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3 Kolumne

Ambivalentes aus Klagenfurt
Christiane Geldmacher verfolgt das Bachmann-Wettlesen

Blumen für Thomas Lang (Zur Preisverleihung 2005)

Für Autoren ist es eine zweischneidige Sache, zum Wettlesen nach Klagenfurt eingeladen zu werden. Selbst die, die von der Jury des Bachmann-Wettbewerbs gekürt werden, geraten in Misskredit. Uwe Tellkamp etwa, der Preisträger vom letzten Jahr, musste viel Kritik einstecken für seinen Roman Der Eisvogel, nicht zuletzt, weil er den Preis gewonnen hat. Guy Helminger, der den 3sat-Preis erhielt, haben sie zwar in Ruhe gelassen. Aber auch nicht eingeladen zu all den Talkshows.

Von denen, die verrissen werden, gar nicht zu reden. Das war für viele sicherlich ihr letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. Zumindest, wenn man sich die Namen der bisherigen Teilnehmer im Archiv durchliest. Alle werden anscheinend, so oder so, Opfer des Bachmann-Wettbewerbs.

Nach dem diesjährigen, dem 29. Wettbewerb wird man erst recht mit Kanonen auf die Literaturinstitutsliteratur schießen. Denn die meisten Texte haben tatsächlich den Charakter von Schreibaufgaben gehabt. Das Thema war frei gewählt, aber möglichst genau sollte beobachtet werden. Den Leser sehend machen, dem Beruf des Schriftstellers nachkommen. Denn den lernen sie gerade, mit Diplom. Und sie nehmen es damit zu genau, es wirkt ermüdend, es hat keine Verve, keine Leidenschaft, kein Herzblut. Kaum, dass ein bisschen Mitgefühl dabei durchscheint, es ist mehr Text als Erzähltes oder Phantasie. Ausnahmen gibt es, wie die Preisträger Thomas Lang und Natalie Balkow, aber auch Nikolai Vogel. Ihnen gelang es, Menschen lebendig darzustellen.

Norbert Miller beschloss die Lesung der Bachmanntage über Eva von Schirachs Text über Susi Voss mit den Worten: „Ich verstehe nicht, was in Susi vorgeht - aber das macht mir ehrlich gesagt nichts aus!“ Und das ist das Problem, das die Leser mit dieser Literatur haben. Sie ist egal. Sie zeigt uns nicht diese Warheit. Sie liebt nicht. Nicht so wie Proust oder Kafka, Salinger oder Steinbeck. Zeigt sich nicht.

Aber zurück zum Wettbewerb. Ich habe übrigens den österreichischen Krimischriftsteller Wolf Haas nominiert. Denn der hat alles, was die Jury vermisst: einen Sprachfluss, einen unverwechselbaren Stil, gegenwärtige Geschichten in Hülle und Fülle, Humor und Liebe zum Sujet. Er ist provokativ, trifft den Zeitgeist und ist ein Grenzgänger. Ein Jammer, dass ihn bei uns höchstens die Krimileser kennen. Und noch nicht mal die alle, weil sie lieber zur angloamerikanischen Konkurrenz greifen. Ein fundamentaler Fehler.

© Christiane Geldmacher 2005

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