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März 2012
Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Der im 66. Jahrgang erscheinende Merkur war immer ein Forum des intel­lektuel­len Diskurses, des offenen Denkens und weit­gehend immun gegen die Ein­flüste­rungen des Zeitgeists. Und seine Autoren, bedeutende Publizisten und Hoch­schul­lehrer, konnten und können sich eine elitäre Haltung auch leisten. Zumal unter der 27 Jahre währenden Heraus­geber­schaft von Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel, die mit dem Dezember­heft 2011 endete, war Non­konformis­mus erwünscht. Der Affront gegen­über der morali­sierenden Grund­strömung in der Bundes­republik machte die sich auf Friedrich Schlegels Athenäum berufende Zeit­schrift gerade für ab­weichende In­tel­lektuelle interessant.
  Die nun abgetretenen Herausgeber des Merkur favo­risierten eine radikal ästhe­tische Per­spektive, oftmals gegen den Konsens der links­libe­ralen Öffent­lichkeit. Besonders der streitbare Konser­vative Bohrer, vom „Bösen“ und der „Gewalt“ fas­ziniert, suchte den Konflikt, indem er etwa gegen die Spießigkeit des Staates und seiner führenden Reprä­sentanten, die „Hässlichkeit“ des grünen Milieus oder die Mittel­mäßigkeit der sozial beflissenen deutschen Gegen­warts­autoren polemisierte.
  Naturgemäß stellt sich die Frage ein, wie es ohne die polari­sierende Figur Bohrers unter dem neuen Heraus­geber Christian Demand mit dem Merkur weiter­gehen mag. Betrachtet man die beiden Hefte des laufenden Jahr­gangs, so hat sich eigentlich kaum etwas geändert. Ästhe­tisch-philo­sophi­sche Beiträge wechseln weiter mit poli­tisch-histo­rischen. Die ehrwürdige Zeit­schrift für euro­päisches Denken, so der anspruchs­volle Unter­titel, wirkt geistig lebendig und anregend wie eh und je.
  Christian Demand, 1960 in München geborener Kunst­wissen­schaft­ler, verliert in seinem Beitrag („Ein Blick zurück nach vorn“) im ersten Heft des Jahres zu seinen unmittelbaren Vorgängern kein Wort; ebenso wenig zu den von Bohrer bewunderten Sur­realisten und Exis­tentia­listen oder zur ästhetisch so produ­ktiven Kate­gorie der „Plötz­lichkeit“. Sein detailgenauer Blick führt weit zurück zu den Anfängen des Merkur im Jahr 1947, zu den ersten Heraus­gebern Hans Paeschke und Joachim Moras und der enormen Start­auflage von 40.000 Exemplaren (gegenüber etwa 4.000 heute). Man baute damals auf Lessings Serio­sität und Wielands Teutschen Merkur, setzte so kurz nach dem Krieg auf „vornehme Strenge“ und nahm die eigene Person diskret zurück. Bloß kein Alltags­journalismus! Man biederte sich beim Leser nicht an, trat weder lehrhaft noch missiona­risch auf. Vielmehr vertrauten Paeschke und Moras, so Demand dialektisch, „auf die aktua­litäts­erschlie­ßende Kraft des Nichtaktuellen.“
  Der Merkur müsse also „nicht neu erfunden“ werden, aller­dings müsse man die Mischung unter­schied­licher Themen und Stand­punkte „kontinuier­lich neu justieren“, meint Demand am Ende seines, was die Zukunft angeht, etwas vagen Beitrags. Und verweist zugleich auf die das erste Heft eröffnenden Aufsätze zu Europa, mit denen Fragen wieder­auf­genommen würden, die bereits die Autoren der Gründungsjahre beschäftigt hätten.
  Da ist einmal Christoph Schönberger, ein Rechts­professor aus Konstanz, der im heutigen Deutschland „die Hegemonial­macht Europas“ erkennt, die – koste es, was es wolle – die übrigen Länder „führen“ und die Ordnung stabil halten müsse. Wir müssten „diese Bürde tragen“, so Schönberger im pragmatischen Ton eines Re­gierungs­beraters. Eine nationale Alternative gebe es nicht.
