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Peter Kapp

Literarischer März 2009

Preise an Ulrike A. Sandig, Juliane Liebert und Judith Zander

Blind Date mit der Lyrik


Falls die ausgiebige Lektüre eines Gedicht­bandes mit einer festen Bezie­hung ver­gleich­bar ist, so lässt sich ein Lyrik­wett­bewerb als lockeres Rendezvous bezeichnen, bei dem sich gleich mehrere potentielle Liebschaften präsentieren. Beim Literarischen März in Darmstadt kommt man alle zwei Jahre in den Genuss eines Blind Dates mit jungen, aufstrebenden Lyrike­rinnen und Lyrikern. 2009 waren es insgesamt 10 Kandidaten, die aus 470 Bewerbungen ausgewählt wurden, um ihre Gedichte einem kundigen Publikum vorzutragen und sich dem Urteil der Jury zu stellen. Nach einem spannenden Lesetag bekam Ulrike Almut Sandig den Leonce-und-Lena-Preis zugesprochen. Die beiden Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise gingen an Juliane Liebert und Judith Zander.

Dass am Ende des diesjährigen Wettbewerbs drei verdiente Siegerinnen stehen würden, war nicht selbstverständlich. Denn das Gelingen eines lyrischen Rendezvous ist immer auch von gut aufgelegten Juroren abhängig. Die Jury hatte es dieses Mal jedoch schwerer als sonst, zur gewohnten Form aufzulaufen. Nachdem sie aus Ersparnisgründen auf vier Mitglieder zusammengestrichen worden war, kam auch noch die kurzfristige Erkrankung des gesetzten Jurors Raoul Schrott hinzu. Für ihn sprang Monika Rinck ein, die am Vorabend des Wettbewerbs noch auf dem Podium mit Steffen Popp und Jan Wagner über die aktuelle deutschsprachige Lyrik diskutiert und sich danach in einer ausgedehnten Nachtschicht, die ihr vorgekommen sei wie „lyrisches Speed-Dating“, in die Wettbewerbsgedichte eingearbeitet hatte. So urteilte beim samstäglichen Schaulaufen der jungen Dichterinnen und Dichter eine spontan formierte Jury: Außer Rinck die drei bewährten Mitglieder Sybille Cramer, Kurt Drawert und Jan Koneffke. Kein Team, dass sich die Bälle in gewohnter Manier zuwarf, sondern dessen Zusammenspiel ein wenig aus dem Gleichgewicht schien und zeitweise eine Dynamik entwickelte, die im Verlauf des Tages zu einem unnötig verletzenden Verriss führte, den auch der ansonsten umsichtige Moderator Hauke Hückstädt nicht verhindern konnte. Dabei gab es doch alles in allem eine große Bandbreite an verheißungsvollen Dichterstimmen zu hören und viele erfreuliche lyrische (Neu-)Entdeckungen zu machen, mit denen man sich sofort zu weiteren Dates verabreden würde:

Als ausgezeichneter Wachmacher erwies sich TOBIAS FALBERG (*1976) aus Nürnberg mit seinem neoexpressionistisch anmutenden Gedichtzyklus „Fiel ein feuriger Regen“. Mit Wucht und Emphase zeichnet Falberg (post)apokalyptische Welten voll trauriger Schönheit, Ruinenlandschaften unter „nagasakinaher Pilzwetterlage“, in denen die Arsenale zerstörerischer Technik die Natur schon lange zum Schweigen gebracht haben. In solch synthetischer, kalter Umgebung sind auch die lyrischen Subjekte weitgehend ausgelöscht. Im möglicherweise letzten Gefecht gegen die technokratischen Verhältnisse stürzen sie sich in einen expressiven Bilder- und Redefluss, um sich „Inseln der Kritik“ (Drawert) zu schaffen. Sprache muss sich hier als Bastion des Widerstands gegen eine sprachlos machende Welt beweisen. Auch wenn sich Falbergs Lyrik an der ein oder anderen Stelle vielleicht zu sehr an der eigenen Wortakrobatik berauscht und somit Gefahr läuft, das darin enthaltene „Vielerlei zum Allerlei“ (Cramer) zu machen, so hat sie in ihrem verzweifelten Sprachzwang gegen eine menschenfeindliche Welt unbestreitbar „zeitdiagnostischen Wert“ (Koneffke).

