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Michael Buselmeier
Am Rand
  Dankrede zur Verleihung des Ben Witter-Preises


M. Buselmeier (Foto: P. Rothe)



Meine Damen und Herren – ich möchte mit einem Gedicht beginnen, das ich zu meinem 70. Geburtstag geschrieben habe. Es hat den Titel De senectute:

Es wird bald Nacht ich schlief im Wind
und spürte blind den Bachgesängen nach
jenseits der Grenze wo sie greifbar sind
als Kerzenabglanz Rosenflackern
im Kleid des Gottes der mich segnete

mit Magengrimmen faulen Zähnen
mit hochgezîten und mit Tränen
zum Festtag Orgellärm ein Gähnen
der Abendwolken graue Strähnen
die Krallenfinger der Sirenen

Genug der hehren Töne rief ich
im Licht der Straße liegt mein Lied

Ich danke Ulrich Greiner für seine mich ehrenden Worte. Ich danke der Jury der Ben Witter-Stiftung für die Verleihung des Ben Witter-Preises 2010, die mich überrascht hat. Erfahrung und Augenschein sagen mir nämlich, dass die wichtigeren Preise an einen engen Kreis immer derselben Leute verteilt werden, zu denen ich eigent­lich nicht zähle, umso weniger, je älter ich werde. Ein alternder Autor zu sein bedeutet, nicht Preise, sondern Niederlagen einzu­stecken und Kränkungen zu verarbeiten, und zwar deutlich mehr als im Kultur­betrieb eh schon üblich. Ich denke hier an eine meiner Lieblingsfiguren, den zermürbten alten Poeten Krapp in Samuel Becketts Das letzte Band, der stoisch Erfolglosigkeit und Einsamkeit erträgt: „17 Exemplare verkauft, davon 11 zum Groß­handels­preis an öffent­liche Leih­biblio­theken in Übersee. Werde bekannt.“ Ein alternder Schriftsteller verliert Zug um Zug seine Nischenplätze und kleinen Pfründen, die er mühsam erworben hat, also Kolumnen, Artikel-Serien für Zeitungen und Rund­funk­anstalten, und dies oft von heute auf morgen, ohne Begründung oder gar Entschuldigung. Ein neuer Redakteur zieht ein, und er steht draußen und bekommt nicht einmal mehr die Liste mit den zu bespre­chenden Frühjahrs­titeln geschickt. Vielleicht ist er auch nicht mehr ganz auf dem Laufenden, etwa als Theater­kritiker, der das modische Dekon­struktions­gemetzel an über­lieferten Dramen nicht mehr mittragen kann.

Die Verleihung des Hamburger Ben Witter-Preises an mich hat in meinen Augen etwas Anti-Zyklisches. Denn ich bin ja nicht nur ziemlich alt geworden, ich bin auch ein Regionalist, ein Provinzler, der Baden und die Pfalz nur selten und ungern verlassen hat. Viele meiner Prosatexte und Gedichte, meine Stadtführungen, literarischen Wanderungen, Anthologien, Essays und öffentlichen Gespräche spielen in dieser Neckar-/Rhein-/Odenwald-Landschaft, die ich ganz ohne schlechtes Gewissen „Heimat“ nenne, in der schon meine Vorfahren lebten. Und ich bin überzeugt, dass es einen unterirdischen Zusammenhang zwischen Landschaft, Sprache und Literatur gibt. Die einzelnen Orte und die dort ablaufende Zeit stehen im Zentrum meiner Arbeiten, dann erst kommen die Menschen und ihre Handlungen, und ganz am Ende kommt die Politik.

Das wollen manche nicht einsehen und bezeichnen mich noch über 40 Jahre danach als „68er Autor“, als dürfe, ja müsse sich einer im Leben nicht ändern. Und wenn ich dieses Etikett abweise, werde ich wie zur Strafe „verspäteter Romantiker“ genannt. An beiden Klischees ist, wie an allen, etwas dran. Ich habe in den 60er, mehr noch in den 70er Jahren in der linksradikalen Szene eine kleinere Rolle gespielt, die ich in Büchern wie Der Untergang von Heidelberg (1981), Schoppe. Ein Landroman (1989) und Amsterdam. Leidesplein (2003) auf sehr verschiedene Weise reflektiert habe. Zweifellos war die Revolte von 1968 eine mich bis heute beflügelnde Erfahrung, ein geistiger wie auch körperlicher Aufbruch, selbst wenn unsere Theorien erborgt und unsere sogenannten Analysen mehr als fragwürdig waren. Es stimmt auch, dass die romantische Poesie in ihrer subjektiven Radikalität für mich wegweisend war. Sie hat mich schon als Schüler und jungen Schauspieler in Gestalt von Novalis, Brentano, Eichendorff, Kleist und Hölderlin begeistert, wurde dann von politischen Erregungen zeitweise überlagert, ist aber wirksam geblieben. Nicht nur mein erfolgreichstes Projekt, die Literarischen Führungen durch Heidelberg, wurzelt hier. Mein ganzes Denken ist von der romantischen Vorstellung geprägt, dass allein eine Rückwendung zu den Urbildern und Mythen, in die Höhlen und Abgründe der Vorzeit hilft, die Zumutungen der Gegenwart zu ertragen. Könnten sich diese Bilder der Frühe nicht auch, dialektisch in die Zukunft katapultiert, als Splitter einer „Neuen Mythologie“ oder Fetzen einer „progressiven Universalpoesie“ im Sinn Friedrich Schlegels bewähren?

