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Mai 2013
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Der intellektuelle Aufbruch von 1968 ist nun 45 Jahre ver­gangen und noch immer er­scheinen wissen­schaft­liche und essayis­ti­sche Studien über die Studenten­bewegung und ihre Folgen, von den lite­rari­schen Ver­arbei­tungen gar nicht zu reden. Ein Ende ist nicht in Sicht. Das erstaunt, denn einer­seits hat diese Jugend­revolte zwar die poli­tischen und kultu­rellen Ver­hält­nisse in der Bundes­republik umge­krempelt, sie ist aber anderer­seits, an ihren eigenen revo­lutionären An­sprüchen gemessen, voll­kom­men geschei­tert. Sie hat den Stali­nis­mus verharm­lost, Israel gegen­über den Pa­lästi­nen­sern ein­seitig ins Unrecht gesetzt. Vor allem hat sie den von ihr so ge­nannten „Spät­kapi­talis­mus“ als „tenden­ziell fa­schis­tisch“ grund­falsch einges­chätzt. Er ist heu­te vitaler denn je und welt­weit dominant.
  Im Aprilheft des Merkur referiert Klaus Birnstiel, ein junger Germanist, der „68“ nur aus Legenden und Büchern kennt, über akademisch-intel­lektuel­le Erin­nerungs­schrif­ten. Im Mittel­punkt steht ein Bericht des 1939 im Ruhr­gebiet geborenen Kultur­wissen­schaft­lers Helmut Lethen aus dem Jahr 2012. Der aus einfachen Verhält­nissen stammende Lethen schrieb als Berliner Student für die ambi­tionierte, von Hildegard Brenner heraus­gegebene Zeit­schrift Alter­native, wechselte jedoch bald zur Roten Zelle Germanistik über, mit der er die Freie Universität auf­mischte und ausg­erech­net Peter Szondis poli­tisch eher linkes Seminar für Ver­gleichende Literatu­rwissen­schaft besetzte. Von da war es nur ein kleiner Schritt zur maois­tischen KPD-AO, die sich verstiegen als Auf­bau­orga­nisation einer neuen kommunis­tischen Partei verstand. Auf dem Weg zur Welt­revolution musste Lethen in Wedding das Partei­organ Rote Fahne von Haus zu Haus verkaufen, was ihm peinlich war. „Die Partei verbrauchte Erb­schaf­ten und beendete akade­mische Karrieren“, so sein Resumé.
  In der Reihe von Büchern, die an 68 erinnern, komme Lethens Suche nach dem Handorakel eher spät, meint Birnstiel und erwähnt Gerd Koenens umfangreiches, locker selbst­kriti­sches Werk Das rote Jahr­zehnt von 2001 sowie Götz Alys radikale Ab­rech­nung mit der eigenen Geschichte unter dem provo­kanten Titel Unser Kampf von 2008. Alys Parallel­setzung der 68er-Aktionen mit den­jenigen der NS-Studen­ten von 1933 stieß zum Teil auf heftige Ablehnung, sie ist jedoch weniger abwegig, als sie auf den ersten Blick erscheint.
  Immer radikal, niemals konsequent – so lautet der Titel eines 2011 er­schienenen Buchs über den alter­nativen März Verlag, zugleich ein Lob­ge­sang auf dessen Gründer und Kopf Jörg Schröder. Im Februar­heft des Merkur stellt ihn Georg Stanitzek als „komplet­ten lite­rari­schen Arbeiter“ vor. Aus­gehend von einer soliden Buch­händler­lehre vereine Schröder in sich die Quali­fika­tionen des Werbe­fach­manns, des kennt­nisreichen Lektors, Programm-Machers und Netz­werkers, ebenso des Grafikers, Buchgestalters, Setzers und schließlich des souveränen Autors.
