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Peter Kapp
Elfenbein gehört zu einem Zyklus von vier Geschichten. Im Mittelpunkt steht der Protagonist Longin, der sich jeweils in unterschiedlichen symbolischen Räumen bewegt.

Elfenbein

Von unten betrachtet wirkten die Türme ein wenig grobschlächtig, massiv, als hätte sie ein übermütiger Riese wie Pfähle in die Erde gerammt. Und je weiter man sich von ihnen entfernte, desto stärker gingen sie in die Breite, ihr kollektives Profil aus der Ferne betrachtet: Eine Pyramide, deren Spitze in den Himmel stach. Doch das täuschte. In dieser Stadt hingen die Türme vom Himmel herab. Göttliche Säulen, fest im Firmament verankert, nur wenn es stürmte, schienen sie sachte zu schwanken. Ihr angestammtes Element war die Luft: der hohe Wind, der Wolkendunst. Diese Türme schwebten, durch unsichtbare Bögen verbunden.
Als Longin sie zum ersten Mal sah, staunte er. Senkrechten Blicks tastete er sich vorsichtig an der spiegelgläsernen Wand des Höchsten hinauf, an den Fenstern entlang, durch den Lichtschein, der aus ihnen drang, hindurch. Je weiter sein Blick nach oben wanderte, um so heller erschien ihm dieser Schein: ein elfenbeinerner, unirdischer Glanz. Diese Türme waren funkelnde Verbindungen, geradewegs in die Wolken hinein. Selbst wenn man mit dem Rücken zu ihnen auf den Fluss starrte, leuchteten einem die Türme entgegen – Prachtspiegelungen.
Da wo Longin herkam, war alles dicht auf die Erdkruste gesetzt, schwerfällig und bodenständig. Jeder Körper an die Horizontale gefesselt, jede Bewegung in sie verwoben. In jener Stadt aus Moos war alles miteinander verwachsen, ein wildes Geflecht wuchernder Materie. Nach Regengüssen stieg Feuchtigkeit dampfend zum Himmel hinauf und ließ Nebel über den Oberflächen wabern. Nie wurde die Luft klar in diesem Netz aus schleierhaften Gründen. Die Stadt, die an sonnigen Tagen daraus hervorschien: ein heilloses Wurzelgestrüpp. Longin fiel es schwer, seinen Kopf aus dieser vermoosten Dämmerung herauszuhalten. Es gab keine Türme, in den Wäldern flackerte nur selten milchiges Licht auf: Im Winter, wenn die Sonne den Schnee zum Glitzern brachte, oder auf den entrindeten Baumstämmen am Wegrand. Immer roch es nach Pilzen, unentrinnbar, nach ewiger Fortpflanzung und Tod. Longins Leben war felsenfest geerdet. Und je höher er seine Nase in die frische Luft reckte, oben auf den bewaldeten Bergen, je kräftiger er absprang, um dem Himmel nahe zu sein, um so tiefer versanken seine Beine im weichen Zugriff der flachen, erdenschweren Stadt.
Einmal entdeckte Longin ein totes Wildschwein im Gehölz. Die abgewetzten Hauer des Keilers glänzten verheißungsvoll aus dem queren Sturmholz hervor. Longin kletterte über die zerborstenen Stämme, bis er direkt vor dem Kadaver stand. Er erschrak kaum.
Als Longin später in die Stadt der Türme zog, nahm er zunächst kaum Notiz von den Wolkenkratzern. Stattdessen ging er in den Zoo, verharrte lange bei den Elefanten. Ihre vergilbten Stoßzähne deuteten auf hohes Alter, strikte Umzäunung und ergebene Weisheit hin. Erst als Longin begann, den alten Elefanten Namen zu geben, erkannte er, dass er in dieser Stadt den Blick vom Boden erheben musste, um den Himmel richtig betrachten zu können. Und als er aufwärts schauend an den sogenannten Wolkenkratzern vorüberging, entdeckte er diesen eigenartigen elfenbeinernen Schimmer am Himmel. Da wollte er sein.
Entschlossen machte sich Longin daran, den Höchsten der Türme zu erklimmen. Er zog sich Schuhe und Socken aus, stand barfuß vor dem Stalaktiten aus Beton, Glas und Stahl, der ihm vom Himmel entgegen hing, in den Boden verschmolzen. Die Wand schien wie gemacht für Longins Finger und Zehen, kraftvoll zog er sich Stück für Stück an den Simsen und Vorsprüngen, Furchen und Fugen nach oben, entschieden. Sein Körper schmiegte sich an den Turm, selbst ein Stück Wand. Mühelos kletterte Longin aufwärts, ohne zu zögern. Er hatte keine Angst, er fühlte sich vorbereitet.
