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Mai 2009
volltextKritische AusgabeSinn und Form
 
Zeitschriftenlese  –  April 2009
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch
Auf vielfältige Weise anregend ist das jüngste Heft von Sinn und Form, angefangen mit den „Entomologischen Streifzügen“ von Jean-Henri Fabre, laut Victor Hugo der „Homer der Insekten“; auch für Apollinaire, Ernst Jünger und viele andere Poeten waren seine Schriften eine Quelle der Inspiration. Fasziniert beobachtet der bereits 1918 gestorbene Fabre, der ein Außenseiter in der Biologie war, in der Nähe von Avignon Insekten wie die Languedoc-Grabwespe, die Kreisel- oder die Sandwespe. Den Labor-Wissenschaftlern ruft er zu: „Ihr zerstückelt das Tier, ich studiere es lebend, ihr macht einen Gegenstand des Schreckens aus ihm, ich mache, dass man es lieb gewinnt, ihr arbeitet in der Folterkammer, ich beobachte unterm blauen Himmel beim Gesang der Zikaden.“
Dass der berühmte Ethnologe Claude Lévi-Strauss, Verfasser der Traurigen Tropen, mit 101 Jahren noch am Leben und sogar bei klarstem Bewusstsein ist, demonstriert er im Gespräch mit Boris Wiseman, wortkarg, doch kühl pointierend. Er fühle sich, meint Lévi-Strauss (wie übrigens auch Fabre) als „Mensch des 19. Jahrhunderts“. Die Aufgabe der Anthropologie sei ehedem „ganz von einer historischen Konstellation“ abgehangen, dem Augenblick nämlich, „in dem der abendländischen Kultur bewusst wurde, dass sie die ganze Welt beherrschen würde. Man musste sich also beeilen, um alle menschlichen Erfahrungen einzusammeln, die ihr nichts schuldeten und deren Kenntnis unentbehrlich ist, wenn man sich von der Menschheit einen Begriff machen wollte.“
Seine Jahre im Elfenbeinturm einer Stefan George-Sekte, konkret: in Amsterdam, Herengracht 401, dem Sitz der Zeitschrift Castrum Peregrini, schildert (ebenfalls in Sinn und Form) mit Selbstironie Thomas Karlauf, 2007 bekannt geworden durch seine kenntnisreiche wie kritische Stefan George-Biographie Die Entdeckung des Charisma. Bereits 1970, als 15jähriger, war er von Wolfgang Frommel, dem Gründer und Spiritus rector der Zeitschrift, „entdeckt“ worden. Es folgten Einladungen in das legendäre Amsterdamer Haus, in welchem Frommel während der deutschen Besatzung zwei jüdische Jungen versteckt hatte.
Vier Jahre später zog Karlauf fest nach Amsterdam und wurde in die auf den Dichter und Meister gründende „Gemeinschaft“ aufgenommen. Er diente dem Knabenfänger Frommel als Assistent. Ihm gefiel der dort herrschende ästhetische Fundamentalismus, er war überzeugt, dass die Rettung der Welt von Eliten wie dieser abhing. Zehn Jahre sollten es werden, Tag für Tag stundenlange Lesungen aus Georges Werk, auch Dante, Shakespeare, Goethe und Hölderlin kamen zum Vortrag, unter Männern, die ein dem Zeitgeist trotzendes Leben führten. Die deutsche Geistesgeschichte schien im jeweils letzten Heft des weithin unbekannten Castrum Peregrini zu gipfeln, das sich gleichsam selbst zum Mythos wurde. „Je eingehender ich mich mit der Geschichte befasste“, resümiert Karlauf, „desto fragwürdiger erschien mir die Gegenwart.“ Es gelang ihm nicht mehr, so zu tun, „als habe die Welt Stefan Georges das Jahr 1933 unbeschadet überdauert… Wer waren wir, uns für den Nabel der Welt zu halten?“
1984 verließ Thomas Karlauf die Herengracht 401, weil er die Ver­hält­nisse dort als „orthodox“ und „anachronistisch“ empfand. Noch ein Jahr zuvor machte er auf mich einen überzeugten Eindruck. Auf meine etwas naive Frage nach der Homosexualität im Georgekreis reagierte Karlauf jedenfalls (wie die übrigen Castrum-Jünger) mit ungläubigem Kopfschütteln, als hätte er davon noch nie etwas gehört. 1987 starb Wolfgang Frommel, um den sich alles drehte. Doch die Zeitschrift stellte erst zum Jahresende 2007 ihr Erscheinen ein – und irgendwie vermisse ich sie.
