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März 2013
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Vor wenigen Wochen ist die definitiv letzte Ausgabe der Frankfurter Kommune er­schienen, mit 260 großformatigen Seiten das bei weitem umfang­reichste Heft in 30 Jahren; auch eines der gelun­gensten, muss man mit einer gewissen Trauer, die sich frei­lich in Grenzen hält, anmerken, denn ständig sterben ja Zeit­schriften, weil ihnen die Leser oder das Geld oder beides aus­gehen und weil sie sich einfach über­lebt haben.
  Ein letztes Mal wird also die ganze Themen­vielfalt sichtbar, beginnend mit der Kri­se der EU, den inneren Pro­blemen der USA, der Lage in Deutsch­land. Dann wendet man sich dem Osten zu, Serbien und Kroatien, Albanien, Türkei, Afgha­nistan, um sich schließ­lich mit China, Korea, Japan und der Ent­wicklung in Latein­amerika zu be­schäf­tigen – ein wahrlich welt-um­fas­sendes poli­tisches Pro­gramm, das so ähnlich von Anfang an bestand und nun noch einmal abge­schritten und ver­gegen­wärtigt wird.
  Lesenswert sind zum Beispiel Jochen Noths Eindrücke von einem Kurz­besuch in Nord­koreas Haupt­stadt Pyong­yang aus Anlass des 100. Geburts­tags von Kim-Il-Sung. Foto­grafieren war zwar nicht oppor­tun, doch konnte Noth einen Vor­mittag lang nicht über­wacht durch die Stadt spazieren. Er sah kaum Autos, auch erstaun­lich wenige Fahr­räder, jedoch einen endlosen Strom von Fuß­gän­gern. Aber er bekam „so gut wie keinen Blick­kontakt mit den Passanten.“ Es war ihm, als ob er unsicht­bar wäre, ganz anders als in China, wo er un­unter­brochen angestarrt wurde. Dafür erin­nerte die drei Stunden währende Militärparade durchaus an ähnliche Massen­ver­anstal­tungen in Peking.
  Im Kulturteil der letzten Kommune findet sich eine umfangreiche Faust-Deutung von Michael Jäger, in welcher Goethes Held als „Prototyp des Kapitalisten im 19. Jahr­hundert“ auftaucht, was mir nicht besonders originell vorkommt. Erinnert wird an den weithin unbe­kannten Dichter und „Oberbaum“-Verleger Siegfried Heinrichs, der in der DDR wegen einiger regimekritischer Gedichte vom eigenen Bruder denun­ziert wurde und drei Jahre im Knast saß, bevor er 1974 nach West­berlin aus­reisen konnte; er starb 2012. Auch den 1921 gebo­renen tschechi­schen Poeten Frantisek Listopad, einen Halbjuden, der 1948 über Paris nach Portugal emigrierte, wo er heute noch lebt, kennt man hierzulande kaum.
  Mit der Einstellung der 1983 gegründeten Kommune geht das wahrscheinlich letzte Zeitschriften-Projekt zu Ende, das sich noch auf „68 und die Folgen“ berufen konnte. Genauer gesagt, ist die Kommune hervor­gegangen aus den Trümmern der maois­tischen Mini­partei „Kommunistischer Bund West­deutsch­lands“ (KBW), dessen Kader Stalin, Mao und Pol Pot huldigten und als „Bündnis­partner des Prole­tariats“ dem „Volke zu dienen“ ver­sprachen. Ihre aber­witzige Her­kunft machte die Zeit­schrift nur selten zum Thema, man mied eine Debatte über die eigene tota­litäre Ver­gangen­heit. Immerhin wird sie im Schluss­heft am Rand angesprochen.
