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Christian Schloyer
spiel    ur    meere

Sphärisches Rascheln

Christian Schloyer | spiel · ur · meere
Christian Schloyer
spiel    ur    meere
Gedichte
kookbooks 2007

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Es gibt derzeit Verhandlungen darüber, was Lyrik heute sei und welche Grundlagen sie habe. Eine Positions­bestim­mung und eine Klä­rung dessen, was es bedeutet, ausgerechnet lyrisch auszu­schla­gen, haben zumindest theore­tisch den Vorteil eines distinkt ange­legten Ge­sprächs(-an­ge­bots). Die aktuel­le Nummer (19) der Zeitschrift BELLA triste enthält von Christian Schloyer den Aufsatz Poesie als Sehn­suchts­form, in dem es heißt: „Unbestritten: es [das poetische Sprechen] kann so tun als ob. Würde ich hier meine eigene poeto­logische Position ein­bringen wollen, würde ich hinzu­fügen: in diesem ‚Tun als ob‘ fängt Poesie genau genom­men erst an.“ Sprache ist im weitesten Sinn sicher­lich alles, was der (Bewusstseins-)Fall ist, und dieser kaum hinter­geh­baren Einsicht eingedenk, kann von einer simplen Abbild­funktion des Gedichts längst keine Rede mehr sein. So weit, so selbstredend.

Mit seinem Lyrikdebütband spiel ur meere legt der diesjährige Leonce-und-Lena-Preisträger 54 Gedichte vor, die - in sechs Abteilungen gegliedert – zunächst eins kennzeichnet: Es sind Sprachgebilde, deren durchlüftete Wortstellung Raum lässt für Nachklang und ihre semantische Hochspannung aus mehr als einer Leitung beziehen. Erfahrungen blitzen auf, Reflexionen wechseln mit Bildern, Wahrnehmungen schießen quer. Mit „intensiv“ etikettierte jemand im Online-Portal Textdiebe Schloyers Gedichte. Sie seien „Entitäten einer eher abstrakt realen Existenz“ (Ron Winkler). „ ... was wäre dann die Suche nach Urwelt und Ursinn?", fragt der Klappentext. Und die Darmstädter Jury sprach vom "Nachweis noch vorhandener Ursprünglichkeit“ und „der Suche nach einer natürlichen Urschrift“.

Schloyers Lyrik ist darauf aus, Sinn und Konnotation zu entzerren, metaphorische Konsense aufzustöbern, freizulegen und abzuräumen. Wenn Poesie abrückt von verabredeten Sprechweisen, kann und soll sie den Raum eines möglichen Sprechens mit umfassen. (Die Öffnung des Sprachraums ist zwar vielleicht selbst ein auf Konsens beruhender Begriff für Poesie, wegen seiner Allgemeinheit aber gut verwendbar.) Der Titel legt es nahe, dass der Autor versucht (spiel), neu vermessene Tiefenstrukturen der Wörter anzubieten (ur), deren Vagheit zugleich eine dem Draußen abgeschaute Präzision ist (meere).

Im ersten Zyklus (troubadour) findet sich das Gedicht sprechakt, das so beginnt: „melodie im verletzungszustand bei / fall, die narben // einholen, kehlschlag am jenseits, zerfall – glas / kriege in urwassern (wellennetz konsonanten // verklärung) stricksuppe ...“. Ungefähr diese Ausgangslexik wird im weiteren durchdekliniert und neu kombiniert, bis sie sich schließlich zu einem Text verdichtet, der jenes ‚Als ob‘ programmatisch spielerisch umsetzt. Im Gedicht wohinter der wolfshund (aus Abteilung vier: mit den liebschaften im kopf) heißt es: „... wir entspringen // dem gleißenden rollen dem rund dem grün / -delnden sprachwort dem machtsprech ent- / gleißen wir glimpflich entsprechen / entsagen … wir sind aus dem wort geborgenes // ich ...“. Das hier als Ich bezeichnete Etwas taucht ab zu den Gründen seines/unseres Sprechens und wirft mit den z.T. exorbitanten Findungen Sand ins Öl der oben tickernden Semantikmaschine, jener enge Kreis der eins-zu-eins-Nomenklatur schlichterer Sprechweisen. Derart heideggersch/celansch geht es allerdings ansonsten bei Schloyer nicht zu. Die zitierten Verse zeigen, dass hochreflektierte Sprachkritik auch und immer noch dazu neigt, ins sogenannt Hermetische zu driften. (Hier hätte mir das plastischere ‚ent- / gleisen' fast besser gefallen.)

