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Januar 2013
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Seit mehr als 30 Jahren berichte ich regelmäßig über literarische Zeitschriften, aber es ist nicht zu übersehen, dass ich zu den letzten Mohikanern zähle. Noch in den 80ern gab es in fast allen Rund­funk­anstalten sowie in den großen Tages­zeitungen eine Zeit­schriften­schau; Helmut Heißenbüttel machte sie in der Frank­furter Rund­schau, Ivo Frenzel in der Süd­deutschen Zeitung, Josef Quack in der FAZ, sie galt als unver­zichtbar – nun hat man sie auch in der FAZ abge­schafft. Das ist kurz­sichtig, denn die Qua­lität der lite­rarischen Journale ist nach wie vor hoch, ihre Lektüre hilf­reich beim lebens­langen Lernen. Mich jeden­falls haben diese Zeit­schrif­ten wach und stets auf dem Lau­fenden gehal­ten. Sie bewahren etwas vom Geist der Poesie, sind insofern Archive der Zukunft.
  Naturgemäß lassen sich nicht alle Zeitschriften adäquat darstellen; so fallen philo­sophische und sozio­logische Beiträge häufig raus. Das Literatur­blatt für Baden-Württemberg bringt neben Tipps und Terminen kür­zere Essays, die für jeden ver­ständ­lich geschrieben sind. Im jüngs­ten Heft erin­nert Doris Reimer an die Kinder- und Haus-Märchen der Brüder Grimm, die vor 200 Jahren, pünktlich zu Weih­nachten, zum ersten Mal erschienen sind. In den fol­genden Auflagen hat beson­ders Wilhelm Grimm Verän­derungen vor­genom­men, er hat die strup­pigen Volks­märchen Schritt um Schritt, wie es heißt, „gereinigt, gekämmt und aus­staffiert“ und so zum Welter­folg getrimmt.
  Was die Beiträger angeht, so haben die Grimms, ähnlich wie Arnim und Brentano im Fall der Lieder­sammlung Des Knaben Wunder­horn, die Namen ihrer rund 40 Helfer bis auf drei ver­schwiegen. Mehr als ein Drittel aller Märchen verdankt die Grimmsche Sammlung Adolf von Haxthausen. Wichtige Beiträge­rin­nen wie Marie Hassen­pflug und Dorothea Vieh­mann waren keines­wegs „ächt hessische Bäue­rinnen“, sondern gebildete junge Frauen aus dem Bürgertum.
  Das Literatur­blatt erinnert ferner an Hermann Lenz, der vor hundert Jahren, am 26. Februar 1913 in Stutt­gart geboren wurde, ein später Roman­tiker, stiller Wan­de­rer, Ver­ehrer Stif­ters und Mörikes. Lenz hat den größten Teil seines Lebens, kaum be- und wenig ge-achtet, in Stutt­gart zuge­bracht. Bis 1971 war er Sekretär des Süd­deut­schen Schrift­stel­ler-Verbands, dann verlor er sein Pöstchen, weil er den linken Mit­glie­dern „unzeit­gemäß“ erschien, eine Krän­kung, über die Lenz in seinem Roman Seltsamer Abschied berichtet. Doch zwei Jahre später hat ihm ein Arti­kel in der Süd­deut­schen Zeitung über Nacht den Weg in die lite­rarische Öffent­lich­keit und zum Suhrkamp Verlag gebahnt: Peter Handke pries die Prosa des Sechzigjährigen, die „in Versun­ken­heit und Erinnerung“ entstehe.
  Die österreichische Zeitschrift Literatur und Kritik erinnert an den Wiener Volksschauspieler, Sänger und ironisch-sati­rischen Dramens­chreiber Johann Nes­troy, der im Jahr 1862, also vor 150 Jahren gestor­ben ist. Zu diesem Jubi­läum sind zwei neue Bio­graphien er­schie­nen, die sich, so Reinhard Urbach, darauf be­schrän­ken, die Fakten des Lebens­laufs zu addieren, Sozial- und Geis­tes­geschich­te aber außen vor lassen. Nes­troy hing, passend zur dunk­len Seite des Bieder­meier, einem souve­ränen Pessi­mismus an, er sah den Menschen „sich auf schiefer Bahn ab­wärts bewegen.“ Von seinen mehr als 80 „Possen mit Gesang“ sind einige leben­dig geblieben, sprach­wit­zige Stücke wie Lum­pazi­vagabundus, Der Talisman oder Einen Jux will er sich machen (auch wenn sie kaum noch aufgeführt werden).
