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Heinrich Detering (Hg.)

Reclams großes Buch der deutschen Gedichte

Ziegelsteine der Poesie

Reclams großes Buch der deutschen Gedichte
Heinrich Detering (Hg.)
Reclams großes Buch der deutschen Gedichte
Vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert
Philipp Reclam, Stuttgart 2007

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Großangelegte Anthologien deutscher Dichtkunst gab und gibt es viele, und es wird stets neue geben. Der deutsche Hang zur immerwährenden Kanonbildung und der bildungsbürgerliche Literaturbetrieb machen es möglich. Dass Reclam als deutscher Klassikerverlag nun auch eine solche herausgibt, ist verständlich. Und mit Heinrich Detering wurde ein kompetenter und umtriebiger Herausgeber gefunden, dessen profunde Kenntnis deutscher Poesie und dessen bedeutende Position im Literaturbetrieb außer Frage stehen. Sieht man den backsteinroten Wälzer mit dem pathetischen Titel vor sich liegen (25 x 16 x 7 cm, ca. 2 kg), beschleicht deshalb einen unwillkürlich ein Gefühl von umfassender Endgültigkeit.

Doch ein Blick ins Innere lässt schnell die Tücken des Anspruchs erkennen: Schon im Vorwort beklagt der Herausgeber dieses Wälzers den Platzmangel, kündigt aber dennoch an, neben Klassischem und Kanonischem auch Vernachlässigtes und Vergessenes zu präsentieren. Ein Blick ins Titelverzeichnis, welches das fehlende Inhaltsverzeichnis ersetzen muss, verrät die faustische Strategie der Auswahl: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen… Natürlich leider immer nur kurz. Mit den Merseburger Zaubersprüchen geht es los und dann reiten wir im Parforceritt chronologisch durch die deutsche Lyriklandschaft, wobei den meisten Dichtern nur ein Text zugestanden wird, allein den Lieblingen und Meistern stehen zwei oder drei zu, Goethe dann ganze 44 Seiten. Weder findet man jeweils nur die relevanten und bekannten, noch die besten Texte der Dichter vor, es geht mal so, mal so. Nicht selten wirkt es (vor allem bei neuerer Lyrik), als sein einfach ein der Länge nach passender Text ausgewählt worden, damit der Name des Autors anstandshalber im Buch auftaucht. Selbstverständlich gibt es viele erfreuliche Beiträge zu lesen und auch manche Entdeckung zu machen. Die Frage, wem dieses Buch eigentlich nützlich sein soll, stellt sich jedoch immer wieder. Weder ist es geeignet, eine erste repräsentative Einführung in das Schaffen der der zitierten Autoren zu geben, noch stellt es eine Art alternativen Kanons dar, in dem man entdecken kann, was andernorts vergessen wurde. Eher haben wir es mit einer Wundertüte zu tun, in der Klassisches und Wunderbares gleichberechtigt mit Nebensächlichem beieinander liegt, wo anderes keinen Platz mehr findet. Als Handbuch deutscher Dichtkunst taugt dieser Ziegelstein der Poesie leider kaum. Und auch zum absichtslosen Blättern und Schmökern lädt es schon wegen des unhandlichen Formats und der unbequemen Struktur kaum ein. Die biographischen Angaben der Autoren etwa, in deren klein gedruckten Fußnoten man auch die Seitenangaben zu ihren enthaltenen Texten suchen muss, finden sich unglücklicherweise nicht etwa bei den Gedichten im Text, sondern in einem hundertfünfzigseitigen Anhang im hinteren Teil, dessen Gebrauch (bei dem Gewicht des Buches, siehe oben) schlicht als unbequem zu bezeichnen ist. Zu bemängeln ist auch der eher unelegante Satz, der mit seiner Gedrängtheit die Texte gelegentlich mittendrin zerschneidet.

Dieses Buch wird trotz vieler lesenwerter Gedichtschätze in seinem Inneren weder den deutschen Dichtern noch den Lesern gerecht. Letztlich krankt die Anthologie an der Unentschlossenheit des Herausgebers, angesichts der Überfülle des selbst gesetzten Themas einige Namen und Texte wegzulassen und sich konsequenter auf bestimmte Aspekte der deutschen Lyriktradition zu beschränken. So entstand ein sympathisches, aber willkürliches Sammelsurium, in dem jedem Lyrikliebhaber etwas anderes fehlen muss, während es den neugierigen Einsteiger mit einer ununterscheidbar bunten Mischung aus Relevantem, Abseitigem und aus Platzmangel Weggelassenem alleine lässt. Vielleicht wären kleinere Bände zu verschiedenen Epochen sinnvoller gewesen als dieser ansehnliche, aber unentschiedene Ziegelstein.
Heinrich Detering, geboren 1959 in Neumünster, ist Professor für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft in Göttingen. 2003 erhielt er den Preis der Kritik für seine literaturkritischen Essays.

Martin Jankowski     20.03.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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