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Juli 2008
manuskripteKritische AusgabeNeue Rundschau
 
Zeitschriftenlese  –  Juli 2008
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk
Da hilft kein Lamentieren: Zeitschriften, auch die besten, werden irgendwann eingestellt, aus den unterschiedlichsten Gründen; in den meisten Fällen haben sie sich überlebt und ihren ursprünglichen Impuls eingebüßt. So auch das im Mai nach der 169. Nummer aufgegebene Kursbuch, dessen heroische Jahre zwischen 1965 und 1970 (oder sagen wir 1975) lagen, als die Zeitschrift die antiautoritären Studenten und deren dogmatische Nachfolger mit brandneuen Materialien versorgte, mit Dossiers über den Frankfurter Auschwitzprozeß, über China, Cuba, Vietnam und weitere Brennpunkte der Dritten Welt, aber auch über Themen wie „Wahn und Politik“ und sogar über die deutsche Einheit. Das von Hans Magnus Enzensberger vorzüglich redigierte Kursbuch widmete sich schon in den ersten Jahren dem „Wesen der Mathematik", konkreten Utopien, der Frauenemanzipation und der Medientheorie, der Funktion der Literatur im Spätkapitalismus, und natürlich erschienen auch viele hervorragende literarische Texte, Gedichte wie Prosa.
Bei aller Vielfalt und (relativen) Offenheit war man sich im Umfeld des frühen Kursbuchs einig im Kampf gegen den US-Imperialismus und für eine weltweite Revolution, die nur gewaltsam vorstellbar war. Peinlich im Nachhinein vor allem die uneingeschränkte Begeisterung für den Diktator Mao und die Chinesische Kulturrevolution, zumal wenn man bedenkt, daß die entscheidenden Beiträge zu diesem Thema von dem Sinologen Christian Schickel stammten, der eigentlich wissen mußte, was in China wirklich geschah, während wir Leser von den Verbrechen nichts wußten (oder nichts wissen wollten?). Insofern mutet es etwas seltsam an, wenn der sozialdemokratische Politiker und letzte Kursbuch-Herausgeber Michael Naumann nun anläßlich der Einstellung behauptet, es sei der Zeitschrift lediglich um einen „linksliberalen, kapitalismuskritischen Diskurs“ gegangen.
Auch die traditionsreiche Zeitschrift Castrum Peregrini ist im April nach dem Erscheinen des 280. Hefts eingestellt worden. 1951 von Wolfgang Frommel unter Mitwirkung von Wilhelm Fraenger in Amsterdam gegründet, suchte das sorgfältig redigierte und schön gestaltete Blatt vor allem die Erinnerung an den 1933 gestorbenen Dichterpriester Stefan George wachzuhalten. Just in dem Augenblick, wo sich – nach dem Erfolg von Thomas Karlaufs George-Biographie – erstmals ein breiteres Publikum für ihn zu interessieren beginnt, verschwindet die in seinem Geist geborene Zeitschrift aus der Öffentlichkeit. Haben die orthodoxen Stiftungsoberen den Jüngeren, die sich ein Stück weit von George entfernen und lieber kritisch als im Dauerton der Verehrung über ihn und sein Werk sprechen wollten, den Geldhahn zugedreht? War die häretische Biographie Karlaufs, der ja in den 80er Jahren selbst Castrum-Redakteur war, ein auslösendes Moment?
Die Castrum-Abonnenten waren eine durch Krieg und Emigration über viele Länder versprengte Gemeinschaft, deren Zentrum der „Menschen­fischer“ Frommel bildete. Nach dessen Tod im Jahr 1986 nahmen sich die von ihm während der deutschen Besetzung der Niederlande Versteckten, Manuel Goldschmidt und Claus Victor Bock, der Zeitschrift an. Am Ende waren Jüngere an ihre Stelle getreten, die das Überleben mit Georges Gedichten in der Amsterdamer Herengracht 401 nur noch von Erzählungen kannten. Frommel selbst beteuerte stets, seinem Meister ein einziges Mal 1923 in Heidelberg gegenübergetreten zu sein, und dieses Ereignis habe sein Leben verändert. Nach Karlaufs Untersuchungen ist Frommel jedoch George überhaupt nie begegnet und ihr Zusammentreffen nur eine Legende gewesen, die den entstehenden Freundeskreis des Castrum Peregrini direkt auf den Dichter zurückführen sollte.
Gerade seine männerbündische Zeitferne machte das Castrum für manche so attraktiv. Im jüngsten Heft der eher avantgardistisch orientierten manuskripte tituliert der Kritiker Michael Braun George als „Dichterkönig des Geheimen Deutschland", der seine Gebote „im rheinhessischen Idiom verkündete“ und den Zugang zum Heiligen kontrollierte. Weil er im Dritten Reich ideologisch instrumentalisiert worden war - manche seiner Verse forderten zum Mißbrauch geradezu auf -, fiel sein Werk nach 1945 in Ungnade. Das änderte sich in den letzten drei Jahrzehnten schrittweise. Seit dem Erscheinen von Karlaufs monumentaler Biographie im Herbst 2007 ist ein regelrechter George-Boom zu verzeichnen, an dem auch das Castrum Anteil hat.
Karlauf konzentriert sich ganz auf die Geistesgeschichte des Kreises, auf das Verhältnis des charismatischen Meisters zu seinen vielfach hörigen Jüngern. Für die ästhetischen Konzeptionen und die poetischen Leistungen seiner Helden interessiert er sich nach Michael Brauns Ansicht weniger als für ihre homoerotischen Neigungen und das von Platon übernommene Ideal der Knabenliebe.

