poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Norbert Lange

Rauhfasern

Dichter aufs Tapet gebracht

Kritik
Norbert Lange: Rauhfasern. Lyrik   Norbert Lange
Rauhfasern
Gedichte
Lyrik Edition 2000, 2005
Das Buch bei Amazon  externer Link


Ach, geschmeidiges, weiches Wort „deutsch“! Da fährt man nach Hause; da fühlt sich die Zunge gleich einigermaßen wohl und das Ohr geborgen in einer Art Sprachschloss. Wir kennen uns doch alle ein bisschen aus in diesen Räumen: alte, grandiose oder schreckliche gibt es da, große und kostbare, hohe und niedrige, enge, miefige deutsche Zimmer.
Schwierig, sie insgesamt zu begreifen, aber hinnehmen kann man sie ganz leicht, und von klein auf lernen, sich in ihnen zu bewegen. Sie sind nun mal das, was sie sind: dickwandig, überlappend tapeziert – Sprachgeschichte.
Nur eine Frage stellt sich: wie vertrauensselig ist der Bewohner?
In seinem ersten Gedichtband wetzt Norbert Lange gehörig an den altehrwürdigen Wänden und gelangt zu Schichten, Rissen, Fasern, die in ihrer spröden, dringlichen Schönheit freizulegen sicher nicht möglich wäre ohne eine listige, von gewissem Misstrauen zeugenden Zerstörungslust.

[...]
Die gehen in die Socken! Die Bilder mein ich
knöcheltief, nämlich, „Und die Schärfe
des Lichts“, einen ganzen Film dazwischen verknipst,

die Schuhe da drin, im Bauschutt Kabel, das Waldphoto
(-tapetenbild), Riss, mit rissigem, der Putz

blutiges Cellophan (kann sein –
das war ein Taschentuch).

Wir haben viele Fenster eingeschlagen.
[...]

Strukturiert wirkt dieses Vorhaben durch acht Unterteilungen, die programmatisch übertitelt zu sein scheinen (wie etwa: Schräge Lage, Fasern, Schichten oder Offene Behälter). Die Motivik Norbert Langes aber, und eine Auswahl an Perspektiven, die wie Versuchsanordnungen funktionieren, durchziehen den ganzen Band in immer wiederkehrenden, immer wechselnden Bezügen und machen ihn so zum Prozess. Geschichte und Literaturgeschichte sind dabei ein großes Arbeitsfeld Langes, ebenso Räume, Regionen, Dialekte. Bearbeitet werden die Themen durch teilweise offen, teilweise irreführend aufgezeigte Verfahren (Photographien nach Gemälden), die auch auf den kunsthistorischen Background des Autors verweisen. Dazu wird oft der Blick befragt. „DIES AREAL WIRD VIDEOÜBERWACHT“ heißt es in Leipzig Bluescreen, in (ZU KOBLENZ): „Bald schmilzt alles hier, nur die Augen ‚schmelze nit‘“. Oder VOR DEM ROTEN TEPPICH: „Mach ein Schwarz-Weiß davon, will es / mit, daselbst denselben, den Pupillen, Blitzen- / was denn? -kreuz, -lichtern, hast du's drauf?“ Perspektiven variieren, changieren zwischen medialen, künstlichen oder fremden, zitierten Blicken die allesamt so körperlos bleiben wie die dichtende Instanz selbst. Noch deutlicher zeigt sich dies in Norbert Langes Umgang mit Stimmen. Da ruft es donnernd aus dem Off der ganz Großen – daneben plärren allerhand unangenehme O-Töne aus dem Volksempfänger. Dante, Trakl, Kling beschallen den fluchenden Straßenarbeiter und Werbe- und Boulevardleute schreien sich die Kehle wund; während, heiser und sehr still, zwischen Müll und Straßenbeleuchtung Rolf Dieter Brinkmann zum KÖLNER - KARAOKE anhebt.

GEFANGENER VOGEL

„Bunter!“, oder in dunkler Blende,
(dauernd Blümchen), und ein paar Mal blitzt es
die Einsame, im goldenen Schnitt
des Werbephotographen, kaum,
dass das Vögelchen etwas Flügel zeigt,
schon leistet es Vorschub,
flau, dem Photographen weiter vorne,
da der mehr Auge als Erbarmen ist.
Ihm langt ein entsprechender Schuss.

Die Techniken, mit denen Norbert Lange seinen enormen Fundus an Traditionen bewältigt, sind facettenreich, aber nicht immer ohne artistische Anstrengung, einer Tendenz zur Überdehnung. Das betrifft auch den Sprechgestus, der zwischen dem virtuos gestapelten Fremdmaterial die Texte prägt. Eine subtil verdrehte Syntax, scheinbar fahrige Redundanzen, etwas seltsam Ungelenkes, Disharmonisches durchzieht diese Lyrik. Hier reimt sich nichts einfach so. Die Bemühtheit, die darin sichtbar wird, drängt sich einerseits schutzlos und sehr schnell in den Blick des Lesers. Andrerseits gehört das Offenlegen schweißtreibender, wagemutiger Spracharbeit, die immer wiederkehrende, auch an den Leser gerichtete Frage „was kann das Wort denn leisten?“ für mich zu den Hauptkriterien, die einen Text zu dem Gefüge werden lassen, das sprachlich zwar zu verorten ist und sich doch unruhig, ja vielleicht auch aggressiv gegen bestehende Tapeten wendet: das Gedicht will immer weiter.

MELDUNG ERSTATTET, (VOM RHEIN)

Am Ufer: Binnenschiffe Schuhsohlen, die Möwen
spielen vor der Brauerei, die Bojen, die steckten
ins Wasser die Kehlen, die nächsten Spiele, daran

sich halten, Bojen, sich halten, sie leicht auf Pegel-
stand, Signale abgeben, gewagte Manöver,
sprich: Immelmanns, Korkenzieherdreher, die Frachter

mit anderen Worten Schleifen ziehen, und Fähnchen
hinterher, so sperren die den Kiel der Schiffe und
den trägen Luftraum, an der Brüstung lehnend, ab, vor:

„Rhein Terrasse“, als ankerten Pennäler, paar vom nahen
Internat, die Vögel, Bojen, Flaschen werfen die,
den Fluss rein, das Schiffeversenken, am Himmel jäh,

doch spiegelt sich die Flotte Möwen wie ein Bomber-
– jeschwader von Harris!

Mara Genschel      11.07.2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Mara Genschel
Lyrik
in memoriam