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Januar 2012
Zeitschriftenlese  –  September 2011
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Friedrich Schillers berühmte Horen, ein Vorbild für alle künftigen, literarisch-philo­sophisch ambi­tionierten Zeitschriften, kamen nur knapp drei Jahre lang heraus (von 1795 bis 1798). Dagegen erscheinen die 1955 von Kurt Morawietz in Hannover begründeten horen mittlerweile im 56. Jahrgang, offen für die gesamte deutsche Literatur und ihre Kritik, aber auch für die übrigen Literaturen der Welt, die zweimal pro Jahr in umfangreichen Themenbänden vorgestellt werden mit der Absicht, die Neugier avancierter Leser auch auf das Fremde und Randständige zu lenken.
  Doch nun steht eine nicht ganz unwichtige Veränderung bevor: Nach mehr als 160 von ihm verantworteten horen-Bänden tritt der in Bremerhaven lebende Lyriker Johann P. Tammen als Herausgeber zurück. Ab Frühjahr 2012 wird die Zeitschrift im Göttinger Wallstein Verlag erscheinen und von dem 1959 in Leipzig geborenen Jürgen Krätzer herausgegeben werden. Man erwartet von ihm, dass er die Tradition der horen fortsetzt.
  Die letzte Ausgabe unter Tammens Regie beginnt mit einer Verbeugung vor dem neuen Nobel­preis­träger Tomas Tranströmer. Als ihn der Berliner Lyriker Richard Pietraß im Sommer 2011 in Stock­holm aufsuchte, war vom Nobel­preis noch nicht die Rede. Pietraß wollte dem großen schwe­dischen Kollegen, der nach einem Schlag­anfall seit mehr als 20 Jahren halb­seitig gelähmt ist und nicht mehr sprechen kann, frühere Begeg­nungen erinnernd, nach­träglich zum 80. Geburts­tag gratu­lieren. Er schildert seine Visite in Stockholm und auf Runmarö im Sommer­haus des Groß­vaters von Tranströmer und fügt einige persön­liche Fotos bei. Pietraß verweist auch schon auf den Nobel­preis, dem Tranströmer mit „seiner wurzel­tiefen, bild­kühnen wie rätsel­reichen Dichtung“ und „seinem tapferen, die leibliche Malaise täglich besie­genden Leben“ zur Ehre gereichen würde.
  Ebenfalls in den horen ein Porträt des „Langstrecken­schreibers und poeti­schen Mystikers“ Günter Herburger, der im kommenden April 80 Jahre alt wird. Aus Isny im Allgäu stam­mend, ist er früh nach Paris ausgewichen, hat lange in München gelebt und wohnt nun in Berlin. Michael Braun lässt Herburgers asso­ziativ aus­schweifende Gedichte, seine drei fabelhaften Birne-Kinderbücher aus der antiautoritären Zeit und sein episches Großprojekt, die Thuja-Trilogie, Revue passieren. In den frühen 80er Jahren kam bei Herburger eine Passion für den Extremlauf als unablässige Flucht­bewegung vor dem Wahn­system Realität hinzu, als eine Art Therapie zur Ver­treibung psychi­scher Verfins­terungen. So hat der Dichter, nach zahlreichen Marathons, sogar den Montblanc um­kreist und die Wüste Mauretaniens durch­messen. Seine Erfah­rungen hat er in drei hoch­poetischen Laufbüchern fest­gehalten. „Ich war immer als Schrift­steller unterwegs, nicht als Karriereläufer. Ich fotografierte auch dabei“, erklärt er im horen-Gespräch mit Herbert Wiesner.
  Zu erwähnen wären noch seine Text-Foto-Bücher oder Mikro­romane Das Glück (1994), Die Liebe (1996) und Der Tod (2006), mit denen Herburger auratische Moment­aufnahmen gelingen. Die Wirklich­keit, sagt dieser Ver­treter eines magischen Realismus, „wollte ich immer verändern, mir zur Hoffnung. Also ich wollte schreiben, wie die Welt aussehen könnte.“