Kritische Ausgabe nennt sich etwas steril eine Zeitschrift, die im zwölften Jahr, einmal pro Semester, am Institut für Germanistik der Universität Bonn erscheint, eine Art Fachorgan, herausgegeben und zu wesentlichen Teilen auch mit Beiträgen bestückt von Studenten; doch arbeiteten von Anfang an auch Dozenten, Journalisten und Schriftsteller mit. Vermutlich entsteht dadurch der erfreuliche Eindruck der Lesbarkeit, auch dort, wo es sich um kompliziertere wissenschaftliche Gegenstände handelt.
Das Thema der jüngsten Kritischen Ausgabe – „Abenteuer“ – wird mit einer Vielzahl von Beiträgen eingekreist. Das Wort wurde übrigens im Lauf des 12. Jahrhunderts als „aventiure“ aus dem Altfranzösischen entlehnt, zu einer Zeit, als gleich mehrere deutsche Autoren französische Artus-Romane adaptierten. So folgt auch der Parzival des Wolfram von Eschenbach um 1210 einer französischen Vorlage, freilich nur bedingt. Schon zuvor, um 1180, hatte Hartmann von Aue den Erec-Roman des Chrétien de Troyes übertragen. Beatrice Trinca und Irmgard Gephart beschreiben anschaulich die abenteuerlichen Wege dieser Helden „zwischen Gefährdung und Bewährung.“
Der deutsche Abenteuerschriftsteller schlechthin war Karl May. Ulrich von Thüna bemüht sich um eine politische Lektüre des umfangreichen Werks. Wie alle Massenautoren habe sich auch May dem Druck des Marktes gebeugt. Erst in einer späteren Phase nutzte er die Möglichkeit, eigene politische Gedanken auszudrücken, und näherte sich pazifistischen Positionen. Doch blieb der früh Gedemütigte stets ein Kind seiner Zeit mit ihren progressiven und rückschrittlichen Ansätzen und natürlich ein Gegner jeder Revolution.
Ein spannend zu lesender Bericht über Sir Ernest Shakletons gescheiterte „Endurance“-Expedition in die Eiswüsten der Antarktis in den Jahren 1914 bis 1916 ziert diese Kritische Ausgabe ebenso wie ein langes Gespräch mit dem emeritierten Bonner Germanisten Norbert Oellers über Friedrich Schiller als Abenteurer. Der Dichter war nicht nur in seinem Werk an Abenteuern und abenteuerlichen Figuren interessiert (man denke an die Balladen, an Die Räuber, Wilhelm Tell, Wallenstein), er profilierte sich auch als Kartenspieler, Trinker und Frauenliebhaber, hat jedoch – wie Karl May – seinen Lebensraum kaum verlassen, sondern lieber mittels seiner abenteuerlichen Phantasie die Welt erobert.
Unter der Rubrik „Vergessene Autoren“ stellt Katja Moses den 1923 geborenen Georg Hensel und seinen einzigen Roman Nachtfahrt vor, ein Stück „Trümmerliteratur“, kurz nach Kriegsende erschienen und 1994, zwei Jahre vor Hensels Tod, wieder aufgelegt. Das Buch erzählt von den Erlebnissen eines Wehrmachtsoldaten, der in seine völlig zerbombte Heimatstadt zurückkehrt, in der er keinen mehr kennt. Hensel entschied sich bald für den Journalismus und machte als Theaterkritiker bei der FAZ Karriere. Sein Schauspielführer Spielplan gilt bis heute als Standardwerk.