Ich bin ein autobiographischer Autor. Indem ich so unerbittlich wie möglich von mir selbst zu schreiben versuche, berichte ich zugleich von der deutschen Geschichte seit den 40er Jahren. Ich habe mich früh als Abseits­steher empfunden, ein uneheliches Kind mit Heimerfahrung, in der chaotischen Nach­kriegs­zeit aufwachsend, von manchem bedroht und gefährdet, was heute in aller Mund ist: Missbrauch, Gewalt, und ständig in Schwierigkeiten, ein miserabler Schüler und Spät­entwickler (was sich freilich, je älter ich wurde, als vorteilhaft erwies); ein Verlierer. Früh habe ich auch, da vaterlos, nach mir ähnlichen Wesen als Nothelfer gesucht und sie vor allem unter den toten Dichtern und ihren unglücklichen Helden (Tasso, Anton Reiser, Heinrich Lee) zu finden gemeint. (Erst spät entdeckte ich Adalbert Stifter.) Ich fühlte mich fremd, und es gefiel mir, mit ihnen zusammen fremd zu sein. Die lebenden Vorbilder habe ich mehr aus der Distanz bewundert; ich traute mich nicht, Geistesgrößen wie Samuel Beckett, Fritz Kortner, Karl Löwith oder Theodor W. Adorno anzusprechen.

Vielleicht auch deswegen habe ich mich früh für Rand­figuren im Literatur­betrieb interes­siert und eingesetzt, für Dichter wie Jean Paul, Karl Philipp Moritz oder Robert Walser, die viel zu Fuß unterwegs waren und es nicht leicht hatten, für Expressionisten und Emigranten, die im Westen erst um 1960 wieder­entdeckt wurden. Ich schrieb meine ersten Essays über Alfred Lichtenstein, Jakob van Hoddis und Klaus Mann, brachte Indio-Spiele von Paul Zech zur Aufführung. Im November 1963 erschien mein erster Artikel in der ZEIT über den weithin vergessenen Ernst Toller, und ich war darüber so stolz wie wohl nie wieder. Für einen Moment wähnte ich mich mit der ganzen geistigen Welt verbunden. In der Folge habe ich immer wieder Artikel für das Feuilleton und Besprechungen für den Literaturteil der ZEIT geschrieben; mit Freude denke ich an die Redakteure Rolf Michaelis und Volker Hage – eine Zusammenarbeit, die ich heute vermisse.

Über Jahre hin habe ich (im Wechsel mit Michael Braun) Gedichte von bekannten wie unbe­kannten Lyrikern in der Wochenzeitung Freitag* vorgestellt und mit Kommentaren versehen, darunter Vergessene, Untergeher oder auch solche, deren Schreiben nie jemand bemerkt hat, und ich versuchte, wenigstens einen Zipfel ihres Daseins festzuhalten. In ähnlicher Absicht habe ich schwierige Bücher besprochen, gelegentlich auch in meiner Reihe „Edition Künstler­haus“ publiziert. Seit über 30 Jahren stelle ich regelmäßig literarische Zeitschriften vor, die trotz ihrer oft hohen Qualität nur mühsam, am äußersten Rand des Literaturbetriebs überleben. Seit ein, zwei Jahren finde ich keine Zeitung mehr, die meine Kolumnen druckt. Doch welche Kenntnisse verdanke ich gerade ihnen!

„Am Rand“ scheint die mir und meinen Figuren gemäße Position zu sein (lauter Waldgänger, Schattenhunde, Heimatsucher), hier habe ich mich eingerichtet als Dichter wie als Stadtforscher und –führer, gegen die fortschreitende Zerstörung von Tradition und Heimat, wenn auch vergeb­lich, anschreibend, erlebte Geschichte, deutsche Sprache und Poesie verteidigend. Die Rolle passt zu mir, sie ist verbunden mit einem gesunden Hass auf den Opportu­nismus und die Unterhaltungsmentalität der Etablierten und poli­tisch Korrekten, die ja auf einmal alle 68er gewesen sein wollen.

Mein Buch Die Hunde von Plovdiv hat, weil ich genau hinsah, auch den Gang durch Schlamm und Schmutz nicht scheute, 1997/98 einigen Unmut erregt. Die Bulgaren, die in die Europäische Union drängten, fühlten sich von einem Fremden in ihrer Armut beobachtet und als Straßen­hunde gekränkt. Dabei habe ich mich selbst, als Bastard erkennbar, unter die streunenden Köter gemengt und die Zigeunerlager an den Rändern der Städte aufgesucht, die kein Bulgare, der etwas auf sich hält, je betritt. Und während mir dort vorgeworfen wurde, ich hätte die „verfluchten Zigeuner“ viel zu freundlich dargestellt, mußte ich mir im überkorrekten Deutschland das genaue Gegenteil anhören.

