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Christine Langer

Lichtrisse

Lyrische Exkursionen und Exerzitien

Christine Langer | Lichtrisse
Christine Langer
Lichtrisse
Gedichte
Klöpfer & Meyer 2007

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Seit jeher haben sich Dichterinnen und Dichter von der Natur faszinieren und inspirieren lassen. So sollte man meinen, dass nach all den Jahrhunderten poetischer Annäherung an Fauna und Flora, an Landschaften, Wetterlagen und Jahreszeiten, an die ganze Fülle und Vielfalt der Natur das Thema nunmehr erschöpft wäre. Aber mitnichten: Auch heute noch arbeiten sich Lyrikerinnen und Lyriker daran ab, egal ob sie sich der Tradition oder der Avantgarde verpflichtet fühlen. Und manche, so zum Beispiel Christine Langer in ihrem Gedichtband Lichtrisse, tun dies überaus originell.

Christine Langer ist nicht nur eine sensible Beobachterin, welche die Natur auf eigenwillige Art und Weise wahrnimmt, sondern auch eine versierte Sprachkünstlerin, der es scheinbar mühelos gelingt, aus intensiven Naturerlebnissen poetische Funken zu schlagen und dabei ganz bei sich selbst zu sein: Geraschel in jedem Winkel Regung / Farbe Erde feuchte weiße Luft / Geruch die eigene Stimme. In einem gründlichen Delirium der Sinne erkundet sie die Natur und gelangt über geheimnisvolle Bilder, präzise Zeilenbrüche und prickelnde Wortkaskaden zu erfahrungsgesättigten Gedichten, die nicht nur vorstellen, was der Autorin irgendwann auf ihren Exkursionen in die Natur begegnet ist, sondern die nachempfinden lassen, worauf es dabei ankommt.

Denn Christine Langer schreibt keine naive Naturlyrik, die in Hymnen schwelgt. Ihre Gedichte sind vielmehr poetische Erkenntnisinstrumente, welche die Naturerscheinungen in ihren Ähnlichkeiten und Differenzen, in ihrer subjektiven Ordnung und Bedeutung zu entziffern versuchen. Langer lässt ihre Leser teilhaben an einem Rausch, der sich seiner Ohnmacht / beim Zählen der Blätter: der Sterne vollkommen bewusst ist. Jedes auf den ersten Blick noch so unscheinbare Stück Natur ist dabei wesentlich: In den Wolken steht der Ozean geschrieben, / und unterm Stroh die Sahara. In jedem Detail erkennt die Dichterin Abstrakta fürs Auge, denen sie Namen und Begriffe geben muss, um sie poetisch fruchtbar zu machen. Jede Chiffre ist dem Himmel zugewandt, dem Herz, und so gerinnt schließlich jeder Gegenstand, der aus der Natur extrahiert wird, zum Zeichen, was das Leben auf dieser Erde zu bedeuten hat - oder zumindest bedeuten könnte.

Im Verlauf ihrer poetischen Forschungsreisen dringt Christine Langer immer weiter zum (sprachlichen) Grund der Natur vor und stößt dabei auf etwas Unheimliches unter der sichtbaren Oberfläche der Phänomene, eine Wahrheit, welche die Kontingenz allen Lebens schonungslos aufdeckt. Ihre Gedichte rücken die Natur ins rechte Licht und landen somit folgerichtig bei der Natur des Menschen, bei seinen Sehnsüchten, Lüsten und Begierden, zugleich aber auch bei seinen natürlichen Grenzen, der Vergänglichkeit der Körper. Das Bewusstsein, dem Tod nicht entrinnen zu können, führt indes nicht zur Klage, sondern zu einem erotischen, sinnesfrohen, beinahe barocken Taumel. Lichtrisse an der Wand werden zum Wolkengetümmel, in dem sich das lyrische Ich ins Bodenlose stürzen kann und Selbst­vergessenheit findet.

Langer enthüllt in ihren Gedichten den rohen Kern der Natur, indem sie Dämmerzustände und Schattenseiten nicht ausblendet, sondern im Gegenteil den Lichteinfall verändert, um klarer zu sehen: Halte deine Finger / gegen das Licht und sieh! Denn erst im Unscharfen enthüllt sich die Wahrheit. Oder anders ausgedrückt: „Wahr spricht, wer Schatten spricht“ (Paul Celan). Christine Langers Gedichte sind in ein eigentümliches Licht getaucht, das die rationale Welterfahrung brüchig werden lässt, in ein Zwielicht, das die Gegenstände nicht voneinander scheidet, sondern die natürliche Ambivalenz sichtbar macht, auf deren Grundlage alles Leben beruht: Das Lichtdurchflutete und das Schattenbeschwerte, das Leichte und das Dumpfe, das himmlisch Erhabene und das Erdenschwere bedingen einander, Schönheit und Verfall sind Kehrseiten, die sich in der Natur des Menschen widerspiegeln und so auch die Poesie zu etwas Vergänglichem machen: Feucht- / wurzelnder Geruch wie schon einmal. Lichtes / Leben, Erde winkt, Himmel zu / Gräbern, Tiefe im Stein unter bemoosten Stimmen. In dieser vielschichtigen Durchmessung der Natur werden Christine Langers Gedichte zu poetischen Exerzitien über die Existenz alles Natürlichen.

Lediglich der vierte Zyklus Wind    Stille    Sturm fällt im Vergleich ein wenig ab. Zwar arbeitet die Autorin auch hier mit Naturmetaphern, ermöglicht damit aber statt poetischer Erfahrung vor allem poetologische Einblicke in die Werkstatt der Dichterin. Das ist sicherlich nicht uninteressant, wirkt jedoch teilweise merkwürdig thesenhaft und uneingebunden in die Gesamt­komposition des Bandes. Denn letzten Endes geht es in Langers Lichtrissen nicht um die spezifischen Befindlichkeiten einer zeitgenössischen Lyrikerin, sondern in der Hauptsache um etwas, was den menschlichen Horizont außerhalb der Poesie im Allgemeinen übersteigt: Um die Natur in und um uns herum. Und da Christine Langer dafür über eine angemessene, gleicher­maßen zarte wie derbe Sprache verfügt, braucht sie den Vergleich mit der langen Tradition im Bereich Naturlyrik keineswegs zu scheuen.

Christine Langer im Poetenladen

Peter Kapp   12.09.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Peter Kapp
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