  Im zentralen Beitrag stellt Gerd Koenen aus Anlass des Abschieds von der Kommune Betrachtungen zur Weltgeschichte der vergangenen 30 Jahre an. Er berichtet nicht ohne Ironie von revo­lutio­nären Ver­ände­rungen ganz anderer Art als die­jenigen, die den Klassenkämpfern vom KBW vor Augen standen. Koenen spricht von der Schwie­rig­keit, mit dem Tempo der welt­histo­rischen Pro­zesse halb­wegs Schritt zu halten. Das gilt etwa für den sowje­tisch beherrschten Osten Europas nach Grün­dung der polnischen „Solidarnosc“ 1980 bis zum Zusammen­bruch der Sowjet­union keine zehn Jahre später. Das gilt auch für die Verände­rungen in der Volks­re­publik China, die Deng Xiaoping um das Jahr 1980 einge­leitet hat, ein sozial-öko­nomischer Aufbruch, der zu einem konti­nuier­lichen Zuwachs der Wirt­schafts­leistungen von rund zehn Prozent jährlich führte. Zeitsprünge über­all, so etwa die rasante Ent­wicklung der Informationstechniken, die unauf­haltsam voran­schreitet und vor der eine kultur­politische Zeit­schrift rührend unzeit­gemäß erscheint.
  Auch eine Intellektuellen-Zeitschrift „für europäisches Denken“ wie der seit 1946 erscheinende Merkur hatte in ihren ersten Jahrzehnten beträchtliche wirt­schaftliche Schwierig­keiten. Das an­fangs von einem Baden-Badener Klein­verlag, später von der Deutschen Verlagsanstalt verlegte Blatt litt unter chronischer Unter­finan­zie­rung. Über das ständige Ringen um exis­tentiel­le Sicherheit und redak­tionelle Unab­hängig­keit berichten im jüngsten Merkur des­sen neuer Heraus­geber Christian Demand und der verantwortliche Redakteur Ekkehard Knörer. Bei der Rekon­struktion der Früh­geschichte ihrer Zeit­schrift können sie sich auf den Brief­verkehr zwischen den ersten Heraus­gebern Joachim Moras und Hans Paeschke stützen. Da beide gut sechs Jahre lang räumlich getrennt in kleineren Orten lebten, „ging täglich mindes­tens ein Brief in jede Rich­tung.“ 1952 bezogen Moras und Paeschke dann gemein­same Redaktions­räume in München, was ihre Zusammen­arbeit aber nicht verbesserte.
  Man liest von ständigen Klagen über das angeblich sinkende Niveau der Hefte. Man schimpfte intern über einzelne Autoren und deren Texte, sprach gar vom „Versagen“ der Zeit­schrift. Dabei wurde der anspruchsvolle Merkur allseits gelobt und hatte eine enorme Start­auflage von 40.000 Heften. Demand und Knörer sprechen von der „nie wirk­lich zu schlie­ßenden Kluft zwischen dem ambitionierten publi­zis­tischen Selbst­anspruch und dem von Kompro­missen gepräg­ten Redak­tions­alltag.“ Hinzu kamen mitunter schwere Konflikte zwischen den beiden sehr verschie­denen Gründern, die sich bis zu Moras' frühem Tod 1961 stei­gerten. Dabei ging es um den Kurs des Merkur, auch um einzelne, von einem der beiden ange­forderte Manu­skripte, deren Qualität vom anderen nicht aner­kannt wurde.
  Der Essayist und Schriftsteller David Wagner, von dem gerade ein viel­gelobtes Prosabuch namens Leben erschienen ist, das von einer lebensrettenden Leber­trans­plantation handelt, betreut wieder ein­mal die „Lite­raturkolumne“ des Merkur. Wagner erzählt geistreich von seinen Erlebnissen mit Büchern; er fragt sich, wie die Bücher eigent­lich zu ihm gelangen, wie er sich entscheidet, wann er was liest. Ihn scheint besonders das auto­biographische Material zu interes­sieren, „real stuff, des­illusio­nierendes Echtleben. Und das ist großartig.“ Man sollte, meint er, beim Schreiben möglichst wenig erfinden und keine Rück­sicht auf sich und andere nehmen, denn „die beste Prosa ist rück­sichts­los.“ Es falle ihm manchmal sogar schwer, einer Figur einen anderen Namen zu geben als denjenigen, den sie schon immer hatte.