Auch der Preisstifter Ben Witter hat in meinen Augen etwas von einem Straßen­köter und Streuner, was uns verbindet; ein Chronist, den Schrecken der Nachkriegs­zeit zugewandt, auch den kleinen Leuten nahe, ein Fuß-, Grenz- und Rand­gänger, freilich von älterer, Hamburger Art. Ein melan­cho­lischer Alltags­poet; ein Miniaturist, dessen Andenken wir fest­halten sollten. Seine Spaziergänge mit Prominenten habe ich bei ihrem Erscheinen in der ZEIT gelesen und nun erneut mit anderem Blick. Rund 40 Jahre liegen dazwischen. Nicht alle Texte sind gleich ergiebig. Ich habe den Eindruck, dass ihm die Gespräche mit Figuren aus dem Kultur- und Unter­haltungs­gewerbe am besten gelungen sind, mit Ruth Leuwerik, Max Schmeling, Karl-Heinz Koepcke, Elisabeth Flicken­schildt, Erik Ode. Ben Witter interes­sieren, wie jeden guten Schrift­steller, die Einzelheiten, die Augenblicke, die schein­baren Nebensachen, bei Willy Brandt etwa „der gequetschte Ton in seiner Stimme“, bei Alexander Mitscher­lich, dass er ohne Pause „wie ein Schauspieler“ redet. Ruth Leuwerik „sitzt einfach nicht bequem“, und zu Rudolf Augstein sagt Witter unvermittelt: „Jens müssten Sie heißen“ oder auch: „In diesem Anzug wirken Sie größer.“ Das Poli­tische spielt in diesen Gesprächen, die ja unter dem Eindruck von 1968 geführt wurden, kaum eine Rolle, was seltsam ist. Wichtiger als jede Kritik erscheint das Ritual des gemeinsamen Rauchens. Und obwohl Witter oft irri­tierend ins Leere, scheinbar Abwegige hinein fragt, erfährt man immer etwas Eigen­artiges und Atmosphäri­sches über die betref­fende Person. Seine Lakonik ist mir fremd, wenn ich an meine eigenen Gesprächs­strate­gien denke, doch er pflegte einen ganz besonderen Fragestil, mit dem er seine Gäste verblüffte und zu unkon­trollierten Bekenn­tnissen verleitete. So gesteht ihm der legendäre „Kommissar“ Erik Ode, eine Fernseh-Vaterfigur, er sei „so kontaktarm.“

Hier war öfter vom Rand als dem eigentlichen Ort der Kunst und der Künstler die Rede. Am Rand heißt auch ein Gedicht aus meinem Band Lichtaxt, mit dem ich schließen möchte. Ich habe es vor wenigen Jahren zu einem Bild des Photographen Robert Häusser geschrieben. Die späte Begegnung mit Häussers Schwarz-weiß-Photos – leere einsame Landschaften – hat mich tief beeindruckt. „Mein“ Photo ist 1957 entstanden, es zeigt eine Trümmerlandschaft am Rand von Mannheim, links eine Wellblechhütte, im Hintergrund, jenseits des Rheins, eine Fabrikanlage. Diese Endzeit-Gegend durchquert ein vor Nässe glänzender Weg, in dessen Mitte eine Gestalt in einem Sessel sitzt, mit dem Rücken zum Betrachter. Wer mag das sein? Ein Landstreicher vielleicht, der in dieser Wüste Unterschlupf sucht, eine Bierflasche in der Hand… Es könnte auch der Photokünstler selbst sein, oder ein Dichter, in die Betrachtung der Geröllhalde mit dem leuchtenden Pfad versunken, und die Bierflasche wäre dann ein Photoapparat oder ein Notizbuch.
 
Am Rand 

Nur die stummen Dinge sind anziehend
diese Hütte aus Wellblech zum Beispiel
Treibsand zwischen den Trümmern der Lichtpfad
und dort von Dunst umweht die rostigen
Klippen der Fabrikgebirge
                                           So abgekehrt
ohne Gesicht im Zentrum des Bildes der
Blick hier im Sessel dem Rand zutreibend
der steigt schon als giftiger Staub ostwärts
als trunkene Rauchfahne
                                        Die Schichten
freilegen ausmessen den Knochen Sprache im
Schlamm nicht Anfang noch Ende ein kochender
Krieg… Siehst du den Strom von trägen Toten
bewohnt hörst du das Anschwellen der Flut
unter den Kieseln
                             das Kreiseln und Gurgeln
des glitzernden Wegs das Stöhnen verstrahlter
Wälder im Erdbauch Wolfslaute Spuren von
Salz an den Rändern…
                                    Wo kamst du her aus
welchem verschatteten Fluchtloch mit deinem
Werkzeug Passant welcher Geschichte?

 


* Als Buch erschienen: Der gelbe Akobat poetenladen 2010
Michael Buselmeier   Dezember 2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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