Longin drehte seinen Kopf von der Wand weg, schaute nach unten: Er befand sich mehrere Meter über der Straße. Bis hierher waren die Fenster des Turmes verspiegelt. Sobald Longin einen Blick in das Innere des Gebäudes werfen wollte, strahlte ihm nur sein eigenes Gesicht entgegen: weit aufgerissene Augen, geblähte Nasenflügel, kräftige Zähne blitzten im Grinsen. Er streckte sich selbst die Zunge heraus und musste lachen. Dann wendete er seinen Blick wieder nach oben. Das elfenbeinerne Schimmern schien verlockend deutlich.
Ab der vierten Etage konnte Longin durch die Fenster in den Turm hineinsehen. Menschen saßen an geräumigen Schreibtischen aus hellem Kunststoff: zwischen Kugelschreibern, Ablagen voller Formulare, wankenden Stapeln von Mappen und Ordnern. Sie arbeiteten konzentriert, ohne aufzusehen. Erst als Longin an den Fenstern des achten Stockes vorbeikletterte, wurde er von einer Büroangestellten entdeckt, sie trug ein beiges Kostüm. Bestürzt schlug sie die Hand vor den Mund. Longin winkte ihr fröhlich zu.
Hinter den Scheiben des nächsten Stockwerks waren eigenartige Skulpturen zu erkennen. Tierstatuen, aus Holz oder Stein gehauen, mit bunt bemalten Fellen: eine schwarze Giraffe mit rosa Musterung, ein blauer Büffel mit glänzenden Hörnern, ein grüner Leopard mit roten Flügeln. Menschen konnte Longin keine entdecken. In den Etagen darüber befanden sich wieder Büros: die Angestellten darin telefonierten, kritzelten versunken über ihren Schreibtischunterlagen, gähnten verstohlen, pulten sich heimlich Essensreste aus den Zähnen. Im zwölften Stock fand ein Geschäftsempfang statt. Appetitliche Häppchen stapelten sich auf einem stattlichen Büfett. Ein Geschäftsmann im dunklen Anzug und olivgrün gestreifter Krawatte schaute versonnen aus dem Fenster, als Longin vorbeikam. Erstaunt ließ er seinen Arm mit dem Sektglas sinken, kniff die Augen zu. Longin huschte schnell am Fenster vorbei.
Wenige Etagen darüber befand sich eine Bibliothek. Endlose Bücherreihen pflanzten sich fort von den Fenstern in den von Leuchtstoffröhren erhellten Raum, bis sie sich im düsteren Staub weiter hinten verloren. Longin verschwendete keinen Blick an die Titel der Bücher. Lesen konnte er später. Ein paar Fensterreihen weiter oben arbeiteten ein paar elegant gekleidete Männer und Frauen. Sie trugen Headsets und gaben eifrig Zahlen und Daten in ihre Computer ein. Niemand beachtete Longin.
Im nächsten Stockwerk nahm er durch die Blätter einer Grünpflanze hindurch einen grauhaarigen Mann wahr, der mit dem Rücken zum Fenster an einem mächtigen Schreibtisch saß, zwischen Zeitung, Federhalter, ledernen Akten und Telefon. Vor ihm, am Rand des Schreibtischs stand ein kleines Kistchen, dem der Mann eine Zigarre entnahm. Auf der 24. Etage vergnügte sich ein ungleiches Paar: Ein schmerbäuchiger Herr um die sechzig stand mit aufgeknöpftem Oberhemd und heruntergelassenen Hosen vor seinem Schreibtisch, die Arme hinter sich auf die Tischplatte gestützt. Vor ihm kniete eine junge, dunkelhaarige Frau in leuchtend roter Unterwäsche, die Lippen um seinen Penis geschlossen. Während der glasige Blick des Mannes die Tür fixierte, bemerkte die junge Frau, wie Longin langsam am Fenster vorbeiglitt. Für einen kurzen Moment verharrte ihr Kopf bewegungslos, sie warf Longin einen Blick zu, der Mitleid oder auch Hohn ausdrücken konnte. Dann machte sie weiter.
Die Fenster der nächsten Etage standen offen. Longin setzte sich auf ein Fensterbrett, um kurz auszuruhen. Er blickte am Turm herab und wunderte sich.
In der Stadt aus Moos hatten ihn seine Wanderungen regelmäßig zu einem alten Steinbruch geführt. Wenn Longin dort oben an der Abbruchkante stand und sein Blick auf die kalkig schillernden Pfützen am Fuße des Felsens fiel, wurde ihm schwindlig. Mit aller Macht zog es ihn hinunter. Neugierig und ängstlich zugleich breitete er dann die Arme aus: Er stellte sich vor, ein Adler zu sein, flatterte ein wenig mit den Armen und sprang vom Abgrund zurück. Erleichterung und Enttäuschung hielten sich stets die Waage.
Hier, vor einem der vielen Fenster des höchsten Turms dieser Stadt, auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde, hatte er keine Angst mehr. Er beobachtete das Gewimmel unten auf der Straße, dann blickte er nach oben. Tatsächlich, der Elfenbeinglanz an der Turmspitze nahm zu, je höher sich Longin hinaufhangelte.
