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September 2009
sinn und formwespennestAkzente
 
Zeitschriftenlese  –  September 2009
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch
Im August 1939 erschien in der New York Times ein unge­wöhnlicher Aufruf. Wissenschaftler an der Universität Harvard suchten nach Augenzeugen-Berichten über das „Leben in Deutschland vor und nach 1933“. Schlichte Erfahrungsprotokolle von etwa 80 Seiten wurden bevorzugt. Ein Preisgeld von insgesamt tausend Dollar war ausgesetzt. Bis April 1940 gingen mehr als 250 Manuskripte ein; die meisten stammten von emigrierten Juden, die Deutschland und Österreich nach den Novemberpogromen 1938 verlassen hatten und sich nun in den USA, in Großbritannien, Palästina oder Shanghai aufhielten.
Motor und Seele des Projekts war der junge Historiker Edward Hartshorne. Ihm ging es weniger um eine wissenschaftliche Auswertung der Texte als um die aktuelle Lage der Juden in Deutschland und darum, was Amerika tun konnte, um Hitlers Tyrannei einzudämmen. 1941 stellte Hartshorne unter dem Titel Nazi Madness: November 1938 eine Auswahl aus den eingesandten Autobiographien für ein Buchprojekt zusammen, das nie zustande kam; das Manuskript galt als verloren. Doch 2008, nach 67 Jahren, ist es in Berkeley wieder aufgetaucht.
Im jüngsten Heft von Sinn und Form veröffentlicht Thomas Karlauf aus diesem 34 Texte umfassenden Konvolut drei intensive Berichte (ein anderer, der des Philosophen Karl Löwith, wurde bereits 1986 isoliert publiziert). Was einen bei der Lektüre dieser Dokumente so beklommen macht, ist deren Authentizität, die unmittelbare Nähe zu den Ereignissen vom 9. November. Man meint die Stimmen von Toni Heine, Leiterin einer Privatschule in Berlin, und von Margarete Neff, einer Wiener Schauspielerin, zu hören, wird Zeuge ihrer Angst und Aufgeregtheit angesichts des Terrors, ihrer Bittgänge zur SS und ihrer Bemühungen um Auswanderung. Und man erführe gern mehr über die tapferen Autorinnen und ihr weiteres Schicksal in der Fremde.
Ein anderes Schicksals­datum, der von vielen, besonders im Osten, mit Euphorie begrüßte Wendeherbst 1989, ist Schwerpunkt­thema der jüngsten Ausgabe des wespennests, das mit diesem reflektierenden Rückblick seinen 40. Geburtstag begeht. Daniela Dahn, eine Art Jeanne d'Arc der Ost­deutschen, vertritt die Ansicht, dass die west­deutschen „Sieger“, also die Kapitalisten, ihr Weltbild von „willigen Inter­preten“ auch im Osten verbreiten ließen, mit der Absicht, das Bild der DDR „auf Totschlagworte wie Unrechts­staat und totalitäre Diktatur“ zu verengen und ihre „beden­kens­werten“ Seiten zu unterschlagen. Man dürfe die sozialis­tische DDR auch nicht in einem Atemzug mit der Nazi-Diktatur nennen. Und weshalb nicht? Weil es, zumindest nach Stalins Tod, keine Massenmorde mehr gab? Weil sich die DDR-Führung von einem gewissen Zeitpunkt an gezwungen sah, außen­politische Rück­sichten zu nehmen? Aber war die DDR bis zu ihrem kläglichen Ende etwa kein Unrechts­regime mit tota­litärer Ein-Par­teien­herrschaft? Hat sie ihre Bürger nicht rundum bespitzelt, bis aufs Blut schikaniert und grundlos weg­gesperrt?