Als im vergangenen Januar Christian Enzensberger, emeritierter Anglis­tik-Professor und Schriftsteller, Verfasser des glanz­vollen Essays Größerer Versuch über den Schmutz, in München starb, hielt ihm sein älterer Bruder Hans Magnus eine ebenso launige wie traurige Totenrede, die im Aprilheft der Akzente nachzulesen ist. Sie beginnt im Märchenton: „Es waren einmal vier Brüder…“ Sie waren, erfährt man weiter, einander ähnlich und wollten doch – eigensinnig wie sie waren – auf keinen Fall verwechselt werden, suchten also Abstand von einander zu gewinnen und konnten sich dennoch auf einander verlassen. Dann wechselt Hans Magnus Enzensberger den Ton. Immer mehr habe sich Christian von den anderen entfernt: „Was wir für wichtig halten, unsere Lieben, unsere Kinder, unsere Sorgen – mit alledem war er schon lange nicht mehr beschäftigt. Es waren ganz andere, größere Rätsel, auf die es ihm ankam. Was sagen die Steine? Was bedeutet die Luft, das Wasser? Wovon spricht das Laub?“
Die Steine waren Christian Enzensbergers vermutlich tiefste Obsession. Zwanzig Jahre lang ist er ihnen nachgegangen, hat ihnen gelauscht und aufgezeichnet, was sie ihm – oft im Dialekt – erzählt haben. Poetisch versponnene Texte in mehreren Ausgaben der Akzente zeugen davon, so auch sein Resümee im jüngsten Heft: „Die Pflastersteinköpfe heute hinhaltend, aufblickend, sie murmeln: ‚Bleibst ja doch nicht, geh nur.‘ Immer wenn ich sie frage, woher sie das wissen, sagen sie: ‚Wir sind nicht das, als was du uns siehst, wir sind deine Erinnerung.‘“
Der dialektisch geschulte, aus Ungarn stammende Lite­ratur­wissen­schaftler Peter Szondi nahm sich 1971 mit 42 Jahren das Leben. Über sein „proble­ma­tisches Judentum“ berichtet Andreas Isenschmid (ebenfalls in den Akzenten). Nur wenige wussten nach dem Krieg, dass Szondi als 15jähriger mit seiner Familie aus Budapest in das Konzen­trations­lager Bergen-Belsen deportiert worden war und nach fünf Monaten in die Schweiz freigekauft wurde. Kaum jemand ahnte auch, dass Szondi die Werke seiner Lieblingsdenker Walter Benjamin und Theodor W. Adorno mit dem Gefühl des Juden las, dessen Sache hier verhandelt wurde. Szondi war nicht gläubig, er ging nicht in die Synagoge, doch er fühlte sich, besonders nach einem Aufenthalt in Jerusalem, schuldig, weil er – anders als die meisten – aus dem Lager gerettet worden war. In einem Brief bekennt er: „Ich bin ein heimatloser Jude. Israel ist meine Heimat, das Zuhause, in das ich eigentlich wechseln möchte.“ Doch er hält es in Israel nicht aus, verharrt – wie seine Eltern – in „gespaltener Zugehörigkeit“. In ihm wie in seinen Schriften, etwa den Celan-Studien, lebt, wie er 1965 schreibt, „eine Bindung an die misshandelten Juden der Vergangenheit.“ Es geht ihm um die „Errettung“ dieser Toten durch das „Wort“.
Das Wiener Literaturblatt Volltext erscheint seit 2002 alle zwei Monate im Zeitungsformat und wird in relativ hoher Auflage auch über Kioske vertrieben. Die jüngste Ausgabe wird mit einer Hommage an den ostjüdischen Romancier Joseph Roth eröffnet, der vor 70 Jahren im Pariser Exil am Suff gestorben ist, knapp 45 Jahre alt und bereits, wenn man die letzten Fotos betrachtet, ein Greis. „Vollkommen klar sehend, beging er Schluck um Schluck Selbstmord“, schreibt der von Roths Leben und von seinen Büchern faszinierte Laudator Jörg Fauser, ein Underground-Lyriker, Essayist und Erzähler, der selbst schwer drogen- und alkoholabhängig war und 1987 auf seltsame Art gestorben ist: In der Nacht nach seinem 43. Geburtstag zu Fuß auf einer Bundesautobahn bei München unterwegs, wurde er von einem LKW erfasst.
