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Mai 2012
Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Zählt zum Eigenen und Besonderen an der Kunst nicht gerade die Narration, die freie Erzählung der Welt? Auf dem heutigen Theater vertraut man ihr nicht mehr, auch im Roman weicht man seit längerem auf Montage und Zer­stückelung aus, doch in Lettre Inter­national trifft man sie noch an, in großen Essays, die es schaffen, den Leser in ihre Bewegung einzu­beziehen. Auch in der jüngsten Ausgabe dieser Zeit­schrift begeg­net man weit aus­holenden Geschichten über „Menschen und Krisen“, „Kunst als Kapital“ oder über „Brot und Körper“. Das Brot, liest man dort, „ist älter als die Schrift.“ Wo und wann die erste Ähre wuchs, weiß niemand genau. Doch irgend­wie hängt der Ursprung des Brotes mit der Ent­wick­lung der Jäger und Sammler zu Sess­haften vor etwa 10.000 Jahren zusammen. Das Brot wurde zum Grund­nahrungs­mit­tel der Menschen, und was sie dazu aßen, war Beilage. In neuerer Zeit sind die Rollen vertauscht, und das Brot ist selbst zur Beilage geworden.
  In Lettre findet man auch einen erhellenden Beitrag zur griechi­schen Schulden­krise von Heinz A. Richter, dessen Quintes­senz lautet: „Die Politiker der Euro­päischen Union begreifen nicht, dass ein Schuldenerlass und Finanz­spritzen nur Symptome der Krise bekämpfen, nicht deren Ursache. Solange das Klientel­system weiter­besteht, sind alle Hilfsgelder vergeudet, denn sie stabilisieren dieses System.“
  Unter dem Titel „Der Müll von Neapel“ erzählt Sergio Benvenuto, ein in Lettre viel publi­zierender Psychoanalytiker, über seine Kindheit und Jugend in der „hässlichsten Stadt der Welt.“ In den 50er Jahren ent­sorgte man den Müll noch nicht in Plastik­behäl­tern, sondern kippte ihn einfach auf die Straße, was bei länge­ren Streiks der Müll­männer den Eindruck machte, als hätte die ganze Stadt „ihre Eingeweide entleert.“ Doch war der Abfall, der Neapel damals heim­suchte, ver­glichen mit heute nicht sehr umfangreich. Ein Junge mit schmutzigen Kleidern, „spazzino“ genannt, schleppte ihn in einem großen braunen Sack davon. In den 60er Jahren kam der industrielle Müll dazu. Aus der Stadt der Lieder und Fischer­boote war ein stinkendes Zentrum der Stahl- und Chemieproduktion geworden, aus dem Meer, an dem Cicero seine Villa errichten ließ, ein Abwasser­becken, in dem man nicht mehr baden konnte.
  „Sieben wilde Weiber“ porträtiert der große alte (Fernseh-)Dokumentarist Georg Stefan Troller, auch ein Dauer­gast in Lettre. Darunter ist Helena Rubinstein, die „Kaiserin der Kosmetik“, eine durchrationalisierte Frau, die schon als Mädchen in Krakau ihre Geschäftstüchtigkeit bewies. Sodann Natalie Barney, die „Päpstin von Lesbos“, eine Amerikanerin in Paris, die den Dichter Ezra Pound gefördert und noch im wirren Alter betreut hat. Nicht zuletzt Wallis Simpson, die Herzo­gin von Windsor, wegen der Edward VIII. 1936 auf den britischen Thron verzichtete. Troller karikiert sie als „scharfzüngige Megäre“, von Möpsen umgeben. Trotz reichlicher Apanage von Königshof verlangte die Dame 1000 Dollar für das Interview und händigte Troller auch eine Quittung aus.
