Gedichte | Geschichten | Gespräche
Wie erleben Schriftsteller anderer Ländern die deutsche Sprache und Literatur? Gibt es den kosmopolitischen Autor oder wird angesichts einer alles nivellierenden Globalisierung das Regionale in der Literatur wichtiger? Schafft Sprache Heimat? Der Autor des Weltensammlers, Ilija Trojanow, definiert im poet-Gespräch Heimat als das, was im Text eines jeden Autors entsteht.
Über die Grenzen blickt der poet gewohntermaßen auch in seinem Dossier, das der russischen Gegenwartslyrik gewidmet ist. Alexander Nitzberg hat elf Dichter aus dem großen Stimmenchor ausgewählt und übersetzt. Immer noch, so Nitzberg, sei die zeitgenössische russische Lyrik hierzulande weitgehend unbekannt.
Im deutschsprachigen Lyrikteil setzen nicht nur Hans Bender, Wulf Kirsten oder Gerhard Falkner Akzente – im Zusammenspiel mit der jungen und mittleren Generation ergibt sich ein lyrisches Leseabenteuer jenseits festgezurrter Positionen.
In der Prosa stellt der poet diesmal ausschließlich junge AutorInnen vor. Das hat nichts zu besagen – außer dass junge Erzählerinnen wesentlich die Gegenwartsliteratur prägen.
»Ich habe immer wieder etwas Neues gesucht, wollte mich auf keinen Fall wiederholen.«
(Jan Faktor im poet-Interview)
Gerhard Falkner
Ignatia 2
Und immer wieder sind es Reiherschnäbel
gespenstisch gewetzt
an den Glatzen der alten Eiszeiten
immer wieder linguistische Funde
Knochen versteinerte Silben und Buchenstäbchen
angekokelt vom Angstlachen
verschollener Frühmenschen
ein Rudel Hirsche, Gazellen oder Springböcke
das hinaustobt bis in die Fingerspitzen
der Höhlenbemaler
Stiere und Zeichen, datiert
von den Zerfallsgeschwindigkeiten
der Holzkohle, glühende Isotope
den Sternen verborgen
dass nur die Steine
ihre Spuren zeigen
Gerhard Falkner in poet nr. 8
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