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März 2014
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Das Literaturmagazin poet, das halbjährlich im Verlag des Poetenladens erscheint, bringt jedesmal Gedichte und Geschichten von bekannteren Autoren, oft auch von blutjungen Diplomdichtern aus Leipzig oder Hildes­heim, die schon erstaunlich viele Preise und Stipendien eingeheimst haben. Die 16. Ausgabe er­öffnen vorzüg­liche Natur- und Land­schafts­gedichte des längst arri­vierten Jan Wagner, etwa über Mücken: „als hätten sich alle buchstaben / auf einmal aus der zeitung gelöst / und stünden als schwarm in der luft.“
  Auch Ruth Johanna Benrath wendet sich den Insekten zu, besonders Hummeln und Bienen in ihrem neun­teiligen „Emily-Projekt“. Gemeint ist die große ameri­kani­sche Poetin Emily Dickinson, die von 1830 bis 1886 lebte. Gewid­met ist der Zyklus dem nahe­zu unbe­kannten Dichter Andreas Rasp, der sich jahr­zehnte­lang im Ge­heimen mit der Über­setzung der 1789 Poeme Emily Dickinsons beschäftigt hat. Ruth Johanna Ben­rath besingt die immer Einsame so: „Biene gewesen / Flügel gespreizt / Gott gesiezt / Hund geduzt / durch einen Türspalt / mit den Menschen geredet.“
  Die Berliner Künstlerin Bianca Döring schickt ihrem jüngst gestor­benen Freund, dem großen Erzähler Peter Kurzeck, ergrei­fende Verse nach: „Am Zaun nagt der Reif. / Ein Wind verwundet die Bäume. / Mit dunklen Schritten / stöbert der Abend / nach Gold.“ Schließlich sei noch auf ein langes Natur- und Heimatgedicht des vielfach preisgekrönten Kurt Drawert hingewiesen. Es berichtet ironisch-selbstreflexiv vom Elend und der Suche nach Glück in dem Odenwalddorf Crumbach: „Auf dem Land sind die Zusammenhänge / immer direkter, auch kausaler …“
  Im Gesprächsteil der Zeitschrift poet geht es um das steinalte, nicht eben origi­nelle Thema „Literatur und Rausch“, wobei sich vorweg die schwer zu beant­wortende Frage stellt, was so bedeu­tenden Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Joseph Roth oder Uwe Johnson der maßlose Alkohol­genuss einge­bracht haben mag; ob er sie selbst und ihr Werk nicht nach­haltig beschädigt hat, zumal Rauschmittel eher träge und de­pressiv machen und zu Lähmungen führen, während man doch zum Schreiben ein klares Bewusst­sein braucht.
  Die von der poet-Redaktion befragten jüngeren deutschen Autoren halten sich, so behaupten sie wenigstens, vom Alkohol und anderen Drogen fern und ver­weisen auf das Rausch­potential, das im Schreiben und speziell in der Sprache liege, mit der man den Leser in einen Taumel zu ver­setzen hofft. „Heute schreibe ich in kurzen, inten­siven Phasen, da halte ich mich mit Alkohol zurück, damit ich nicht zu erschöpft bin“, sagt der Frank­furter Erzäh­ler Andreas Maier, der sich als „Werkzeug eines automati­sierten Unbe­wussten“ begreift. Auch für den jungen Lyriker Jan Skudlarek ist Schreiben „mitunter allemal ein Rausch“, ein „Wortrausch“, ein „Außer­sichgeraten“. Und sehr genie­poetisch spricht er von „Inspiration“, ein Begriff, der nicht so recht in die gegen­wärtige Schreib­schul­praxis passt.
  Im jüngsten Heft der Akzente finden sich neue Gedichte von Harald Hartung, Charles Simic und Jan Volker Röhnert sowie ein fun­dierter Essay des ehemaligen Merkur-Heraus­gebers Karl Heinz Bohrer über Heinrich Heines poli­tische Prosa, genauer: über die Dia­lektik von Ästhetik und Politik in dessen Schriften. Anders als sein Pariser Emi­grations­ge­fährte Ludwig Börne sei der stets elitäre und ironische Heine nie in „politische Gesin­nungs­prosa“ verfallen.