In Roth sah Fauser den heroisch Einsamen, der er selber sein wollte, einen jener „Irrenden, die sich nirgends einfügen und sich nicht mehr im Leben zurechtfinden.“ Auch Roths Figuren sind Flüchtende, Strauchelnde, Leidende. Er war zunächst ein renommierter Journalist, der im Auftrag großer Zeitungen ruhelos Europa durchquerte, doch bald auch, mit den Romanen Hiob und Radetzkymarsch, ein berühmter Schriftsteller. Anfangs der Linken zuneigend, wandelte er sich um 1930 zum Monarchisten und trauerte, als verfolgter Jude, dem katholischen Habsburgerreich nach. Er sehnte sich nach Harmonie und glaubte sie in der versunkenen Welt des alten Kaisers zu finden. Mit Roths drastischen Worten: „Weil mir die Scheißer in der Monarchie lieber waren als die Kacker in der Republik.“
Auf drei Volltext-Seiten setzt sich der Wiener Literaturwissenschaftler Helmut Gollner kritisch mit Peter Handkes jüngsten Büchern auseinander – es klingt streckenweise wie eine Abrechnung. Handkes Arbeiten seien geprägt von einer „Zwangsauratisierung“, die konkrete Menschen, Dinge und selbst den Krieg im Kosovo zum Verschwinden bringe. Das bedeute „sowohl ein humanes wie ein narratives Defizit.“ In seinem ganzen Werk habe Handke nie eine liebende oder leidende Frau gestaltet. Frauen seien bei ihm „aus Idee gebastelt“ und im „Aggregatzustand der Engel“ belassen. Ständig habe er die Natur behorcht und daraus Poesie gewonnen, aber vom Menschen weggeschaut. Weit übers Ziel hinausschießend, konstatiert Gollner bei Handke „menschliche Ignoranz“, die zu „literarischer Irrelevanz“ führe.
Die in Bonn erscheinende germanistische Zeitschrift Kritische Ausgabe hat wiederholt mit rundum gelungenen Heften auf sich aufmerksam gemacht. Ich denke etwa an die Nummer über „Literatur und Drittes Reich“, der es 2004 gelang, einem schon zum Überdruss geläufigen Gegenstand ganz neue Aspekte abzugewinnen. Das leicht ausufernde Thema „Europa“ in den Mittelpunkt der jüngsten Kritischen Ausgabe zu stellen, war keine so gute Idee. Jedenfalls ist der Eindruck, den die meisten Beiträge vermitteln, etwas beliebig und diffus, manche lesen sich wie rhetorische Pflichtübungen. Allein der Aufsatz von Michaela Schröder über den deutsch-französisch-jüdischen Dichter Yvan Goll demonstriert die Problematik des Europäischen am literarischen Beispiel.
Ferner wird mit Hermann Essig, geboren 1878 im Schwäbischen, gestorben 1918 in Berlin, an einen völlig vergessenen deutschen Dichter erinnert. Essig schrieb antiklerikale Theaterstücke und Erzählungen, die die Zeitgenossen provoziert haben sollen. Sein Hauptwerk Der Taifun ist ein satirischer Schlüsselroman, worin es um die berühmte Zeitschrift Der Sturm und deren Leiter Herwarth Walden geht. Der Roman erschien 1919 im Kurt Wolff Verlag und erfuhr 1997 eine Neuauflage.

Sinn und Form: Heft 2, 2009   externer Link
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Akzente: Heft 2, 2009   externer Link
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Volltext: Nr. 2, 2009   externer Link
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Kritische Ausgabe: Winter 2008/09   externer Link
Institut für Germanistik, Universität Bonn, Am Hof 1d, 53113 Bonn, 5,- €.

Michael Buselmeier    19.05.2009    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Mai 2009

Michael Buselmeier
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