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Christine Langer
Findelgesichter

Zurück zur Natur, immer weiter

 

  Kritik
  Christine Langer
Findelgesichter
Gedichte
Klöpfer und Meyer 2010

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Es gibt wohl nur wenige Lyrikerinnen und Lyriker im deutschsprachigen Raum, die sich so intensiv und gekonnt wie Christine Langer der Naturlyrik verschrieben haben. Nachdem vor drei Jahren ihr Gedichtband »Lichtrisse« erschien, legt sie nun mit »Findel­gesichter« nach. Und es ist offen­sicht­lich, dass die neuen Natur­gedichte zu einem großen Teil noch dichter, noch einfühl­samer sind, dabei von einer Leichtig­keit und formalen Unange­strengtheit, die dem Leser ein poeti­sches Natur­erlebnis erster Güte ermög­lichen.

Auch in ihrem neuen Gedichtband unternimmt Christine Langer ausgedehnte Exkursionen in vielfältige Kultur­land­schaften, die wir heute Natur zu nennen pflegen, ergründet deren Ober­flächen ebenso wie die darunter zum Vorschein kommenden Geheim­nisse. Ihr poetisches Inter­esse ent­zündet sich dabei an Land­schaften und Wetter­phäno­menen, an Tieren und Früchten, am Auffälligen wie am Unschein­baren, an allem eben, was die Natur zu bieten hat. Christine Langer ist eine unge­mein neu­gierige Dichterin: Voller Empathie wagt sie den klaren, unver­stellten Blick in die Natur, stutzt und staunt, wenn sich in spreizenden unmerk­lich geöffneten Zweigen Neues über­bricht – und gewinnt so blinkende Muschel­phan­tasien fürs Kinder­auge.

Doch damit gibt sie sich noch lange nicht zufrieden. Der erste Blick auf die vermeintlichen Idyllen bohrt weiter und richtet sich auf das, was darunter liegt, auf die versteckte Unruhe im Unterholz, auf die eisigen Reifgespinste des Winters sowie die Faulstellen hitziger Hoch­sommertage. Langers Interesse gilt nicht dem Hochglanz romantischer Sonnenuntergänge, vielmehr dem Licht in den Pfützen, den im Schatten verbor­genen Schätzen, den Goldkörnern im Schlamm. Durch das Beharren auf die Vielfältigkeit der Natur wird bei Langer selbst ein Misthaufen zum Weltwunder, das danach verlangt, in einem Gedicht verewigt zu werden: Weiße Halme neben goldnen bilden Muster Rätsel kleine Höhlen und Verstecke – und ganz oben auf dem Haufen setzt die Rabenkrähe einen Punkt ins Gedächtnis ins Gedicht.

Langer versucht stets, das Natürliche – und damit auch das Menschliche – im ambivalenten Rohzustand zu betrachten, um Himmel und Erde, Morgen und Abend, Lichtfunken und Schattenseiten zu Wahrzeichen und Stimmgabeln für ihre Gedichte zu machen. So wird die Natur in all ihren Facetten zum Spiegel, zum Abbild der eigenen Seele, zur Seelen­landschaft und damit zum Zentrum der poetischen Darstellung: Erde die aufbricht unter meinem Blick bekommt Regen-, Pfauen- oder Katzenaugen, die Natur schaut zurück, lässt Einblicke in ihre Uner­gründ­lichkeit zu und wird zu Gold das beim Anblick in dich übergeht wie ein flehendes Wort. Auf diese Weise vermögen Langers Gedichte Zärtliches und Brutales, Härte und Milde, Wut, Liebe und Trauer zu vereinen. Voraus­setzung für diese innige und poetisch inspi­rierende Beziehung zur Natur ist Hingabe, denn Hinhören ist ein anderes Wort für Hineinwachsen. Christine Langer versucht der Natur so nah wie nur möglich zu sein, auf Füßen wie Tatzen so nah. Eine hautnahe Erfahrung, ein fast erotischer Akt der Verschmelzung, reine Poesie.

