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November 2009
literaturenmsVolltext
 
Zeitschriftenlese  –  November 2009
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk
Die Zeitschrift Literaturen hat sich verändert. Im Editorial der Oktober­ausgabe ist von einem „Wandel der Gestalt, nicht des Wesens“ die Rede. Die neue Heft­struktur verspricht einen Bogen zu schlagen von einer „anspruchs­vollen“ Foto­strecke über ein Prosa­stück oder einen Essay zu einem Gedicht, nicht von irgend­wem, sondern von Roger Willemsen aus­gesucht. Dazu Porträts und Gespräche, Hinter­grund­berichte aus dem litera­rischen Leben, „kurz­weilige“ Kolumnen, Rezen­sionen zu den wich­tigsten Neu­erschei­nungen, eine Besten­liste für Belle­tristik und Sachbuch sowie ein Fragebogen, in dem jeweils ein prominenter Mensch Auskunft über sich und „seine“ Bücher gibt.
Literaturen, so versprechen Verlag und Redaktion weiter, biete künftig „mehr Raum, mehr Klarheit, mehr Luft zum Atmen“ und werde „eine noch klarere Auswahl treffen.“ Um dies jedoch zu erreichen, heißt es ganz am Ende des Versteckspiels, werde man nicht mehr in zehn, sondern nur noch in sechs Heften pro Jahr erscheinen.
„Klasse statt Masse“: In so verschleiernder Sprache, nach Politikerart, verkauft man den Lesern die von der Verlags­leitung aus finan­ziellen Gründen verfüg­ten Eingriffe – den Verlust der monatlichen Er­scheinungs­weise und Einbußen um fast die Hälfte des bisherigen Umfangs. Ein Täu­schungs­manöver, zumal die neue Heftstruktur nicht übersichtlicher ist als die alte. Die Literatur soll „kurzweiliger“ daherkommen, mit Prominenten garniert.
Im Schwer­punkt­thema der jüngsten Ausgabe wird auf 14 Seiten und mit vorzüglichen Fotos Bob Dylan als „der einfluss­reichs­te und wirkungs­mächtigs­te Lyriker der Moderne“ gepriesen. Heinrich Detering, der auch ein Buch über Dylan geschrieben hat, fordert lautstark den Nobelpreis für ihn (womit er und die Redaktion bekanntlich falsch lagen; Herta Müllers Atemschaukel wird weit hinten im Heft auf einer Seite besprochen).
Zweifellos ist Detering, allseits präsenter Germanistikprofessor und FAZ-Rezensent, ein fundierter Dylan-Kenner. Er sieht seinen Helden als Vertreter der „Song Poetry“, einer Verschmelzung von U- und E-Kunst, wovon das Nobel-Komitee noch nichts mit­bekommen habe. Der romantische Traum von der „Einheit aus Dichtung, Musik und Auf­führung, aus Schrift und Stimme“ sei in Dylans Werk wirklich geworden. Auch sein jüngstes Album Together Trough Life enthalte „Liebes­gedichte und Gebete, Balladen und Traumvisionen, Kinobilder und Kinderlieder“, zusammen „ein Weltgedicht in hundert Pop-Idiomen.“ Es zeige, so Detering, „eine Welt, gesehen durch ein Temperament. Es ist des alten Knaben Wunderhorn.“
Im Prosateil der Literaturen finden sich „Notizen für eine Autobio­grafie“ des diesjährigen Georg Büchner-Preis­trägers Walter Kappacher, chrono­lo­gisch aufgereiht von der frühen Kindheit bis zum Jahr 1975, als Kappachers erstes Buch Morgen erschien. Die meisten der auf­geführten Erinnerungen sind generations­typisch für Kriegs- und Nach­kriegskinder: Sirenen­geheul und Luftschutz­bunker, das Erholungs­heim, das Flüchtlingslager; Präser­vative als Luftballons, die Karl May- und Lederstrumpf-Lektüre. Etwas später dann die Begeis­terung für den Schauspieler Oskar Werner und für Hofmannsthals Sprache und der Besuch der Schauspielschule Zerboni in München.
Was überrascht, zumal wenn man Kappachers feinsinniges Hofmanns­thal-Buch Der Fliegenpalast im Kopf hat, ist die prole­tarische Herkunft des 1938 in Salzburg geborenen Dichters, der nach der Volksschule eine Lehre als Motor­radmechaniker absolvierte und sich auf autodidaktischem Weg zur Bildung und zur Literatur durchbeißen musste.
