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März 2011
Zeitschriftenlese  –  März 2011
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch

Ein Jahr ist vorbei, seit bekannt wurde, dass an der Oden­waldschule bei Heppen­heim in den 70er und 80er Jahren Schüler von ihren Lehrern sexuell missbraucht wurden. Das reformpädagogisch orientierte Internat soll ein Hort für Pädophile gewesen sein. Besonders der damalige Schulleiter Gerold Becker hat schwere Schuld auf sich geladen, indem er Schutzbefohlene sich gefügig machte.
  Im Zusammenhang mit Becker geriet auch dessen Lebens­gefährte, der berüh­mte Pädagoge Hartmut von Hentig, in Schwierigkeiten. Denn von Hentig, blind vor Loyalität, konnte oder wollte sich nicht vorstellen, dass der feinsinnige Becker zu solchen Taten fähig war, ja er „leugnete, verdrängte und bagatel­li­sierte“ das Geschehene, wie es in der Presse hieß. Wenn überhaupt, äußerte er, könne allen­falls mal ein Schüler den begnadeten Pädagogen verführt haben, und riet ansonsten dazu, den Miss­brauchs­skandal „auszusitzen“.
  Offen­sicht­lich hatte sich der greise von Hentig verrannt und war dabei, auch die von ihm mitbegründete Reformpädagogik einschließlich der Laborschule Bielefeld in Misskredit zu bringen. Und während er sich bemühte, den totkranken Freund auf schwer erträgliche Weise zu decken, erwartete eine linksliberale Öffentlichkeit, die ihm jahrzehntelang zugejubelt hatte, klare Worte von ihrem einstigen Guru, der sich daraufhin gekränkt zurückzog.
  Sein Schweigen hat er nun gebrochen, nicht im Spiegel oder der ZEIT, die vermutlich nichts mehr von ihm publizieren wollen, sondern ein wenig versteckt am Ende des Februar­hefts der Litera­tur­zeitschrift Akzente. Dort, unter dem arglos klingenden Titel „Ist Bildung nützlich?“, findet man einen Text, mit dem man sich öffentlich aus­einander­setzen sollte, was die Feuil­letons bislang versäumt haben. Er, von Hentig, so liest man erstaunt, dieser viel bewunderte Geist, sehe sich plötz­lich in eine sich steigernde „Ver­leum­dung hinein­gezogen“ und zur Flucht ins „Exil“ gezwun­gen. Nicht ohne Selbst­gerechtig­keit stilisiert er sich zum Opfer einer Kampagne, zum tragischen Schmerzens­mann, ja er vergleicht seine Situation mit der von Ge­schichts­heroen wie Jesus und Sokrates, die auch zu Unrecht beschuldigt und verurteilt wurden. Auch Rousseau ist für ihn so ein „Bruder im Geist“, ein jäh aus der öffent­lichen Gunst in die Ver­dammnis Gestürzter, aller Verdienste beraubt, ein „großer Leidender“, ein „Sünden­bock“.
  Hartmut von Hentig verteidigt sich elitär, mit Bildungs­besitz, er schmiegt sich förmlich in den Tradi­tions­zusam­menhang, sucht nach weiteren Bundes­genos­sen in der Literatur und glaubt sie in seinen Lieblingshelden zu finden, in Ausgestoßenen wie Joseph Conrads Lord Jim, Dostojewskijs Fürst Myschkin, Thomas Manns Erwähltem. Von Hentig ist tief verletzt und demon­striert das auch mit einer gewissen Weinerlichkeit. Eloquent lässt er die Höhepunkte der Weltpoesie zu seinen Gunsten sprechen, sie sind ihm gewisser­maßen „nützlich“. Doch die so bildungs­stolze Schrift ist nicht frei von Peinlichkeit. Denn während sich von Hentig zum Opfer anonymer Verleumder und Neider erklärt, hat er – der Musterpädagoge – für die wirklichen Opfer, die von Gerold Becker und anderen Lehrern missbrauchten Kinder und Jugendlichen, keinen Blick und kein Wort des Verständ­nisses übrig.
  Nicht annähernd so elegant äußert sich der Georg Büchner-Preis­träger des Jahres 2010, Reinhard Jirgl, in seiner Dankrede (ebenfalls in den Akzenten). Der 1953 geborene Jirgl stammt aus der DDR, deren Regime er verabscheute, und doch scheint er noch immer in seiner DDR-Existenz verhaftet und negativ auf sie bezogen zu sein. Sein Stil klingt mitunter trocken, fast bürokratisch-abstrakt und nicht gerade inspiriert; Formulierungen wie „diese grob geschnitzte Wurstbrotigkeit“ wirken weniger witzig als unbeholfen.
  Jirgl sieht Büchner als Dichter des Nihilismus, und tatsächlich war die Geschichte für ihn – man denke nur an Dantons Tod – ohne jeden Sinn. Doch Büchner war ein Genie voller Wider­sprüche, er hatte auch, was Jirgl nicht sehen kann oder will, eine hedonistische Ader und eine jakobinische, und zwar alles gleichzeitig. Er war ein Epikuräer und Dandy, der mit der Revolution spielte, kein Bildungs­bürger, sondern ein Bürgerschreck, und – vor allem in seinen Briefen und im Hessischen Landboten – ein politisch äußerst radikaler Kopf, der Gewalt keineswegs ablehnte; obendrein ein kühl sezierender Natur­wissen­schaftler.