Auch die Gedichte des Berliner Autors ALEXANDER GUMZ (*1974) beschreiben eine technisch verfasste Welt, die zuweilen jedoch aus einer so hohen, ironischen Vogelperspektive wahrgenommen wird, dass der kritische Gehalt dieser Lyrik kaum noch hörbar ist und sich die „verschwörung / aus kapital und angst“ im „humor einer stadt von sehr weit oben“ verliert. Das ist schade, denn Gumz schreibt „gescheite Gedichte“ (Cramer), deren „spröder Ton“ (Koneffke) sehr genau ausdrückt, wie wenig naive, hochgestimmte Utopie an der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu ändern vermag. Dem politisch denkenden Dichter bleibt also nichts anderes übrig, als sich vernehmlich zu äußern: „laut hinüber­schreien // und drauf hoffen, dass das wasser trägt“.

Mit MARIE T. MARTIN (*1982) aus Köln betrat die Lyrik an diesem Tag die „technikfreie Zone“. Statt ver­zweifelter oder ironisch gebrochener „Subjekt­reste“ (Drawert) trifft man in Martins Gedichten auf ein vitales lyrisches Ich, das aus persönlicher Erfahrung und Erin­nerungen an Kind­heits­welten schöpft. Damit weist diese Lyrik einen erstaunlichen Hang zur heilen Welt auf. Die rhetorischen Mittel, die Martin aufbietet, sind zwar „haltbar“ (Cramer), in ihren Gedichten finden sich viele originelle Bilder und schöne Formulierungen, doch kann die „lyrische Geschmeidig­keit“ (Koneffke) nicht durchgängig darüber hinweg täuschen, dass diese Lyrik bei allem Potential noch stärker durch­gearbeitet werden könnte.

Einen Mangel an intensiver Arbeit an den eigenen Texten kann man NADJA WÜNSCHE (*1985) aus Heidelberg gewiss nicht nachsagen. Ihre Liebesgedichte sind bis ins letzte Detail durchgeformt, auf der inhaltlichen Ebene ebenso „wirklichkeitshungrig“ (Cramer) wie „diskret“ (Drawert). Das lyrische Ich in diesen Gedichten „sieht nicht, sondern spricht der Landschaft ein Gesicht zu“ (Koneffke) und gelangt auf diese Weise zu einer Welt voller Poesie. Allerdings fehlt es den Gedichten von Wünsche an scharfen Ecken und Kanten, sie wirken ein wenig zu glatt und neigen zu „Gleich­förmig­keit“ (Rinck). Bei aller handwerklichen Präzision macht sie dieser Zug möglicherweise auch uninteressant: Zu schön, um wahr zu sein.

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Die zweite Leserunde wurde von der Leipzigerin KERSTIN PREIWUSS (*1980) eröffnet. Ihr Langgedicht „medium“ demonstriert im besten Sinne sprachbewusste und sprachspielerisch veranlagte Wortkunst aus einem Guss: In einer Art Selbst­gespräch erfindet sich Sprache in diesem Gedicht selbst, wird zum eigenständigen, musikalisch schwingenden Textkörper, der sich in einem prinzipiell unabschließbaren Prozess selbst generiert und reflektiert, seine Kohärenz durch Assoziationsnetze, Kreisbewegungen, Quer­verweise und Selbstspiegelungen gewinnt. Dabei wird deutlich, dass das lyrische Ich keineswegs „Herr im Haus der Sprache“ (Koneffke) ist, sondern seinerseits durch Sprache erzeugt wird. Das gekonnte Spiel mit der „Selbstreferentialität“ (Drawert) wird zudem verbunden mit einer „Problematisierung der eigenen Deu­tungs­mög­lich­keiten“ (Rinck). Preiwuß verfolgt damit einen spannenden lyrischen Ansatz, der auf Dauer jedoch auch ermüden kann, vor allem an Stellen, die zum Theoretisch-Thesenhaften neigen. So lässt sich das Ende des Gedichts durchaus selbstkritisch lesen: „Irgendwann ufert das aus.“