Gleichwohl steht dieses Entsagen (im Sinne von Gegenreden oder Anderssagen) nicht im luftleer autistischen Raum: Die Präsenz eines Du kennzeichnet nahezu jeden Text. Übermalte Liebesgedichte könnte man eine Gruppe von Gedichten nennen. Übermalt deshalb, weil sich bei Schloyer jenes ‚Als ob‘ generell ausfächert in ein virtuoses Neben- und Übereinander spezifischer Fachsprachen (neben Termini aus Kosmologie und Astrophysik auch solche aus Zoologie, Paläoontologie und Mineralogie). Die Du-Anrede muss sich zudem durch ein „vibrierendes echo seiner / selbst“ (kontinentaldrift) schlagen, um Intimität aufzuspüren:

oh be a fine girl kiss me!
von einem ohr zum anderen zuckt hintersinn
          im ticken der pulsare    trägst du

planeten aus bruch
sicherem bernstein, in jedem

bin ich eingeatmet
eingeschlossen  s p i r a l n e b e l

mikroben pflegst du
mit fieber zu beatmen

In der Tat „schutzlos schön“, wie der Tagesspiegel befand. Formal ist die weitgehende Tilgung des Bindestrichs nach Zeilensprung interessant, weil dies die Bedeutungen noch einmal erweitert bzw. allzu eindeutige Zuordnungen verhindert. Als rhythmisierende Zäsur tritt neben das Komma auch eine der Typografie Stefan Georges nachempfundene Zeichensetzung (jener Punkt zwischen Ober- und Unterlänge). Bemerkenswert ist die undogmatisch verwendete Nutzung von Ligatur (&) und Abbreviatur (+) für das Bindewort ‚und‘. Unter dem Aspekt des Spielerischen verstärkt auch die äußere Form die Tendenz dieser Lyrik zur Kodifizierung (im Sinne von Gegen-Code).

Gleichzeitig gibt es in spiel  ur  meere eine klare Anbindung an Vorgefundenes, an Kunstdinge: Zehn Gedichte des Bandes beziehen sich explizit auf Werke der bildenden Kunst (namentlich Malerei – die Palette reicht von Tizian über die Klassische Moderne bis zu Gerhard Richter). Die Bildanmerkungen sind (unter Angabe der jeweiligen Mal- oder Drucktechnik) in allen sechs Abteilungen zu finden. Dass das sprachliche Material auch in politischem Sinn bis an seine Grenzen geführt wird, zeigt die Umschrift zu dem Grosz-Gemälde „Leichenbegängnis“ (1917/18): „... ein säbelndes / rasseln das inlands- / kommando ottonen + mullahs + was / uns da einfällt“, heißt es in ein altes einverständnis (aus dem sechsten Zyklus tourette). Gekoppelt an Gegenwart ist es nur mehr „theaterblut“, das uns im politischen Weltverstehen zwischen Auge und Mattscheibe zum „stubengekicher“ gerinnt. Auch die Information selbst bricht zusammen: „am fufgänzertunnel ein au-to ein to-tes das liegt da + leidet / am ball / fußgelände (gastritis zu freunden bei / fuß) das beizst / ta am fußtütata“. Die morphologisch in die Dysfunktion getriebene Sprache entlarvt hier ganz im Grosz'schen Sinn jenes überkommene und übernommene Areal des korrumpierten „machtsprech“. Es ist nicht zuletzt auch der große (saturnische) Bezirk des poetischen Gedächtnisses, der – wie es im Gedicht urzeittierchen heißt – ein mögliches Durchbrechen der plappernden und/oder vereinnahmenden Tretmühle verheißt: „… die ringe / des saturn es klingt // nach erinnerung wenn man / den kreis durchbricht / sphärisches rascheln“.

Schloyers Debütband spiel ur meere ist die gelungene Umsetzung eines poetologischen Programms, das neben der im Modus des ‚Als ob‘ hoch ernsthaften Arbeit an einer Sprachwiedergewinnung auch erkenntnistheoretische Interessen verfolgt. Deren Fragestellung informiert uns – so wir es aufgeben, mehrdeutiges Bild auf eindeutige Erfahrung beziehen zu wollen – Wort für Wort über die großartigsten Möglichkeiten der „vers / chiffrierung“ (noa noa navenave fenua).


Christian Schloyer im Poetenladen
Kritik von Roman Graf

Marcus Roloff     28.10.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

 

 
Marcus Roloff
Lyrik
im toten winkel des goldenen schnitts
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