  Die engeren Mitarbeiter der Grazer Zeitschrift manuskripte, Freunde von Alfred Kolleritsch, der das Blatt seit 52 Jahren heraus­gibt, widmen einander schon immer Elogen und feiern sich wechsel­seitig aus Anlass ihrer jeweiligen Jubel­tage, wogegen nichts einzu­wenden ist. Diesmal gratu­liert die Redak­tion Peter Handke und Klaus Hoffer zu ihrem 70. Geburts­tag. Beide zählen von Anfang an zu den prägenden Autoren der manuskripte.
  Vor zehn Jahren wurde Peter Handke zum 60. Geburtstag ein ganzes Heft (Nr. 158) mit über 40 Beiträgern gewidmet; diesmal steht der weniger bekannte Klaus Hoffer im Mittelpunkt. Er hat über Kafka promoviert, war lange in seiner Geburts­stadt Graz als Lehrer tätig und hat ver­gleichs­weise wenig ver­öffent­licht. Im Zen­trum seines Werks steht die zwei­teilige Erzäh­lung Bei den Bieresch, die 1979 bzw. 1983 erschien und in einer mytho-poeti­schen Sprach­welt spielt. Gepriesen wird Hoffer auch als Übersetzer von Joseph Conrad, Raymond Carver und Nadine Gordimer.
  Zu lesen sind vor allem Freundestexte, persönliche Schilderungen, wie der oder jener im Jahr 1962 mit Klaus Hoffer um den Grazer See spazierte oder bei ihm zu Hause einen Rehrücken ver­speiste; lauter „Kenner und Genießer“, die im Forum Stadt­park zu Graz beisammensaßen, eine Stadt „voller expe­rimentie­render Dichter“, so der Schweizer Gast Dieter Bachmann mit Bewun­derung. Es folgt eine Freundes­rede von Urs Widmer zu Hoffers Geburts­tag, aus der man Erhellendes über Kafkas Schloss und dessen Bezüge zu den beiden Bieresch-Romanen erfährt. Außerdem Fotos und Briefe von Ver­trauten wie Elias Canetti, Paul Nizon und Peter Handke.
  Die Beiträge zu Handke beginnen mit Anne Webers Rätselfragen, die alle auf den berühmten Jubilar zulaufen: „Wäre er ein Säugetier, so wäre er ein Igel. Wäre er eine Frucht, ebenfalls (Kastanie).“ Helmut Moysich beschäftigt sich mit Handkes jüngstem Buch Versuch über den Stillen Ort und arbeitet heraus, wie ein­dring­lich der Dichter einmal mehr „vom lebensstärkenden Zauber noch der unschein­bars­ten Dinge“ zu zeugen vermag.
  Der aus dem Kärntner Dorf Griffen stammende Handke ist einer, dem es dort beinahe die Sprache verschlagen hätte. Gerade deshalb ist er ein Dichter geworden, der es mit der Sprache bitter ernst nimmt. Auch Josef Winkler kommt aus so einem winzigen Kärntner Berg­dorf namens Kame­ring, wo er eine leid­volle Kindheit in Armut, Gewalt und Verlogenheit verbrachte. Zugleich aber war es für ihn, wie er nun in den horen, im Gespräch mit Adelbert Reif bekennt, „ein Luxus, in einer so bild­inten­siven Umgebung aufzu­wachsen.“ Die Rituale der katholischen Kirche seien „eine unerschöpf­liche Quelle“ für sein Schreiben; ebenso das archaische Arbeitsleben auf einem kleinen Bauernhof in den 50er und 60er Jahren, als es noch keine Land­ma­schinen gab und alle mittun mussten. In seinen frühen Romanen, sagt Winkler und meint die Trilo­gie Menschenkind, Der Ackermann aus Kärnten und Mutter­sprache, befinde er sich „wirklich im Sumpf und am Rand der Jauchegrube dieses Dorfes. Da bin ich in der Hölle drin und schlage mit Worten um mich.“
  Nur über Stil und Form, nicht über Inhaltliches habe er, ständig lesend, den Weg zur Literatur gefunden; so habe er, der Dorfjunge, Zugang zu Jean Genet und seinen provo­zieren­den Büchern bekommen, zu Hans Henny Jahnn, zu Thomas Bernhards und Peter Handkes frühen Werken: „Für mich ist Handke der größte europäische Schrift­steller. Ich wüsste keinen, der mit solcher Viel­falt mit der Sprache umgehen könnte.“
