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Mai 2014
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Verfährt die Literatur­geschichte ungerecht? Die „ver­gessenen“, „unter­gegan­genen“, „wieder­zu­ent­deckenden“ Dichter sind ein mora­lisch be­setztes Lieb­lings­thema der Zeitschrift die horen und fast schon eine Tra­dition. Zwar schei­tern die Rettungs­versuche in der Regel, doch sie werden perio­disch wieder­holt, aus Mit­leid oder einem vagen Ge­rechtig­keits­denken folgend; jeder kennt solche Bei­spiele auch von ande­ren Publi­kations­organen. Weshalb sind so bedeu­tende Lyrike­rin­nen wie Elisa­beth Lang­gäs­ser und Gertrud Kolmar weithin ver­gessen und bleiben es trotz aller Bemü­hun­gen auch, während die Jahre den Gedichten Gottfried Benns und Bertolt Brechts nichts anhaben konnten?
  Die Ursachen für das Ver­schwin­den eines Dichters aus dem Bewusst­sein der Leser und in der Folge aus der Lite­ratur­geschichte sind viel­seitig und nur schwer heraus­zu­finden. Hat sich ein Autor zu heftig oder aber gar nicht auf den Zeit­ge­schmack ein­gelassen? Sind seine Texte zu herme­tisch oder zu tri­vial? Gibt es nicht auch zu Recht Ver­ges­sene, für die man sich besser nicht engagiert? Und natürlich kennt man unter­schied­liche Grade der Ver­gessen­heit. Manche Dichter waren einst sehr be­rühmt, andere kannte schon zu Leb­zeiten kaum einer. Sind DDR-Autoren als Sonder­fälle anzu­sehen und mit ihrem Staat unter­gegangen? Wann ist überhaupt ein Schrift­steller ver­gessen? Wenn seine Bücher gänzlich ver­schollen sind, oder wenn er noch tausend, noch hundert, noch einen Leser im Land hat?
  Den vorliegenden 253. Band der horen kann ich rundum empfehlen. Er versammelt 24 Bei­träge von leben­den Schrift­stellern, die sich ver­meint­lich oder wirk­lich ver­ges­senen deutsch­sprachi­gen Autoren des 20. Jahr­hun­derts widmen. Ein­gangs bemüht sich Kathrin Schmidt um Immanuel Weiß­glas, der 1920 im buko­wini­schen Czerno­witz geboren wurde und 1979 in Bukarest starb. „Der Nobiskrug“ heißt sein bekanntester Gedichtband. Weißglas war Jude und Klassen­kame­rad von Paul Celan. Sein Gedicht „ER“ aus dem Jahr 1944 gilt als Vor­läufer, ja als Vorlage von Celans be­rühm­ter „Todesfuge“. Manche bezich­tigten Celan sogar des Plagiats, was gar nicht so abwe­gig ist. So heißt es bei Weißglas: „Wir heben Gräber in die Luft und siedeln / Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort. / Wir schaufeln fleißig und die andern fiedeln …“ Und die letzte Strophe lautet: „Er spielt im Haus mit Schlan­gen, dräut und dichtet, / In Deutsch­land dämmert es wie Gretchens Haar. Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet: / Da weit der Tod ein deutscher Meister war.“
  An den jüdischen Arzt und Romancier Ernst Weiß erinnert Herbert Wiesner. Weiß war ein aus Prag stammen­der, zeitweise mit Kafka befreun­de­ter, heute wenig gelesener Autor großer Romane der Moderne wie „Die Galeere“, „Georg Letham, Arzt und Mörder“ und „Der Augenzeuge“. Freilich erschien 1982 bei Suhr­kamp eine 16-bändige Taschen­buch­ausgabe seiner Gesammelten Werke; ein wirklich Vergessener ist Weiß also kaum.
  Außer einem Roman, Erzählungen, Reisebeschreibungen, Essays und Buchbesprechungen hat Oskar Loerke zu Lebzeiten sieben umfang­reiche Gedicht­bücher ver­öffent­licht. Der letzte Band heißt, für ihn bezeichnend, „Der Wald der Welt“ (1936) und ist erfüllt von einem überzeitlichen, fast religiösen Empfinden: „Jeder Baum ist Gott im Schlummer: / Alles Glück hängt jedem an. / Überall der ganze Kummer, / Der auf Erden werden kann.“ Über den großen, kaum noch gele­senen Natur­magier schreibt in den horen einfühlsam der Lyriker Lutz Seiler. Er bewundert an Loerkes Stil Rhythmus und Klang, „ein Fließen, Fallen, Steigen, schwer zu verorten; das Bild einer unauf­hör­lichen, pulsie­renden Bewe­gung.“
