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März 2010
 
Zeitschriftenlese  –  März 2010
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch

Die jüngste Ausgabe des Schreibhefts ist ganz dem Andenken der däni­schen Dichterin Inger Christen­sen gewidmet, die im Januar 2009 starb, ohne den verdienten Nobel­preis erhalten zu haben. Hanns Grössel und Norbert Wehr haben das umfangreiche Heft, Inger Christensens viel gerühmtem Langgedicht alphabet folgend, von A bis N zusammen­buch­stabiert. Es enthält zahl­reiche Texte der Dichterin, die hier oft zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erscheinen: Romanan­fänge, Erzählungen, Essays, frühe Gedichte, ein Renshi, also ein Kettengedicht, das Christensen zusammen mit Jürgen Becker, Makoto Ooka und Adam Zagajewski schrieb, eines von fünf Hörspielen, die sie in den 60er Jahren verfasste, ferner Über­setzungen von Kleist und Handke ins Dänische. Hinzu kommen Essays von Sibylle Cramer und Thomas Kling, Inger Christensen gewidmete Gedichte von Herta Müller, Oskar Pastior, Pia Tafdrup und Friederike Mayröcker, sowie bislang unbekannte Fotos.
Michael Krüger, Verleger und Schriftsteller, erinnert an die Dichterin, die in den letzten Jahren, „eingepackt in einen dicken Mantel aus Trauer“, mit dem Tod in Verbindung gestanden sei. Auch das mathematische System, dem ihr Großgedicht alphabet folgt, sei nichts anderes als „der Versuch, den Tod auf Distanz zu halten.“ Durch sie, die mit ihrer Dichtung „das heikle Ver­hältnis zur Natur und zur Naturphilosophie thematisiert“ habe, gehöre Däne­mark zur Weltpoesie. Die höchste Freiheit erreichte Inger Christensen in der straffsten Form, nämlich in dem Sonettenkranz ihres Schmetterlingstals.
Poul Borum, mit dem Inger Christensen von 1959 bis 1976 verheiratet war, kannte sie seit den frühen 50er Jahren als stille und kluge Person aus der Unterschicht, die ihre Abschlussarbeit am Lehrerseminar über Rilke auf Deutsch schrieb und eigentlich Medizin studieren wollte. Doch das Wich­tigste waren für beide die Gedichte Rilkes und Rimbauds, die sie Tag und Nacht studierten.
Im Gespräch mit dem norwegischen Schriftsteller Jan Kjaerstad berichtet Inger Christensen, dass sie bereits in früher Jugend Goethes Faust und Heinrich Heines Gedichte gelesen habe, aber es sei eigentlich Rilke gewe­sen, der sie auf die Spur gebracht habe. Aus diesen Wurzeln, diesem „Grundwasser“, habe sich ihre eigene Dichtung entwickelt. Für ihre Prosa hätten Robert Musil und Hermann Broch die größte Bedeutung; auch der französische Strukturalismus habe Dänemark in den 60er Jahren erreicht. Sie sei immer an Mathematik interessiert gewesen, an Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie, auch an seriellen Kompositionstechniken. Sie benutze diese Systeme und Modelle, „um etwas herauszubekommen, das anderswo herstammt, nicht bloß aus der eigenen Seelentiefe.“