Bereits zum 10. Mal ist das Literaturmagazin poet erschienen, wie immer umsichtig herausgegeben von Andreas Heidtmann. Es enthält neue Gedichte von namhaften wie beinahe unbekannten jungen Dichtern, die jedoch fast alle schon irgendwelche Stipendien abgegriffen haben. Der poet wirft auch wieder einen Blick über die Sprachgrenzen hinaus, diesmal in Form eines Dossiers über neue Lyrik aus England, zusammengestellt und eingeführt von Hans Thill. In den poetolo­gischen Gesprächen geht es um das Thema „Orte“ – eine Kategorie, die ins Zentrum der Literatur führt.
  Das trifft besonders auf den autobiographischen Erzähler Peter Kurzeck zu, der an einer auf zwölf Bände angelegten Chronik seines Lebens (oder sogar seines Zeitalters) arbeitet, während sich z.B. die Bestseller-Autorin Isabel Allende in Allgemeinplätzen ergeht. Orte, sagt Kurzeck, beeinflussen sein Schreiben sehr; er unterliege vor allem dem Zwang, „zu diesen Orten immer wieder zurück­zukom­men.“ Etwa das hessische Dorf Staufenberg, Kurzecks Kindheitsort, der in seinem Gedächtnis fortlebt und über den er ständig neue Geschichten schreibt. Schon als Fünfjähriger habe er sich gesagt: „Ich darf nichts vergessen, ich muss mir jeden Abend merken, jeden Sonnen­untergang.“ Denn alles, was er sich nicht merke, könne jederzeit und für immer verloren gehen. So sei auch das, was er schreibe, ganz wirklich und wört­lich zu nehmen und sei gleichzeitig „geträumt und ausgedacht“, also im Prozess des Erinnerns und Schreibens umgeformt.
  Anders als der Heimatdichter Kurzeck ist die erfolgs­verwöhnte junge Lyrikerin Uljana Wolf weltweit vernetzt, mal in Berlin, mal in New York, dann in Los Angeles oder Oslo, von Stipendium zu Lesung fliegend, ohne an einem Ort je anzu­kommen und zu Hause zu sein. Auch das poet-Gespräch mit Jan Kuhlbrodt wurde per Mail geführt.
  Für Uljana Wolf gibt es „Leerorte, in die ich einziehe wie in eine Schale.“ Hier versucht sie zu arbeiten. Dann gibt es „Joborte“, das sind Lesungs- und Festivalplätze, die sich weder fürs Schreiben noch fürs Leben eignen. Schließlich gibt es „Lebens­orte“, im Fall von Uljana Wolf abwechselnd Berlin und New York. Das Leben in den USA erlaube ihr einen „großen Abstand zu allem“. Sie könne so auch ganz neue Formen auspro­bieren. Etwas Wolkiges, dem Alltag Entrücktes, eine diffuse Gleichgültigkeit liegt über allem, was Uljana Wolf (mit englischen Ein­sprengseln) äußert, und lässt die Orte, die sie nervös durcheilt, irreal werden. Irgendwie (aber das wissen wir ja schon lange) ist alles „Konstruktion“, die Natur, das eigene postmoderne Leben, das Gedicht…

