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Leckermäulchen. Vanille.

Zwischen den Kühlregalen ist es angenehm. Ein Schritt zu weit nach links oder rechts und Jule kriegt Gänsehaut. Aber genau in der Mitte, zwischen den Milchprodukten auf der einen und dem eingeschweißten Fleisch auf der anderen Seite, genau in der Mitte, geht es. Der Schweiß auf Jules Stirn und am Rücken ist getrocknet. Dirk hat mehrere Quarkbecher in der Hand. Er betrachtet sie kritisch und schüttelt abschätzig den Kopf. „Käsekuchengeschmack, Waldmeister, Vanilla auf Erdbeer-Himbeer-Limone ... ich glaub's nicht. Jule kannst du dir das vorstellen? Wer zum Teufel will denn so 'nen Scheiß?“ Dirk liest mit großer Abscheu, als wären es die Namen ansteckender Krankheiten. Dirk hatte diesen Tick schon immer. Er zelebriert die Auswahl jedes Mal und spricht so laut, dass fast alle Leute im Laden ihn hören können. Dabei ist es doch nur Quark. Er wirft die Becher zurück ins Regal und greift sich zwei andere, die er Jule vors Gesicht hält: „Vanille-Geschmack, das einzig wahre Leckermäulchen!“ Er nickt bedeutsam und Jule hat es eilig, zur Kasse zu kommen. Sie friert. Dirk stellt die Becher auf das Kassenband und kramt in den ausgebeulten Taschen seiner Hose. Eine Münze fällt auf den Boden und rollt unter ein Regal. Dirk grinst. Als Jule die Lücke zwischen den Vorderzähnen sieht, muss sie lächeln. Dieses Mal, ohne sich anzustrengen. Dirk beugt sich zu ihr und küsst sie auf die Wange. Er kramt noch immer. Jule beobachtet die alte Frau vor sich, die gerade Katzenfutter auf das Band stapelt. In ihrem Einkaufskorb sitzt ein kleiner Hund mit einer roten Schleife im Haar. Leise redet die Frau mit ihm und Jule fragt sich, ob der Hund getröstet werden muss, weil er bei diesem Einkauf kein Futter bekommen hat, oder ob das Katzenfutter für ihn ist. Ein Pfiff erschreckt den Hund so sehr, dass er zusammen zuckt. „Ey, da ist Holzer. Ich geh schon ma' raus. Bezahlst du?“ Jule nickt. Dirk drängelt sich unsanft an der Frau vorbei und der Hund wackelt in seinem Korb. Dirk und Holzer begrüßen sich. Handschlag, Umarmung, Handschlag. Jule holt ihre Geldbörse aus der Tasche. Sie tut es mit einer Vorsicht, als nähme sie nicht ihre eigene, sondern die der Frau vor ihr. Es wäre leicht, in den Korb zu greifen, der Hund würde sicherlich nicht bellen. Draußen gestikuliert Dirk wild und zündet sich eine Zigarette an. Holzer runzelt die Stirn und tippt Nachrichten in sein Handy. Als Jule bezahlen muss, legt sie schnell den 100 Euro-Schein auf das Band und lächelt entschuldigend. Dirk hat es nicht gesehen. Handschlag, Umarmung, Handschlag und Holzer ist weg, bevor Jule aus dem Supermarkt kommt. Die Rolltreppe fährt die beiden langsam in die Sommertemperaturen. Vor dem Bahnhof drückt die heiße, schwere Luft. Jule steuert eine Bank an. Sie weiß, dass Dirk ihr folgt, ohne dass sie sich umdrehen muss. Als sie sitzen, reicht sie ihm seinen Quark. Dirk holt einen Löffel aus seiner Tasche. Jule sieht ihn mit großen Augen an. „Keine Panik, hab ich sauber gemacht.“ Ihr ist der Appetit vergangen. Dirk zieht vorsichtig die silberne Folie ab, leckt den Quark an der Innenseite des Deckels ab und verrührt dann den Inhalt des Bechers zu einer cremigen Masse. Jule beobachtet die Menschen, die aus dem Bahnhof kommen. Die Hitze liegt schwer auf den Gesichtern. Die Kinder quengeln und die Alten wischen sich die Stirn. „Jule, wat 'ne Farbe hat Vanille?“ Jule hört Dirk, weiß aber nicht, was die Frage soll. Er tritt ihr vorsichtig auf den Fuß. Jule horcht auf und sieht ihn an. „Jule, los denk ma' nach ...“ „Gelb?“ Dirk versucht, ein enttäuschtes Gesicht zu machen, doch eigentlich freut er sich über ihre Antwort. „Oh Jule Mann, bist denn genauso doof wie die Westler, Mensch? Na, Vanille hat gar keene Farbe. Eigentlich is' es ja schwarz. Also die Schoten. Und die Blüten sind gelb, haste schon recht. Aber an sich, also der Geschmack, hat natürlich keene Farbe. Aber die Westler, Jule, die sind genauso bekloppt wie du.“ Jule versteht gar nichts mehr. Vanille. Gelb. Schwarz. „Also, hör zu. Ich hab ma' gehört, dass Leckermäulchen im Westen überhaupt nicht erfolgreich war, weil es zu weiß war.“ Jule wird klar, dass sie sehr dumm kuckt, doch bevor sie ihre Gesichtszüge geändert hat, fährt Dirk mit seiner Erklärung fort. „Na, kannste dich noch erinnern? Früher war Leckermäulchen doch so richtig weiß, oder? Im Westen kennen die Vanille aber nur gelb. Also haben sie's nich' gefressen. Egal welchen Joghurt du dir da kaufst – wenn der Vanille ist, dann is' der bei denen gelb. Weil die den extra so färben. So 'ne Idioten.“ Jule macht große Augen. Eine typische Dirk-Geschichte. „Also, wat machen die von Leckermäulchen? Färben den Scheißquark gelb und sieh an: Die Verkaufszahlen stimmen. Ich sag ja: Alle wollen immerzu verarscht werden.“ Jule lächelt. Dirk hat ihr ein bisschen gefehlt. Sie wird nicht fragen, woher er die Geschichte hat und ob es wirklich stimmt, was er sagt. Man muss ihn nehmen, wie er ist. Vor allem, solange er gute Laune hat.

