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Cornelia Schmerle
In Pulsen

Erfahrung pour l'art

Cornelia Schmerle schreibt Gedichte In Pulsen
  Kritik
Cornelia Schmerle | In Pulsen   Cornelia Schmerle
In Pulsen
Gedichte
Verlagshaus J. Frank 2010
92 Seiten, 18,90 Euro

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Die Milch ist getrunken. / Kinder warfen ihren Streif / an das leere Glas. // Zu bedauern bleibt, / dass der Fuchs aus seinem Pelz, / dem dickichten, nie kann.

Das (sehr frappant) Frappante an den Gedichten dieser Autorin ist die Selt­samigkeit der Sachverhalte. Die hermetische Transparenz der Wörter und der von ihnen umsteuerten Zwischenräume. Das Mohair des Sonder­baren als Umgebung einer amöbischen Kernzone, von der aus sich Sinn nicht als Klarheit offenbart, sondern eher als Schönheit semantischer Aus­nahmezu­stände.

ich berühre weiterhin: du / und mein ich und unser / vergehen an beidem, am selbstigen / gelee, das uns mitgeteilt wird von kostern, den vor- den nach- / federnden, die eine lange zunge / aus dem salz der luft nehmen, vom negativ

Die poetische Kraft dieser Lyrik ist immens. Schon nach wenigen Seiten erreicht der Band enorme Energiewerte. Cornelia Schmerle feuert aus einem anscheinend überbordenden Reservoir stakkato funkelnde Enigmen aufs Blatt. Das Gedicht ist bei ihr multiplizierte Verdichtung. Eine Form von Konzen­tration (Kontraktion), die sich aus Bild­zeichen zusammen­setzt, welche der Massivität des Uniformen entrissen sind.
  Man könnte sagen, es handelt sich bei diesen so indivi­duellen Explorationen um um Versuche, den unge­zügelten Raum aus Sprach- und Wahr­nehmungs­fluss zu fassen. Die Wirklichkeit der kleinen schwie­rigen Kammerkonzerte.
  Auf dem Papier bildet sich daraus eine Welt, die auf kürzere oder längere Strecke verschlossen scheint. Wahr­nehmungen und Aushebelungs­versuche, Momente und eskapistische Strategien münden irgendwann an einem Ende.

stehst als dein denkmal / in toter region

Die Messgeräte des Lesers signalisieren Zeichen eines permanenten Dramas. Sie signalisieren aber auch, dass die Schwierigkeiten immer auch die des Lesers sind. Referenztexturen der realen und irrealen Zwänge des Tiefenbewusstseins, deren Bilder diverse Freuds vaporisieren könnten. Schmerle ist keine Hell-, sondern eine Grellseherin, deren Sein elementar von metaphorischen Turbulenzen durchzaubert scheint.

Das Monatswesen trägt noch Scharniere, hat Nachwuchs / im Leib. Immer ist es uneins mit mir.

Man hat den Eindruck, als lausche man in diesen Gedichten über ein seltsames Hörrohr dem Pan der Fantasie. Der über eine Sprache verfügt, die auch bestimmte Figuren in den Bildern von Neo Rauch sprechen könnten. Festgefroren in einer Ungeheuerlichkeit. Gebunden an Sphären absonderlicher Echtheit und Prägnanz.

Das Gretchen spielen, noch kleiner, / noch nackter am Strumpf zerren; das Haar / schnüren, die Brust damit schnüren

Schmerle balanciert ihre Texte zwischen Romantik und Deprivation. Sie forschen so leicht- wie schwermütig an der schwierigen Sinnlichkeit des Mitteilen seiner selbst. Ambivalenzen. Die hermetischen Verschattungen in eines Menschen Traumland entpuppen sich dabei als unvermeidliche Geschosse in einem Positivismenbau.

Sprichst du mir vor aus Oberflächen? / Ich suche nach unserer verregneten Schale im Raum, dies lass / uns stehn, diese Frucht kühlt Verrohtes.

Der Charakter eines Werkes ist durch die Auskoppelung einzelner Zeilen natürlich nur bedingt darstellbar. Eine codierte Sequenz verrät nur wenig über das Genom. Aber man erfährt in diesem Fall vielleicht über die Ver­weigerung gegenüber der Anschlusslogik. Oder man kommt zumindest

bis dahin: poesie, gesprenkelte aphrodite. / ein stück schönster gehirnwindung am äußersten lid eines fasans. / bis weiter: synchronität im surreal meiner lippen / deiner ureigenen version.

Was diese Gedichte sirenisch zeigen, scheint ganz aus sich selbst heraus zu geschehen. Verwirbelungs­lust. Die Erfah­rungen pour l'art. Fraktale Sprünge, friktionale Fiktionen, ins Geheime assoziierte Gedanken. Bilder schlichtweg mit hohem atmosphärischem Druck.
  Es sind Gedichte als panora­matische Psycho­logie­miniaturen. Hypno­tisch und leuchtend und Katakombe, Abyss. Gedichte mit dem Schimmern von Sylvia Plath oder Else Lasker-Schüler. Sinnlich und verlockend sensitiv an den Aha-Momenten des Befremdens, Befremdet­seins. Geschrieben von einer Dichte­rin in dickin­sonscher Zurück­gezo­genheit. Die mindestens eine der Einzigen dieser Art von Dichtung ist.

Sieh, / meine kleinen Opiate / streuen Wolken / über die Naht. / Blau. // Iss. / Lehnst du ab, / knipse ich dich / aus dem Licht. / Ach, // kein Geschenk, das überrascht, auch / der Schlaf / ist voll von dir, / du.

Cornelia Schmerle im poetenladen

Ron Winkler   16.05.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 

 
Ron Winkler
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