Dass unsere nationalen Grenzen zu den ost­europäischen Nachbarn auch über 1989 hinaus erhalten geblieben sind, obwohl man sie längst ohne Mühe über­schreiten kann, schmerzt den Kultur­wissenschaftler Wolfgang Müller-Funk. Wir sind uns, meint er, nicht viel näher gekommen. Daran haben auch „begrüßens­werte Kultur­initiativen und Aus­stellungs­projekte“ wenig geändert. Die Grenzen, die uns trennen, „beruhen nicht auf Stacheldraht und Kommunismus, sondern auf demselben provin­ziellen Klein­geist“, der tag­täg­lich produziert werde. Viele wollten gar nicht wahr­haben, dass wir seit 1989 in einer ganz neuen, offenen Welt leben. Man gehe einander eher aus dem Weg, grenze sich auch politisch gegeneinander ab, etwa im Fall Tschechiens über die Themen „Vertreibung“ oder „Atomkraftwerke“. Gerade bei den Linken vermisst der Autor ein „post-nationales kollektives Wir-Gefühl“.
Biographien von Schrift­stellern und Künstlern werden zwar häufig gelesen, genossen aber bis vor wenigen Jahren in der Litera­tur­wissen­schaft wenig Ansehen. Sie galten, da sie immer auch „Erzählungen“ sind, als unwissen­schaft­lich und obendrein als voyeuristisch am Privaten interessiert. Dabei fordere gerade die Biographie, so der Salzburger Germanist Hans Höller im jüngsten Heft der Zeitschrift Literatur und Kritik, „alle theoretischen Standards einer modernen Philologie heraus“, etwa die „kritische Reflexion der Narrative“, die Textkritik oder die „von der Psychanalyse inspirierte Theorie des Ich.“ Als wissenschaftlich versierte und mit Vergnügen zu lesende „Inszenierungen“ erwähnt Höller Adolf Muschgs Gottfried Keller- und Wolfgang Hildesheimers Mozart-Biographie. An jüngsten Beispielen wären Thomas Karlaufs Buch über Stefan George und Joachim Radkaus monumentales Werk über Max Weber zu nennen.
Im gleichen Heft schildert Peter Stephan Jungk, wie er um 1985 von Monika Schoeller, der Inhaberin des S. Fischer Verlags, überredet wurde, eine Biographie des pragerdeutschen Schriftstellers Franz Werfel zu schreiben, von dem er nie eine Zeile gelesen hatte. Er besuchte Werfels Stieftochter und machte sich dann ans anstrengende Werk des Lesens und Materialsammelns, Hervorragendes von Missglücktem scheidend. Werfels einstiger Weltruhm war „nur noch ein Schatten seiner selbst.“ Immerhin scheint der 870 Seiten starke Armenien-Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh die Zeiten überdauert zu haben.
Auch Daniela Strigl wollte nie eine Biographie schreiben und ließ sich doch von dem Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler zu einer Lebens­be­schreibung der öster­reichischen Dichterin Marlen Haushofer drängen, die 1970 starb. Wobei Strigl anfangs durchaus die Frage beschäftigte: „Wie kann Literaturwissenschaft, die sich als auf der Höhe der Zeit befind­lich begreift, alle post­struktura­listischen und dekon­strukti­vistischen Postulate vom Tod des Autors und der Eigenmacht der Diskurse über Bord werfen, indem sie sich mit einer indivi­duellen Existenz, einem klar definier­ten Ich befasst?“
Mit Heiterkeit und Ironie berichtet Daniela Strigl von ihren Entdeckungen, also Marlen Haushofers schmalem und radikalem Prosawerk, aber auch von den Problemen, die sie bei ihren Recherchen mit den untereinander zerstrittenen Erben und besonders Erbinnen bekam, die ihre Forschungen behinderten.
Das anregende Leipziger Literaturmagazin poet ist zum siebten Mal erschienen. Es umfasst Gedichte und Prosa überwiegend junger deutscher Schriftsteller sowie einen Blick auf die aktuelle Lyrikszene Argentiniens. In den poetologischen Autorengesprächen geht es diesmal um das Verhältnis von Lyrik und Prosa. Es gibt Lyriker, die ausschließlich Gedichte schreiben, andere verfassen gelegentlich auch Prosa, bei wieder anderen scheint das Verhältnis ausgewogen zu sein.