Der Fliegenpalast ist kein typischer Roman (und wird vom Autor auch nicht als solcher bezeichnet). Einer­seits Fiktion, orientiert er sich anderer­seits streng an histo­rischen und bio­grafischen Fakten. August 1924: Aus der Schweiz kommend, macht der kränkelnde Hugo von Hofmannsthal in Bad Fusch Station, wo er früher mit den Eltern Jahr für Jahr die Sommerferien verbracht hat, wo auch Werke entstanden sind, die ihn berühmt gemacht haben. Im Hotel und auf Spaziergängen reflektiert er über die Schaffens­krise, die ihn, den 50jährigen, wieder einmal befallen hat. Er erinnert sich an die Kindheit, die Eltern, die eigene Familie und die Freunde, die ihm abhanden gekommen sind. Viel mehr geschieht in dieser sehr öster­reichi­schen Geschichte nicht.
Der Autor stellt – so Hedwig Wingler in einem Essay, der im jüngsten Heft der Grazer manuskripte nachzulesen ist – Hofmannsthal aus dessen eigenem Blickwinkel vor. Man wird Zeuge, „wie er sich erinnert.“ Kappacher beobachtet einen großen Schriftsteller „beim Erleben und Nachdenken“, der sich – tief verunsichert vom Ende der Monarchie – von der Zeit überholt fühlt und sich vorwiegend mit antiken Stoffen und Opern-Libretti beschäftigt.
Naturgemäß ist das Buch auch eines über Kappacher selbst, der Versuch, sich in der Maske eines anderen darzustellen, die eigene Sprachblockade, die Wetter­fühligkeit, das drohende Alter im anderen zu spiegeln. Kappacher hat emsig recherchiert und exzerpiert, so dass es oft schwierig ist zu entscheiden, welche Passage Zitat und welche erfunden ist. Das Buch ist, so Wingler, „von raffinierter Einfachheit.“ Dass Kappacher freilich seiner Figur den „Nimbus des Elitären“ nehme, wage ich zu bestreiten. Hofmannsthals Welt ist und bleibt „erlesen“, auch wenn er sich darin „fremd“ vorkommen mag, und die in Bad Fusch versammelten Urlauber zählen zu einer immer noch sehr privilegierten Minderheit, die uns fern gerückt ist.
Im gleichen Heft der manuskripte reflektiert Harald Miesbacher über Peter Handkes „jugoslawische Reise­berichte“, die in der litera­rischen und politischen Öffentlichkeit zu den heftigsten Kontroversen führten, beginnend 1991 mit der Schrift Abschied des Träumers vom Neunten Land, über den Bericht Gerechtigkeit für Serbien (1996) bis zur jüngst erschienenen Nachschrift Die Kuckucke von Velika Hoca. Deutlich wurde in der polemisch geführten Debatte vor allem die Diskrepanz zwischen journa­listischem und literarischem Schreiben. Zwischen der Kampfsprache der Medien und jener Peter Handkes ist, so Miesbacher, „kein größerer Unterschied denkbar.“
Den Peter Rosegger-Preis erhielt 2008 die sich gern stramm links äußernde öster­reichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Ihre Dank­rede, die sie „Bitterede“ nennt, ist ebenfalls in den manuskripten zu finden. Ich war neugierig zu erfahren, was sie wohl zu dem berühmten Heimat­schriftsteller sagen würde, an den allein in Graz zwei Denkmäler erinnern, zu seinen Geschichten von Dorf, Wald und Hochgebirge. Doch sie sagte zu ihrem Landsmann, der das Stadtleben verdammt hat, kein Wort. Vielleicht war es ihr ja peinlich, in einen Zusammen­hang mit Rosegger geraten zu sein, aber das Preisgeld lockte. Dafür äußert sich Streeruwitz allgemein zu Literatur­preisen in Österreich, sie spricht über die Spannung zwischen Politik und Literatur in Zeiten „neoliberaler Globali­sierung“, die denen von 1929 vergleichbar seien, über Zensur, die in den letzten Jahren „sehr persönlich geworden“ sei – alles in apodiktisch vor­getragenen Behaup­tungs­sätzen, einer verquasten Polit-Sprache. Doch wenigstens, schließt sie, müssten „die Preise erhalten bleiben“ (wogegen gewichtige Stimmen einwenden, es gebe deren allzu viele). Sie selbst akzeptiere „diesen Preis als Letzte einer kritischen Tradition.“
Wie Literaturen versucht auch Volltext, seit 2002 im Zeitungsformat, einem breiteren Publikum durch eine verständliche Sprache und eine übersichtliche Gliederung die Gegenwartsliteratur näher zu bringen. Was den Nobelpreis angeht, so hat Volltext die Nase vorne. Man hat nämlich instinktsicher auf Herta Müller gesetzt und kann so als Titelgeschichte ein sechs­seitiges, wohl fundiertes Gespräch ins Blatt rücken, das Angelika Klammer noch vor dem Jury-Spruch aus Stockholm mit der Autorin geführt hat – über den Roman Atemschaukel und dessen Entstehung, über die Deportation der Deutschen aus Rumänien in die Sowjetunion und die Zwangsarbeit im Lager, den „Hungerengel“, das Heimweh, die Steppen­land­schaft.
