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Nashörner
Wochenanfängen entziehe ich mich, indem ich die Wochentage vertausche. Ich beginne mit Mittwoch, lasse den Dienstag folgen und nehme dann den Montag hinzu. Donnerstag und Freitag dürfen beieinander bleiben; den Sonntag ziehe ich dem Samstag vor. So handhabe ich die Wochen. Mit den Monaten verfahre ich ähnlich, denn ich fühle mich von Unordnung angezogen. Ich brauche verselbständigte Beunruhigung in meiner Nähe, um mich wohl zu fühlen, und um Unordnung zu fördern und voranzutreiben, nehme ich meine Kleidung auseinander: an den Nähten trenne ich sie auf und setze sie nach dem Zufallsprinzip wieder zusammen.
     Ich trage Pullover, deren Ärmel aus Jeanshosenbeinen bestehen und Röcke, deren Hüftgegend einmal der Ausschnitt eines Oberteils war. Manchmal höre ich einer Freundin zu, wenn ich Nähte auftrenne und dann mit einer Nadel in der Hand Kreuzstich übe. Die Freundin coloriert gezeichnete Nashörner, schimpft über die Stadtwerke und findet, ich solle nicht übertreiben, wenn ich kühn behaupte, alle Männer seien gut.
     Die Nashörner colorierende Freundin besucht mich besonders gerne, wenn ich den ganzen Tag lang Obst einkoche. Ich lege dann Fruchtmandalas in meiner Wohnung aus und lade neben der Nashörner colorierenden Freundin, die mir beim Dekorieren der Mandalas hilft, Freunde ein, die die Fruchtstückchen mit dem Mund vom Boden wegessen. Sie lecken mit ihren Zungen den Saft der Früchte auf und wischen mit ihren Händen über ihre Lippen, die fruchtig und süß glänzen. Kerne von Granatäpfeln finde ich später in allen Ecken.
     Als Nachspeise serviere ich den Freunden Algen, die in pulverisierter Form in Kapseln vorliegen. Gleichzeitig öffnen wir alle auf ein vorher abgesprochenes Zeichen hin die Kapseln und schütten den Inhalt der Kapseln in unsere Münder. Es staubt dann gewaltig, und wir stehen unversehens in einer grünen Wolke und fragen uns, ob wir noch ein Fußbad nehmen sollten.
     Wenn die Freunde wieder gegangen sind, erlischt das Feuer in meinem Ofen und ich mache mich auf den Weg an den Stadtrand, wo ich Holz hacke, ich spalte die Rinde mit kräftigen Hieben, bis mir Schweiß in den Achselhöhlen steht. Ich befühle die Nässe der Maserung, lehne mich gegen diverse Baumstämme und habe Mühe damit, das Holz auf meinem Schlitten nach Hause zu transportieren, besonders wenn der Winter schneelos ist. Dennoch wähle ich den Schlitten. Ich sehe auf das Bild meiner Großeltern, wenn ich den Schlitten schultere und die mit Schnüren gebündelten Stämme hinter mir herschleife. Meine Schuhe und mein Mantel sind mit Fell gefüttert, und die Lichter hinter den Fenstern der Menschen machen mich glücklich. Im Wald sammle ich neben dem Holz auch Borkenkäfer ein, die ich in eine Jutetasche hineinwerfe.
Illustration von Vivien Thiessen - vergroeßern
     Im Hausflur angelangt entlasse ich sie mit einem Wurf in die Freiheit. Meine Nachbarn höre ich schreien. Einer nach dem anderen verlässt seine Wohnung. Käfer krabbeln unter Türschlitzen hindurch in sämtliche Nischen und Erker; mein Ofen wärmt nun wieder und ich warte, bis ich den letzten Nachbarn in den Keller flüchten höre.
     Wenn das geschehen ist - oft passiert das im März oder auch montags - habe ich das gesamte Mietshaus für mich. Ich klatsche in die Hände, betrete die Wohnungen der anderen und lege jedem meiner Nachbarn eine Kapsel voller Algen auf das Kopfkissen. Ich sorge mich um das Wohlergehen meiner Hausbewohner, die ich im Keller fluchen höre. Ich behänge die Panzertür, die den Kellerzugang verschließt, mit Süßigkeiten; es soll ihnen an nichts mangeln. Die Käfer rufe ich nach einiger Zeit wieder zusammen. Sie hören auf mich und krabbeln gehorsam zurück in die Jutetasche, die ich am nächsten Tag im Wald entleere.