Von Mark Twain, dem Erfinder des amerikanischen Romans, dem Autor von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, erzählt die Titelgeschichte der Zeitschrift Literaturen. Anlässlich seines 100. Todestags im April unternimmt Michael Köhlmeier eine Reise durch Leben und Werk Mark Twains und zu den zeit­geschichtlichen Ereignissen, die beides geprägt haben.
Samuel Langhorne Clemens, so sein eigentlicher Name, wurde 1835 im Staat Missouri im Süden der Vereinigten Staaten geboren. Er absolvierte eine Druckerlehre, war Steuermann auf dem Mississippi, Silbergräber in Nevada, Lokalreporter in Virginia. 1863 verwendete er zum ersten Mal das Pseudonym „Mark Twain“. 1870 heiratete er günstig und zog nach Hartford in Connecticut, wo er als Schriftsteller reüssierte. 1876 landete er mit Tom Sawyers Abenteuer einen Welterfolg. Mit Reisebüchern entdeckte Mark Twain Hawaii und Heidelberg für Amerika.
Köhlmeier arbeitet auch den geschichtlichen Hintergrund heraus, den vier Jahre währenden Bürgerkrieg, der 650 000 Tote forderte. Davon ist zwar in den Erzählungen von Tom und Huck nie die Rede, doch Tom ist Waise und wächst bei seiner Tante auf. Auch der verwahr­loste Huck hat keine Mutter, und sein Vater ist ein Geschei­terter, der außerhalb der Gesell­schaft steht, vielleicht ein Kriegs­veteran. Was mit diesen Menschen geschehen sein könnte, fragt Köhlmeier und erinnert daran, dass sich alle Kriegs­schrecken im Süden ab­spielten.
Und wie könnte die Geschichte weitergehen? Der Konformist Tom, mutmaßt Köhlmeier, werde sich zweifellos dem Norden anschließen, „weil der Norden für Vernunft steht“; er werde „den elegi­schen Pessimis­mus des Südens“ verraten. Und Huck Finn? Wird er ein alkohol­süchtiger underdog wie sein Vater, oder wird er das Angebot der Gemeinschaft annehmen und sich an­passen? Wohl eher nicht: „Er, der immer schon außer­halb der Gesellschaft stand, hat mit allem gebrochen.“
Ebenfalls in Literaturen porträtiert Jörg Magenau den Verleger Klaus Wagen­bach, der im Juli 80 Jahre alt wird, aber noch immer jugendlich und streitbar erscheint. Die Prinzipien, auf die er 1964 seinen Verlag gründete – Hedo­nismus, Anarchie, Geschichts­bewusst­sein –, gelten, so sagt er, nach wie vor. 2002 hat Wagenbach den Verlag an Susanne Schüssler, seine dritte Ehe­frau, übergeben und fühlt sich nun als „heiterer Rentner“, der mehrere Monate des Jahres lesend in Italien verbringt, dem Land, aus dem so viele seiner Autoren stammen.
Anfangs verlegte er DDR-Autoren wie Bobrowski, Hermlin, Biermann, aber auch Ulrike Meinhofs Bambule und ein Manifest der RAF, wofür er vor Gericht gestellt wurde. Er ver­öffent­lichte Kafkas Jugend­biographie. Erich Frieds Werke brachten ihm hohe Auf­lagen, vor allem aber die Freibeuter­schriften Pasolinis, mit denen 1978, ein Jahr nach dem Deutschen Herbst, die Befreiung aus dem dogmatischen Denken vorangetrieben wurde. Dass Wagenbach nun den Kurt Wolff-Preis erhält, der eigentlich not­leidenden Klein­verlegern zukommen sollte, mag angesichts dessen, was er in der Geisteswelt bewegt hat, angemessen sein, obwohl er selbst nie ein rühriger Klein­verleger war, sondern ein listig alle Register ziehender „Macher“.

Das Berufsleben über war der Dichter Wilhelm Lehmann als Studien­rat für neuere Sprachen in Eckernförde in Schleswig-Holstein tätig und verließ den Ort bis zu seinem Tod 1968 eher selten. Für seine Romane und Erzäh­lungen erhielt er 1923 den Kleist-Preis. Seine bleibende Bedeu­tung liegt jedoch in seinen Gedichten, mit denen er selbst Adorno und sogar Johannes R. Becher die Wunder des Pflanzen- und Tierreichs erschloss. Zusammen mit seinem Freund Oskar Loerke zählt Lehmann zu den Häuptern einer „naturmagischen Dichtung“.
Im Märzheft des Merkur nimmt Ulrich Schacht den Abschluss der acht­bändigen Gesamtausgabe Wilhelm Lehmanns (bei Klett-Cotta) zum Anlass, ihm Bertolt Brecht als Antipoden gegenüberzustellen. Hier der heimat­verbundene Lyriker aus der Provinz, dort der weltläufige Theatermacher. Hier Politik- und Ideologieferne in Verbindung mit Naturnähe, dort ein „dog­matischer Marxismus stalinistischer Prägung.“ Zwar schwieg Lehmann „zu den Verbrechen der Nationalsozialisten, aber er verherrlichte sie eben auch nicht wie Brecht die kommunistischen“, so Schacht, der in der DDR im Gefängnis saß, dessen militanter Antikommunismus insofern verständlich, wenn auch nicht immer hilfreich ist.
Dass Brecht bei diesem Vergleich mit Lehmann, der übrigens seit 1933 Parteimitglied war, auch als Dichter nicht gut wegkommt, stand von vornherein fest. Doch auch die bewahrende Kraft von Lehmanns Gedichten bleibt nahezu unsichtbar, da Schacht nur sein ideologisches Steckenpferd der „Entlarvung“ linker Ideologien im Auge hat.

