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September 2013
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Das in Essen erscheinende Schreibheft zeichnet sich seit über 30 Jahren durch die schier unermüd­liche Ent­decker­freude seines Heraus­gebers Norbert Wehr aus, der gerade ›schwierige‹ Autoren im Um­feld der Moderne immer wieder breit zur Diskus­sion gestellt hat: Céline, Melville, Ezra Pound, Hans Henny Jahnn … Die jüngste Aus­gabe mit der Nummer 81 ist einmal mehr voller Über­raschungen und Anre­gungen, eine Fund­grube quer durch die Weltliteratur.
  Da gibt es ein Dossier über Clarice Lispector, eine brasi­lianische Autorin, von der man hierzulande wenig weiß, obwohl ihre wichtigsten Romane in den 80er und 90er Jahren bei Rowohlt und Suhrkamp verlegt wurden. Benjamin Moser ist ihren Spuren gefolgt, faszi­niert von dieser „Mystikerin“, von der es heißt, sie habe eine ungeheure Aus­strahlung besessen; sie habe „ausgesehen wie Marlene Dietrich und geschri­eben wie Virginia Woolf.“
  Geboren wurde diese geheimnisvolle Frau 1920 in einem jüdischen Dorf in der Ukraine. Ihren Eltern gelang mit drei Töchtern die Aus­wande­rung nach Bra­silien. Bei der An­kunft war Clarice zwei Monate alt. Sie lebte zu­nächst in der nörd­lichen Hafen­stadt Recife, später in Rio de Janeiro. Mit 23 Jahren ver­öffent­lichte sie ihr erstes Buch, Nahe dem wilden Herzen. Es wurde als der bedeutendste Roman gefeiert, den je eine Frau in portugiesischer Sprache geschrie­ben habe. Es folgten Titel wie Der Apfel im Dunkel, Aqua Viva und Die Stern­stunde, Lispectors letz­ter Roman, den sie 1977, wenige Wochen vor ihrem frühen Tod an Krebs ver­öf­fent­lichte.
  Für ihren Biographen Moser ist Clarice Lispector die größte jüdische Autorin seit Kafka. In Brasilien werde sie bis heute verehrt. Doch außerhalb Latein­amerikas scheint sie kaum noch bekannt zu sein. Um das ein wenig zu ändern, publi­ziert das Schreib­heft unter dem Titel Die Entdeckung der Welt einige Zeitungs­kolum­nen, die Lispector Ende der 60er Jahre für das Jornal do Brasil zu schreiben begann. Sie äu­ßert sich darin nicht zu poli­tischen Themen (was sie als ge­branntes Kind nie tat), dafür teilt sie den Lesern Erin­nerun­gen an ihre Eltern und ihre Kind­heit mit, sie schreibt über Haus­tiere und Geldsorgen, gewährt Einblicke in ihre Gedanken­welt. Es sind hoch­poetische und anrührende Texte, spontan und witzig, sogar mit selbst­ironi­schen Anmer­kun­gen an den Setzer: „Ent­schu­ldigen Sie meine vielen Ver­tipper. Die liegen erstens daran, dass meine rechte Hand ver­brannt ist. Zweitens weiß ich nicht, woran. Eine Bitte hätte ich: Ver­bessern Sie mich nicht. Die Inter­punktion ist der Atem des Satzes, und meine Sätze atmen so. Und falls Sie mich ko­misch finden sollten, üben Sie trotzdem Respekt. Sogar ich selbst habe lernen müssen, mich zu res­pek­tieren. Das Schreiben ist ein Fluch.“
  Ein weiterer Schwerpunkt des Schreibhefts ist Uwe Nettelbecks in Auszügen vor­gestellter Montage-Roman Maurice Wilson, ein schil­lerndes Projekt, in dem es um eine schei­ternde Bestei­gung des Mount Everest, aber auch um den „Berg als Text“ geht. In den 60er Jahren war Nettelbeck eine Art Popstar, brillant und von vielen bewundert. Als Film­redakteur der ZEIT schrieb er auf ganzen Zeitungs­seiten originell über Godard, Truffaut, Pasolini, Bergmann, über den jungen deutschen Film und den US-Under­ground. Und mit seinen Gerichts­repor­tagen begründete er fast ein eigenes Genre. Meist schrieb er über Opfer der Justiz, mit denen er offen sympathi­sierte. Über den Prozess gegen den Kinder­mörder Jürgen Bartsch hat er 1967 in drei Folgen, die familiären Hinter­gründe aus­leuchtend, berichtet.
