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Mein Handwerkszeug: Photokopierer, Uhu und Schere

Dagmar Nick im Gespräch mit Pia-Elisabeth Leuschner
Dagmar Nick

Dagmar Nick | Foto: Peter Worm

Dagmar Nick, geboren 1926 als Tochter des Komponisten und Dirigenten Edmund Nick und der halbjüdischen Sängerin Kaete Jaenicke in Breslau, kam mit ihrer Familie – auf der Flucht vor der russischen Front – 1943 nach Bayern. 1945 veröffentlichte die erste Nummer der Münchner Neuen Zeitung (damals unter dem Feuilletonchef Erich Kästner) ihr Gedicht „Flucht“, das der 19-Jährigen schlagartig deutschlandweite Bekanntheit eintrug. Seitdem hat Nick kontinuierlich Gedichte veröffentlicht, ab den 50er Jahren auch Hörspiele und Erzählungen. Zu den Auszeichnungen, die sie erhielt, gehören der Eichendorff-Preis, der Tukan-Preis und der Andreas-Gryphius-Preis.

Das Gespräch ist zeitgleich in poet nr. 6 (Frühjahr 2009) erschienen.
Dagmar Nick im Poetenladen

Pia-Elisabeth Leuschner: Sie haben sehr früh, schon im Vorschulalter, Lyrik zu schreiben begonnen und Ihr erster Gedichtband erschien vor über sechzig Jahren; den bislang jüngsten Band hat der Rimbaud-Verlag 2008 veröffentlicht. Sie verarbeiten darin – mit großer Unerbittlichkeit gegenüber sich selbst – Erlebnisse Ihrer letzten Jahre. Was hat sich, abgesehen von den biographischen Hintergründen, an Ihrem lyrischen Schreiben seit seinen Anfängen geändert – oder hat sich überhaupt etwas geändert?

Dagmar Nick | Schattengespräche
Dagmar Nick
Schattengespräche
Gedichte
Rimbaud Verlag 2008
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Dagmar Nick: Ich hoffe doch!! Etwa habe ich zunehmend Adjek­tive und Ad­verbien aus­gemerzt, weil ich sie als über­flüssig empfand (deshalb hat man mir auch zu­weilen einen ‚substanti­vis­tischen‘ Stil vor­ge­worfen). Und, ja, auch der Reim hat sich verloren – wie er sich in der Literatur verloren hat und wie er sich vielleicht bei allen Dichtern, die heute schreiben, verlieren muss. Sein Wert in den Anfängen lag darin, dass er eine Art Halt bot, einen Leit­faden zur Disziplin: Man schwatzte nicht so leicht. Und durch diesen Zwang wurden die Gedichte in gewisser Hinsicht wesent­li­cher – und natür­lich auch musi­kalischer (ich kam ja aus einem Eltern­haus, in dem es sehr viel Musik gab   ...). Aber mit der Zeit habe ich gespürt, dass ich die Dis­zipli­nierung auch ohne Reim erreichen könne – und habe es einfach versucht. Anfangs war das nicht leicht ... Und ich denke – oder hoffe, dass meine Gedichte dabei trotzdem musikalisch geblieben sind – wenn auch in anderer Weise.

P.-E. Leuschner: Vor allem in den Anfängen schien mir Ihre Lyrik von einem Gestus der Fürsprache geprägt: Sie haben Menschen, die das Schicksal der Flucht mit Ihnen teilten, ‚aus dem Herzen geschrieben‘ und sind für diejenigen eingetreten, die keine eigene Stimme hatten: die ‚Märtyrer‘ des Holocaust und etwa in den 70er Jahren vehement für die vom Menschen verheerte Schöpfung. Sehen Sie den Lyriker als Mahner seiner Zeit?

D. Nick: Der Impuls meines Schreibens war immer der Wunsch, etwas loszuwerden, das mich bedrückte – eben damals die traumatischen Erfahrungen von Krieg, Flucht und Nachkriegszeit – oder später das Erschrecken darüber, was Menschen der Welt antun. Für mich haben Gedichte eine therapeutische – oder genauer: eine selbsttherapeutische Funktion. Das nimmt sogar sehr konkrete Formen an: Mich hat letzthin über Wochen ein Tinnitus gefoltert – und irgendwann kam dann das Gedicht dabei heraus. Und danach war auch das Phänomen verschwunden.