Die Gedichte von der in München lebenden Autorin RUTH WIEBUSCH (*1977) sind kürzer und stecken dennoch voller Geschichten, die in ihren stärksten Momenten Blicke auf unbekannte Räume und Träume eröffnen, in ihren schwächeren Ausführungen jedoch einer „Vordergründigkeit“ (Rinck) weichen, hinter der die poetischen Rätsel zu simplen „Such­bildern“ (Cramer) schrumpfen. Die Gedichte von Wiebusch deswegen als kompletten „Blödsinn“ (Drawert) abzufertigen, haben sie allerdings nicht verdient. Man muss diese Lyrik nicht mögen, aber zumindest sollte man anerkennen, dass sie eine Welthaltigkeit aufweist, die – beispielsweise in der Gegenüberstellung der beiden Gedichte „säuglingsstation“ und „intensiv­station“ – zu existenziellen Fragen drängt.

Poesie aus dem Geist der Weltabgewandheit bot dagegen die mit dem Hauptpreis ausgezeichnete ULRIKE ALMUT SANDIG (*1979) aus Leipzig. Es ist erstaunlich, mit was für einer Autonomie, Sicherheit und Kraft diese Lyrikerin aus ihrer reichen Innenwelt schöpft und sich damit einen „hohen Grad an poetischer Wirklichkeit“ (Koneffke) erschließt. Sandig schreibt in der Tat „Gedichte, die in der Lage sind, viel zu sagen, ohne viel zu sagen“ (Cramer). Dies gelingt ihr, indem sie die Außenwelt bewusst ausblendet: „Ich sehe nur, was ich sehe.“ Und beinahe programmatisch fügt die Lyrikerin im selben Gedicht hinzu: „die Anderen sehe ich so wenig, wie die Anderen mich. / sie sitzen fest in mir drin.“ Sandig schließt sich beinahe vollständig von der Welt ab, taucht stattdessen ein in ihre eigene poetische Innenwelt und bringt in diesem Akt der Weltflucht, ja, der Welt­verweigerung, eine neue funkelnde Welt aus Sprache hervor. Ihre hochmusikalischen Gedichte werden in diesem Schöpfungsakt zu „schwebenden Gebilden“ (Koneffke), zu wunderbaren „Ver­stecken“ (Cramer), in denen das lyrische Ich so etwas wie Heimat findet: „mein / Zuhause, das hab ich mir selber gedichtet.“ Das poetische Zuhause indes ist stets bedroht von „Bodenlosigkeit“ (Drawert), muss immer wieder neu gesucht, erdichtet und erinnert und ins Gedächtnis übertragen werden. Die Gedichte von Sandig vermögen zu verzaubern, gerade weil sie sich so konsequent von der Außenwelt abkehren. Allerdings liegt darin auch eine Gefahr: Es ist weniger die eskapistische Tendenz, die man dieser Lyrik attestieren könnte, vielmehr das Problem, dass der Ausschluss der Außenwelt das lyrische Ich irgendwann in die eigene Innenwelt einschließt – und so das poetische Refugium am Ende womöglich zum Gefängnis wird.

Die erste Nachmittagslesung bestritt die jüngste Teilnehmerin, JULIANE LIEBERT (*1987) aus Leipzig. In ihren Gedichten meldet sich eine neue lyrische Stimme zu Wort, unverkennbar, wenn auch teilweise noch recht ungeformt, von der aller Wahrscheinlichkeit nach künftig mehr zu hören und zu lesen sein wird. Lieberts Gedichte kommen frech, voller Selbstvertrauen und Frische daher, ihre lyrischen Subjekte erzählen in origineller und mutiger Weise von der Suche nach Identität, deren zahlreiche Facetten wie das Licht auf einer „rotierenden Discokugel“ (Rinck) flimmern. Lieberts Bildsprache ist ebenso überraschend wie befreiend, „kratzbürstig und zärtlich“ (Koneffke) zugleich. Sie wird getragen von einer außerordentlich fruchtbaren „poetischen Nervosität“ (Drawert), welche die drohenden Abstürze ins Triviale durch eine entwaffnende Komik jederzeit auffängt. So brachten die „anarchistischen Saltos“ (Rinck) dieser vielversprechenden Junglyrikerin die Jury zuletzt sogar zum Singen – und zur Verleihung eines Förderpreises.