  Von ganz anderer Art war die 1885 in Halle geborene Ina Seidel, der Tilman Krause einen noblen Aufsatz widmet: „In den Jahren zwischen den beiden Welt­kriegen und auch noch darüber hinaus zählte Ina Seidel unbestritten zu den beliebtesten und auflagen­stärksten Autoren hier­zulande.“ Sie sei eine sehr gute Erzählerin gewesen, etwa mit ihrem berühmtesten Werk, dem Entwicklungsroman „Das Wunschkind“ (1930). Vor allem Frauen fühlten sich von ihr angesprochen; sie galt das „Dichterin der Mutterschaft“ und einer spezifisch deutschen Inner­lich­keit, die heutige Frauen von einer Lektüre eher abschrecken dürfte.
  Noch 1954 pries der Literaturpapst Friedrich Sieburg Ina Seidels Roman „Das unver­wes­liche Erbe“ in den höchsten Tönen. Heute hat sie keine Leser mehr. Ihr jäher Absturz dürfte auch mit ihrem Ein­treten für Hitler und den National­sozia­lismus zusammen­hängen, das sie spätes­tens mit den 60er Jahren ins Zwielicht rückte. Aller­dings gehörte Seidel, so Krause, auch zu den Wenigen, die ihren Irrtum nach 1945 offen einge­standen haben. Das protestantisch geprägte deutsche Bildungs­bürger­tum, das sich einst von ihr ver­treten fühlte, existiert nicht mehr.
  Hervorgehoben sei noch der Aufsatz des Leipziger Lyrikers Thomas Kunst über den sagen­umwobenen Paul Zech, der gewiss ein Hochstapler, (Bücher-)Dieb, Plagiator und anderes mehr war, aber auch – was oft vergessen wird – einer der wort­gewaltigs­ten Poeten seiner Zeit, sowohl mit seinem expres­sionis­tischen Frühwerk als auch mit seinen späteren Texten, die im argen­tini­schen Exil entstanden, wo er 1946 starb. Seine freien Übertragungen, besser: Nachdichtungen der „Lasterhaften Balladen und Lieder des Francois Villon“ haben ihn, mit Klaus Kinskis Hilfe, wenigs­tens postum zum Erfolgsautor gemacht. Dabei stammen so berühmte Verse wie „Ich bin so wild nach deinem Erdbeer­mund“ gar nicht von Villon, sondern von Zech, der sie einge­schmuggelt hat. Es ist Thomas Kunst zu danken, dass er so viele Gedichte Zechs zitiert, um deren poetische Kraft zu demon­strieren. Ein spätes be­ginnt so: „Der Nebel fällt. Die Welt wird wieder klein. / Die Wälder rücken auch zusammen. / Bald wird um uns nur Dunkel sein / Der Raum, woher wir alle stammen.“
  Der jüngste, 254. Band der horen steht unter dem etwas aufwendigen Titel „Mit dieser Welt muss aufgeräumt werden. August 1914: Autoren blicken auf die Städte Euro­pas“. Er wurde zusammengestellt vom „Netzwerk der Lite­ratur­häuser“, finan­ziert von der „Kulturstiftung des Bundes“ und umfasst 400 Seiten – keine lebendige, ab­wechslungs­reiche Zeit­schrift, sondern ein fetter Sammelband. 26 Autoren haben in ihrer Stadt die Zeitungen von Juli und August 1914 durchsucht und sich von dem vor­gefun­denen Material, auch von Büchern, zu umfangreichen Erzählungen, Essays und Betrachtungen anregen lassen.
  In Köln, Hamburg, München, Berlin, Leipzig, Rostock, auch in Brüssel, Dijon, Helsinki, Moskau: überall die gleiche Kriegs­begeis­terung … und was sonst noch so alles in den Zeitungen steht, Hochzeiten, Tanz­vergnügen, Mode und Morde: In dieser Häufung ein wenig langatmig, auch infla­tionär, als hätte man in den ver­gangenen Monaten nicht schon genug zu lesen und zu sehen bekommen über das Jahr 1914 und den fatalen Kriegsbeginn. Dieser dicke Band hat etwas Einlullendes und Bestätigendes; träge plätschern die Sätze dahin.