P.-E. Leuschner: An Ihrer frühen Prosa, den Erzählungen aus den 60er und 70er Jahren (die 2007, zusammen mit neuen Texten, endlich in Buchform erschienen sind), fällt auf, dass sie durchweg satirischer Natur sind – und in dieser Haltung sehr geschliffen eindrücklich. Warum gibt es die satirische Dagmar Nick nur in der Prosa?

D. Nick: Ich kann das schwer sagen. Gedichte sind eben doch eine sehr ernste Angelegenheit. Da kann ich einfach nicht satirisch sein. Außer in einem einzigen, sehr alten Text – er stammt aus den 50er Jahren und wurde nie veröffentlicht, weil ich ihn nicht für wichtig hielt. Und auch darin war der Impuls in gewisser Weise ein therapeutischer: eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen, die ich mir in jener Zeit selbst machte. Wenn Sie möchten, lasse ich Ihnen das Gedicht zukommen – als ein biographisches Dokument (Wiedergabe des Gedichts in poet nr. 6).

P.-E. Leuschner: Als ich Sie vor einigen Jahren kennenlernte, haben Sie mir gesagt, Sie würden nie mehr Gedichte schreiben. Diese Aussage stand auch im Zusammenhang mit dem Sterben Ihres dritten Ehemanns Kurt Braun, der 1982 einen Schlaganfall erlitt und davon gelähmt zurückblieb, den Sie bis zu seinem Tod gepflegt und mit Ihrem lyrischen Wort begleitet haben. Das vielleicht erschütterndste Zeugnis davon ist Ihr Band und Lyrik-Zyklus Trauer ohne Tabu. Aber mit Kurt Braun verbinden sich auch zwei andere Schwerpunkte Ihres Schreibens ...

D. Nick: Ja, zunächst: die Reisebücher oder die sogenannten ‚Reisebücher‘, für die er die Photos gemacht hat; so haben wir uns kennengelernt.

P.-E. Leuschner: Warum ‚sogenannte‘ Reisebücher?

D. Nick: Weil es für die spezifische Art von Buch, die ich schrieb, keinen gängigen Ausdruck gibt. Es sind keine Erlebniserzählungen – jedenfalls nicht in erster Linie. Und es sollten auch keine Touristenführer sein. Ich habe versucht, die Atmosphäre und die geschichtlichen Wurzeln eines Landes oder einer Insel zu erspüren, und mich gefragt, wie sieht dieses Land heute aus – vor dem Hintergrund seiner Mythologie.

P.-E. Leuschner: Und Sie haben dann diese Mythologie auch in Ihrem Erleben wiedergefunden: Etwa bei der Anfahrt auf Naxos haben Sie die Rosse des Poseidon vor Ihrem Bootsfenster „in die Levade“ gerissen gesehen.

D. Nick: Ja, das kann man.

P.-E. Leuschner: ... wenn man ein Dichter ist.

Dagmar Nick | Penelope, eine Erfahrung
Dagmar Nick
Penelope, eine Erfahrung
Eremiten-Presse 2000
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D. Nick: Nein, eigent­lich vor allem, wenn man versucht, sich in die Wahr­nehmungs­tradition von Men­schen hineinzufinden, für die Natur­er­schei­nungen von der Mytho­logie nicht zu trennen sind. Wenn ich etwa über Israel oder über Sizilien oder die griechi­schen Inseln geschrieben habe, habe ich zunächst aus­giebig recher­chiert: die Mytho­logie, die Geschichte des Landes, das Klima, die frühe Lite­ratur, um einen Zugang zu finden zum Charakter der Region und ihrer Bewohner.

P.-E. Leuschner: In der Zeit von Kurt Brauns Krankheit begann dann auch eine Reihe von Frauen-Prosa­monologen zu ent­stehen: Medea, ein Monolog (1988); Lilíth, eine Metamorphose (1992); Penelope, eine Er­fah­rung (2000) – und in ihnen zeigt sich kein satirischer Impuls. Waren diese Erzäh­lungen auch Therapie?

