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LYRIK-KONFERENZ   5

„Vielleicht hilft es uns“, schrieb Dieter M. Gräf in seiner Eröffnungsmail an Alessandro De Francesco, „wenn wir uns über post-poésie Gedanken machen, klarer zu sehen, wo wir derzeit stehen?“ Beide Dichter beschäftigen sich mit Entgrenzungen, mit anderen Medien, und haben in einer Korrespondenz für den poetenladen ihr Verständnis von zeitgenössischer Dichtung vorgebracht und weiter entwickelt. Nun werden sich weitere Dichter und Lyrikexperten äußern.
 Jan Volker Röhnert  
Jan Volker Röhnert, 1976 in Gera geboren, lebt in Weimar und Sofia, veröffent­lichte als Dichter u.a. den Lyrikband Metropolen (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2007) und, im gleichen Jahr, bei Wallstein als Literatur­wissenschaftler Springende Gedanken und flackernde Bilder. Lyrik im Zeitalter der Kinemato­graphie. Cendrars – Ashbery – Brinkmann; Übersetzungen aus dem Eng­li­schen (Edgar, Arnold, Gizzi).

Fünftes Statement | Jan Volker Röhnert

Poesie und Gedicht
Das ist eine spannende Frage, die Sie da aufwerfen, ob sich unser Begriff vom Gedicht nicht im Zeitalter der medialen Virtualität radikal ändern müsste – so zumindest verstehe ich die Diskussion. Ja, „post-poésie“, das klingt sehr französisch und würde doch einige Schwierig­keiten bereiten, ins Deutsche übersetzt zu werden. Ich kenne leider den Hintergrund von Gleize's Argu­men­tation zu wenig, aber ich denke, sie ist nur zu verstehen im Kontext der französischen Post­moderne­debatte, die ja angesichts von Namen wie Barthes, Deguy, Derrida oder Robbe-Grillet an der Seine mit ganz anderer Verve geführt wird als in deutschen Landen… Auch ist in Frankreich, scheint mir, der Zwang größer, sich von den großen übermächtigen Avantgarde-Vorbildern aus der 1. Hälfte des 20. Jh. zu befreien, geschweige denn von den großen Stimmen der klassischen Moderne, auf die Gleize ja auch anspielt und die bis heute Gültiges, an Durchschlag­kraft kaum Ver­gleich­bares geschaffen haben …

Also „post-poésie“. Das „post“ mal beiseite gelassen, ist da nun von der Poesie oder dem Gedicht die Rede? Für mich macht das einen materiellen Unterschied aus: Ich meine, das Gedicht ist eben ein sprachlicher Gegenstand, der für mich mit dem Medium Buch bzw. (Papier-)Seite verknüpft ist, allerdings auch via Stimme hörbar gemacht werden kann. Aber „Gedicht“ schließt für mich die ganze Tradition dieses sprachgebundenen Genres mit ein, die eben die Antike ebenso selbstverständlich wie das Mittelalter und die Moderne in sich enthält – und das ist natürlich in den guten, großen Gedichten unserer Zeit auch zu spüren: dass da zwei, drei Jahrtausende an versgebundener Tradition (oft ohne das direkte Wissen und Wollen des Schreibers – das sind dann sogar die besseren Gedichte) mit herübergeholt und in ein paar Zeilen reaktiviert werden. Aus dieser Tradition kann man sich gar nicht ausschließen, denke ich, wenn man weiter der Buchseite und der Stimme verhaftet bleibt; selbst wenn man sie für sich gar nicht als wesentlich erachtet.

Etwas anderes ist's mit der POESIE: für mich ist das eine Eigenschaft von Kunst, vielleicht von Erlebnis­inhalten im Allgemeinen, die auf Bewusst­seins- und Empfindungs­steigerung abzielt. Ein simpler Natur­gegenstand kann ebenso wie ein Land­schafts­eindruck oder ein Technikutensil für den Betrachter „Poesie“ enthalten, einen poetischen Gehalt offenbaren, der plötzlich ganz weit weg vom Funktionellen, bloß Zweck­dienlichen führt – und jeder Film, jede Malerei, jedes Lied kann so ein Potential an Poesie enthalten, oder einfach plötzlich offenbaren. Poesie ist für mich nicht ans Genre Gedicht gebunden. Roland Barthes sagt das mal sehr schön in Die Lust am Text: Ein Dichter, der nicht mehr dichten will, wird Filmemacher, ein Filmemacher, der nicht mehr filmen will, wird Lyriker usw. Man kann also die Medien und Genres wechseln aber mit dem, was man künstlerisch offenbart, doch in der Poesie bleiben. Vielleicht sehe ich das weniger problematisch als ich Sie in der Debatte um den Medienwechsel des Gedichts verstanden habe?