Zu den vergessenen Autoren dürfte auch Erhart Kästner zählen. In meiner Jugend habe ich seine Griechenlandbücher, voran Ölberge, Weinberge bewundert, sie waren mir Wegweiser durch Geschichte und Gegenwart des Landes. Kästner kam es weniger auf sogenannte Bildungserlebnisse und archäologische Wissenschaftlichkeit an; ihm ging es um Zwiesprache mit der lebendigen Landschaft, um das mystische Licht auf Felsen und Säulen, worin der Wanderer Wesenszüge des Eigenen erkennen sollte.
Geboren 1904 in Schweinfurt, war Kästner nach seiner Promotion ab 1927 an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden beschäftigt. Von 1936 bis 1938 war er Sekretär Gerhart Hauptmanns, während des Krieges Besatzungssoldat in Griechenland, wo er im Auftrag der Wehrmacht drei Bücher über das Land schrieb. In der britischen Gefangenschaft in einem ägyptischen Wüstencamp entstand sein Zeltbuch von Tumilad. Von 1950 bis 1968 leitete er die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.
Von dieser Phase in Kästners Leben erzählt Julia Hiller von Gaertringen in Sinn und Form. Leibniz und Lessing haben dort gewirkt, doch die ehemals fürstliche Büchersammlung befand sich in einem schlechten Zustand. Kästner gelang es, der Bibliothek ein neues Selbstbewußtsein fern von jedem Zweckdenken zu geben und sie als „solitäre Einrichtung“ im öffentlichen Bewußtsein zu verankern, „in größter Distanz zu bibliothekarischen Fachgremien aller Art, in denen er nur geistlose Technokraten versammelt sah.“
Das jüngste Heft der Neuen Rundschau ist der Erinnerung an Wolfgang Hilbig gewidmet, der im Juni 2007 starb. Unter den Weggefährten, die zu Wort kommen, befindet sich auch Hilbigs Lektor Jürgen Hosemann, der über einen Aufenthalt im sächsischen Meuselwitz, der tristen Heimatstadt des Dichters berichtet, die durch ihn zu einem Ort der Literatur wurde. Claudia Rusch schildert Hilbigs Besuch eines Bob Dylan-Konzerts in Berlin, einen Monat vor seinem Krebstod: „Bei jedem Song stieß er die geballten Fäuste in die Luft. Er tobte, grölte, brüllte.“

manuskripte, Nr. 180, Juni 2008   externer Link
Sackgasse 17, A-8010 Graz
10,- Euro

Kritische Ausgabe, Sommer 2008   externer Link
c/o Institut für Germanistik, Vergl. Lit.- und Kulturwisssenschaft
Am Hof 1 d, 53113 Bonn
4,50 Euro

Sinn und Form, Heft 2/2008   externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin
9,- Euro

Neue Rundschau, Heft 2 /2008  externer Link
S. Fischer Verlag, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
12,- Euro

Michael Buselmeier    22.07.2008    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Juli 2008

Michael Buselmeier
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