  Im Mittelpunkt der aktuel­len Ausgabe der Neuen Rundschau stehen Autoren der Beat-Generation wie Lawrence Ferlin­ghetti und Charles Bukowski, auch etwas Jüngere wie Sam Shepard und Raymond Carver. Sie alle hatten hierzu­lande in den 60er und 70er Jahren Ein­fluss auf die ent­stehende Under­ground-Literatur, wurden aber in der Folge wenig beachtet. Der 1938 geborene und schon 1988 an Lun­gen­krebs gestorbene Carver, der mit Short Stories berühmt wurde, ist in der Neuen Rundschau mit späten erzäh­lenden Gedichten und lakonisch den Dingen zuge­wandten Alltags­versen wie den fol­genden ver­treten: „Mach was aus allem, das dich umgibt. / Dem sanften Regen / Draußen vorm Fenster, um damit anzufangen. / Der Zigarette zwischen meinen Fingern, / Den Füßen auf der Couch. / Dem leisen Sound von Rock-and-Roll, / Dem roten Ferrari in meinem Kopf. / Der Frau, die betrunken / In der Küche rumpoltert… / Mix alles zusammen, / Mach was draus.“
  Anrührend auch die Geschichte, in der Carver erzählt, wie er als 18jähriger Bo­ten­junge bei einem älteren Herrn etwas ablie­fern sollte und dabei zur Lyrik fand. Dort lag nämlich auf einem Tisch die Zeit­schrift Poetry, und der Mann sagte, als er sein Interes­se bemerk­te, er könne die Schrift ruhig mit­nehmen („Vielleicht schreibst du eines Tages selbst etwas…“), was der junge Carver auch tat mit dem Gefühl, sein Leben sei gerade dabei, sich „auf groß­artige Weise zu verändern.“
  In einem längeren Gedicht schildert Carver sehr distan­ziert eine Lesung von Bukowski an der University of California um 1973. Wie es seine Art war, soff Bukowski Bier und Gin, schnitt schamlos auf und belei­digte die anwe­senden Dozenten und Studenten: „Es ist nur ein echter Dichter hier im Raum heute abend / und das bin ich.“ An dieselbe Lesung erin­nert sich auch Morton Marcus. Carver musste als Dozent Bukowski betreuen und wurde von ihm rüde gekränkt. Er habe Carvers Bedeutung überhaupt nicht erkannt, ihn vielmehr für einen kleinen Beamten gehalten, der Lyrik lehrt, aber nichts zu sagen hat.
  Auch Bukowskis eigene Texte wirken heute, mit wenigen Ausnahmen, ziemlich angeberhaft und redundant. Von poetischer wie intel­lektuel­ler Kraft, vom rebel­lischen Geist ein­fachster Sätze zeugt hingegen ein Manifest des 1919 geborenen Lawrence Ferlinghetti, der als „Vater der Beat-Gene­ration“ gilt, enger Freund und Verleger Allen Ginsbergs: „Wenn du ein Dichter bist, dann erfinde eine Sprache, die jeder verstehen kann.“
  Winfried Georg Sebald steht gegenwärtig – wieder einmal – im Fokus der Auf­merk­samkeit meh­rerer Zeit­schriften (Volltext, Neue Rundschau, Akzente, Kritische Ausgabe). Ein Grund ist der 10. Todestag des im Dezember 2001 bei einem Verkehrsunfall Umge­kommenen, der heute besonders im englisch­sprachigen Raum als einer der größten deut­schen Schrift­steller des 20. Jahrhunderts gilt. Auch in einem Redaktions­gespräch der Neuen Rundschau mit James Wood und Gregor Dotzauer über die „Kunst des Erzäh­lens“ spielt Sebald die Haupt­rolle als ein Autor von Romanen, an deren Ende man nicht das Gefühl hat, „jemanden kennen­gelernt zu haben.“ Im Gegenteil lassen Sebalds Figuren uns mit einem Rätsel zurück. Auch viele der Fotos, der er in seine Bücher eingefügt hat, haben – so James Wood – nichts mit den dargestellten Per­sonen oder Orten zu tun, sie sind fiktiv. Im Gespräch wird dieses Verfah­ren einer lite­rarischen Moderne zuge­schrie­ben, die zusammen mit der psycho­logischen Figu­ren­zeich­nung erkenn­bare Charaktere, wie sie noch bei Balzac oder Fontane üblich waren, abgeschafft hat und sich eher an Autoren wie Robbe-Grillet orientiert.
  Der junge britische Schriftsteller Luke Williams besuchte an der Universität in Norwich Sebalds letzte Schreibkurse und berichtet darüber anhand von Tage­buch­notizen aus dem Winter 2001. Sebald habe alle vor­gelegten Texte einer strengen Sprachkritik unterzogen. Eine Geschichte des viel­gepriesenen Ingo Schulze habe er als „plump, kunst­los, unprä­zise“ zerris­sen. Auch beim späten Günter Grass habe er „Schludrig­keiten“ ausgemacht. Gerade bei der Dar­stellung schreck­licher Ereignisse müsse man sich „ganz genau an die Tatsachen halten“, zugleich aber den „flachen, realistischen Stil“ vermeiden. Einmal gab er seinen Studenten den Rat: „Ich kann Sie nur ermutigen, soviel wie möglich zu stehlen. Niemand wird es merken.“ Knapp zwei Wochen nach Williams' letztem Tage­buch­eintrag starb Sebald.