  Von „anarchistischen Welten“ berichtet die jüngste Ausgabe der Wiener Zeit­schrift Wespennest. Der von Ilija Trojanow verant­wortete Schwer­punkt ver­sammelt sehr unter­schied­liche Beiträge, von der Not­wendig­keit einer Demo­krati­sie­rung der Wirt­schaft über die west­afrika­nische Stadt Timbuktu und die selbst­orga­nisier­ten Gesell­schaften der Vorzeit bis zu einer „grünen Öko­nomie“, die sich funda­mental defi­niert. Um „grün“ zu sein, schreibt die indische Physikerin Vandana Shiva, müsse „die Wirtschaft zu ihrem angestammten Heim und ihrem Ur­sprung zurück­kehren, zu Oikos, zur Haus- und Wirt­schafts­gemein­schaft.“ Denn wenn die Ökonomie gegen die Ökologie arbeite, münde sie in eine Klimakrise, in Wasser­knapp­heit und Gefähr­dung der Arten­vielfalt.
  Etymologisch betrachtet heißt Anarchie Herrschaftsfreiheit; die Gesellschaft bestimmt gemeinsam alles. Man braucht keinen Staat, man rebelliert gegen jede Regierung …In seinem einfüh­renden Aufsatz meint Trojanow den Anarchismus gegen seine Verächter in Schutz nehmen zu müssen und behauptet seine „fortwährende Aktualität“. Dabei ist der politische Anarchismus – sowohl die ukrai­nische Machno-Bewegung als auch der Anarcho-Syndi­kalismus der spanischen Landarbeiter – tragisch gescheitert an den etablierten Mächten, an der perfiden Politik von Stalinisten und Faschisten, aber auch an eigenen Unzulänglichkeiten. Und er war natürlich alles andere als gewaltfrei. Die Anarchis­ten haben Bomben gelegt, Banken ausgeraubt und Priester erschossen, wenn auch im Namen der Schwachen, für Autonomie und Gerechtigkeit.
  In einem leicht moralisierenden Tonfall durchmisst Trojanow die Welt- wie die Literatur­geschich­te auf der Suche nach anarchistischen Tätern und Denkern, wobei der Begriff an Trennschärfe verliert. Nicht jeder, der dem Kapitalismus kritisch gegen­übersteht, hat auch etwas für Anarchie übrig. Und ob ein guter Poet etwas Anarchistisches in sich hegen sollte, ist zumindest fraglich. Der Abstand zwischen individual-anarchis­tischen Künstlern und syndi­kalistisch orientierten Bauern, die das Kol­lektiv-Eigen­tum auf Dorfebene anstrebten, hat sich im Spanischen Bürgerkrieg als schwer überbrückbar erwiesen. Kriegsteilnehmer wie George Orwell (Mein Katalonien), Carl Einstein und Ernest Hemingway haben das erfahren.
  Den geheimnisvollen Titel Kultur & Gespenster trägt ein opulent aufgemachtes, geistig anre­gendes Magazin, das kürzlich zum 13. Mal, 300 Seiten stark, in Hamburg erschienen ist. Die Redaktion interessiert sich für philo­sophische und sozio­logische Fragen, widmet sich der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst und der Fotografie.
  Pierangelo Maset und Daniela Steinert, ein Dozent und eine Studentin, beide mit hoch­schul­politischen Erfah­rungen, beklagen die „wahnwitzige Lage“ an den deutschen Univer­sitäten, also die Ökonomisierung der Bildung und all die techno­kratischen Reformen, die uns die „unter­nehmerische Hochschule“ beschert haben - auch eine Folge der radikalen Forderungen von 1968, denn: „Der Kapitalismus hat die Wünsche nach Authen­tizität und Selbstverwirklichung sowie nach Leis­tungs­gerechtigkeit und flachen Hierarchien aufgesogen.“ Auch mit den Studenten ist nicht mehr viel los, sie sind angepasst, haben eigen­ständiges Denken nicht gelernt.
  So jammern die beiden Autoren seitenlang auf hohem Niveau. Tenor: Alles wird immer schlimmer durch Zentra­lisierung, Büro­krati­sierung, Controlling, die böse EU. Und weit und breit keine Bereitschaft zum Widerstand. Am Ende retten sich die Kriti­ker in die mehr als vage Hoffnung, es könnten sich „die wenigen Beherzten“, dem „Geist“ der Universität verpflichtet, „zu selbst organisierten Neu­grün­dungen“ aufraffen.