Ihr enges Verhältnis zur Natur muss eine Lyri­kerin wie Christine Langer unweiger­lich zur kritischen Betrach­tung unserer post­modernen Lebens­weise führen, zu den Aus­wüchsen der industri­ellen Zivili­sation. Der Zyklus Abgas­wolken enthält folge­richtig Gedichte, in denen die Natur hinter der Kultur verschwindet. An dieser Stelle des Gedichtbands schieben sich Häuser vor die Sonne als wären es Gedanken, Rauch fließt in die Wolken und über allem hängt ein Himmel in schwarzen Schichten. In dieser Welt muss sich ein lyrisches Ich, das sich ganz als Teil der Natur begreift, entwurzelt, heimatlos, ja weltfremd fühlen.

Diese Weltfremd­heit ist vermutlich notwendige Bedingung für Langers poetische Kunst, dem Unsag­baren in der Natur lyri­schen Ausdruck und Schön­heit zu verleihen. Bei der Dar­stellung einer Welt jedoch, die sich von länd­lichen in urbane Räume begibt – und damit ins Gebiet gesell­schaftlicher Unsäg­lich­keiten – wirkt Langers sonst hoch­konzen­trierte Lyrik auf einmal prosaisch, kraftlos und weniger über­zeugend. Im Industrie­gebiet scheint das lyrische Ich ängstlich und überfordert, die dichte­rische Welt­fremdheit wird hier beinahe zur eska­pistischen Methode: Anders als in ihren Natur­gedichten entfernt sich Langer von ihren poetischen Erkenntnis­objekten, baut Distanz auf, so dass ihr Blick unscharf wird und ein wenig beliebig wirkt. Alles wird merk­würdig profan. Vergäng­lichkeit ist in diesen Gedichten schnöde Gebrech­lichkeit, welche die Natur lediglich aus dem Zugabteil, verzerrt von dicken Brillen­gläsern und mit schmerzender Band­scheibe wahrnimmt. An dieser Stelle verlieren die Gedichte ihren souve­ränen Ton und die Selbst­verständ­lichkeit, mit der sie ansonsten poetischen Mehrwert herstellen. Immerhin erzeugt diese Seite der Welt­fremdheit Mit­gefühl für wehrlose Geschöpfe, die sich gegen den (selbst)zerstö­reri­schen Zugriff des Menschen nicht behaup­ten können, und formuliert Gedächtnis­male für die gequälte Kreatur.

Vielleicht sind Christine Langers eher schwächere Gedichte ja der Preis für ihre groß­artige Natur­lyrik, die im Kontrast erst Recht hervorsticht. Vielleicht kann sich nur über jene spezifische Weltfremdheit eine derart sensible Naturnähe ausbilden, diese Eindringlichkeit und zugleich Locker­heit in Betrach­tung und Beschreibung, durch die der Leser an Langers erfah­rungs­gesättigten Exkursionen in Wald und Flur teilhaben darf. Und vielleicht findet die Dichterin nur auf diese Weise zu starken Bildern und Metaphern, zum feinen Spiel mit Rhythmus und einge­streuten Reimen, zu ihrem mal hymnisch hoch­gestimmten, mal elegisch gedimmten Tonfall. Aber eigentlich würde dem Buch nichts fehlen, wenn es auf die etwas weltfern anmutenden Gedichte verzichtet hätte. Denn wer möchte mit Christine Langer schon die Rasenkultur einer Fußball­welt­meister­schaft ironisch erkunden, wo er mit ihr doch viel nach­haltiger in die Poesie einer mücken­umflirrten oder auch schnee­bedeckten Wiese vordringen kann?

Christine Langer im Poetenladen
Weitere Kritik zu Findelgesicher von Lorenz Mueller

Peter Kapp   2.12.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Peter Kapp
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