poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 
Juli 2014
0      
Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Der grandiosen Zeitschrift Lettre International kann man als Rezensent nicht wirk­lich gerecht werden, denn sie versammelt in jeder Nummer auf rund 150 großformatigen Seiten an die 30 zum Teil umfang­reiche Beiträge zu den unter­schied­lichsten The­men. In der jüngsten Ausgabe geht es etwa um Fuß­ball in Brasilien, die klas­sische Kultur Chinas, ukrainische Verwer­fungen, den Bürger­krieg in Syrien und Napoleon Bonaparte.
  Doch man kann in Lettre auch ganz randständige und dem Zeitgeist ferne Es­says von großer poetischer Aus­strahlung entdecken. So hat Joachim Kalka einen fein­sinni­gen Abriss der Geschichte des Mondes in Literatur, Malerei und Film beige­steuert, eine Sammlung von Überraschungen und Ausgrabungen. Dass vor genau 45 Jahren, im Juli 1969, Neil Armstrong im Rahmen der Apollo 11-Mission als erster Mensch den Mond betrat und ihm damit viel von seinem Geheim­nis raubte, inter­essiert hier nicht. Es geht vielmehr um das „Tote“, „Leere“, „Unheim­liche“ des in den meisten Kulturen weiblichen Mondes, dessen sich wandelnde Zei­chen die Menschen, lange bevor sie eine Schrift besaßen, zu deuten versuchten.
  In diesem Zusammenhang erinnert Kalka an das einst populäre und noch immer anrührende Kinderbuch „Peterchens Mondfahrt“ aus dem Jahr 1916. Geschrieben hat es Gerdt von Bassewitz, die schönen Illus­tra­tionen stammen von dem heute ver­gessenen Maler Hans Baluschek. Zwei „gute Kinder“ fliegen zum „geister­grauen“ Mond, um das Beinchen des Mai­käfers Sumsemann zurück­zuholen, das der gefrä­ßige Mann im Mond nicht heraus­rücken will. Sterne und Naturgeister, das Sand­männchen und der Große Bär stehen den Kindern auf diesem leblosen Himmels­körper bei, dessen Unheimlichkeit angeblich auch den Mond anbel­lende Wölfe und Hunde emp­finden.
  Kalka erinnert auch an Marcel Carnés einzigartigen (Theater-)Film „Die Kinder des Olymp“ von 1945, in dessen Zentrum die von Jean-Louis Barrault ver­körperte Pierrot-Figur steht. Dieser Baptiste, ein Pantomime, ist „ganz dem Mond zuge­hörig“. Das Weiß, das ihn kleidet, ist „das Monden­weiß der verwun­schenen und bedrohten Melan­cholie“. Er ist ein Träumer, heißt es im Film und daraus folgt für die anderen Figu­ren: „Er ist nicht wie wir! Er gehört nicht zu uns!“ Er ist eben „vom Mond gefal­len.“
  Ebenfalls in Lettre berichtet der mittlerweile 93jährige Weltbürger Georg Stefan Troller anschaulich wie immer über sein aufregendes Leben in Paris, wo er als Jüngling im Früh­jahr 1939, auf der Flucht vor den Nazis, mit seinen Eltern aus Wien kommend, zum ersten Mal eintraf. Zu dritt bewohnten sie ein Zimmer in einem schäbigen Emigranten­hotel. Paris kam dem jungen Troller „fremd und doch irgend­wie seelen­ver­wandt“ vor, „eine richtige Metropole, un­mora­lisch, frech, dünkel­haft“, aber auch „furchteinflößend“. Nachts wanderte er, dem Inter­nierungs­lager ent­ronnen, durch die ver­dunkelten Gassen, die geheim­nis­vollen Durch­gänge und Passagen; poe­tische Ent­deckungs­reisen im Mondlicht: „Zum ersten Mal empfand ich echte Zuge­hörigkeit zu dieser von mir erlaufenen Stadt. Sie hatte mich auf­genommen.“
  1944 kam Troller, diesmal als amerikanischer Soldat, in „seine“ gerade be­freite Stadt zurück. Und ab 1949 blieb er dann endgültig, zunächst als rasch frus­trierter Student der Ver­gleichen­den Lite­ratur an der Sorbonne, doch bald schon, immer erfolgreicher, als Journa­list in den zahl­losen Cafés und Künstler­clubs unter­wegs, wo er Edith Piaf und Juliette Gréco bewun­derte, als Repor­ter für deut­sche Rund­funkan­stalten und – mit seinen legen­dären „Personen­beschrei­bungen“ – für das herauf­kommende Fern­sehen tätig.