Dass Theodor W. Adorno ein einfühlsamer Brief­partner war, wusste ich schon vorher. Denn in Alexander Kluges Fünftem Buch, das in diesem Jahr erschienen ist, sind zwei erstaun­liche, sehr persönliche Briefe des „alten Teddie“ an den „lieben Axel“ von 1967 abgedruckt. Kultur & Gespenster zeigt nun, wie Adorno in eben diesen 60er Jahren, auf dem Höhe­punkt seiner öffentlichen Wirkung, mit einigen seiner Leser korres­pondiert hat. In Faksimile sind dort, geistreich kommen­tiert von Philipp Felsch und Martin Mittel­meier, acht Briefe an Adorno sowie dessen Antworten zu lesen. Auch wenn ihm manche Zuschrift lästig gewesen sein mag, stets ant­wortet der berühmte Philo­soph schnell und höflich, geradezu pflicht­bewusst, etwa einer sehr alten Dame, die ihn an seine Knabenzeit erinnert hat, dabei vorsichtig Miss­verständ­nisse korrigierend. Ein längst ver­schollener Schulkamerad, der sich dem großen Mann gegenüber ein wenig aufspielt, wird vorwurfs­voll zurecht­gewiesen, doch um­gehend wird ihm auch, was rührend anmutet, ein Gesprächs­angebot gemacht. Und eine ob der „Erkennt­nis der totalen Nega­tivi­tät“ ver­zwei­felte Studentin warnt Adorno vor Kurz­schluss­hand­lungen, vor „Gedanken, für die ich mehr oder minder ver­ant­wort­lich bin“, und schlägt zugleich ein Zusammentreffen vor.
  Um 1965 tauchen im Auditorium die ersten kritischen Marx-Leser auf, Vorboten der Studenten­revolte. Einer von ihnen, Rudolph Bauer (was mag aus ihm geworden sein?), wendet sich an den Professor und spricht, ausgehend von Marx´ berühmter 11. Feuerbach-These, das prekäre Verhältnis von Theorie und Praxis an. Entgegen seiner Gewohnheit hat ihm Adorno keinen Antwortbrief geschickt, sondern seiner Nachfrage die komplette folgende Vorlesungsstunde gewidmet.
  Auch die Zeitschrift Sinn und Form publiziert in ihrer jüngsten Ausgabe ein merk­würdiges Konvolut von Auf­zeich­nungen. Es handelt sich um ins­gesamt acht Ge­spräche, die der Heidel­berger Arzt für „Innere und Erin­nerungs­medi­zin“ Heinrich Hueb­schmann im Sep­tember 1942 mit Geistesgrößen wie Eduard Spranger, Carl Friedrich und Viktor von Weizsäcker, Gustav von Bergmann und Theodor Litt geführt hat. Heraus­gegeben hat sie Wilhelm Rimpau.
  Mitten im Krieg also reiste der junge Arzt durch Deutschland und konfron­tierte seine Gesprächs­partner mit seiner Galilei-Kritik, seiner abwehrenden Haltung gegen­über einer Natur­wissen­schaft, die das Messbare zum Haupt­krite­rium erhebt. Dabei orien­tierte sich Hueb­schmann an der „Heidel­berger Schule“, deren Haupt­ver­treter Viktor von Weizsäcker die Beschränkt­heit des natur­wissen­schaft­lichen Welt­bilds heraus­gearbeitet hatte und grund­sätz­lich in jeder Krank­heit etwas Seeli­sches sah. Hueb­schmanns Vor­stel­lungen von einer „neuen Medizin“, die die Biographie und die Emotionen der Patienten mit ein­beziehen sollte, bestimm­ten auch seine Habi­lita­tions­schrift über „Psyche und Tuber­kulose“. Sie wurde 1952 von der medi­zinischen Fakultät der Universität Heidel­berg abgelehnt. Ebenso erging es seinem Freund und Lehrer Wilhelm Kütemeyer.
  Liest man die von Huebschmann unmittelbar nach den Gesprächen hand­schriftlich verfass­ten und später abgetippten Pro­tokolle, erhält man einen Eindruck davon, was maßgebliche Wissen­schaftler während der Hitler­zeit über Seele und Meta­physik, katho­lische Kirche und Psychotherapie dachten. Vom aktuell tobenden Krieg, vom National­sozia­lismus ist nicht die Rede. Auch Huebschmann, der doch zum Wider­spruch neigte und etwas Mis­siona­risches an sich hatte, spricht diese Fragen nicht an, ob aus Vorsicht oder weil ihm das Poli­tische eher fremd war, muss offen bleiben.


Lettre International: Nr. 96, Frühjahr 2012   externer Link
(Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin), 11,- €.

Wespennest: Nr. 162, Mai 2012: Heft 1, Januar 2012   externer Link
(Rembrandtstraße 31/4, A-1020 Wien), 12,- €

Kultur & Gespenster: Nr. 13, 2012   externer Link  
(Gefionstraße 16, 22769 Hamburg), 12,- €

Sinn und Form: Heft 2, 2012   externer Link  
(Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9,- €

Michael Buselmeier   16.05.2012     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
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