  Dabei sind die Texte fast alle von guter Qualität. Der virtuo­seste stammt von Marcel Beyer, der eine höchst sensible und elegante Prosa schreibt und seine Aufmerk­samkeit besonders auf Fotos richtet. Ihn beflügelt die Vor­stel­lung, auf einem alten Paris-Bild mit einem Mal Apolli­naire, Valery oder gar Marcel Proust unter den Passan­ten zu entdecken, ähnlich wie man den jungen Adolf Hitler am 2. August 1914 in München auf einem Foto in­mitten einer Menschen­menge vor der Feldherrn­halle erkannt zu haben meint.
  Im hinteren Teil des Bandes tauchen auch Klatsch- und Liebesgeschichten auf, etwa aus Venedig. Julya Rabinowich aus Wien widmet sich einer einzigen Person, Alma Mahler-Werfel, die gerade eine heftige Affäre mit Oskar Kokoschka hinter sich und eine neue Ehe mit Walter Gropius vor sich hat. Sie interessierte sich, liest man, nur für Genies, die sie „an ihren künstle­rischen Höhe­punkt“ treiben konnte. „Ich bilde mir manchmal ein“, schrieb Alma Mahler später, sich selbst stark über­schätzend, „ich habe diesen ganzen Welt­brand entfacht, um irgendeine Entwicklung oder Bereicherung zu erfahren – und wäre es auch der Tod.“
  Auch die in Salzburg erscheinende Zeitschrift Literatur und Kritik beschäftigt sich in ihrer Märzausgabe mit dem Krieg, der 1914 begann, doch es geht hier nicht um den mörde­rischen Stellungs­kampf im Westen, etwa vor Verdun, sondern um den als „verges­sen“ dekla­rierten Krieg, der im Osten Europas geführt wurde, wobei die Soldaten des öster­reichi­schen Kaisers auf jene des russischen Zaren trafen. Die Schau­plätze liegen in Galizien, den Wald­karpaten oder Wolhynien, in einem weit­hin unbe­kannten Winkel, wo Polen, Weiß­russ­land und die Ukraine auf­einander stoßen.
  Martin Pollack, der das Dossier zusammen­gestellt hat, merkt an, dass der Erste Weltkrieg in diesen Ländern, die uns aktuell so beschäftigen, kaum Interesse weckt, obwohl er gerade von Weiß­russ­land und der Ukraine einen hohen Blutzoll forderte. Ver­mutlich werde die Erinnerung an ihn vom Zweiten Weltkrieg überlagert und verdrängt, ebenso von den polnisch-ukra­inischen und den polnisch-sowjeti­schen Kämpfen der Jahre nach 1918. Fast übergangslos wurden Dörfer geplün­dert und nieder­gebrannt, und oft waren es die Juden, die zwischen die Fronten gerieten und als „Verräter“ abge­schlachtet wurden.
  Über ein „verpasstes Rendezvous“ im Jahr 1914 berichtet auf höchst luzide Art Andreas Isenschmid im Aprilheft der Akzente. Als nämlich Georg Lukács um 1914 in Heidel­berg seine berühmte „Theorie des Romans“ mit Notizen über Dosto­jewski begann, tat der ihm unbe­kann­te Marcel Proust in Paris genau das gleiche: Er las Dosto­jewski und gab ihm eine zentrale Rolle in seiner „Re­cherche“, die den modernen Roman revol­utio­nieren sollte. Ihre temporäre Geistes­verwandt­schaft fand freilich 1917, als Lukács Kommunist wurde, ihr Ende.



die horen: Ausgabe 253, 2014   externer Link
(Wallstein Verlag, Geiststraße 11, 37073 Göttingen), 14,- €.

die horen: Ausgabe 254, 2014   externer Link
(Wallstein Verlag, Geiststraße 11, 37073 Göttingen), 16,50 €.

Literatur und Kritik: Nr. 481/482, März 2014   externer Link
(Ernest Thun-Straße 11, 5020 Salzburg), 10,- €.

Akzente: Heft 2 / April 2014   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €.

Michael Buselmeier   14.05.2014     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Michael Buselmeier
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