  1965 trat Schröder als Verlags­leiter in den Darmstädter Melzer Verlag ein, von dem er sich trennte, um im März (!) 1969 den eigenen März Verlag zu gründen und so noch nie da gewesene Bücher mit einem grellen, gelb-rot-schwarzen Schutz­umschlag zu pro­duzieren. Das Programm war ganz und gar dem kultur­revo­lutio­nären Zeitgeist auf der Spur, besonders der ameri#-kanischen Pop- und Under­ground-Literatur und ihren deutschen Vermitt­lern Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, die für den März Verlag die auf­regende Anthologie Acid zu­sammen­stell­ten. Trotz großer Erfolge, etwa mit Bern­ward Vespers Roman Die Reise, vor allem aber mit Porno­grafie, ging März zwei­mal in Konkurs und lebt doch bis heute weiter in Fort­set­zungen der seit 1990 unregel­mäßig erschei­nenden Serie Schröder erzählt, also mit dessen ebenso bewun­derten wie gefürchteten Tiraden gegen den Literatur­betrieb und sein Personal. In diese Reihe gehört auch das Buch Immer radikal, niemals konsequent, das die März­geschichte for­tschreibt.
  Ein Schriftsteller, der mit den Linken, speziell mit dem linken Establish­ment nichts zu schaffen haben wollte, war der 2007 gestorbene Walter Kempowski. Er hatte gute Gründe dafür, musste er doch eine achtjährige Zucht­haus­strafe in Bautzen absitzen, nur weil er 1948 Fracht­papiere aus der väter­lichen Reederei von Rostock nach Wies­baden geschmug­gelt hatte. Der sich fort­schritt­lich wähnenden Literatur­kritik galt er lange als Reak­tionär und Lang­weiler. Sein erstes Buch, der Haft­bericht Im Block, erschien 1969 zur Un­zeit. Auf dem Höhe­punkt der Studenten­revolte und in der Ära der Ent­span­nungs­politik wollte man von Knast­geschich­ten aus der DDR nichts hören.
  Umso überraschender, dass Kempowski in seinen 2012 postum publizierten frühen Auf­zeichnungen, die Gerhard Henschel im Aprilheft des Merkur kommen­tiert, posi­tiv über die Apo-Re­bellen Fritz Teufel und Rainer Langhans urteilt: „Teufel – Langhans, lebende Symbole. Ihr Auftreten in Deutsch­land wohltuend.“ Viel­leicht war es gerade deren Radi­kalität, ihr Anders­sein, das den geborenen Konser­vativen anzog. Nach dem Ende seiner Haft im Westen einge­troffen, musste der junge Kempows­ki eine Menge Krän­kungen einstecken, bis es ihm gelang, sich als bürger­licher Mensch und Schrift­steller zu etablieren: als Chronist seiner Rostocker Her­kunfts­familie mit dem Roman Tadellöser & Wolff, der 1971 herauskam und zum Best­seller wurde.
  Federleichte und hoch diffe­renzierte Land­schafts­gedichte des Schotten John Burnside er­öffnen das April­heft der Akzente. Das Gedicht Bei der Be­erdigung meines Vaters setzt so ein: „Mit einer Handvoll Lehm / wollten wir seinen Mund versiegeln, / mit der Asche des letzten / Feuers, das er / am sumpfigsten Rand / des Gartens gelegt hatte, / seine Augen bedecken …“
  Von eigenartigem Reiz, asso­ziationsreich, intel­lektuell und poetisch, sind auch die Prosa­texte der 1983 geborenen Mexi­kanerin Valeria Luiselli, die ihrem Band Falsche Papiere entstammen, für uns hierzulande, jedenfalls für mich eine Ent­deckung. Es handelt sich, so Cees Nooteboom, um „Essays, in denen gereist und be­trachtet wird.“ Die junge Autorin sei eine „Unbehauste“, die mit „Unbe­fangenheit und Intel­ligenz“ zu Werk gehe. In Venedig, voran auf der Fried­hofs­insel San Michele, sucht Luiselli nach Spuren des von ihr ver­ehrten Dichters Joseph Brodsky, die hier 1996 starb. Seinet­wegen durch­streift sie, reichlich mit euro­päischer Bildung versehen, Cafés und Hotels der Stadt.
  Als echter Flaneur und erfahrene Friedhofs­besucherin gibt sie nicht auf – das Suchen birgt oft mehr Ver­gnügen als das Finden –, bis sie nach Stunden Brodskys Grab­stätte entdeckt hat, abgesondert von den normalen Vene­zianern, in der Nähe von Ezra Pounds Ruheplatz. Weshalb ist Brodsky in einer Stadt be­erdigt worden, fragt sie, in der er nur auf Durch­reise war? Warum nicht in St. Peters­burg, wo er rund 30 Jahre lang (bis zu seiner Aus­bürgerung 1972) mit seinen Eltern in ein­einhalb Zimmern lebte? Und warum nicht in den Wäldern von Massachusetts, die er selbst bevorzugt hätte?