  Die jüngste Ausgabe der Grazer manuskripte wird eröffnet mit dem tat­säch­lich letzten Prosatext von Urs Widmer, der im ver­gangenen April in einem Züricher Kranken­haus starb. Ein paar Wochen vor seinem Tod hat er ihn dem Schrift­steller Klaus Hoffer für die manuskripte übergeben, die schon seine frühesten Texte ver­öffent­licht hatten. Er wolle damit vermeiden, „dass die Blätter einzeln davon flattern.“
  Dargestellt ist ein ebenso poetischer wie grotesker Abgang: Der Ich-Erzähler stürzt über eine Kante jäh in einen Ab­grund und fliegt „im freien Fall“ unauf­haltsam, noch „im Fahrt­wind das Notiz­buch haltend“, durch den Welt­raum. „Wer über den Rand der Erde tritt“, verkündet Widmer, „fliegt, kann sein, Lich­tjahre ohne Harm, wenn er nicht das Pech hat, gleich auf dem Mond aufzuschlagen.“ Noch im Vergehen hofft der Erzähler, dass seine Notizen irgendwie „zur Erde zurück­kommen.“
  Im Essayteil der manuskripte bemüht sich Moritz Klein um eine Übersicht über W.G. Sebalds eigensinniges Werk anlässlich seines 70. Geburtstags. (Er starb bereits im Dezem­ber 2001 bei einem Auto­unfall.) Von Sebalds Ich-Erzähler heißt es, er sei „immer unter­wegs, wenn wir ihn zu Gesicht bekommen“, und zwar in fast allen Bücher zu Fuß und „allein“ (obwohl der in England lebende Schriftsteller und Ger­manist Fa­milien­vater war), und er sei mit seinem Autor weitgehend iden­tisch. Was ihn zu einer Reise antreibe, sei ihm „selber nicht recht erfindlich.“ Mal sind es „Studien­zwecke“, mal „Aus­bruchs­wünsche“. Das viel­fältige Material, das er dabei zu­sammen­trägt, hat viel mit „Tod, Vergäng­lichkeit, Verlust“ zu tun. Es sind Nieder­gangs-Geschich­ten. Man sieht ver­fal­lende Villen, brach­liegende Felder, dazu werden die krummen Lebens­läufe einsamer Jung­gesellen erzählt. Sebalds lite­rari­sche Leis­tung besteht – nicht nur für Moritz Klein – darin, dass er mit seiner hoch diffe­renzier­ten Erin­nerungs­prosa Bilder von Land­schaften und Menschen ge­rettet hat, die Gefahr liefen, unterzugehen.
  Victor Brombert, 1923 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren, musste – ähnlich wie Georg Stefan Troller – mit seiner Familie 1933 nach Paris und 1941 in die USA fliehen. Er lehrte in Yale und Princeton Roma­nis­tik. Im Juniheft der Akzente be­richtet er über „Lebens­zeichen der Sterb­lich­keit“, die ihm auf Grund von frühen Todes­fällen, aber auch durch die Erfahrung des Krieges von Jugend auf ver­traut sind. Das Thema Tod ist für Brombert in beson­derer Weise mit der Lite­ratur ver­knüpft, mit Platon, Baudelaire, Montaigne. Und auch er sieht es (wie Sebald) mehr und mehr als seine Auf­gabe an, „den Toten eine Stimme zu geben“, um viel­leicht so „dem Unvermeidlichen zu entkommen oder es wenigstens hinaus­zu­zögern.“ Doch nicht mal das Schreiben über den Tod befreie von der Angst davor.
  In den Akzenten ferner späte Gedichte von Andrea Zanzotto, der im Oktober 2011 im Alter von 90 Jahren starb, über­setzt von Theresia Prammer. Auch er muss seine grei­senhafte Ohn­macht ein­gestehen angesichts der „Krallen­hiebe des Nicht­seins“, muss den Jähzorn hin­nehmen, der ihn zum „Tier“ macht, weil er immer häufiger hin­fällt und vieles vergisst. „Alt bin ich geworden / mich bleichte der Eispol“, klagte schon früh Friedrich Hölderlin. Bei Andrea Zanzotto fallen Eisblöcke „vom siebten Himmel“ und lassen die Zunge gefrie­ren.


Lettre International: Nr. 105, Sommer 2014   externer Link
(Erkelenzdamm 59/61,10999 Berlin), 13,90 €.

manuskripte: Nr. 204, Juni 2014   externer Link
(A-8010 Graz, Sackstraße 17), 11,70 €.

Akzente: Heft 3, Juni 2014   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €.

Michael Buselmeier   25.07.2014     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Michael Buselmeier
Lyrik
Prosa
Reden und Texte
Gedichtkommentar