  Im Mittelpunkt des Heftes stehen vier Prosatexte des 1963 in Gera geborenen Lutz Seiler; der umfan­greichste erzählt von Seilers Rom-Stipendium in der Villa Massimo. Während frühere Gäste ihre Erlebnisse auf den Straßen und in den Museen Roms, ihre Konflikte mit der Leitung des Hauses oder ihren Groll über die südlän­dische Schlam­perei geschil­dert haben, spricht Seiler von nichts anderem als vom Fußball­spiel, wobei er auch Miroslaw Kloses Leis#-tungen im Dienst von Lazio Rom nicht zu erwähnen versäumt.
  Seiler ist ein Fußballverrückter, mit dem ich vor etlichen Jahren über die Aufstellung des Dresdner Sport­clubs zur DDR-Zeit und den Spieler Hans Kreische debattierte, ein Experte nun auch des italienischen Kinder­fuß­balls. Kaum eingetroffen mit schwe­discher Frau und zwölf­jährigem Sohn, werden die Drei schon in ein Spiel ein­bezogen. Unglaubliche bürokratische Schwierigkeiten bereitet der Versuch, den Sohn in einem „Futbolclub“ anzumelden. Das ist teuer, außerdem sind zehn Dokumente vorzulegen, darunter die Geburts­urkunde des Jungen „im Original“.
  Doch das Training, das anfangs einem wilden Kinderspiel gleicht, beinhaltet schon bald „beinharte Strategien eines körperbetonten Zweikampfs“. Es gibt Taktik-Übungen, Konditionstraining und Trainer-Ansprachen. Die „Kunst der Defensive“ wird so früh schon eingepaukt, und man versteht nach der Lektüre dieses Auf­satzes etwas besser, weshalb Italien bei Welt- und Europameisterschaften so erfolgreich ist.
  War Felix Hartlaub, der im Juni 2013 hundert geworden wäre, ein früh Vollendeter oder ein nicht zu Ende Geborener? Noch immer wird über die politische Haltung und die literarische Bedeutung dieses Autors gerätselt, dessen Spur sich in den letzten Kriegs­tagen in Berlin verliert. War er „eines der stärksten Prosatalente“ seiner Generation, war er gar „ein litera­rischer Spion in Uniform“, wie Durs Grünbein vermutet hat?
  Nicht Hartlaubs frühreife literarische Arbeiten und seine grotesken Zeich­nungen, die unter dem Einfluss seiner ehr­geizigen Eltern entstanden sind, faszinieren bis heute – es sind seine postum ver­öffent­lichten Tagebuch-Auf­zeichnungen, die sich durch unge­wöhnliche Präzision und stilis­tische Brillanz aus­zeichnen, ebenso detail­genaue wie distan­zierte Beo­bach­tungen in der dritten Person, Blicke auf Land­schaften, knappe Porträts, nicht selten ein wenig hochmütig.
  In Sinn und Form präsentiert nun Karl Corino bislang unbekannte Dokumente. In den Beständen der Odenwald­schule wurde eine um 1932 entstandene Studie des Schülers Hartlaub über „Platon und der Staat“ entdeckt, und unter den Mate­rialien der Berliner Universität fanden sich die Promotions­akten des Doktoranden,
  Abgedruckt ist ferner ein Gespräch, das Karl Corino im Jahr 1986 mit Felix' Schwester, der Roman­autorin Geno Hartlaub, geführt hat. Es wirkt eigenartig fern, wie hinter Glas, zumal inzwischen um­fang­reiche Werk­editionen er­schienen sind (zuletzt 2002 bei Suhrkamp) und nichts wirklich Unver­trau­tes zutage tritt. Dass der Vater, der Kunst­histo­riker Gustav Friedrich Hartlaub, die Geschwister über­fordert hat, indem er sie zu Wunder­kindern erziehen wollte, ist ebenso bekannt wie Genos Behaup­tung, dass Felix „mensch­lich völlig un­durch­sichtig“ und „ein Meister der Tarnung“ war. Als solcher eignete er sich kaum für den „kom­munis­tischen Unter­grund“, er war vielmehr prädestiniert, im Führer­haupt­quartier am offi­ziellen Kriegs­tagebuch mit­zuwirken und daneben im Geheimen seine ganz persönlichen Wahr­nehmungen zu notieren.