  Im Dezember­heft der Akzente finden sich auf 25 Seiten Gedichte aus Sebalds Nachlass. Der 1944 im Allgäu Geborene hat Zeit seines Le­bens Gedichte ge­schrie­ben, aber nur einen Teil davon selbst ver­öffent­licht. Von den nun in den Akzen­ten zu lesenden Texten – teils epi­gramm-nahe Kurz­gedichte, teils längere Erzähl­formen – stammen die frühesten aus den 60er Jahren, die letzten aus den späten 90ern. Man ent­deckt dunkle Rätselsprüche, surreal anmutende Szenen, fixierte Augen­blicke und poetische Reise­notizen.
  Verena Lenzen analysiert mit wissen­schaft­lichem Scharf­blick Sebalds ge­heimnis­vol­le Wort-Bild-Welten, am Beispiel seines letzten Romans Austerlitz. Die Schwarz-weiß-Fotos, befindet sie, spiegeln Sebalds „Erin­nerungs­poetik“ wider. Nie doku­men­tieren sie „die Wirk­lich­keit im Sinne eines naiven Beweis­stücks.“ Sie sind vielmehr „der Antrieb zum Erzählen“ und ein „unge­heurer Appell.“ Gerade in ihrer Unschärfe bedeuten sie ein Territorium, „das zwischen dem Tod und dem Leben liegt.“
  Auf Sebalds „Eigensinn“ weist einmal mehr sein ihm gegen­über erstaun­lich kriti­scher Schüler Uwe Schütte hin (er hat das schon in der letzten Ausgabe von Volltext getan). Sebald habe nicht nur Lobes­hymnen in aller Welt geerntet, sondern auch Feind­schaf­ten auf sich gezogen, vor allem durch seine litera­tur­kri­tischen Schriften, seine oft als unwis­sen­schaft­lich angesehenen, mit mora­lischem Rigo­rismus geführ­ten Attacken auf Autoren vor­nehmlich deutsch-jüdischer Herkunft wie Carl Sternheim, Alfred Döblin, Jurek Becker und besonders Alfred Andersch.
  Im jüngsten Heft von Lettre International ist ein Gespräch von Frank M. Raddatz mit dem im ver­gan­genen Oktober gestorbenen Medien­philo­sophen Friedrich Kittler über die „Metamorphosen der Liebe“ zu entdecken. Hatte sich Kittler früher aus­giebig mit der Tech­nologie des Krieges beschäftigt, so wurde die Liebe als trei­bendes Motiv der Verwand­lung zu seinem späten Thema, beginnend mit Homer, Aischylos, der Sappho und der Göttin Aphrodite, wie sie in deren Dicht­ungen als Liebende auftritt. Die Liebe zwischen den Göttern übt laut Kittler eine Art Ansteckung aus: „Wir Menschen wollen sie nach­machen.“ Die Idee, dass Liebe „Nach­ahmung der Götter“ ist, sei uns von der archaischen Dichtung der Griechen geschenkt worden.
  Kittler geht davon aus, dass in der Geschichte der Liebe immer wieder „die Grundmotive der anfänglichen griechi­schen Kultur“ aufgerufen werden, freilich in verwandel­ter Gestalt, so im hohen Mittel­alter mit Tristan und Isolde, im 18. Jahrhundert mit Goethes Werther, bei Richard Wagner im Ring des Nibelungen, schließlich bei Ingeborg Bachmann… Nur zu den monotheistischen Religionen passe die Liebe nicht recht.


die horen: Nr. 244, 2011  externer Link
(Postfach 10 11 10, 27511 Bremerhaven), 328 S., 18,- €

Neue Rundschau : Heft 4, 2011   externer Link
(Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main), 256 S., 12,- €

Akzente: Heft 6, Dezember 2011   externer Link
(Postfach 860420, 81631 München), 7,90 €

Lettre International: Nr. 95, Winter 2011   externer Link  
(Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin), 11,- €.

Michael Buselmeier   18.01.2012     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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