Die Gedichte des Aachener Lyrikers CHRISTOPH WENZEL (*1979) sind nüchterner, weniger roh, beinahe „doku­menta­risch“ (Rinck). Schnitt- und Über­blendungs­verfahren erinnern an „Kamera­fahrten“ (Koneffke), welche „Täuschungs­vorgänge und Wirk­lich­keits­verschie­bungen“ (Cramer) nach­zeichnen, die sich über Echos und Bild­reflexe der sinnlich er­fahr­baren Welt vermitteln. Wenzel hört hin und hinein in die all­täglichen Rede­wendungen, spielt mit ihren Poly­valenzen. Auf dieser Ebene wirken seine Gedichte durchdacht, in der Aneinander­reihung von Bildern hingegen etwas willkürlich. Dies mag freilich mit der Neigung zur Gesprächig­keit zusammen­hängen, welche die Gedichte stellen­weise prosa­ischer macht, als ihnen gut tut. So erhält diese Lyrik ihren letzten Schliff immer dann, wenn sie eher sparsam auftritt: „Je kürzer, desto spannungs­reicher.“ (Drawert)

Allen Erschöpfungs­erscheinungen und einem „fortgesungenen“ (Hückstädt) Moderator zum Trotz brachte die in Leipzig lebende JUDITH ZANDER (*1980) als letzte Lesende einen ganz eigentümlichen Schwung in den Wettbewerb. Zanders Gedichte sind „vertikale Sprechbänder“ (Cramer), deren Wort-für-Wort-Dynamik ebenso faszinierend wie abweisend wirkt, sie sind zerfahren und flüchtig, besitzen „kein Zentrum“ (Drawert), in dem ein Sprecher identifizierbar wäre. Aus der „Kleinteiligkeit der Motive“ (Koneffke) und der „Freisetzung der Worte“ (Rinck) ergeben sich semantische Angebote, ohne dass sich diese Lyrik eindeutig fassen oder gar festlegen ließe. Bei aller Unzugänglichkeit fangen die Gedichte, unterstützt durch den großartigen Vortrag, in ihren besten Momenten zu flirren an und vermögen den Zuhörer zu inspirieren. Allerdings birgt diese Lyrik auch ein großes Absturz­risiko: In ihren assoziativen Sprüngen, ihrer weit­gehenden Verwei­gerung von Bedeutung, in ihrem „verhält­nismäßig ungefähren“ (Cramer) poetischen Körper wird die Sprache auch zum Privat­idiom, das sich letztlich jeglicher Kommunikation entzieht. Als radikales Experiment ist Zanders Lyrik jedoch allemal spannend und eines Förderpreises würdig.

Aus den zehn Wettbewerbsbeiträgen die besten zu benennen, war mit Sicherheit nicht einfach. Dass die bereits im Vorfeld favorisierte Ulrike Almut Sandig den Hauptpreis bekommen würde, war nach ihrem souveränen Auftritt absehbar, für die beiden Förderpreise kamen allerdings gleich mehrere TeilnehmerInnen in Frage. Nichtsdestotrotz war die Entscheidung der Jury nachvollziehbar, so dass ihre Mühen der Urteilsfindung verdienten Beifall fanden. Für das aufmerksame Publikum spielte es ohnehin keine so große Rolle, wer am Ende die drei Preise davon trug – für die Zuhörer ist viel entscheidender, welche Kandidaten abseits der großen Speed-Dating-Konkurrenzen künftig für eine feste Lyrik-Beziehung in Frage kommen.

Literarischer März mit Autorenportraits und Gedichtproben

Ulrike A. Sandig | Poetenladen
Tobias Falberg | Poetenladen
Alexander Gumz | Poetenladen
Marie T. Martin | Poetenladen
Kerstin Preiwuß | Poetenladen
Christoph Wenzel | Poetenladen
Ruth Wiebusch | Poetenladen

Die Jury

Kurt Drawert
Monika Rinck
Jan Koneffke

Peter Kapp      Poetenladen     24.03.2009      Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

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