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Hans-Jost Frey

Dante

Fünfundzwanzig Lesespäne

Kritik
  Hans-Jost Frey
Dante. Fünfundzwanzig Lesespäne
Basel/Weil am Rhein
Urs Engeler Editor 2008
320 S., 29,00 Euro

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Wie geht das: Lesen? Erstaunt und naiv möchte ich diese Frage stellen. Besonders wenn ich ein Buch wie das von Hans-Jost Frey lese. Und einmal mehr, weil es zu den Büchern gehört, die in den vergangenen Jahren erschienen sind und denen offenbar nur wenig Aufmerksamkeit entgegen­gebracht wurde. Wenn es in einem Buch um Dante geht, dann handelt es von allem. Dieses Buch über Dante ist mindestens eine Doppel­biographie: des dante'schen Denkens auf der einen Seite und eine der Lektüre auf der anderen. Auf den ersten Blick halten sich der Interpret und der Dichter im Hinter­grund. Dantes historische Figur wird höchstens gestreift, taucht an jeder Stelle aber als Stilgeber auf und vor allem als Gegenüber von Hans-Jost Frey, der hier ein Gespräch mit Dante auf höchstem Niveau führt. Ich denke an vergleichbare Texte wie das Melville-Buch von Charles Olson („Call me Ishmael“), denke an Aufsätze von Charles Bernstein. Ihnen allen ist die leiden­schaftliche Hingabe an den Stoff Dichtung gemein. Freys andauernde, über Jahre laufende Beschäf­tigung mit Dante schlägt sich nieder auf den 250 Seiten des Buchs, dermassen souverän und durch Leseerfahrung gespeisst, dass es mir jede Hoffnung nimmt, angemessen darauf eingehen zu können. So kann ich nur eine Zu­stands­beschrei­bung geben.

In 25 Lese­spänen umkreist Frey das Thema, wobei der Kerntext zu Dante die Göttliche Komödie ist. 25 mal, das bedeutet, die Lektüre schlägt 25 mal verschiedene Wege ein, wechselt die Standpunkte, verändert die Brennweite, schiebt mehrere Blickwinkel übereinander. Mit jedem Span beginnt die Lektüre und damit der Text über den Text neu. Und das, um am Ende des Spans bloss scheinbar aufzuhören. Denn Freys Buch ist ein Plateau, nach allen Seiten offen. Müsste man ein Bild dafür geben, man könnte das Modell der ver­schie­denen Himmel wählen, wie es Dante im Paradiso beschreibt. Frey richtet sein Augenmerk auf die Comedia-Stellen, wo Rede und Denken zusammen­finden. An anderen Stellen schaltet er andere Stil­künstler und Sprach­denker wie etwas Gerard Manley Hopkins hinzu, an dessen Begriff des Inscapes er beschreibt, wie sich in einem Text Bedeutung aus sich selbst entfaltet. So wechseln sich Text und Sekundär­text ab, indem mal der eine zum Hinter­grund wird, während der andere den Ort abgibt, an dem das Denk­geschehen stattfindet. Frey wendet dieses Vexierspiel so häufig an – dem zu folgen wird einem schwindlig. „in schrift sei eine inschrift ein­trompetet“. An einem bestimmten Punkt der bei meiner Lektüre ent­standenen Turbu­lenzen bedurfte es der „vierund­vierzig gedichte“ von Reinhard Priessnitz, um angesichts des hervor­gerufenen Taumels etwas Halt zu gewinnen. Das schien ein probates Mittel zu sein, weil „Dante“ auf jeder Seite der fünfund­zwanzig Lesespäne eine starke Referenz­dichte aufweist. Stellt man beide Bücher willkürlich neben­einander, stellt man fest: beide schenken sich im Denken nichts. Frey denkt wie Priessnitz, ein Dichter, der sprach­lichen Zuständen Erfah­rungs­wert beimisst, für den Schreiben und Denken dieselbe Münze sind.

Die Frage nach dem Lesen darf man sich daher doppelt stellen: Einmal weil das Buch den Leser auffordert, sein eigenes Lesen an dem Anspruch des Buchs zu messen. Dann weil das Buch die Frage nach dem Lesen unentwegt zum Hauptthema macht. Dabei entsteht ein bio­graphischer Zug in „Dante“. Schliesslich unterscheiden sich Lese- und Schreiberfahrung für dieses Buch nicht. Sie sind verknappt gesprochen Seiten eines unendlichen Texts, der sich auf sich beziehend weiterschreibt und sich selbst im Schreiben neu liest. Dass Frey mit „Dante“ von Allem spricht, ist daher ganz wörtlich zu nehmen und stimmt im selben Moment auch nicht. Das Gespräch, das beide führen und das die beiden Gesprächspartner neu erzeugt, wird schliesslich wie mit einem Megaphon nach draussen geschickt – in hoffentlich offene Ohren.



Hans-Jost Frey:
Dante. Fünfundzwanzig Lesespäne, Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2008

Lesen und Schreiben, Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2003

Vier Veränderungen über Rhythmus, Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2000
Der Unendliche Text, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990

Dante Alighieri:
Die Göttliche Komödie (Übersetzung von Karl Vossler), München: Piper Verlag 2006 (5.Auflage)

Charles Olson:
Ich jage zwischen den Steinen, Buchhandlung König 1998
Nennt mich Ishmael, München: Hanser 1979 (vergriffen)
Collected Prose, Berkeley and Los Angeles: University of California Press 1997

Charles Bernstein:
Content's Dream, Evanston, Illinois: Northwestern University Press 1986
My Way, Chicago: The University of Chicago Press 1999
Norbert Lange    19.11.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Norbert Lange
Lyrik