     Als ich von einem meiner Waldbesuche heimkomme, klingelt das Telefon. Der schamanische Heiler, den ich vor kurzem beim Einkaufen kennen gelernt habe, sagt, ich solle mich vor ihm niederknien, und ich sage: „Nein, heute passt es mir nicht.“
     Der schamanische Heiler findet, ich solle seine Männlichkeit als auch die Männlichkeit im Generellen ehren und achten, wofür es gut wäre, mich niederzuknien. Er erklärt mir, er habe sich vor einer nackten Frau verneigt und ehre seitdem alle Frauen. Der schamanische Heiler spricht in langen Sätzen, die ich nur unterbrechen kann, wenn ich forsch werde. Ich glaube, der schamanische Heiler lügt, was das Ehren der Frauen angeht.
     Ich gähne und sage: „Du, ich muss wieder in den Wald.“ Er sagt: „Ist gut“, und ich bin froh, dass ich das Telefon los bin. Ich fürchte, bei zu langen Telefonaten könnten Elektrostrahlen meine Gehirntätigkeit beeinträchtigen.
     In der Bahn auf dem Weg zum Rummel bekomme ich Schluckauf. Ich bin mit einem Freund verabredet, der sagt, ich sei Punkt vier seines Vier-Punkte-Planes für den heutigen Tag. Ich frage, was Punkt drei seines Vier-Punkte-Planes für den heutigen Tag ist. „Wäsche zusammenlegen“, sagt er, und ich frage: „Wieso komme ich nach der Wäsche?“ Der Freund hat keine Antwort parat; ich verzeihe ihm das und beschäftige mich mit der Frage, wie ich seinen Plan rundweg aushebeln könnte.
     Schnell verliere ich die Freude an der Unordnung, zu der ich beitragen könnte, weil ich an den massierenden Kellner denke, der mir Rilke vorträgt, wenn ich mit ihm essen gehe. Der massierende Kellner hat eine Vorliebe für Fleischtomaten, die frisch aus dem Garten kommen, und in die er gerne hinein beißt, bis ihm der Saft der Tomate an den Mundwinkeln herunter läuft. Ich sehe erstaunt in seine Augen, wenn ich mit ihm essen gehe, er mir eine Gabel voller Feigen in den Mund steckt und dann sagt: „Ich sehe dich gerne an.“
     Ich liebe den massierenden Kellner zuweilen, ebenso wie den Schlagersänger, der vor elf Jahren seine Abschlussprüfung in der Musikschule vergessen hat. Seitdem ist er Schlagersänger, leidet zuweilen unter akuter Melancholie und singt Lieder. Ich weine von Zeit zu Zeit, wenn ich ihn treffe, weil mich sein Leben rührt. Ich nehme dann seine Hand und sage: „Du bist mein Schlagersänger“, und er sagt: „Vergiss mich nicht.“
     Als ich vom Rummel zurückkehre und aufgehört habe Punkt vier eines Vier-Punkte-Planes zu sein, erfinde ich Straßennamen und sortiere meine Einweckgläser. Danach schreibe ich einen Brief an den buddhistischen Installateur, der seit einer Woche in einem buddhistischen Kloster für Manager Urlaub macht, indem er der Hauswirtschafterin bei ihren täglichen Aufgaben zur Seite steht. Zusätzlich zum Brief schreibe ich zwei Postkarten, die ich an ihn adressiere. Ich möchte, dass er sich nicht einsam fühlt, wenn bloß Manager in seiner Nähe sind, denn der buddhistische Installateur hat Eindruck hinterlassen. Als er das erste Mal in meine Wohnung kam, stellte er sich in die Mitte meines Salons auf ein Bein und drehte leichtfüßig eine Pirouette. Selten habe ich einer so zarten kindlichen Bewegung in meinem Salon beigewohnt. Seitdem liebe ich den buddhistischen Installateur und spiele mit dem Gedanken, mit ihm regelmäßig tanzen zu gehen.
     Um nicht in Verwirrung zu geraten, wann ich wen liebe, zähle ich Ampeln, vertausche die Namen der Wochentage und vergesse beim Einkaufen mein Geld. Ich bleibe länger als die anderen im März und beginne dies Jahr früher mit dem Mai, als der massierende Kellner vor der Tür steht und mir einen Granatapfel in die Hand legt.
Illustration von Vivien Thiessen - vergroeßern

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Kerstin Döring
Prosa