Den neuen Jahrgang der Akzente eröffnen Notizen von Walter Kappacher, in Salzburg lebender Büchner-Preisträger des Jahres 2009: stille Beobach­tungen eines Konservativen, der die überlieferte Kultur Mitteleuropas in Gefahr sieht und gegen den um sich greifenden Schund zu verteidigen sucht. Er möchte, auf verlorenem Posten, das „Schönheitsempfinden“ be­wahren, die „Trivialisierung aller Lebensbereiche“ verhindern, möchte aufbe­gehren „gegen die Zerstörung der künftigen Welt.“ Mit den Worten des ver­gessenen Poeten Rainer M. Gerhardt, der sich 1954 das Leben nahm, glaubt Kappacher zu wissen, dass die einzig mögliche Situation des Dichters „das Exil auch innerhalb seines Sprachgebiets ist.“ Und bitter resü­miert er: „Die Idee der Nichtskönner, den Kunstbegriff zu erweitern, war er­folgreich: Seit damals ist alles möglich, und das Publikum klatscht Beifall und kauft.“
Unter dem Titel Urströme und Urwälder publiziert Akzente einen Zyklus län­gerer, die Natur im Stil Walt Whitmans feiernder Gedichte. Sie stammen von der 1940 geborenen, bei uns bislang unbekannten Amerikanerin Pattiann Rogers, die eine „Poetik des Ortes“ zu entwickeln versucht, und wurden von Jürgen Brocan einfühlsam übertragen:

„Fast alles, das ich kenne, ist froh,
geboren zu werden – nicht nur der Aurorafalter
auf Ackerdoppelrauke oder Rainfarn, Geburts-
feuchte von den Flügeln schüttelnd, auch der nackte
Nestling, mit himmelwärts ruckendem Kopf,
und der Honigbeutler, der Zwergbilchbeutler,
blinde, haarlose Fingerhüte des Vorwärts,
Pressens und Abnabelns.“

Pattiann Rogers ist eine Tier- und Pflanzenkennerin von Graden. Sie preist die Schöpfung, sie hört und sieht Gott in jedem Gegenstand, und sie hat die Kraft zu singen. In einem Essay schildert sie, wie sie zum ersten Mal bemerkte, „dass ich eine Landschaft liebte, wie meinen eigenen Körper liebte, dass sie mein eigener Körper war, mein Körper und mein Wahrnehmungsmuster, dass sie mich beseelt und entworfen hat.“ Und an anderer Stelle: „Die Sprache hat mich erschaffen. Diese Idee der reziproken Schöpfung ist seither zentral für mein Schreiben.“

Über die Pfalz in der NS-Zeit hat die Literaturzeitschrift Chaussee ein span­nendes Heft vorgelegt, wobei das Geschehen mehr aus der Perspektive der Täter und Nutznießer denn aus der der Opfer geschildert wird. Sigfrid Gauch schreibt einmal mehr über seinen rasse­forschenden Vater, Werner Laubscher über seine Zeit als 17jähriger bei der Waffen-SS, Mireille Horsinga-Renno über ihren Onkel, den Euthanasie­arzt von Hartheim, Georg Renno.

Schreibheft: Nr. 74, März 2010   externer Link
(Nieberdingstr. 18, 45147 Essen), 12,- €

Literaturen: März/April 2010  externer Link
Knesebeckstr. 59-61, 10719 Berlin, 9,80 €

Merkur: Heft 3, 2010   externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin, 12,- €

Akzente: Heft 1, 2010   externer Link
Postfach 86 04 20, 81631 München, 7,90 €

Chaussee: Nr. 24, 2009   externer Link
Bezirksverband Pfalz, 67653 Kaiserslautern, 5,- €

Michael Buselmeier    17.03.2010    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese März 2010

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