POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 

Walle Sayer

Den Tag zu den Tagen

Gereinigte Wahrnehmung

Walle Sayer | Den Tag zu den Tagen
Walle Sayer
Den Tag zu den Tagen
Gedichte
Klöpfer & Meyer 2006

Das Buch beim Verlag  externer Link

Das Buch bei Amazon  externer Link

»Das ganze Leben liegt in dem Verb ›sehen‹«, schrieb Pierre Teilhard de Chardin. Bei Walle Sayers Gedichten handelt es sich um Seh-Gedichte, die von visuellen Eindrücken leben. Meist werden unscheinbare Dinge und Menschen gesehen: eine Vase auf dem Fensterbrett, ein im Schlamm versunkener Fahrradrahmen, ein Witwer in seiner Wohnung, ein Schaukelpferd in der Rumpelkammer, eine Schneeschaufel an der Hauswand, ein verlorener Handschuh. In diesem Gesehenwerden, bei dem oft die Überschrift den realen Kontext mitliefert, erhalten sie eine (metaphorische) Bedeutung: Die Vase »vergewissert sich ihrer Form«, der Fahrradrahmen wird »was Gegenwahres zum Schlammgrund«, der Witwer liest »etwas wie Zeitkrümel auf«, das Schaukelpferd zum »trojanischen Fohlen«, die Schneeschaufel traut »dem ganzen Geblühe noch nicht«, der Handschuh »weist auf ein anderes Ringsum«. Diese Bedeutung ist nicht immer ganz und sofort zu erfassen; ihr etwas nachzuhorchen macht das Hauptinteresse des Gedichtbands aus.

In den Gedichten geschieht nicht viel; es handelt sich eher um Stillleben als um Szenen, vor allem in den »Kleinen Studien«. In manchen Strophen fehlen die Verben, die für Bewegung sorgen würden; in anderen sind sie zwar da, stehen aber im Infinitiv und lassen offen, ob und durch wen etwas geschieht.

Novemberhimmel, Gemäuer,
das Grau in seiner
Farbstummheit.

Den Vogel malen
oder seinen
Gesang.


Diese Offenheit oder Unsicherheit taucht auch an anderen Stellen auf, etwa im Eingangsgedicht, wo das Ich »stehen möcht / und warten, bis [es] /weiß worauf«; sie führt aber nicht zu einem verzweifelten Suchen, sondern zu einem Ausharren und Aushalten dieser Unsicherheit.

Durch Wortschöpfungen und Verdreher im Satzbau erinnern einige Stellen (allzu sehr) an Celan (»ein atemdürres / Gemurmel«; »schweigsam / dackelt, was ich weiß, mir hinterdrein«). Jedoch haben Walle Sayers Gedichte nichts Ketzerisches oder Kämpferisches: Die Sätze werden nicht zerrissen, der Zeilenbruch fügt sich dem Rhythmus, der Sinnzusammenhang bleibt gewahrt, Schreibung und Interpunktion entsprechen den Regeln, und gelegentlich zeigt sich die Harmonie eines Gedichts sogar in einer optisch gleichen »Treppenform« aller Strophen. Der hohe Ton, der durch die celanischen Prägungen entsteht, wird an anderen Stellen konterkariert durch Selbstironie (»Bin halt der ehmalige Holzer einer Hintermannschaft«) und dialektale Wendungen (»meinen lommeligen Händedruck«). An seine Stelle tritt eine Bewegung der Selbstrücknahme, die bald an schwäbische Verkleinerungsfreude, bald an mystische Selbstbescheidung erinnert (»nichts wollen / als den Windungen nachsehen / eines Papierfliegers«); in der Wortschöpfung »Kleckerlestage« findet sich vielleicht beides vereint.

Dass Gewalt das Thema dieser Gedichte sein soll, wie ein anderer Rezensent meint, ist nicht nachzuvollziehen. Eher sind es Vergehen und Entstehen als die beiden Seiten des Lebens, die hier gleichermaßen zur Sprache kommen: das Vergehen bei dem herabgefallenen Blatt, das versuchsweise als »Fahrschein« für eine letzte Reise benützt wird, oder bei den angefaulten Äpfeln, die sich selbst »ihre Lage« konstatieren. Indem der Verfall jedoch betrachtet wird, wird er aufgehalten: Das Betrachtete und der Moment des Betrachtens sind im Gedicht aufgehoben. Somit ist auch der Verfall auch nichts mehr, was beklagt werden müsste; die Gedichte bekommen etwas von der Gelassenheit Meister Eckeharts, der alles hinnimmt, »als habe er's so gewünscht und darum gebeten«. Es entsteht eine Mystik der kleinen Dinge (und Menschen), eine neue Sichtweise auf das, was einem jeden täglich begegnet, eine neue Verwunderung angesichts dessen, was da ist, ohne dass große Worte gebraucht werden. Wenn man das Buch aus der Hand legt, ist der Blick klarer geworden; die Welt sieht aus wie frisch gewaschen oder zumindest frisch poliert von der Hand des Dichters. Auch einen nächsten Gedichtband von Walle Sayer wird man gern lesen.

Walle Sayer im Poetenladen
Walle Sayer: Den Tag zu den Tagen | Kritik von Ralf Willms

Marianne Glaßer    03.03.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

Marianne Glaßer