  Auf Brodskys glattem grauem Grabstein hatten Verehrer Schokolade, Füll­federhalter und Blumen ab­gelegt; kein Foto war in die Platte einge­fügt und es lag, nach Valeria Luisellis Ein­druck, eine gewisse Anony­mität und Ab­wesen­heit über dem Grab, wovon der Dichter in seinem Venedigbuch Ufer der Verlorenen spreche. Und sie fügt ein kleines Gedicht Brodskys ein: „Ein Baum. Schatten. Dann die / Erde, Wurzelheim. / Knorrige Monogramme. / Lehm. Eine Kette aus Stein. / Wurzeln. Ihr Geflecht. / Stein, dessen persönliche Last / befreit und sich schlecht / ins gegebene System einpasst.“
  Die Saarbrücker Literatur­zeitschrift Strecken­laeufer soll hier, mit einiger Verspätung, gelobt werden, zumal ihre 30. Ausgabe besonders gelungen erscheint. Das Blatt exis­tiert seit 1990 und bringt Erzäh­lungen, Gedichte und Essays vor­wiegend saar­ländischer Autoren. Eine neue Nummer kommt laut Impressum immer erst dann heraus, wenn der Redaktion gute Texte in ausreichender Zahl vorliegen – ein vernünftiges Prinzip, das Nach­ahmung verdient.
  Ralph Schock berichtet über die Freundschaft zwischen dem französischen Autor Georges Perec und seinem deut­schen Über­setzer Eugen Helmlé, die Mitte der 60er Jahre begann und in Briefen dokumentiert ist. Helmlé übertrug die extrem schwierig um­zuset­zenden Werke Perecs ange­messen, so den expe­rimen­tellen Roman La Disparition (auf deutsch Anton Voyls Fortgang), wobei er absur­de Vorgaben und Zwänge wie den Verzicht auf den Buch­staben E befolgte. Auch Hörspiele Perecs hat er für den Saar­ländi­schen Rundfunk übertragen.
  Auch der im Januar dieses Jahres gestorbene Werner Laubscher hat sprach­artistisch in der Art der Oulipo-Autoren ge­arbeitet und hätte vorzüglich in die Gruppe um Perec und Queneau gepasst. Der Strecken­laeufer druckt Andreas Durys Grabrede auf Laubscher. In dessen experi­men­tellen Germans­viller Dokumenten erzählen Patienten, die an fiktiven Sprech­krank­heiten leiden, eine immer gleiche Geschichte ganz ver­schieden: Jemand ist auf der Suche nach einer Winzer­hütte, in der er den heili­gen Gral vermutet. Doch all die 70 oft grotesken Varianten des Suchens führen ins Leere.
  Schließlich steuert Klaus Behringer eine gewun­dene Lobrede auf Hans Arnfrid Astel bei, der den Gustav Regler-Preis der Stadt Merzig erhielt. Astel, der in diesem Jahr achtzig wird, hat wohl über 3000 Kurz­gedichte oder Epi­gramme ver­fasst, die sich anfangs vorwiegend poli­tischen Gegen­ständen, später vor allem den Mythen und ihrem biolo­gischen Substrat widmeten. Als Redakteur des Saar­ländi­schen Rund­funks hat er zahl­lose Gesprächs­sen­dungen mit manchmal ganz unbe­kannten Autoren gemacht. Und er hat jahre­lang ein literatur-didakti­sches Seminar mit dem Titel Selber schreiben und reden an der Univer­sität des Saarlands ge­leitet und war insofern ein Vorbild und ein Geburts­helfer für angehende Schrift­steller. In einem abgedruckten Astel-Gedicht heißt es: „Der Falter ist enteilt / aus seinem Sommer, / jedoch sein Bild / bleibt da in deinem Buch.“


Merkur: Heft 2 und Heft 4, Februar und April 2013   externer Link
(Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 12 €.

Akzente: Heft 2, April 2013   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €.

Streckenlaeufer: Nummer 30, Frühling 2013   externer Link
(In der Fröhn 13, 66125 Saarbrücken), 5,- €.

Michael Buselmeier   15.05.2013     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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