  Im Lauf der 70er Jahre verschwand Nettelbeck aus den Medien, die ihn ent­täuscht hatten, und schuf sich mit der an Karl Kraus' Fackel orien­tier­äten Zeit­schrift Die Republik ein eigenes Organ, worin er fortan die Kunst der kriti­schen Collage pflegte. Er lebte isoliert auf einem Landgut bei Bordeaux, wo ihn sein Biograph Stefan Ripp­linger im Jahr 2000, knapp sieben Jahre vor seinem Tod, zum ersten Mal aufsuchte. Nettel­beck war gerade dabei, eine zehn­bändige Aus­gabe seiner Werke für den Druck vor­zu­bereiten. Doch seltsamer­weise son­derte er die meisten seiner frühen Schrif­ten aus, so Ripplingers Eindruck. Aus den wilden Sech­zigern ließ er nichts gelten. Die geplante Ausgabe sollte vor allem das ent­halten, was er „noch machen wollte“. Er habe „10.000 Seiten deutsches Elend“ zu­sammen­getragen.
  Zu diesem Komplex zählte auch Maurice Wilson, „so etwas wie Nettelbecks Moby-Dick“, meint Ripp­linger im Schreibheft: „Es geht in diesem aus nicht lite­rari­schen Zitaten gebauten Text nicht um einen weißen Wal, son­dern um einen weißen Berg, den Mount Everest.“ Spannend werden die ver­schie­denen Ver­suche erzählt, den Berg zu besteigen, vor allem Wilsons, des Eng­länders Wahn­sinns­unter­neh­men, der 1934 allein aufbrach, obwohl er noch nie einen höheren Berg bestiegen hatte. Aber er hatte alles über den Everest gelesen! War er ein geheimer Schrift­steller? Ripplinger meint jedenfalls, dass alles, was im montier­ten Text „über Berge und Berg­steigen gesagt wird, sich auch über Kunst sagen lässt.“ Nettel­becks nach­gelas­sener Maurice Wilson ist „ein Berg von einem Text“, inso­fern sperrig, verkantet und vereist.
  Ein dritter Schwerpunkt des aktuellen Schreibhefts ist Tomas Venclova ge­wid­met, dem 1937 gebo­renen litauischen Schrift­stel­ler, Literatur­wis­sen­schaftler und Über­setzer, der heute in New Haven und Vilnius lebt. Venclova be­schäf­tigte sich schon als Student mit der ver­femten russi­schen Moderne, stu­dierte Semiotik bei Jurij Lotman in Tartu, lernte früh Boris Paster­nak, Anna Achmatowa und Nadesha Mandel­stam kennen. 1966 begann seine lebens­lange Freund­schaft mit dem künftigen Nobel­preis­träger Joseph Brodsky, dessen Gedichte er ins Litau­ische übertrug. 1977 folgte er einer Ein­ladung von Czeslaw Milosz nach Berkeley und wurde aus der Sowjet­union ausge­bürgert. Das Schreib­heft druckt Venclovas Erin­nerun­gen an den großen polnischen Lyriker Milosz, der 1911 in Litauen geboren wurde, das nach 1918 zu Polen gehörte, und in Vilnius studiert hat. Ferner gibt Venclova, im Gespräch mit der Amerikanerin Ellen Hinsey, detail­lierte Erin­nerun­gen an Joseph Brodsky und Anna Achmatowa zu Protokoll.
  Auch Ralph Dutli, Dichter und gesalbter Übersetzer aus dem Russischen und dem Franzö­sischen, widmet Joseph Brodsky und seinem Umfeld im August­heft der Akzente einen luziden Essay, aus­gehend von einem 1971, ein Jahr vor seinem erzwun­genen Exil, in Estland, in Tallinn und Tartu ent­stan­denen Gedicht Brodskys, der dort seinen Freund Tomas Venclova besuchte. Tallinn ist die alte Hanse­stadt Reval, Tartu hieß vor­mals Dorpat, eine Uni­ver­sitäts­stadt, in der das Erbe der russi­schen Forma­listen in Gestalt Jurij Lotmans noch lebendig war. „So müde vom wir­beln­den Jahr­hundert-Staub / ruht auf estni­schen Turmspitzen das rus­sische Aug“ heißt es in Brodskys Gedicht.