Die in Berlin lebende und in Leipzig Poesie lehrende Ursula Krechel hat neben zahlreichen Gedichtbänden mehrere Romane verfasst, zuletzt das viel gerühmte Buch Shanghai fern von wo. Ihre „poetischen Strukturen“, bekennt sie im Gespräch mit Jan Kuhlbrodt, seien „gar nicht so verschieden in beiden Zusammenhängen“. Nicht nur ihre Prosa, auch die Gedichte arbeiteten „mit sehr viel Material“, mit Recherchen und Fundstücken. Sie setze nicht „in der üblichen Weise auf Spontaneität, sondern die Dinge wachsen langsam und werden ein Gedicht oder ein Gedicht-Zyklus.“ Auch in der unmittelbaren Spracharbeit gebe es keinen Unterschied zwischen Poesie und Prosa. Es sei in jedem Fall „ein langsames Wort-für-Wort-Schreiben“. Die Entscheidung für das Genre komme aus dem Stoff selbst. Prosa verlange viel Konstruktion und unablässige Tätigkeit, „während das Gedicht sozusagen den freien Schreibtisch haben muß, Offenheit.“ Auch Inspiration?
Kathrin Schmidt, 1958 in Gotha geboren, hat bislang vier Gedichtbände und vier Romane veröffentlicht. Wie Ursula Krechel begann sie als Lyrikerin und fühlt sich in der Lyrik nach wie vor wohler: „Eigentlich hatte ich Gedichte immer im Kopf; ob ich nun ging, stand, Windeln wusch oder Essen kochte. Ich brauchte sie dann nur noch hinzuschreiben.“ Ein Gedicht ist für Kathrin Schmidt ein formstrenges, „ein tönendes, ein rhythmisches Gebilde.“ Hingegen benötige Prosa eine gewisse Zeitentwicklung, in der man „viel denkt, wild denkt und anschließend die Handlungsfäden verwebt.“ Nach einem Aneurysma und einem damit einhergehenden Sprachverlust konnte Kathrin Schmidt einige Jahre keine Gedichte schreiben; sie musste sich die Sprache erst wieder mühsam zurückerobern.
Auch für den österreichischen Schriftsteller Christoph Wilhelm Aigner ist das Gedicht „die Königsdisziplin“. Ein Gedicht könne man nicht erzwingen, es entstehe ja nicht in dem Moment, in dem man es schreibe, es komme vielmehr von weit her und verdichte sich, wenn „der Boden reif“ sei. Im Gedicht, im Innern seiner Sprache, existiere eine ganz andere, viel größere und tiefere Welt, „ein Gattungsgedächtnis von Millionen Jahren.“
Das Augustheft der Akzente stellt neue Lyrik aus Bulgarien vor, Stimmen der jungen und mittleren Generation im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Einige der Jüngsten haben sich zum Studium oder auf Dauer in die USA oder nach Kanada abgeseilt und betrachten ihr gebeuteltes Land mit ironischer Distanz. Dimiter Kenarov, geboren 1981, erteilt einem von Umweltschützern den Zigeunern abgekauften und freigelassenen Tanzbären das Wort: „Die Natur ist abstoßend, ungastlich“, klagt Meister Petz und fährt fort: „Was mir fehlt? Einfach alles. / Die Reste von Lamm, der Mülleimer, / sogar die psychisch kranke Fiedel. / Mir fehlen die Flüche, das Elend, / mir fehlen die Enkel.“

Sinn und Form: Nr. 4, 2009   externer Link
Postfach 21 02 50, 10502 Berlin, 9,- €

Wespennest:  Nr. 156, 2009   externer Link
Rembrandtstraße 31/4, A-1020 Wien, 12,- €

Literatur und Kritik: Nr. 435/436, Juli 2009   externer Link
Ernest Thun-Straße 11, A-5020 Salzburg, 9,- €

Poet: Nr. 7, 2009   externer Link
Poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig, 8,80 €

Akzente: Heft 4, August 2009   externer Link
Postfach 86 04 20, 81631 München, 7,90 €

Michael Buselmeier    23.09.2009    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese September 2009

Michael Buselmeier
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