  Es entsteht in der Welt etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ So lautet ein Parade­satz des in Ludwigshafen geborenen Philosophen Ernst Bloch. Dass Kindheit und Heimat vielfach miteinander verbunden sind, spürt jeder, der etwas tiefer in sich hinein hört. Die rheinland-pfälzische Kultur­zeitschrift Chaussee widmet ihr jüngstes (Doppel-)Heft dem Thema Kindheit. Auf 200 Seiten versammelt sie autobiographische Erzäh­lungen über Kinder in Bauern­dörfern und kleineren Orten der Pfalz. Die meisten Autoren sind in den 50er und 60er Jahren geboren, als die Land­wirt­schaft schon im Rückgang war und mit ihr ein Stück weit auch die krude Gewalterziehung der Kriegs- und Nach­kriegs­jahre, also Kin­der­arbeit auf dem Feld und Prügel zu Hause, Rohheit gegenüber Tieren wie Menschen, vor allem Fremden. Nur ab und zu schimmert der etwas grobschlächtige Pfälzer Dialekt noch durch die Texte.
  Dem Begründer des Berliner „Grips“-Theaters, Volker Ludwig, widmet Winfried Tobias ein Porträt zum 75. Geburts­tag. Der als Eckart Hachfeld geborene Theater­autor lässt in seinem Künstlernamen offenbar seine Geburts­stadt Ludwigshafen an­klingen. 1966 hat er mit dem Stück Maxi­milian Pfeiferling das emanzi­patorische „Grips“-Theater eröffnet, ein für Deutschland „völlig neues, nämlich in der Gegenwart spielendes, realis­tisches Theater für Kinder.“ Statt der bis dahin üblichen Weihnachts­märchen kamen nun Alltagsprobleme, ganz normale Erfah­rungen von Kindern und eine stilisierte Umgangs­sprache, von frechen Liedern durch­setzt, auf die Bühne, was anfangs Erstau­nen und Abwehr, schon bald aber Begeis­terung in ganz Deutschland auslöste. Vorbildhaft könnten für Volker Ludwig die Kinde­rromane Erich Kästners gewirkt haben.
  An seine Dresdner Kindheit erinnert der Dichter Durs Grünbein im jüngsten Heft der Akzente (auf nicht weniger als 28 Seiten). Folgt man dem Text, so ist er „in der famosen Gartenstadt Hellerau“ aufge­wachsen, 100 Meter über der Stadt im Tal­grund gelegen. Sein Eltern­haus stand auf dem Gelände der Deutschen Werk­stätten, jener Möbel­fabrik, die der Ursprung der bekannten Künst­ler­siedlung Hellerau war. Sogar Franz Kafka kam 1914 besuchs­weise, auch der berühmte Architekt Le Corbusier sah sich in Hellerau um.
  Grünbein referiert die wechselhafte Geschichte der Reformkolonie, ihre große Zeit und die folgende Tris­tesse, bedingt durch die Gegenwart der SS und später der Roten Armee. Und er schildert seine Erlebnisse in der Grund­schule, mit den russischen Rekruten, ein relativ privi­legiertes Indianer­leben in der DDR.
  Seltsam nur und schwer begreiflich, dass Grünbein parallel in Sinn und Form eine voll­kommen andere Dresdner Kindheit im Detail beschreibt (oder erfindet). „Auf­ge­wachsen bin ich in einem alten Miets­haus im Stadt­teil Cotta“, heißt es dort; ein her­unter­gekom­mener Kasten an einer viel be­fah­renen Straße, in dessen Erd­geschoss sich ein stin­kender Fisch­laden befand. Er wohnte hier mit Eltern und Groß­eltern zur Miete. Auf der einen Seite also ein be­vor­zugt bürger­liches, auf der ande­ren ein eher ärmlich prole­tari­sches Milieu – sollten am Ende beide Kind­heiten ausgedacht sein?


Kommune: Heft 6, 2012   externer Link
(Postfach 90 06 09, 60446 Frankfurt am Main), 10 €.

Merkur: Heft 3, März 2013   externer Link
(Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 12 €.

Chaussee: Heft 29/30, 2012   externer Link
(Postfach 2860, 67616 Kaiserslautern), 10 €.

Akzente: Heft 1, Februar 2013   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7, 90 €.

Sinn und Form: Heft 1, 2013   externer Link
Heft 1, 2013 (Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9 €.

Michael Buselmeier   21.03.2013     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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