D. Nick: Es gab Motive, die aus dem Erleben stammten – etwa in Medea den Kentauren Chiron, der – wie mein Mann es war – ein Arzt ist, der sich selbst nicht helfen kann. Aber der konkrete Auslöser war ein anderer: Ich hatte in den Jahren zuvor bei Lesungen hauptsächlich aus den Reisebüchern gelesen. Jetzt wollte ich mir einmal etwas schreiben, das mir selbst beim Vortrag Vergnügen machen sollte ...

P.-E. Leuschner: Alle drei Frauen, mit denen Sie sich befassen, haben Beziehungen zu Männern hinter sich, die sie verraten haben. Spielte das für die Wahl Ihrer Sujets eine Rolle?

D. Nick: Nein, das war kein Plan. Lilíth hat mich schon als Kind fasziniert. In Nach­schlage­werken findet man meist nur lapidar „die erste Frau Adams“, aber nichts dazu, wo die Wurzeln dieser Figur liegen, deren Herkommen ja auch in der Bibel unerklärt bleibt – und da ging eben meine Phantasie los. Mich reizte einfach die Beschäf­tigung mit diesem Wesen (das in seinen mythologischen Ursprüngen ein Wüstendämon ist): diese Frau, die da heranweht und wieder verschwindet, und am Ende eben – in einer Meta­morphose, als Schlan­ge ... – aber das soll man besser selber lesen.
     Und auch für Penelope war der Anlass eigentlich sehr einfach: Inzwi­schen war ich grauhaarig und alt und wollte mir wieder einen Monolog schreiben. Da habe ich mich gefragt: Was wird aus Penelope nach Odysseus’ Tod (denn er war ja nicht mehr der jüngste). Ich habe mir vorgestellt, dass sie dann aufbricht, um jene Frauen aufzusuchen, die Odysseus zehn Jahre lang an sich fesselten.

P.-E. Leuschner: Drei Frauen-Monologe – sind die Anliegen des Femi­nis­mus Ihnen je nahe gewesen?

D. Nick: Nein, ich bin keine Feministin. Ich wollte die Frauen nicht verteidigen, das können die selber. Und ich glaube auch nicht, dass Frauen etwa im Literaturbetrieb benachteiligt werden. Wenn Sie gut sind, dann können sie sich durchsetzen. Im Gegenteil: Sie haben es sogar manchmal leichter. Nehmen Sie die junge Debütantin, vierund­zwanzig, die ihren ersten Roman geschrieben hat – wenn das Schicksal will und sie ist auch noch hübsch, dann kommt sie auch mit einem Photo in die Zeitung. Es gibt noch heute ziemlich banale weibliche Vorteile.

P.-E. Leuschner: Um beim heutigen Literatur­betrieb zu bleiben: Welche neuen Stimmen der jün­geren Lyrik lesen Sie – und wenn Sie es nicht tun, warum nicht?

D. Nick: Ich lese zweifellos zu wenig. Die Zeit, die mir in meinem Alter noch bleibt, brauche ich für die Dinge, die mir wichtig sind: Gegenwärtig sind es vor allem Vorträge. Und ich muss auch gestehen, dass ich mit vielen jüngeren Stimmen, wenn ich sie in Zeit­schriften finde, nichts anfangen kann – dass ich sie einfach nicht verstehe oder überflüssig finde.

P.-E. Leuschner: Und was gilt für Lyriker älterer Generationen?

D. Nick: Für Friederike Mayröcker bin ich sehr! Ich verstehe sie und zu ihrer Lyrik sage ich klar „Ja!“ Aber der liebste ist mir Günter Kunert.

P.-E. Leuschner: Inwiefern oder wie stark hat sich die literarische Land­schaft in Ihrer Erinnerung gewandelt – im Hinblick auf Verleger­persön­lich­keiten oder -strategien, auf Literaturförderung, Preise etc.?

D. Nick: Das kann ich schlecht sagen. Ich glaube nicht, dass sich der Verlegertyp geändert hat – vielleicht ist er ein wenig kommerzieller geworden.

P.-E. Leuschner: Und trifft es zu, dass – wie man so oft beklagen hört – „die Zeiten für Lyrik schlecht sind“?

