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Rebecca Maria Salentin
Hintergrundwissen eines Klavierstimmers

Romanauszug
Schöffling & Co 2007

 
Krakau, Ende des neunzehnten Jahrhunderts:
Ein Gutsherr, der seine hochschwangere Frau verläßt und für den Rest seines Lebens schweigt. Ein Klavierstimmer, der maroden Flügeln klare Klänge zu entlocken versucht, um nach getaner Arbeit lautlos zu verschwinden. Eine ebenso behäbige wie unzurechnungsfähige Mutter, ein tropensüchtiger Großvater und mittendrin zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. In einem heißen Sommer zwanzig Jahre später eskalieren die Ereignisse.
Der Klavierstimmer war kopfschüttelnd und mit zittrigen Beinen die ul. Stradomska hochgegangen. Oft hatte er anhalten und sich die Stirn mit dem Taschentuch abwischen müssen, dabei die Tüte mit dem Gebäck in der Hand mit dem Stock haltend. Zu guter Letzt war ihm dann noch der schwerliche Gang hinauf zu Karols Wohnung geblieben.
Erst hatten sie schweigend gesessen, Tee getrunken und das mitgebrachte Gebäck gegessen. Dann hatte der Klavierstimmer ein wenig vom Schtetl erzählt, vom Rabbiner Jehoschua Thon, der ihm gefiel, weil seine Ansichten fortschrittlich waren, weil er unter den Krakauer Zionisten herausragte. Kazimierz hatte nach seiner Flucht aus Georgien erst in Lemberg gelebt. Er berichtete Karol, dass er den Rabbiner dort schon als kleinen Jungen kennen gelernt hatte, bevor Jehoschua nach Berlin gegangen war, um dort an der Universität den Doktor der Theologie und Philosophie zu machen. Dass er Jehoschua Thon in Krakau wiedergetroffen hatte, als dieser dort vor zehn Jahren Rabbi der Tempelsynagoge geworden war. Und dass der Rabbi Thon nur drei Jahre nach seiner Amtseinführung die jüdische Bibliothek Ezra an der ul. Krakowska mitgegründet habe. Er erzählte von den Gelehrten und Künstlern, oft konfessionslose Juden wie er selbst, die seine Freunde waren. Davon, dass Josef Sare als jüdischer Vertreter nicht nur in den Stadtrat gewählt worden sei, sondern sogar zum Vizepräsidenten von Krakau.
Normalerweise erzählte er auch ein wenig vom dwór, belangloses meist, nichts von dem Gestank der Katzen, nichts vom Drozdowski, nichts vom Verfall.
Einmal im Jahr stimmte er Karols Klavier, auf dem nie gespielt wurde.

An diesem Donnerstag aber hatte er, nachdem er vom Rabbi Thon und Josef Sare gesprochen hatte, Karol von den Hochzeitsplänen zwischen den Häusern Laub und Kożny berichtet. Stockend hatte er das wiedergegeben, was er mitbekommen hatte, als er dort am Tag zuvor den Bösendorfer gestimmt hatte. Davon, dass er dies eigentlich schon tags zuvor hatte tun wollen, nachdem er bei Elżbieta den Drozdowski gestimmt hatte. Dass ihn dann aber eine derartige Übelkeit erfasst habe, dass er die Kożnyschen Ländereien erst besudelt und dann verlassen habe, ohne seinen Auftrag erfüllt zu haben. Also sei er am nächsten Tag den weiten Weg noch einmal gegangen, und während er am Bösendorfer gearbeitet habe, sei Elżbieta aufgetaucht.
Die Übelkeit müsse wohl eine Form der Vorahnung gewesen sein. Denn noch nie war das Gewissen so hinterrücks über den Klavierstimmer hergefallen wie an jenem Tag. Jahrelang hatte Kazimierz das Gefühl der Scham mit sich herumgetragen, ohne zu wissen, wofür er sich schämte. In den letzten Tagen hatte er sich eingestanden, dass es die Mitwisserschaft war, die ihm ein Dauergefühl der Scham verursachte, dass ihm davon übel wurde. Dazu war eine Macke, ein Tick gekommen, den er sich selbst nie hatte erklären können: Wo immer er auch ging oder stand, was immer er auch tat, ständig sah der Klavierstimmer sich fallen, ausrutschen, stürzen und seinen Kopf auf Kanten knallen. Er sah sich, wie er sich den Schädel an Klavieren und Flügeln stieß, er sah sich auf Bordsteinkanten stürzen, wo sein Kopf blutig aufschlug. Er sah sich auf Treppen ausrutschen, den Hinterkopf hart auf den Stufen aufprallen, er sah sich gegen die Straßenbahnwagen laufen, deren Elektrizität ihm immer noch Angst einjagte, obwohl sie schon seit einigen Jahren die pferdebetriebene ersetzte, und sah seinen Kopf von der Härte des Aufpralls aus Nacken und Genick reißen. Fuhr er doch einmal mit der Straßenbahn, klammerte er sich mit schwitzigen Handflächen an die Metallstangen, dass es in den Kurven nur so quietschte, damit er nicht bei jeder Station den Halt verlöre und mit dem Kopf gegen Holzbänke, heruntergeklappte Fenster oder andere Passagiere stoße. Tischkanten musste er umklammern, um vor einer Kollision mit ihnen gefeit zu sein. Wenn er abends zu Bett lag und die Termine des nächsten Tages ordnete oder Vergangenes Revue passieren ließ, so sah er sich jedes Mal in dem Moment, in dem er das Wort ergriff, um seine eigene Meinung kundzutun, keine streitende oder rechthaberische, nein, nur seine ganz persönliche Meinung, in dem Moment, wo die Worte aus seinem Mund kamen und die Gesichter sich ihm zuwandten, sah er sich stürzen. Es reichte schon der Gedanke daran, Lieba oder Dawid um ein Brot zu bitten, und er sah seinen Kiefer auf ihre Verkaufstheke krachen, dass seine restlichen Zähne zersplitterten. Nie war eine dieser schmerzvollen Visionen Wirklichkeit geworden, er kannte andere seines Alters, die wirklich stürzten und fielen, er hatte sich jedoch, aus Angst vor dem Sturz, einen langsamen tastenden Gang angewöhnt. Er war immer sehr aufmerksam, besah jeden Schritt seiner Wege genau, schätzte alle Gefahren im Umkreis von einigen Metern mit den Augen ab, bevor er sich ein Gefühl der Entspannung zugestand. An diesem Nachmittag, in Karols Stube, hatte er sich gefragt, ob es die Ereignisse im dwór, zwanzig Jahre zuvor, gewesen waren, die ihm derart den Boden unter den Füßen wegzogen.
Kazimierz hatte Karol davon berichtet, wie Anton und Elżbieta über die Verheiratung ihrer Kinder gesprochen haben. Die Worte über die anstehende Hochzeit waren dem Klavierstimmer nur schwerlich aus der Kehle gekrochen. Er hatte zu Boden gesehen, und erst nachdem alles gesagt war, gewagt, einen kurzen Blick in das Gesicht seines Freundes zu schicken, wie ein Schuldiger, der um Vergebung sucht.
Karol hatte ihm starr in die Augen gesehen, beide hatten sie sich regungslos angestarrt und dieser gerade Blick hatte ihn an den einen Moment in ihrer Freundschaft erinnert; damals hatte Karol ihn genauso angesehen.

Rebecca Maria Salentin      03.03.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Rebecca Salentin
Prosa
Interview