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September 2015
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Warum der Neandertaler, ein naher Verwandter des heutigen Menschen, vor etwa 30.000 Jahren aus­starb, ist noch immer ungeklärt. Im jüngsten Heft von Lettre Inter­national macht sich der Philo­soph Hannes Böhringer darüber Gedanken. 1856 fanden Arbeiter in einer Höhle im Neander­tal bei Düsseldorf Knochen und ein Stück Schädel, die von Natur­for­schern als Reste eines „diluvia­nischen Menschen“ identi­fi­ziert wurden. Er war wie wir, heißt es, nur – mit flacherem Kopf – ein bisschen anders. Er be­herrschte den aufrechten Gang, das Feuer, die Sprache, Werk­zeuge, und er bestat­tete seine Toten. Sein Gehirn war sogar größer als unseres. Er selbst war kleiner als der Homo sapiens, aber stämmiger und schwerer und musste mehr Fleisch essen. Kunst hat er keine hinter­lassen, weder Wand­bilder von Beute­tieren in Höhlen noch Schnitze­reien; keine sicht­baren Träume.
  Der moderne Mensch hat die Neandertaler vermut­lich tot­geschlagen, auf jeden Fall vertrieben, sich gele­gentlich aber auch mit ihnen vermischt, denn sie sind in unseren Genen nach­weis­bar. Vor 40 000 Jahren trafen, so Böhringer, „zwei ver­schiedene Popu­lationen von Menschen auf­einander und lernten von­einander. Die einen brachte es sprung­haft weiter, die anderen ihrem Ende näher.“
  Für den Anthropologen Marcel Hénaff zählen pure Gewalt, brutale Aggres­sion und Unmenschlich­keit „zum Kern­bestand der Mensch­lich­keit.“ Der Mensch, das sprechende, technisch versierte, alles­fressende Tier, ist zugleich „das grausame Tier“, das andere leiden lässt. Auch für den Ver­hal­tens­forscher Konrad Lorenz ist die Ag­gres­sivität Teil der Aus­stat­tung, mit der das Lebe­wesen sein Überleben sichert. Sie dient in erster Linie der Art­erhal­tung und der Ver­teidi­gung der Nach­kommen. Gegen Ende des Neo­lithi­kums habe der Homo sapiens, so Hénaff in Lettre, „über die wich­tigsten feind­lichen Tierarten triumphiert.“ Sein Aggres­sions­potential sei jedoch „das­selbe geblieben“, was man noch heute unter dem Firnis der Moral ständig wahr­ne­hmen kann. Im Lauf der Zeit habe der Homo sapiens „seine Werkzeuge und Waffen per­fektio­niert“, seine physische Schwäche mit außer­ordent­licher Intel­ligenz ausge­glichen und „übermächtige Zer­störungs­mittel“ ent­wickelt.
  Die großen Autoren des 20. Jahrhunderts (Proust, Kafka, Joyce, Thomas Mann) schrieben in deutlicher Distanz zur Gesell­schaft, in der sie lebten, skeptisch, illusions­los, in selbst gewählter Isolation. Einen ent­gegen­gesetzten, der Gesellschaft zuge­wandten, hoff­nungs­frohen Autoren­typ glaubt Jakob Hessing in Ernst Toller ausfindig gemacht zu haben. Er sieht ihn sogar als „Klassiker der Moderne“. Im August­heft der Zeitschrift Merkur berichtet er über die kritische Ausgabe von Tollers Werken, die seit 2014 im Wallstein Verlag in fünf dicken Bänden voll­ständig vorliegt. Neben den Dramen und den auto­bio­grafischen Schriften enthält sie Lyrik und Prosa, Hörspiele und Film­arbeiten. Das ist erfreulich, denn von Toller und seinen engagierten Texten wird in intel­lek­tuellen Kreisen kaum noch gesprochen, und die literatur­fernen Bühnen spielen seine einst so erfolg­reichen Stücke schon lange nicht mehr (und wenn doch einmal, dann nur in übel verhunzter Form).
  Zu Recht weist Hessing darauf hin, dass Toller seine prägenden Erfah­rungen, „ohne die sein Werk nicht zu verstehen ist“, als Soldat im Ersten Welt­krieg gemacht hat. Anschlie­ßend war er Ak­teur auf der politischen Bühne, ein popu­lärer Redner und Anführer in der Münchner Räterepublik, ein radi­kaler jüdischer Sozialist, bevor er in bayerischer Festungs­haft für die Theater­bühne zu schreiben begann.
