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März 2007
Sinn und Form | Heft 1, 2007Stefan GeorgeCastrum Peregrini, Nr. 276/277
 
Zeitschriftenlese  –  März 2007
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk
Zum 100. Geburtstag Stefan Georges erschien im Jahr 1968 eine Gesamtausgabe seiner Werke in zwei umfangreichen Bänden bei Klett-Cotta. Wenn dies auch, vordergründig betrachtet, der falsche Zeitpunkt gewesen sein mag, so hat sich die Akzeptanz von Georges Gedichten doch seither ständig gesteigert, und auch die Faszination des „Meisters“ und seines Jüngerkreises hat nicht nachgelassen. Die zahlreichen Studien, die besonders seit den 80er Jahren erschienen sind, bestätigen das.
Nun soll im kommenden Herbst unter dem Titel Stefan George. Die Entdeckung des Charisma die erste umfassende Biographie des Meisters im Blessing Verlag in München herauskommen. Sie wird sich – so jedenfalls die Ankündigung – dem Phänomen George „ohne hagiographische Absicht“ widmen. Der Autor, Thomas Karlauf, ist freilich einem der noch bestehenden Kreise eng verbunden; von 1974 bis 1984 war er Redakteur der auf George zentrierten Zeitschrift Castrum Peregrini. Dabei sind Karlaufs Vorzüge evident. Er beherrscht nicht nur den Gegenstand in all seinen Schattierungen, sondern verfügt auch über die notwendigen intellektuellen und stilistischen Fähigkeiten. Den Vorabdrucken nach zu urteilen, ist seine Darstellung souverän, differenziert und auch um eine gewisse Distanz bemüht; man folgt ihr mit wachsender Spannung.
Sinn und Form publiziert im jüngsten Heft ein frühes, prägendes Kapitel aus Georges Lebensgeschichte, nämlich die beide Poeten verletzende Begegnung mit Hugo von Hofmannsthal zum Jahreswechsel 1891/92 in Wien. George war damals 23 Jahre alt, der Gymnasiast Hofmannsthal erst 17 und wahrscheinlich der bedeutendste Dichter, dem George in seinem Leben nähergetreten ist. Karlauf zeichnet die Stationen einer scheiternden Liebes- und Geistesbeziehung schrittweise nach. Und man fragt sich, was aus dieser Begegnung, wäre sie günstiger verlaufen, literarisch hätte hervorgehen können.
Der befremdlich „sphinxhaft“ aussehende George fand im Spätjahr 1891 in Wien nirgendwo Anschluß. Doch eines Abends trat er, „ein Mensch mit einem hochmütigen, leidenschaftlichen Ausdruck im Gesicht“ – so Hofmannsthal noch im Alter –, im Café Griensteidl auf ihn zu und sagte zu ihm, daß er „unter den wenigen in Europa“ sei, mit denen er Verbindung suche. Hofmannsthal war von Georges Ansprache beeindruckt, doch bereits einige Tage später, nach weiteren Begegnungen mit dem „Propheten“, bekam er es mit der Angst zu tun: „Von seinen Worten, den unscheinbar leisen / Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen...“ Er entzog sich fortan dem selbsternannten „Zwillingsbruder“, fingierte eine Reise, doch George schrieb ihm fordernde Briefe, paßte ihn an der Schule ab, soll ihm sogar ein Rosenbouquet ins Klassenzimmer geschickt haben.
Der Jungstar des literarischen Wien fühlte sich vor seinen Schulkameraden lächerlich gemacht und vor allem physisch bedrängt. Einer seiner Jugendfreunde hat dazu später notiert: „Bewunderung für den Dichter und Antipathie gegen den Menschen und Homosexuellen.“ Leider läßt Karlauf dieses Zitat unkommentiert stehen. Jedenfalls dürfte Hofmannsthal den verzweifelt um ihn Werbenden mit deutlichen Worten abgewiesen haben. Nach einer Duelldrohung Georges nahm Papa Hofmannsthal die Sache in die Hand, und der hartnäckige Verehrer seines Sohnes verließ die Stadt.
Die in Amsterdam erscheinende, dem Andenken Georges verpflichtete Zeitschrift Castrum Peregrini druckt in ihrer jüngsten Ausgabe ein späteres Kapitel aus Thomas Karlaufs George-Biographie vorab. Darin geht es um das sogenannte Pfingsttreffen 1919 in Heidelberg. Der Krieg hatte auch im Freundeskreis Wunden geschlagen; drei hoffnungsvolle Jünglinge waren gefallen, zwei hatten sich nach einer gescheiterten Desertion selbst getötet, einer war irrsinnig geworden. George wollte die Reihen neu ordnen und bestellte „die wichtigsten der Getreuen“ zu einer dreitägigen Klausur. Nicht zufällig waren zwölf Jünger geladen, auch das Datum war mit Bedacht gewählt, war doch an Pfingsten der Heilige Geist über die Apostel gekommen und hatte sie in vielen Zungen reden gemacht.
Neue Freunde wurden bei der Gelegenheit in die erste Reihe eingeführt, darunter der Professorensohn Percy Gothein, der das Heidelberger Pfingsttreffen später in seinen Erinnerungen als „die große Kehrtwende“ seines Lebens geschildert hat. Gerade im Verhältnis Georges zu Gothein zeige sich – so Karlauf – die „charismatische Herrschaft“ als Einheit von „unbedingter Führerschaft“ und „bedingungsloser Gefolgschaft“ in idealtypischer Form. Wieder fällt auf, daß der Biograph den „auf Freiwilligkeit gründenden Akt der Unterwerfung“ nicht ernsthaft hinterfragt.
Jünglinge, die noch kurz vor dem Krieg nahen Kontakt zu George hatten, fanden nachher keine Aufnahme mehr. Auf der allein vom Meister bestimmten Gästeliste fehlten auch mit dem Kreis so eng verbundene Namen wie Edgar Salin, Ernst Bertram oder Karl Wolfskehl. Eine Verschiebung innerhalb der Gemeinschaft, eine Verjüngung zeichnete sich ab, „die permanente Erneuerung des Kreises aus sich selbst.“ So konnte die Initiation der Novizen („in angemessener Festkleidung“) in der Halle der Villa Lobstein beginnen.
Mit Manfred Riedel, dem emeritieren Philosophen und Autor des Buches Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg, unterhält sich, ebenfalls in Castrum Peregrini, Bruno Pieger. Schon als Schüler in der DDR, erzählt Riedel, sei er an Gedichte Georges herangekommen. Auch sein Lehrer in Leipzig, Ernst Bloch, habe den „gewaltigen Lyriker“ gewürdigt, später Hans-Georg Gadamer in Heidelberg. Über einen anderen philosophischen Lehrer, Karl Löwith, seien ihm Gestalten aus dem Umfeld der Stauffenbergs nahegerückt. Die Tat vom 20. Juli wäre nicht möglich gewesen ohne die Darstellung solcher Gebärden in Texten Georges, besonders in Spätgedichten wie Geheimes Deutschland.
An das schwere Geschick der Georgeschen Dichtung nach 1945 erinnernd, wendet sich Riedel mit einer gewissen Bitterkeit den Germanisten zu: Wenn das Attentat gesiegt hätte, wäre auch die Germanistik eine andere geworden, und „George, den ihr am Rande liegengelassen oder verdammt habt, wäre der größte deutsche Dichter.“

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Michael Buselmeier       08.03.2007      Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese März 2007

Michael Buselmeier
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