„Ey Jule, kuck mal da drüben, Thrombo-Tom.“ Auf der anderen Seite der Straßenbahnschienen humpelt ein Junge von einem Wartenden zum nächsten. Die Leute, die er anspricht, schütteln den Kopf und versuchen krampfhaft, ihn nicht anzusehen. Er sieht noch kaputter aus, als Jule ihn in Erinnerung hat. Er läuft gebückt, hält sich den Bauch und ist dünner geworden. Jule läuft Schweiß zwischen den Brüsten entlang. Tom trägt lange Hosen. Einmal hat Jule sein Bein gesehen. Zwei Mädchen in bunten Kleidern weichen Tom aus und überqueren die Schienen. Als die beiden an Dirk und Jule mit ihren Absatzschuhen vorbeiklappern, weht ein schwacher Parfumduft mit. Dirk lacht, als er den letzten Quark auskratzt. Die Bahn kommt. Dirk wirft den leeren Becher weg und steckt den Löffel wieder ein. Jule setzt sich ans Fenster. Der Sitz fühlt sich klebrig an. Sie kann sehen, wie Tom sich suchend umblickt. Dann humpelt er Richtung Westeingang, wo Holzer, an einen Fahrradständer gelehnt mit den Händen in den Taschen auf ihn wartet. In der Bahn schreit ein Baby. Es ist in einem Tuch vor den Bauch seiner Mutter gewickelt. Die kleinen fleischigen Ärmchen und Beinchen rotieren und sein Gesicht ist rot und verkrampft. „Ist die neu?“ Dirk umklammert Jules Armgelenk und betrachtet ihre Uhr. „Ja“, antwortet Jule. „Von meiner Mutter.“ Es bleibt ihr noch eine halbe Stunde, bis sie im Schuhladen sein muss. „Sieht schick aus.“ Dirk lächelt. Jule lächelt zurück. „Schön, dass du wieder da bist.“ Jule nickt. Ihre Gedanken sind bei ihrer Mutter und deren strengem Gesicht mit den traurigen Augen. Sie muss pünktlich sein. „Jule, ich will noch mal schnell ins Choppi, muss ein bisschen was klären und ich will mich mal duschen. Scheißhitze. Willste mit? Ich mein, vielleicht willste den ganzen Leuten mal Hallo sagen oder so. Die finden bestimmt total super, dass du's geschafft hast. Voll weg, Mann.“ Jule muss schlucken und an Hannes aus der Therapie denken. Fast jedes Mal beim Morgengespräch hat er gesagt: Wenn ihr mich dann wirklich braucht, werde ich nicht da sein. Jetzt weiß sie, was er meint. „Nee. Lass mal. Ich glaub, das wird zu knapp. Ein anderes Mal.“ „Na, okay. Ich kann denen ja Grüße sagen.“ Jule hat Angst, dass der Quark in ihrer Tasche ausgelaufen sein könnte, und schaut nach. Der Deckel ist noch unbeschädigt und Jule drückt Dirk den Becher, der längst seine Kühltruhentemperatur verloren hat, in die Hand. „Schenk ich dir. Ich mag es eigentlich gar nicht so.“ Die Bahn wird langsamer und Dirk schaut Jule von der Seite an. Die Türen öffnen sich, er springt die drei Stufen hinunter. Draußen zündet er sich eine Zigarette an und ruft dann zu Jule in die Bahn zurück: „Wir sehen uns doch demnächst, oder?“ Jule nickt eifrig. Als das Warnsignal der Türen ertönt, presst Jule ihre Tasche mit der linken Hand fest vor ihren Bauch und krallt die rechte in den klebrigen Sitz. Erst als die Bahn schleppend angefahren ist, lässt sie los.

Lena HammerschmidtPrint

Lena Hammerschmidt

Prosa