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Februar 2010
 
Zeitschriftenlese  –  Februar 2010
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Zeitschriftenlese Friedrich Schillers Monatsschrift Die Horen stellte an Mitarbeiter wie Leser die allerhöchsten literarischen und philo­sophi­schen Ansprüche und konnte sich vermut­lich deshalb nur drei knappe Jahre, von 1795 bis 1797 behaupten, obwohl der große Cotta Verlag hinter ihr stand. Die 1955 in Hannover begründete Vierteljahrsschrift die horen beendete gerade den 54. Jahrgang. Auf Schillers Zeitschrift bezieht sie sich nicht nur im Titel. Ihre Themenhefte zu europäischen und außer­europä­ischen Litera­turen, mehr noch ihre der deutschen Dichtung und den zu Unrecht verges­senen Schrift­stellern gewid­meten Bände sind kenntnisreich und spannend zusammengestellt, einschließlich des umfangreichen Rezensions­teils.
Die jüngste Ausgabe enthält ein Dossier zum 250. Geburtstag des Namens­gebers, darunter persönlich gefasste Beiträge von Schrift­stellern, Erin­nerungen an frühe Gedicht­lektüren von Andrea Heuser, Ulla Hahn, Norbert Hummelt und Martin Lüdke, die Schiller ihre Achtung bezeugen, wo es doch zeitweise üblich war, sich ironisch über ihn zu erheben. Im einlei­tenden Essay rekapituliert die Journalistin Evelyn Finger Phasen und Verwer­fun­gen der Schiller-Verehrung durch zweieinhalb Jahr­hunderte. Zwar habe Schiller das Lächerliche des bildungs­bürger­lichen Gedenkens früh empfunden, doch aus Eitelkeit nach öffentlicher Anerken­nung „gegiert“. Als erster deutscher Dichter sei er zur „vater­ländischen Identi­fikations­figur“ ernannt worden. Mit den von Massen­umzügen begleiteten Schiller­festen des Jahres 1859 erreichte die Popu­larität seiner Texte ihren Höhepunkt. Schließlich sei Schiller zum „Kronzeugen des National­sozia­lismus“ und zum „Tornisterheiligen des totalen Kriegs“ avanciert.
So flott und gleichsam unschuldig formu­liert, klingt es fast so, als sei der klassische Dichter selbst dafür verant­wortlich zu machen, dass sein national­stolzes Pathos von den Nazis aufgegriffen wurde; als habe er das so gewollt oder zumindest in Kauf genommen. Wenn Evelyn Finger dann auch noch den tief­gründigen Germanis­ten und Stefan George-Jünger Max Kommerell als „rechts­konservativen Demagogen“ abstempelt, merkt man, wie wenig Gespür sie für die Widersprüche der Geschichte besitzt.
Klar, dass Schiller auch in der DDR staats­tragend vereinnahmt wurde. Und heute? Herrscht Unbehagen gegenüber Schillers pathe­tischem Werk oder nicht eher Gleichgültigkeit, Desinteresse? Jedenfalls kann ich Fingers Behauptung, man ergehe sich auch heute noch „in Schillerzitaten“, nicht nachvollziehen. Man ignoriert sein Werk wie seine Denkmäler, gerade auch in der Schule, wo kaum jemand noch Die Glocke oder Die Bürgschaft auswendig lernt. Nur das so genannte Regietheater macht sich gelegentlich noch über Schiller her, wie es ähnlich schon Erwin Piscator 1926 mit den Räubern tat, als er – aus der Position des Moskau treuen Kommunisten – den jüdischen Verräter Spiegelberg infamer Weise in die Maske Trotzkis steckte.
Ein weiteres horen-Dossier ist dem im August 2009 gestorbenen Dichter Adolf Endler gewidmet. In ihrem rühmenden Nachruf weist Sibylle Cramer auf die „spielerische Anarchie“ seiner Verse, ihren boshaften Humor hin. Als Sohn eines deutsch-böhmischen Vaters und einer belgischen Mutter 1930 in Düsseldorf geboren, siedelte der begeisterte Jung­kommunist 1955 in die DDR über, wo er am Johannes R. Becher-Institut in Leipzig studierte. Wenige Jahre später erlebte er den Einsturz seiner politischen und ästhetischen Gewissheiten und richtete fortan Spottverse gegen den SED-Staat, die Fortschrittsideologie und die Parteisprache.