Wenn ein Gedicht in einer Installation gezeigt wird oder selber zur Installation ‚wird‘, dann genügen dafür die Maßstäbe des Literarischen zweifellos nicht mehr – dann hilft sicher viel mehr Beuys' erweiterter Kunstbegriff weiter. Allerdings: ein Gedicht auf der Buchseite nehme ich weiterhin ALS GEDICHT wahr und stelle es unbewusst in die Tradition aller zuvor entstandenen Gedichte – und mit denen wird es sich immer auch irgendwie messen müssen. Jemand wie Th. Kling war ein gutes Beispiel dafür, sowohl uptodate als auch in der Historie der Gattung Gedicht daheim sein zu wollen. Gedichte, die entstehen, reflektieren ja auch permanent, ob gewollt oder nicht, die Medialität ihrer Gegenwart – und ihre eigene Medialität.

Um meinen Standpunkt in dieser Debatte vielleicht noch deutlicher zu machen: Den Begriff des Gedichts als literarisches Genre würde ich ungern aufgeben wollen. Die sprachliche Verfasstheit des jeweiligen Gedichtes selber – etwa die Ausdehnung seiner Form in Richtung „Langgedicht“ (das ja mit seinem epischen Atem wiederum auch eine jahrtausendalte Tradition für die virtuelle Gegenwart reaktivieren kann) – mag der beste Beweis gegen die scheinbare Antiquiertheit des Genres sein, die doch inzwischen auch bloß ein ziemlich alter Topos geworden ist. Gerade durch den Bezug auf die Geschichte des Genres (die im Begriff „Gedicht“ steckt) haben wir doch die Chance, uns ins Zwiegespräch mit längst verstorbenen Stimmen zu begeben – in den „Diskurs einzutreten“, um es akademisch zu formulieren.

„Post-poésie“ kann ich deshalb auch so für mich verstehen, dass ein Gedicht eben immer mehr meint als das, was auf der Seite Papier schwarz auf weiß zu lesen ist, seine Anregungen, aus denen es sich speist, seine Impulse, sein ganzes Reservoir an Bildern und angeschnittenen Melodien, das kommt von überallher, aus der Kunst ebenso wie aus dem banalsten Alltag: Das Gedicht, wenn es gut ist, liefert dann nämlich den schlagenden Beweis dafür, dass „Poesie“ in allen Dingen stecken kann… Und daraus zieht das Gedicht auch heute – mehr denn je – seine Legitimation, finde ich.


PS. Ja, ein Gedicht wie eine Galerie durchstreifen, ein Gedicht verdutzt betrachten wie eine seltsame Installation, von allen Seiten drumherumgehen, oder schräg von der Seite bestaunen, vielleicht gar nicht wissen, was genau das ist oder ‚bedeuten‘ soll, aber von seiner Fremdartigkeit angezogen sein, immer wieder zu ihm als einem Gegenstand zurückkehren, der, sowie er ein neues Detail an sich enthüllt, zugleich immer auch ein neues Rätsel aufgibt, ja das ist ein schöner Vergleich: Das Gedicht als Objekt, das seiner besseren Transparenz wegen in einer Kunsthalle aufgestellt sein könnte – in dieser Idee scheint durch, was die Künste jenseits ihrer Medialität mit­einander verbindet; eben ‚die Poesie‘ als Reiz, der von allen ihren Formen ausstrahlt. Man verlässt die Kunsthalle und bewahrt eine Idee der Objekte, die einen bewegt haben, in sich, wenn man wieder auf die Straße und in den Alltag getreten ist. Man klappt das Buch zu und ‚nimmt‘ in Gedanken ein paar Zeilen, ein paar Bilder des Gedichts, das man eben las, nach draußen mit. Das Draußen wird mehr als nur funktionierende flüchtige Oberfläche, es wird zum vieldeutigen Reiz, an dem das Gedicht, das Bild sich stößt. Auf diese Weise nimmt die Poesie an der Welt, am Leben teil, ein siebenter Sinn, der die Dinge und ihre Benennungen permanent in Fluss hält.
Die Lyrik-Konferenz wird an dieser Stelle mit weiteren Teilnehmern fortgesetzt.
Jan Volker Röhnert  19.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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