  Dutli untersucht die Verse auf geheime Bezüge und Chiffren. Der Blick auf die gotischen Türme Tallinns schenke dem in Russland ver­femten Dichter „einen Mo­ment der Be­sinnung“, ja des Glücks. „Ich war glück­lich hier“, am Rand des Impe­riums, schreibt er. Brodskys Werk ist für Dutli „ein Lobpreis der Poesie als Peripherie.“
  Das heutige Russland mag ziemlich anders sein, aber es gibt auch unter Putins Herr­schaft jede Menge Korruption und Unter­drückung, etwa drakonische Strafen für den Ex-Oligarchen Michail Chodor­kowski oder für die Punkband Pussy Riot. Im Merkur unter­halten sich drei Journa­listen, zwei Briten, ein Russe, aus­führlich über die kul­turel­le Situation, die sie eingangs als „politisch sehr auf­geladen“ empfinden, was den Gesprächs­leiter zu der etwas seltsamen Frage verleitet: „Erleben wir ein russisches ›1968‹?“
  Das lässt sich leicht relativieren. Denn verglichen mit der kulturellen Euphorie, die das Land während Peres­troika und Glasnost in den Achtzigern erlebt hat, ver­gli­chen auch mit den Massen­protes­ten im letzten Winter, handelt es sich hier und heute um eine „viel über­schaubarere Ange­legen­heit“, getragen von einer ganz schmalen Schicht.
  Was aber ist mit Pussy Riot geschehen, eine Gruppe, die auf Formen des Situa­tionis­mus im Frankreich der 60er Jahre zurück­greift und somit eine Sprache spricht, die im Westen ver­stan­den wird? Pussy Riot, heißt es im Merkur-Gespräch, habe auf jeden Fall „einen frischen Wind“ gebracht. Ihre Aktion in der Kirche sei „kühn und über­zeu­gend“ gewesen, die „ein­zig mögliche Antwort auf die Kreml­sprache des Ab­sur­dismus.“ Und was hat die nor­malen Russen dann so erzürnt? Wieso fühl­ten sie sich von ein paar nackten Mädchen bedroht? Sie sind Punks, lautet die Antwort, und sie sind jung. Der Grund liege im weit ver­brei­teten „Chauvinismus und Hass auf den Feminismus.“
  Über den „Mut- und Wut­bürger“ Georg Büchner, Mitverfasser der revo­lutio­nären Schrift Der hessische Land­bote von 1834, macht sich, eben­falls im Merkur, Michael Kleeberg Gedanken, die er zum Teil der neuen Büchner-Bio­graphie Hermann Kurzkes verdankt. Diesem geht es wie auch Klee­berg um eine Irri­tation des linken Büchner-Bildes: Der Wut­bürger, der heute in Stuttgart und anders­wo so hohe Kon­junk­tur habe, sei seit Büchners Zeit nicht als Mit-Kon­struk­teur der Res publica de­fi­niert, sondern als einer, der gegen alles und jeden protestiere. Darf man Büchner im Ernst vor diesen provinz-schwä­bischen Karren spannen?
  Kleeberg vermag im Hessischen Landboten nur eine „politische Jugend­torheit“ zu sehen, ein Beispiel für „Anti­libera­lismus“, und es fällt ihm schwer, „ihn für voll zu neh­men.“ Ja, Büchner habe es nach der Ver­haftung seiner Mit­ver­schwö­rer mit der Angst zu tun be­kommen, und er habe „nie wieder Politik betrieben.“ Er sei „feige“ gewesen, „zum Glück für die Kunst.“ Dass einer zugleich Revolu­tionär und Künstler sein kann, kommt Kleeberg nicht in den Sinn.


Schreibheft Nr. 81, August 2013   externer Link
(Nieberdingstr. 18, 45147 Essen), 13,- €.

Akzente: Heft 4, August 2013   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €.

Merkur: Heft 8, August 2013   externer Link
(Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 12,- €.

Michael Buselmeier   18.09.2013     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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