  Anders der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank, der gerade die „Viel­gestal­tig­keit“ Europas als seine große Stärke ansieht. „Dezentral begrenzte und verteilte Macht“ habe die Kreativität ermöglicht, den „Ehrgeiz des Wett­bewerbs ange­stachelt und den Wohlstand genährt.“ Die „Klein­staaterei bei offenen Grenzen“ sei ein liberales und daher sinnvolles Modell. „Klein ist besser als groß“ resümiert Rainer Hank und preist die Vorzüge einer nationalen Geldpolitik. Die Einführung des Euro sei ein – noch revidierbarer – Fehler gewesen.
  In seiner Ästhetikkolumne berichtet Wolfgang Kemp vom „Verlust der Ge­schichte“ in der Kunst­geschichte von heute. Zu meiner Studienzeit in den 60er Jahren musste ich mich der Kunst des Mittel­alters widmen, es ging nicht anders und war im Nach­hinein auch sinnvoll; die Moderne kam nur ganz am Rand vor. Heute indes, klagt Kemp, werden 70 bis 80 Prozent aller Magister- und Doktorarbeiten Themen gewidmet, die „nach Manet und am besten nach 1965 angesiedelt sind.“
  Ekkehard Knörer, der neue Merkur-Redakteur, stimmt ein gut recherchiertes Loblied auf Walter Boehlich an, den streit­baren Kritiker, Essayisten und Übersetzer, in den 60er Jahren Cheflektor bei Suhrkamp, ein „einzig­artiger Intel­lektuel­ler“, der über seinen Lehrer Ernst Robert Curtius schon 1948 zum Merkur fand, sich dort jedoch nicht halten konnte, sondern aufgrund seiner Kompromiss­losig­keit von den Höhen des Kulturbetriebs an dessen linke Peripherie und damit ins Abseits geriet, wo er sich angeblich „nicht unwohl“ fühlte.
  Und obwohl ich schon so viel (und längst nicht genug) über den alten und neuen Merkur erzählt habe, will ich noch auf den luziden Essay von Till Dembeck im 2. Heft des Jahres 2012 hinweisen. Dembeck, ein Kenner roman­tischer Ge­schichts­philo­sophie, reflek­tiert die „tota­litären“ Gefahren, die jeder „kultur­politi­schen Selbst­ermäch­tigung“ inne­wohnen, am Beispiel der im Jahr 1811 auf Betreiben Achim von Arnims gegründeten „Deutschen Tisch­gesell­schaft“, ein Zusammen­schluss hoch­stehender Vertreter der Berliner Gesell­schaft aus unter­schiedlichen Profes­sionen. Der Militär Carl von Clausewitz war ebenso Mitglied wie Clemens Brentano. Der Verein konstituierte sich auf der Basis der „Wohl­anständig­keit“. Es gab vier Aus­schluss­krite­rien: Nicht zugelassen waren Frauen, Franzosen, Philister und Juden.
  Zwei recht komplizierte, schwer darstellbare, aber vielfältig an- und aufregende Essays bestimmen das jüngste Heft der Akzente und bezeugen zugleich Qualität und Not­wendig­keit dieser Zeit­schrift in ihrem 59. Jahrgang. Da ist zunächst ein auch sprachlich höchst origineller Vortrag des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann, der vom wandernden Friedrich Nietzsche und seinem roten Regen­schirm handelt (Adorno spricht von einem Sonnenschirm). Der Weg beginnt im Sommer 1881 in Sils Maria und endet an der Jahres­wende 1888/89 in Turin mit dem dort ausbrechenden Wahnsinn des Philosophen. Auf der Piazza Carlo Alberto, beim Umarmen eines geschundenen Pferdes, dürfte Nietzsche der Regen­schirm aus der Hand gefallen sein, über dessen Geschichte, Funktion und wahre Bedeutung Hürlimann, unter Verweis auf Bataille, Derrida und Heidegger, Erstaunliches zu erzählen weiß.