  Mit dem expressionistischen Stück „Die Wandlung“, „Tollers Evangelium der Revolution“ (so Hessing etwas pathetisch), wurde er 1919 über Nacht berühmt; es blieb sein hoff­nungs­vollstes Werk. Der Begriff der „Wandlung“ ist der christ­lichen Liturgie ent­nommen un­d religiös besetzt. Auch die Szenen der folgenden Stücke sind nicht realis­tisch, sondern symbo­lisch gestaltet. Und sie werden, besonders in „Hinkemann“, dem Heim­kehrer­drama aus dem Jahr 1923, aber auch im „Schwal­ben­buch“, einem langen Gedicht über ein Schwalben­paar, das in Tollers Gefängnis­zelle sein Nest baute, immer düsterer. Der Blick des Dichters ist nicht mehr nach vorne gerichtet. Er begrüßt die Schwalben: „Was trieb Euch zum kalten April des kalten Deutschland? Zu welchem Schicksal kamt Ihr?“
  Auch Tollers berühmte Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ (von 1933) malt keine Zukunft aus, sie hält eine Vergangen­heit fest. Doch anders als Thomas Mann oder Proust ist Toller, so Hessing, noch immer „am eigenen Leben nur dort interes­siert, wo es exempla­risch ist.“ Zermürbt von all den aus­sichts­losen Kämpfen, in die er verw­ickelt ist, nimmt er sich 1939 in New York das Leben.
  Die sich Voll­text nennende Wiener „Zeitung für Literatur“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Literatur der Gegenwart einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wie weit ihr das gelingt, bleibt ungewiss. Immerhin soll die Auflage 30.000 Exemplare betragen, das Zeitungs­format mag dabei hilf­reich sein, und der Heft­preis ist mit 3,90 € gering. Doch Volltext erscheint nur viermal pro Jahr; viele Artikel sind lang und oft nicht gerade einfach zu lesen. Und in welchem Maß der Kiosk-Verkauf funk­tioniert, ist nicht bekannt.
  In jeder Ausgabe findet man eine Titel­geschichte, die sich hin und wieder auch längst gestorbenen Autoren widmet, etwa Dostojewski, zuletzt Vicki Baum. In der jüngsten Nummer erinnert Daniela Strigl an Marie von Ebner-Eschenbach, geboren 1830 und gestorben 1916 in Wien, eine Jahrgangs­kollegin des Kaisers Franz Joseph und gewisser­maßen die bedeutendste deutsch­sprachige Prosaistin dieser Epoche. Vielfach geehrt, war sie einmal – so Strigl – „die regierende Fürstin der Literatur.“
  Zu Anfang ihrer Laufbahn wollte Ebner-Eschenbach Dramatikerin werden, „der Shakespeare des 19. Jahr­hunderts“. Daraus wurde nichts, doch bis in unsere Tage haben sich Erzählungen wie „Krambambuli“, „Das Gemeindekind“ oder „Lotti, die Uhr­macherin“ lebendig gehalten – Beispiele eines poetischen Realismus, die jedoch, meint Strigl streng, Staub angesetzt und zum Image einer „alt­modischen Frau“ mit konser­vativem Weltbild beigetragen haben. Dabei wurden ihr „männlicher Gestus“ ebenso übersehen wie „die modernen Signale der Ambi­valenz und Subversion“ in ihrem Werk.
  Daniela Strigl geißelt die „Borniertheit“ einer Germanistik, die alles, was auf den Leser „rührend und er­greifend“ wirke, unter den „General­verdacht des Kitsches“ stelle und als „herunter­gekommenes Bieder­meier“ denunziere. Ebner-Eschen­bach habe die unter­gehende Adels­gesell­schaft keineswegs verherr­licht, sondern ihren eigenen Stand kritisiert. Sie galt in ihrer Familie als „Freigeist“, war „eine Zerris­sene zwischen den Epochen, den politischen und den lite­rarischen Strömungen“, ausge­stattet mit Ironie, ja Sarkasmus. Und sie zeichnete in ihren Werken immer wieder „starke, stolze, tüchtige, ja ehrfurcht­gebietende Frauen“, auch Frauen „aus dem Volk, mährische Bäuerinnen und Mägde.“
  Volltext
gibt uns sogar eine ganze Erzählung von Marie Ebner-Eschenbach zu lesen. Sie heißt „Das all­tägliche Leben“ und handelt von einer Frau, die aus der guten Wiener Gesell­schaft stammt und sich am Vorabend ihrer silbernen Hochzeit ohne vorherige Andeutung erschießt, eine Tat, die weithin Ratlosig­keit auslöst.