D. Nick: Die Zeiten sind miserabel. Nach dem Krieg lasen wir Lyrik – man durfte Lyrik lesen, und das war ein Aufatmen, es galt nicht als Verweichlichung eines „germanischen Helden“. Heute wird massenhaft verlegt, aber es gibt meines Erachtens nur eine kleine Gruppe von Menschen, denen das Lesen von Gedichten ein wirkliches existentielles Anliegen ist. Anderen reicht das Fernsehen ...

P.-E. Leuschner: À propos Medien: Nutzen Sie die neuen Medien – und sehen Sie in ihnen neue Wirkungspotentiale der Lyrik?

D. Nick: Das kann ich nicht sagen, weil ich kein Internet habe. Ich habe einen Laptop, aber den brauche ich wie eine Schreibmaschine. Wenn man mich früher nach meinem Handwerkszeug befragte, habe ich immer gesagt: „Photokopierer, Uhu und Schere“. Und ich vermisse auch nichts: Ich liebe es, ein Buch einfach in die Hand zu nehmen. Ich könnte die Informationen, die ich für die Vorträge brauche, natürlich vielleicht auch im Internet finden, aber ich genieße das Buch als haptische Erfahrung.

P.-E. Leuschner: Und um mich damit noch einer größeren, zeitlosen Frage zuzuwenden: Ihr gesamtes Werk scheint mir von Metaphysiklosigkeit gekennzeichnet; es gibt sogar eine satirische Erzählung von Ihnen, in der jemand sein ewiges Leben verhökert und damit einen Erdrutsch solcher Veräußerungen und eine kollektive Euphorie der Gesellschaft auslöst. Trotzdem schien es mir in Ihren Gedichten – auch gerade in den neuesten – immer wieder eine explizit und inständig umschriebene Hoffnung auf ein Jenseits zu geben ...

D. Nick: Das müssen Sie mir erst zeigen – vielleicht entsteht ein solcher Eindruck, weil Sie die Gedichte in einer christlichen Perspektive gelesen haben. Ich habe keine Erwartung eines Jenseits. Ich hoffe, dass ich, wenn ich tot bin, tot bin, und einen schwarzen Schlaf habe und nicht mehr belästigt werde. Wunderbar!!! Ich bin viel zu jüdisch in meinem Wesen, um ein Jenseits anzunehmen; im Judentum gibt es keine Mystik. Ich gehöre nicht der jüdischen Gemeinde an (und – das muss ich hinzufügen – ich bin evangelisch), aber ich stehe in meiner Überzeugung dem jüdischen Glauben nahe.

P.-E. Leuschner: Aber dort gibt es doch den Gedanken der Auferstehung: das ‚Zu-den-Vätern-versammelt-Werden‘ oder das Eingehen in ‚Abrahams Schoß‘?

D. Nick: Das ist eine schöne Umschreibung des Nichts, eine Metapher. Eine Realität dahinter gibt es nicht.

P.-E. Leuschner: So ins Diesseits zurückkehrend: Was gäbe es an Posi­tivem, das die Welt in den letzten achtzig Jahren errungen hätte?

D. Nick (sehr bedächtig): Mehr Aufmerksamkeit für menschliche Probleme. Amnesty International an erster Stelle – ich glaube, das ist das Wichtigste. Oder auch: dass Menschen mehr reisen können, dass junge Leute andere Länder und Verhältnisse kennenlernen – und dann auch mit neuen Erkennt­nissen etwas besser machen können.

P.-E. Leuschner: Was würden Sie unserer Zeit wünschen?

D. Nick: (nach einer langen Pause, sehr leise): Frieden.

P.-E. Leuschner: Danke – für diese Antwort und für das Gespräch!
 
Gespräch in poet 6

poet nr. 6
Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig 2009
Frühjahr 09

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Das Gespräch führte Pia-Elisabeth Leuschner. Sie studierte Italienische und Englische Philologie sowie Kompara­tistik an den Univer­sitäten München, Canterbury und Venedig. Von 1989 bis 2001 war sie an den Univer­sitäten München und Köln beschäftigt und wurde 1999 promoviert. Sie arbeitet für die Stiftung Lyrik Kabinett München sowie als Modera­torin und freie wissen­schaftliche Publizistin.
Pia-Elisabeth Leuschner   25.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Pia-Elisabeth Leuschner
Gespräch