  Doch eigentlich geht es um Nietzsche, „das philosophische Thier“, das „seine Nüstern nach innen hat“ und das – so Hürlimann – „die eigene Verdauung mehr interessiert als die Idee der Unsterblichkeit.“ 1881 ist Nietzsche auf dem Sprung, seinen Denk­bereich zu verlassen und alle Werte umzuwerten. Es existieren für ihn keine Tren­nungen mehr, keine Grenze zwischen Götter- und Menschenwelt, nur noch das In-dividuum, das unge­teilte Wesen, und Gott ist in ihm gestorben. In dieser großen Leere und Heiterkeit entstehen der Zarathustra und Ecce homo. Am Ende des skurrilen Vortrags hat man den Eindruck, als würden Friedrich Nietzsche, Thomas Hürlimann und sein Kater Mufti miteinander verschmelzen.
  Im selben Heft der Akzente widmet sich Wolfgang Matz den Freuden und Leiden des Ehebruchs in drei großen Romanen des 19. Jahr­hunderts. Er erzählt von Charles Bovary, Alexej Karenin und Geert von Innstetten, Männer berühmter Roman­heldinnen, die jene Herren auf unter­schiedliche Weise betrogen haben. Und obwohl doch die euro­päische Kultur, zumal zur Zeit Flauberts, Tolstois und Fontanes, noch eine fraglos männliche war, haben die gehörnten Ehe­männer, sobald das Spiel beginnt, „die schlechtesten Karten, und wie sie es machen, ist es verkehrt.“ Es handelt sich, so Wolfgang Matz, „um definitiv scheiternde Lebens­geschichten.“ Und wir können daraus lernen, „daß Liebe und eheliche Liebe durchaus zwei Paar Stiefel sind.“ Der einzige, der wirklich liebt und den Flaubert unver­hältnis­mäßig leiden lässt, ist der „dumme“ Charles Bovary.
  Die Zeitschrift Kommune, im Januar 1983 als Forum für Politik, Ökonomie und Kultur begründet, ist hervorgegangen aus den Trümmern und dem Geld einer maoistischen Minipartei namens KBW. In den ersten Jahren war sie eine recht lebendige Monatsschrift heimatlos gewor­dener Linker und wurde bald zu einem inoffi­ziellen Theorie­organ der Grünen. Jahre vor der Wende wurde über die ange­spannte Situation in Osteuropa und auf dem Balkan berichtet und es gab, Heft um Heft, eine „grüne Strategie-Debatte“.
  Die ist schon lange eingeschlafen. Und wie sich die Grünen in eine kreuznormale Partei verwandelt haben, ist auch die Kommune ein Stück weit staats­tragend geworden. Sie erscheint noch alle zwei Monate mit einem eher schwachen, profillosen Feuilleton und einem material­reichen Politikteil – lange Abhandlungen, oft zähflüssig und mit Statistiken durchsetzt. Im vorliegenden Heft geht es anfangs um die Finanzkrise sowie um die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, durch welche das Vertrauen in die Demokratie gefährdet werde. Ein Politik­wechsel „hin zu mehr Gerechtigkeit“ sei notwendig…
  Der massive Antikapitalismus der frühen Jahre ist einem linken Moralismus gewichen, der zwischen Gut und Böse stets korrekt zu unter­scheiden weiß. Es fehlt ein journa­lis­tischer „Biss“, ein brillanter oder wenigstens polemischer Ton, der sich mit allem anlegt, auch mit den eigenen Voraus­setzungen. Trotzdem überrascht die Ankün­digung, dass die Kommune am Ende des laufenden 30. Jahrgangs einge­stellt werden soll. Dass sie fast nur von ehemaligen 68ern geprägt und wohl auch gelesen wurde, also von einer sterbenden Gene­ration, geriet ihr zum Nachteil. Ihre öffent­liche Wirkung schwand dahin wie der Abonnenten­stamm.


Merkur: Heft 1 und 2, Januar und Februar 2012  externer Link
(Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), je Heft 12,- €

Akzente: Heft 1, Januar 2012   externer Link
(Postfach 860420, 81631 München), 7,90 €

Kommune: Heft 1, 2012   externer Link  
(Postfach 900609, 60446 Frankfurt am Main), 10,- €.

Michael Buselmeier   21.03.2012     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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