  Das Herbstheft von Sinn und Form ziert ein luzider Essay des Lyrikers Jan Wagner über Eduard Mörike, mit dessen Gedichten und Prosa­arbeiten („Maler Nolten“, „Mozart auf der Reise nach Prag“) ihn frühe Lese­freuden verbinden. Ein­fühl­sam und kennt­nis­reich beschreibt Wagner, dass Mörike zwar kaum je aus Schwaben herauskam, dass seine Phantasie aber nicht mehr als einen „Vorgarten“ benötigte, „um unrettbar toll zu werden.“ Für Mörike war die Grenze zwischen Kunst und Leben durch­lässig; er konnte aus dem gewöhnlichsten Gegenstand heraus ein Gedicht entwickeln. Er war seiner Gegend und den Menschen darin verbunden und sprach deren Sprache.
  Wagner preist vor allem den „Formkünstler“ Mörike, seinen „liedhaften Ton“, „Grazie und Rhythmus“, nicht zuletzt „die Liebe zur antiken Dichtung“, wobei er auch über eigene Vorlieben zu reden scheint, wenn er etwa vom „Staunen­können“ spricht, dem „Kind­lichen, Kinds­köpfigen“, das ihm „seit jeher als eine der Grund­lagen jeder Poesie“ erschienen sei. In dem Gedicht „An eine Äolsharfe“ beschwört Mörike das „süße Erschrecken“, das die Erin­nerung an einen Moment der Kindheit plötzlich auslösen kann.
  Erinnerungen anderer Art, nämlich solche an den modernen Literatur­betrieb, beschäftigen Hans Christoph Buch (ebenfalls in Sinn und Form). Er verdammt das herrschende Stipendien-Unwesen und das „hysterische Gejammer am Subventions­tropf hängender Autoren“, das die Literatur seit Walther von der Vogelweide begleitet. Buch beklagt auch den „Jugend­kult“, die traurige Tatsache, dass „immer mehr Schrift­steller der älteren Gene­ration“ für ihre Manus­kripte keinen Verlag mehr finden. Und er erinnert an zwei unlängst gestorbene Autoren, die den etablierten Betrieb ab­lehnten und von ihm aus­geschieden wurden: Zuerst an den Malerpoeten Fritz Graßhoff, der neben ernsten auch leichte, singbare Verse schrieb (etwa „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise …“ für Hans Albers). Er starb 1997 in Kanada in selbst­gewählter Isolation
  Auch Lothar Baier, ein urbaner Essayist und sehr linker Kritiker, starb 2004 im fernen Kanada, wohin er sich über Frank­reich abgesetzt hatte. Er erhängte sich „aus Lebens­über­druss“, entmutigt vom Scheitern der radikalen Lebens­entwürfe. Aus dem deutschen Literatur­betrieb war der einst so Erfolgreiche längst ausge­schieden.
  Zum Schluss ein Hinweis auf die Literaturzeitschrift Matrix. Der kleine Ludwigs­burger Pop Verlag bringt unter diesem Titel pro Jahr vier um­fang­reiche Bände heraus, die sich besonders deut­schen Autoren aus Rumänien widmen. Im Mittel­punkt des jüngsten Heftes steht der 1939 im Banat geborene Schrift­steller, Publizist und Mund­art­autor Nikolaus Berwanger, der 1989 in Ludwigsburg starb. Der voraus­gehende Band beschäf­tigt sich mit dem banat-schwäbi­schen Dichter und Essay­isten Richard Wagner. Er floh im März 1987 mit seiner damaligen Frau Herta Müller in den Westen und lebt seither, zuletzt an Parkinson leidend und darüber schreibend, in Berlin. Red­ak­tionell wurden die beiden umfang­reichen Dossiers von dem Poeten Horst Samson betreut.


Lettre International: Nr. 109, Sommer 2015   externer Link
(Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), 12,- €.

Merkur: Nr. 795, Heft 8, August 2015   externer Link
(Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 12,- €.

Volltext : Nr. 2/2015:   externer Link
(Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien), 3,90 €.

Sinn und Form: Heft 5, 2015   externer Link
(Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 11,- €.

Matrix: Nr. 2/2015 und Nr. 3/2015   externer Link
(Postfach 0190, 71601 Ludwigsburg), 12,- bzw. 14,- €.

Michael Buselmeier   23.09.2015    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
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