Ihre Mutter, die auch deportiert wurde, habe ihr nie erzählt, was im Lager eigentlich passiert sei, sagt Herta Müller. Mit Wörtern wie „gelitten“, „viel durch­gemacht“, auch mit modischen Begriffen wie „Trauma“ könne sie schreibend nichts anfangen, selbst das Wort „Erinnerung“ und die Situationen, aus denen alles entstanden sei, müsse man neu erfinden. Es komme auf die „Winzigkeiten“, die Details an; genau das sei der „Stoff der Literatur“: „Man geht in ein anderes Metier, wenn man in die Sprache geht. Man muß das wirklich Vorhandene völlig auflösen, zerstören, um es dann wieder in diesem anderen Metier aufzubauen.“
Die Volltext-Macher verdienen auch deshalb Lob, weil sie etwas Erstaunliches gewagt haben. Und zwar haben sie einen Brief des Dichters Erich Fried an den Neonazi Michael Kühnen vom Januar 1985 ohne relativierenden Kommentar wieder abgedruckt. Ein brisanter Text, provozierend noch oder erst recht 25 Jahre später, angesichts einer ebenso lästigen wie lähmenden pfäffischen Korrektheit.
Da schreibt eine Zentralfigur der linken Szene, ein Jude obendrein, dessen Verwandte in Auschwitz ermordet wurden, an einen inhaftierten Führer der Neonazis so offen und freundschaftlich, gibt ihm Ratschläge, macht Hilfsangebote, formuliert auch Einwände, setzt Grenzen, moralisiert und verurteilt aber nie: „Und doch schulde ich Dir, gerade Dir, weniges so sehr als wirkliche Aufrichtigkeit, wirkliches Dich-Ernstnehmen.“
Um den Dialog am Leben zu halten, kommt Fried Kühnen sehr weit entgegen, bescheinigt ihm Ehrlichkeit, Mut und Stärke, „menschlich Gutes und Großzügiges“: „Ach, ich verstehe so gut, lieber Michael, warum man Auschwitz nicht glauben will.“ Fried versucht sogar, Hitler zu begreifen und geht dabei für manche sicher zu weit, indem er schreibt: „Wenn ich daran denke, wie Hitler von seinem Vater immer nur mit der Hundepeitsche geschlagen und nicht einmal beim Namen gerufen, sondern wie ein Hund herangepfiffen wurde, so fehlt es mir nicht an Sympathie mit dem Jungen.“ Aber das Unheil, das er, „zum Teil wider Willen“, angerichtet habe, sei „damit doch leider nicht aus der Welt geschafft, dass er es ehrlich gemeint hat?!“
Trompete nennt sich ein kleines, von Theo Köppen und Peer Schröder herausgegebenes Magazin, in welchem ergraute Undergroundler wie Udo Breger, Jörg Burkhard und Hadayatullah Hübsch mit etwas jüngeren Autorinnen wie Caroline Hartge und Anna Rheinsberg zusammentreffen – gleichsam die Reste der deutschen Beat Generation. In der vorliegenden Ausgabe ist mir ein seltsam kryptischer, in sich selbst versponnener Essay von Georg Milzner über den vom Faschismus angezogenen Ezra Pound in Venedig aufgefallen, der den schönen Titel Der Dichter als Vampir trägt. Schon der erste Satz klingt nicht dumm, wäre jedoch, wie alle folgenden, zu hinterfragen: „Als Schriftsteller steigt man in Probleme ein wie ein Vampir zur Tageswende in seinen Sarg: Mit geistiger Nahrung gesättigt unternimmt man es, diese träumend zu verdauen.“ Zwar klebt dem Dichter das Blut der anderen an den Zähnen, aber wann und wie beginnt er zu schreiben?

Literaturen. Heft 10, Oktober 2009   externer Link
Knesebeckstraße 59-61, 10719 Berlin, 9,80 €

manuskripte: Nr. 185, Oktober 2009   externer Link
Sackgasse 17, A-8010 Graz, 11,70 €

Volltext: Heft 4, 2009   externer Link
Porellangasse 11/69, A-1090 Wien, 2,90 €

Trompete: Nr. 3, 2009   externer Link
Peer Schröder, Sophienstraße 7, 34117 Kassel

Michael Buselmeier    11.11.2009    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese November 2009

Michael Buselmeier
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