„Schaun Sie sich die Fresse des Menschen an, der auf irgend­einem Gebiet Erfolg hatte, der sich abgemüht hat. Sie finden da nicht die mindeste Spur von Mitleid. Er ist vom Stoff, aus dem ein Feind gemacht ist.“ Um solcher Aphorismen willen wurde der 1911 in Rumänien geborene Philosoph E.M. Cioran bis etwa Ende der 80er Jahre weltweit als radikaler Kultur­kritiker und brillanter Essayist in der Nachfolge Nietzsches bewundert. Paul Celan hat Ciorans Lehre vom Zerfall aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Seine Syllogismen der Bitterkeit, seine Verfehlte Schöpfung sind von düsterem Ernst getragen, einem ständigen Widerspruch gegen jeden Rest von Sinn in der Geschichte.
  Dass der universelle Zweifler Cioran, der von 1937 bis zu seinem Tod im Jahr 1995 in Paris lebte, in den 30er Jahren ein Anhänger der Nazis und ein glühender Verehrer Hitlers war, konnte man nach seinem Tod hier und da hören. Trotzdem erschreckt man, wenn man nun, in der Zeit­schrift Volltext, zwei seiner Briefe aus Deutschland liest, die Cioran 1934 für eine rumänische Zeitung geschrieben hat. Es gibt, ist da zu lesen, „keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir größere Sympathie einflößte als Hitler.“ Sein Verdienst bestehe darin, „einer Nation den kritischen Verstand geraubt zu haben.“ Das ist nicht ironisch gemeint. Hitlers Gesicht drücke, so Cioran, „Energie und Traurigkeit“ aus, eine Traurigkeit, „die aus zu viel Ernst hervorgeht.“
  Anlässlich des sogenannten Röhm-Putschs stellt Cioran die Frage: „Was hat die Menschheit verloren, wenn einigen Schwach­sinnigen das Leben genommen wurde?“ Solchen „Nullen“ das Leben zu nehmen, sei eine Pflicht. Außerdem gewinne eine Bewegung wie der Nationalsozialismus ihre Größe erst durch Blut und Opfertaten. Der Ton dieser Briefe klingt, zumal heute, ange­sichts einer politisch korrekten Sprachregelung, abschreckend und verblendet. Doch besteht nicht eine Verbindung zwischen dem blutjungen Nazi­begeis­terten und dem späteren Philo­sophen des Pessi­mismus, und zwar in der Radikalität des Urteils, in der Unbedingtheit von Zustimmung oder Verneinung, Provo­kation oder Rückzug?
  Vermutlich haben Samuel Beckett und E.M. Cioran einander gekannt. Beide waren etwa gleich alt, lebten ab 1937 ständig in Paris und schrieben schon bald in französischer Sprache. Beide besuchten Nazi­deutschland; Beckett war allerdings von dem, was er sah, abgestoßen. Zudem hatten beide ein negatives Menschen­bild und – ihrer Zeit ent­sprechend – den atomaren Welt­untergang im Blick.

Im Januarheft des Merkur fragt der Anglist Rolf Breuer, ob Becketts Werk noch in die Epoche der Moderne oder bereits in die der Post­moderne gehört; ob es also im Kontext der um 1910 einsetzenden Bewegung steht, die sich vom Naturalismus abgrenzt und die „Form“ gegenüber dem „Inhalt“ betont, oder ob es bestimmten Ten­denzen der letzten Jahr­zehnte folgt, die auf Collage, Parodie und Zitat bauen.
  Um das heraus­zufinden, lässt Breuer Becketts Gesamt­werk Revue passieren und cha­rakte­ri­siert die einzelnen Phasen: Zunächst das durch Joyce beeinflusste, verspielte und elaborierte Frühwerk. Um 1946 erfolgt ein „Wechsel der Sprache“, die Wandlung eines bildungs­stolzen Autors in einen „Schrift­steller der Kargheit, der Einfachheit, der Strenge.“ So kennt ihn die Welt. In den 60er Jahren ist noch einmal eine Veränderung fest­zustellen, nämlich die Tendenz zu immer radi­kalerer Reduk­tion, die bis zum Verstummen führt.
  All dies macht Beckett, so Breuers Fazit, noch nicht zu einem postmodernen Autor. Man könne ihn „the last modernist“ nennen, aber auch den „Vater der Post­modernen“.


Akzente: Heft 1, Februar 2011   externer Link  
(Carl Hanser Verlag, Vilshofener Straße 10, 81679 München), 7,90 €.

poet: Nr. 10, Frühjahr 2011  externer Link  
(poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig), 9,80 €.

Volltext: Nr. 1, 2011   externer Link
(Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien), 2,90 €

Merkur: Heft 1, Januar 2011   externer Link
(Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), 12 €.

Michael Buselmeier   17.03.2011     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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