  In der 5. Ausgabe von Gegenstrophe. Blätter für Lyrik preist Sebastian Klein­schmidt, bis 2013 Chefredakteur von Sinn und Form, mit sanftem Pathos den Hölty-Preisträger des Jahres 2012, den in Dresden gebo­renen Lyriker und evangelischen Theo­logen Christian Lehnert: „Ich bewundere an ihm, dass seine Dichtung Gesang ist, wehendes Lied, ein Lied der Höhe, der Tiefe, der Weite.“ Lehnert habe dem Gedicht den hohen Ton zu­rück­gegeben, der ihm so lange fehlte, Reim, Rhyth­mus und ein festes Metrum, Musi­kalität und nicht zuletzt das Sakrale. Auf das Religiöse müsse man „warten können, wie man auf das Poetische warten können muss.“
  Lehnert beherrscht das liturgische Sprechen; seine Gedichte sind auch Gebete. Er kann abwarten, inständig hin­hören, bis das Ich durch­schei­nend wird und die Sprache fast von selbst zu sprechen anfängt, wie diese in Jamben gefasste, poetische „Gottes­ansprache“ belegt: „Du bist die Aussicht und die bist das Auge, / das über Auen­land und Sümpfe streift, / ein Weg, der nicht zu gehen ist: Der Taube / hört nicht den Wind und folgt den Gräsern, greift // in Wurzelbüschel, und er fühlt sich reich. / Du bist der andere und bist derselbe. / Du bist das grüne Blatt und bist das gelbe. / Du bist, der bleibt, und der, der immer weicht.“
  Ein Zwiegespräch mit dem verbor­genen Gott scheint immerhin möglich. Verse wie diese suchen, so Klein­schmidt, „Anfäng­liches, Werdendes, Unge­sagtes, den auf­schei­nenden Ursprung.“ Christian Lehnert sieht das ähnlich, wenn er be­kennt: „Ich schreibe, um mich immer wieder davon zu über­zeugen, dass es Sinn gibt.“ Es sei gleich­sam „ein Hoffen, wo nichts mehr zu hoffen ist.“ Und etwas später heißt es: „Die Worte im Gedicht kommen mir ent­gegen wie scheue Tiere.“
  Chaussee, die „Zeitschrift für Literatur und Kultur der Pfalz“, stellt ins Zentrum ihrer jüngsten Ausgabe eine über­raschen­de Frage: „War Georg Büchner Pfäl­zer?“ Nun war er zwei­fel­los Hesse, doch eine seiner Groß­mütter stamm­te aus der Pfalz und seine Mutter, Caroline Reuß, wurde 1791 im Schloss zu Pirma­sens geboren. Der Groß­vater, Johann Georg Reuß, war Schloss­ver­walter am Hof des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt, der in Pirma­sens resi­dierte. 1793 floh die Familie vor den fran­zö­sischen Revo­lutions­truppen nach Darmstadt.
  Soweit die Fakten; was folgt, sind Spekulationen. Im Gespräch zwischen der Leiterin des Büchner-Hauses in Goddelau, Rotraud Poll­mann, und dem Autor Theo Schneider wird unter­stellt, Büchners Pfälzer Großmutter habe ihn im Detail unter­richtet von den Vor­gängen am Pirma­senser Hof, was dem Enkel zur Inspi­rations­quelle für sein literarisches Schaffen geworden sei.
  Da es an exakten Belegen fehlt, muss hin und wieder das Wörtchen „mög­licher­weise“ einge­schoben werden. „Mög­licher­weise“ ver­dankt sich diese oder jene Tambour­major-Szene aus dem Woyzeck einer Erin­nerung der Groß­mutter. Landgraf Ludwig IX. „könnte“ die Vorlage für den skurrilen König Peter aus Leonce und Lena gewesen sein … Immer­hin erfährt man nebenbei Interes­san­tes über Büchners Groß­eltern und über Eigentüm­lich­keiten der klein­feudalen Zeit: das Militär- und Hospital­wesen, Papp­kame­raden, die Ernährung, den Stand der Medizin.


poet: Nr. 16, Frühjahr 2014   externer Link
(poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig), 9,80 Euro.

Akzente: Heft 1, Februar 2014   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 Euro.

Sinn und Form: Heft 1, Februar 2014   externer Link
(Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9,00 Euro.

Gegenstrophe: Nr. 5, 2013   externer Link
(Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, 30159 Hannover), 10,- Euro.

Chaussee:: Nr. 5, 2013   externer Link
(Postfach 2860, 67616 Kaiserslautern), 5,- Euro.

Michael Buselmeier   19.03.2014     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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