In einem langen Gespräch, das Jürgen Verdofsky im Oktober 2007 mit Adolf Endler führte, ist von frühen „SED-Gesängen“ und „Agitprop-Gedichten“ die Rede. Er sei immer sehr unglücklich gewesen und habe das Leben als Hölle empfunden, auch zu der Zeit, als er „Hurra-Gesänge“ schrieb. Er habe von Nachdichtungen und Kinderstücken gelebt und sei immer skeptischer und staatsferner geworden. Er habe ein „schwarz-humoriges Verhält­nis“ zum Leben entwickelt, sich in Gedichten und Prosasplittern „alles von der Seele geschrieben“ und seine Biografie aufgearbeitet. Anders als etwas Christa Wolf habe er eine Grenze, eine rote Linie überschritten und ähnlich wie Wolfgang Hilbig Texte geschrieben, die sich in der DDR nicht mehr veröffentlichen ließen.
In der Februar­ausgabe des Intellektuellen-Organs Merkur kann man etwas über eine Carl Schmitt-Renaissance lesen, die seit über einem Jahrzehnt in Gang sein soll – und vielleicht noch etwas länger. Denn die radikale Linke bediente sich bereits in den 70er Jahren der Theorien des rechten Ideologen und scharfsinnigen Ideologiekritikers, um mit dem verhassten Liberalis­mus abzurechnen. Karl Heinz Bohrer denkt Ulrich Raulffs Erfolgsbuch über Stefan Georges Nachleben weiter. Er referiert also nicht brav den Inhalt des Buches, wie mindere Rezensenten das tun, sondern präpariert zwei, drei Aspekte heraus, die ihm weiterführend erscheinen, etwa den reformpädagogischen Impuls Georges, der noch nach dem Zweiten Weltkrieg in Gestalt von Hellmut Becker und Georg Picht eminent wirksam war.
Ungewohnt im Merkur hingegen die das Heft eröff­nenden Tage­buch-Notizen des Frank­furter Soziologen Karl Otto Hondrich aus dem Jahr 1996, sensible Beobachtungen und Reflexionen über zwei Haustiere: „Der Mensch schaut auf sein Tier. Es rührt ihn, wie gut er es kennt und wie ähnlich es ihm ist.“ Mit Charly, dem Hund, teilt der Autor sein „Mannsein“, und er versteht die „Geschlechter­span­nung“, die ihn zur weißen Hündin auf und davon galop­pieren lässt. Tiger, die Katze, ist krank, sie hat einen Tumor im Hals. Ihr Zustand verschlimmert sich so sehr, dass Hondrich, nach mehreren Arztbesuchen, das Tier töten lassen muss. Ein bewegender Abschied: „Ich berührte seine Stirn mit meiner Stirn.“ Er schildert detailliert das Sterben, beweint den Verlust wie den eines nahen Menschen, untersucht Tigers Beziehung zu ihm und seine zu Tiger: „Indem ich an Tigers Sterben teilnehme, nehme ich einen Teil meines eigenen Sterbens vorweg.“ Und er erinnert sich an Momente der Nähe auf dem Sofa, auf dem Schreibtisch: „Oft sind wir mit einem Tier länger und öfter zärtlich als mit einem Menschen.“
Woher kommt das anhaltend große Interesse an Stefan George und seinem Kreis, das sich nicht zuletzt im Erfolg der monumentalen Bücher von Thomas Karlauf über George (2007) und Ulrich Raulff über Georges Nachleben (2009) dokumentiert? Sollte es gerade das heute so Fremd­artige und fast Verbotene, weil Elitäre und Feudalistische sein, die Strenge von „Herrschaft und Dienst“, der Geheimbund, der so anziehend wirkt? Genauer: der Dichter, der ein Täter sein wollte, und der Täter, dem das Wort des Dichters höchste Autorität war?
Hier ist von Claus von Stauf­fen­berg die Rede, dem Hitler-Atten­täter, der mit seinem älteren Bruder Berthold 1923, als 15jähriger, in den Kreis des Meisters eintrat, was dort als eine wundersame Fügung verstanden wurde. Schon der Name Stauf­fen­berg klang in Georges Ohren wie eine Verheißung, als wären die machtvollen Staufer wieder­gekehrt..