»Die Hälfte hast du geschafft.« Von Longin unbemerkt, war ein junges Paar, Mann und Frau, hinter ihm ans Fenster getreten. Beide waren nackt. Sie hielten sich an der Hand und lächelten Longin freundlich zu. »Ich weiß. Ich mache gleich weiter.« »Bist du dir sicher?« Die junge Frau trat näher an Longin heran, so nah, dass er sie riechen konnte: ein würziger Geruch nach frischer Walderde. Ihre Haut war blass, Longin hatte den Eindruck, jedes feine Äderchen darunter erkennen zu können. Er atmete ihren Duft tief ein. »Ja. Ganz sicher.« Der junge Mann nickte Longin freundlich zu, dann verabschiedeten sie sich. Longin warf einen Blick nach unten, witterte den Verkehrsgestank, presste sich an die Hauswand und kletterte weiter.
Die nächsten Etagen schienen leer zu stehen. Nichts war hinter den Scheiben zu erblicken, nicht einmal Möbel, die auf ein Leben in dieser Höhe hindeuteten. Irgendwo zwischen 25. und 30. Stockwerk hingen Jalousien vor den Fenstern. Longin schielte zwischen den Ritzen hindurch. Er erschrak, sein linker Fuß rutschte von der Hauswand ab. Doch seine Finger hielten ihn an der Wand fest, bis seine Zehen wieder Halt gefunden hatten. Der Raum hinter der Scheibe war vollgestellt mit ausgestopften Tieren, ihre Körper auf Angriff eingestellt oder zur Flucht ausgerichtet. Die ganze Ebene war belegt von Fellteppichen, Haigebissen, glühenden Glasaugen. Knochen und Gebein erlegter Beute. Trophäen, auf der ganzen Welt erjagt: Hirschgeweihe, Keilerschädel, Elefantenstoßzähne.
Longin beeilte sich weiterzukommen, jetzt, wo er beinahe oben angelangt war, gab es kein Zurück mehr. Die folgenden Etagen standen wieder leer, und Longin kam es vor, als ob es nun dunkler würde. Er schaute nach oben: Auch dort, am Fuße des Himmels, schien es mit einem Mal schattiger. Doch das täuschte, wahrscheinlich warf die Sonne ihre Strahlen in einem anderen Winkel auf das Gebäude, es wurde Abend. Der Turm fühlte sich nun weniger fest an, schien sich unter Longins Händen aufzulösen. Seine Finger und Zehen sanken in die Wand ein, Stück für Stück kämpfte er sich weiter hinauf. Longin fühlte sich erschöpft, lange würden seine Reserven nicht mehr ausreichen. Verbissen kletterte er weiter.
In der Stadt aus Moos war es nie nötig gewesen, bis an die Grenzen der Belastbarkeit zu gehen. Alles war so eingerichtet, dass die Lebensmittel Longin stets in den Mund wuchsen. Und er fraß, anfangs mit Vergnügen. Erst fühlte er sich satt, dann übersättigt. Und mit der Zeit bekam er Verdauungsprobleme, seine Innereien fühlten sich an, als würden sie selbst zu Moos: sumpfig, zäh und glitschig, amorph.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.« Das oberste Stockwerk. Ein alter Mann mit Glatze und leuchtendem Bart streckte den Arm aus dem Fenster. Dankbar ergriff Longin die Hand. Mit einem erstaunlich kräftigen Ruck wurde er ins Innere des Turms gezogen. »Willkommen!« Der alte Mann lächelte freundlich. »Sie haben es geschafft.« »Noch nicht. Ich will ganz nach oben, aufs Dach.« »Das ist unmöglich«, sagte der Alte. »Weshalb?«, fragte Longin misstrauisch. »Weil es zu dunkel ist.« Longin drehte sich um und schaute aus dem Fenster. Tatsächlich, es dämmerte. Bei diesen Lichtverhältnissen weiterzuklettern, erschien Longin plötzlich vermessen, lebensgefährlich. »Warum leuchtet das Elfenbein nicht?« fragte er enttäuscht. Er war müde, rieb sich die Augen. Der alte Mann schien amüsiert. »Welches Elfenbein?«
Longin wollte ihm antworten, doch bevor er etwas sagen konnte, nahm ihn der Alte bei der Hand. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Ausgang.« Widerstandslos ließ sich Longin zur Tür führen. »Hier, sehen Sie, die Treppe.« Der Mann machte die Treppenhausbeleuchtung an, ein blendender Lichtschwall ergoss sich über die Stufen. Weiter unten verlor sich das Licht im trüben Schacht. Der alte Mann schob Longin sanft aus der Tür. »Halten Sie sich am Geländer fest, die Treppe ist sehr steil. Und lassen Sie sich Zeit beim Abstieg.«
Longin nickte. Später würde er wiederkommen, wenn er sich ausgeruht hatte, ganz gewiss. Und wenn dann die Sonne schien, würde er endlich durch die Wolken hindurch in den elfenbeinernen Himmel wandern.

 

Peter Kapp       25.05.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

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