poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Tom Schulz
Innere Musik

Entdeckungsreise zwischen Lebensgier und Formalismus

Der Lyriker Tom Schulz lauscht seiner inneren Musik, umkreist trans­zendente Begriffs­klopper und trifft zwischen­durch abgeranzte Freun­dinnen auf dem Raucher­balkon
  Kritik
  Tom Schulz
Innere Musik
Gedichte
Berlin Verlag 2012
120 Seiten, 19.99 Euro

Das Buch bei Amazon  externer Link


Wie man überlebt. In einer kalten, prosaischen Zeit, in der man „den Schauer in den Unterführungen“ spürt und wie sich „die Welt um das Herzzentrum schließt“. In seinem neuen Gedicht­band Innere Musik ölt Tom Schulz den „metallisch klap­pernden Brief­kasten“ mit der „Süße des Nabels“, be­schäf­tigt sich thema­tisch vor­wiegend mit Gedichten des Barock, auch der Romantik. Durchaus gewagt, sich in Boomzeiten von Wort­akrobatik und lexi­kalischer Fach­sprachen an tradi­tionel­len Formen und einem alten lite­rarischen Topos abzu­arbeiten: der Vergäng­lichkeit, ein Thema das den Autor schon in seinem letzten Band Kanon vor dem Verschwinden faszinierte. Konsequent, nun auch konzep­tionell jene Epoche heran­zuziehen, die von der Span­nung lebte zwischen Lebens­gier und Todes­bangen, Forma­lis­mus und innigem Erlebnis­ton. Zwischen diesen Polen geht Tom Schulz auf Ent­deckungs­reise und nimmt all jene mit, die nicht nur für re­flek­tiert-urbane Lyrik, sondern auch für die Wildheit und Zärtlichkeit der Sprache etwas übrig haben.

Das ist durchweg zeitgemäß, schöntraurig, auch verstaubt, zuweilen kitschig („dein schöner Schein erhellte die in Dämmer getauchten Stunden spär­licher Empfin­dungen“) oder auch bemüht barockesk („Wurm­stichig­keit in verbotener Frucht“). Zum Glück folgt bei Tom Schulz oft die ironische Brechung, allein durch Gedicht­titel wie „Nachti­gallenkot“, „Die groß­mütterliche Konstante“ oder „Selbst mit Meer­schwein­chen“. Das nimmt die Schwere. Nur damit es kurz darauf umso schwerer wird: „ich habe zu enden wie der Monat.“ Mit diesem Buch zieht der Winter ein. Eichen­dorffs „es schläft ein Lied in allen Dingen“ wird geerdet: „es schläft // das Gras, die Sprache aller toten // Dinge, Gras // ich seh den Himmel nieder // gehen: zur Ruh.“ Es geht um ein Verabschieden und Leiden. Und das geht leise voran, man spürt den ruhigen Atem, einen dumpfen Klang.

Der 1970 geborene und in Ostberlin aufgewachsene Autor ist seit Jahren eine bekannte Größe, nicht nur in der Berliner Lyrikszene. Viel Beachtung fand neben seiner letzten Einzel­veröffent­lichung auch die von ihm heraus­gegebene Anthologie „alles außer Tier­nahrung“, in dem Schulz neue politische Gedichte präsentierte. Die Gegenwart verhandeln, wach und engagiert, das ist sein Metier. Dem geht er mit seinem neuen Band durchaus nicht „fremd“. Zwar umkreist er vermehrt trans­zendente Begriffs­klopper wie Leben, Tod oder Schönheit und ist auch des Öfteren zwischen Himbeer­sträuchern und „geweihten Knöcheln“ unterwegs. Doch immer wieder tauchen neu­zeitliche Konstanten auf, abgeranzte Freun­dinnen auf dem Raucherbalkon, eine Dame, die „in der Sonne flimmert wie das Testbild eines Theaterkanals“ oder „die Berge von Armenien in den Farben // auf einer New Yorker Palette, sie zeigen keinen // Himmel, denn sie wissen keinen.“

Tom Schulz verknüpft mehrere Referenz­bereiche und das macht er so gekonnt, dass man die Tragik nicht nur mitliest, sondern mitfühlt. Erlösung gibt's nicht: „zünden Sie sich ihr Paradies // mit der kalten Schulter an.“ Und wieder wird es bitterkalt, „vor Mitter­nacht schneit es in mein Herz.“ Dieses Buch ist innerhalb eines groß ange­legten Rahmens etwas sehr Persön­lichem auf der Spur, an dem der Leser teilhat, wenn er sich darauf ein­lässt. Kommt, wir legen unsere Köpfe nieder „und schweigen die Zeit zu Ende“.

Zuerst veröffentlicht in der taz, 24.11.2012

Peggy Neidel   13.12.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Peggy Neidel
Lyrik