Im jüngsten Heft von Sinn und Form räsoniert Thomas Karlauf über Claus von Stauf­fen­berg und dessen Verhältnis zu George und muss sich dabei zunächst mit politisch korrekten Historikern wie Richard Evans aus­einander­setzen, die von der ganzen „Operation Walküre“ nichts halten. Ein Mann, der für die parlamen­tarische Demokratie nur Verachtung übrig hatte, sei – so Evans – als Vorbild für künftige Genera­tionen ungeeignet. Doch Karlauf kontert, dass Demokratie-Taug­lich­keit nicht der Maßstab historischen Inter­esses sein könne. Stauf­fen­berg habe aus Patrio­tismus gehandelt und nicht, um als Guter Mensch in die Geschichte einzugehen.
Alles, was die Brüder Stauf­fen­berg geschworen und als Testament hinter­lassen haben, atmet – so Karlauf – den Geist Stefan Georges. In seinem Bannkreis haben sie das Attentat auf Hitler, der ihre hehren Ideale verraten hatte, geplant und durchgeführt. So wirkte die Welt des Neuen Reichs, das von dem „Dritten Reich“ anfangs gar nicht so weit entfernt war, neben der Familien­tradi­tion und dem Soldatentum als „Tathintergrund“, als Antrieb und geistige Disposition. Für George hing das Schicksal des Abendlands von seinem Jüngerkreis, dem „Geheimen Deutsch­land“ ab. Die Jünglinge sollten sich für den „Tag der Bewäh­rung“ bereithalten. Stauf­fen­berg hatte nach Ansicht Karlaufs die Normen und Werte Georges voll­kommen verinnerlicht, nämlich „das Ethos der Tat um ihrer selbst willen.“ „Ihr sollt den dolch im lorbeerstrauße tragen“, forderte der Meister.
Der Dichter Jean Paul, einst berühmt durch Groß­romane wie Siebenkäs. Titan, Flegeljahre, war ein Sprach­beses­sener mit einem heute befrem­den­den, schwer zugäng­lichen Werk, das sich durch abschwei­fende Satz­gebärden und grandiose Metaphern, durch kosmische Bilder und Träume aus­zeichnet. Lyrisch erhabene und lapidar witzige Passagen stehen schroff neben­einander. Die Titanen fliegen himmel­hoch auf, nur um abzustürzen, andere Seelen haften schul- und klein­meister­lich am Boden. Auf Schiller wirkte Jean Paul fremd wie einer, „der aus dem Mond gefallen ist.“
Dass aus­gerechnet Bella triste, die erfolg­reiche Zeit­schrift für junge Literatur aus Hildesheim, Jean Pauls Romanen einen umsich­tigen Beitrag widmet, ist erstaunlich. Navid Kermani, ein habili­tierter Orien­talist, der als freier Schrift­steller in Köln lebt, bemüht sich, den Reichtum einer Literatur einzufangen, der nicht nur sprachlich „mehr Möglich­keiten zur Verfügung stehen, Wirklich­keit zu erfassen“, als bei­spiels­weise heute geschrie­benen Texten: „Wo ich in anderen Büchern auf eine Leinwand starre, die meinen Blick beengt, stehe ich bei Jean Paul auf einer weiten Ebene, auf der ringsum alles Mögliche verstreut liegt, das Höchste und das Niederste, Welt­gedanken und All­tags­beobach­tungen.“ Tatsächlich quellen Romane wie Quintus Fixlein oder Flegeljahre über von Einfällen; ein Hand­lungs­gestrüpp, das den Verdacht nährt, „dass Jean Paul gerade der Ehrgeiz getrieben haben könnte, Übersicht unmöglich zu machen.“ Seine Bücher bestehen „nicht nur aus Abschwei­fungen, sondern der Erklärung, aus Abschwei­fungen zu bestehen.“ Das meint, der Erzähler neigt dazu, das eigene Erzählen zu kommentieren. Er folgt jedenfalls nicht dem gängigen Illusions­modell, das auf Identi­fikation und Span­nung baut. So gleicht jedes seiner Bücher einer „Ruine“.

die horen: Nr. 236, 2009   externer Link
Johann P. Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven, 14,- €

Merkur: Heft 2, Februar 2010  externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin, 12 €

Sinn und Form: : Heft 1, 2010   externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin, 9,- €

Bella triste: : Nr. 23, 2009   externer Link
Moltkestraße 64, 31135 Hildesheim, 5,- €

Michael Buselmeier    17.02.2010    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Februar 2010

Michael Buselmeier
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