  Ein Schriftsteller ganz anderer Art war der 2010 gestorbene Nieder­länder Harry Mulisch, ein ele­ganter, betont intel­lektuel­ler Erzähler, Autor von Welt­erfolgen wie Das Attentat (1982) und Die Entdeckung des Himmels (1992), Aspirant auf den Nobelpreis, der in seine Prosawerke immer wieder psycho­logische, theologische, vor allem philo­sophische Diskurse aufnahm. Der Zweite Weltkrieg und seine Aus­wirkungen ließen ihn nicht los.
  Die Zeitschrift Akzente druckt in ihrer Dezember-Ausgabe Harry Mulischs letzten, Fragment gebliebenen Text, an dem er in den Monaten vor seinem Tod gearbeitet hat, unter dem Titel Die Zeit selbst. Darin wird der Prota­gonist, ein nieder­ländischer Essayist, von der Zeit zum Narren gehalten. Wegen eines um 90 Grad gedrehten Reise­weckers liest er die Zeit falsch ab und verpasst so eine Fernsehdebatte mit einem dominan­ten Professor über die mehr oder weniger kurze Spanne der Gegenwart zwischen Ver­gangen­heit und Zukunft, also über das Phänomen der Zeit. Die Erzäh­lung ist geist­voll und hoch arti­fiziell, selbs­tironisch mit dem eigenen Tod spielend – ein kleines Meister­stück, selbst als Fragment.
  Mit Fragmenten wird auch das 6. Jahresheft von Sinn und Form eröffnet. Geschrieben hat sie der 1929 in Paris geborene, aus Öster­reich stam­mende, in den USA und England lehrende Kultur­kritiker George Steiner, einer der letzten Ver­teidiger des „alten Europas“ und seiner großen Geschichte. Der Text gibt vor, apho­risti­sche Frag­mente, die in leicht verkohltem Zustand auf einer Schrift­rolle im antiken Hercu­laneum ent­deckt wurden und von einem gewis­sen Epichar­nus von Agra stam­men könnten, ledig­lich zu ergänzen. Jedoch handeln Steiners luzide, philo­sophisch-pessi­mistische Re­flexionen von uns und unserer Zeit.
  Ein Aphorismus lautet: „Freundschaft Töter der Liebe.“ Steiner kommentiert: „Nichts über­trifft, eines Freundes Freund zu sein. Der Tod ist fast ein Privi­leg, wenn er einen Freund rettet. Umgekehrt ist der Verlust eines Freundes irre­parabel.“ Doch Freundschaft könne auch als Kritik der Liebe gedeutet werden, denn „Liebende sind keine Freunde.“
  „Freund Tod“ heißt ein anderer Splitter. Steiner beklagt die Lang­lebigkeit in den westlichen Gesellschaften. Das Elend des Alters werde zwar gelindert, aber es bleibe ab­sto­ßend: „Sehen und Hören lassen nach. Urin tropft. Glieder werden steif und schmerzen. Gebisse wackeln in sab­bernden, stin­kenden Mündern. Der Geist ver­dorrt.“ Steiner verlangt, dass wir „Art und Zeit unseres Todes selbst bestimmen“ können. „Stoische, epikureische Rechte auf einen selbst gewählten Tod“ sieht er zurückkehren. Erst dann werde der Tod tat­sächlich wieder, wie bei den antiken Denkern, ein Freund sein.


Literaturblatt für Baden-Württemberg : Januar / Februar 2013  externer Link
(Burgherrenstraße 95, 70469 Stuttgart), Jahresabonnement 19,80 €.

Literatur und Kritik: November 2012   externer Link
(Ernest Thun-Straße 11, 5020 Salzburg), 10,- €.

manuskripte: Nr. 198, Dezember 2012   externer Link
(Sackstraße 17, 8010 Graz), 11,70 €.

die horen: Nr. 248, 2012   externer Link
(Böttgerweg 4a, 04425 Taucha), 14,- €.

Akzente: Heft 6, Dezember 2012   externer Link
(Vilshofener Straße 10, 81679 München), 7, 90 €.

Sinn und Form: Heft 6, 2012   externer Link
(Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9,- €.

Michael Buselmeier   10.01.2013     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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