fleth und Wolfram Lotz in Schöp­pingen schätzt auch Anna-Elisabeth Mayer vor allem Zeit und Ruhe – und lässt sich von der Aura eines Hauses, dessen Schwelle schon fast jeder Schriftsteller von Rang über­schrit­ten hat, nicht weiter stören. »Theore­tisch blockiert mich auch jedes Buch, das ich aufschlage«, sagt sie. »So darf man nicht denken. Ich habe Ehr­furcht, aber ich messe mich mit nieman­dem.« Wie Wemme und Lotz geht auch Anna-Elisabeth Mayer am Rand von Berlin unbe­eindruckt ihrem Alltag nach, der sich nicht wesentlich von den Tagen in Wien unterscheidet: spät aufstehen, schreiben, lesen, essen, schreiben: »Ich bin eine Nacht­arbeiterin.« Wie sehr ein Ort Literatur­ort ist, scheint für das Schreiben unwesent­lich zu sein. Aus­schlag­gebend sind alleine Ruhe und das Vor­handen­sein eines Schreib­tischs. Und natürlich die eigene Verfassung und die richtigen Ideen. Schreib­blockaden sollte man an diesen Orten jeden­falls nicht haben – dann können sich die schönsten Häuser in Vorhöfe der Hölle verwandeln.
  Für Anna-Elisabeth Mayer ist der einzige Wermutstropfen, dass sie ihren Hund nicht mit­nehmen durfte: Seit den umfang­reichen Renovie­rungs­arbeiten der letzten Monate sind im Literarischen Colloquium Berlin Haustiere nicht mehr erlaubt. Ansonsten aber empfindet die Autorin ihren Aufent­halt wie einen einzigen Trip: »Wenn ich oben in meinem Bett liege, fühle ich mich wie auf einem fliegenden Teppich.« Und auf den kehrt Anna-Elisabeth Mayer, nachdem sie auf der Terrasse eine Stunde lang von Berlin, ihrem aktuellen Roman und den Geistern ge­sprochen hat, wieder zurück. Zwei Monate wird sie darauf noch durch die Welt der Literatur fliegen – genug Zeit, dass die Geister es sich überlegen und ihr einen Besuch abstatten können.



Die gesamte Reportage sowie weitere Reportagen über Literaturorte in poet 11.
 

Diese Reportage
und weitere Reportagen
zum Thema in poet nr. 11.





Titel portofrei online bestellen   ►
Zur Website des poet-Magazins   ►

Katharina Bendixen    29.10.2011      Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Katharina Bendixen
Prosa
Reportage
Gespräch