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Gerd Forster

Fliehende Felder

Im Kreisverkehr

Gerd Forster | Fliehende Felder
Gerd Forster
Fliehende Felder
Gedichte
Rhein-Mosel-Verlag 2006
(Edition Schrittmacher)
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Am Anfang sei ein Blick auf das Ende erlaubt, sofern von einem solchen überhaupt die Rede sein kann. Gerd Forster hat seinem neuen Gedichtband die Schlussbemerkung angehängt, dass die Publikation seines letzten „schon viele Jahre“ zurückliege. Tatsächlich mussten sich Lyrik-Enthusiasten seit den Wirbel Säulen (1987) mit verstreut erschienenen Texten des Pfalzpreisträgers in Zeitschriften und Anthologien begnügen oder auf die Prosa ausweichen. Erzählungen, ein Roman, Kriminalgeschichten und ein Israelisches Tagebuch erschienen unter anderem, während neue Gedichte entstanden und ältere reiften. Nun scheint eine der Gattung angemessene Zeitspanne vergangen, und der Autor hat mit Fliehende Felder einen weiteren Band mit Gedichten vorgelegt im sicheren Bewusstsein, dass Lyrik keine Halbwertzeit kennt. Gedichte schreiben, Gedichte lesen – ein auf beiden Seiten gleichermaßen beglückender wie zeitloser Zeitvertreib. Und ein nicht enden wollender, unentrinnbarer Circulus vitiosus, dem Forsters augenzwinkerndes Bekenntnis gilt: „Ich habe mein ganzes Leben Gedichte geschrieben und kann es immer noch nicht lassen.“

Die Zeit, genauer: die vergehende Zeit ist das beherrschende Thema der neuen Sammlung. Zeit, im Vergehen für einen kurzen Augenblick fixiert und zum Leuchten gebracht durch poetische Betrachtung. Fliehende Felder eben, auf der Flucht mit Sprache wie mit einer präzisen Kamera gestellt und als das Zurückliegende, das sich aktuell Ereignende und das unbekannt Zukünftige benannt. Drängendes und Bedrängendes, dem nur, wenn überhaupt, mit dem Blick des distanziert-analytischen, gleichwohl affizierten Beobachters beizukommen ist. Als ein Dichter des sensiblen, des fragilen Raums zwischen Denken und Empfinden hat sich Gerd Forster einen Namen gemacht; und er beweist in seinem neuen Buch, dass sich eine zarte, fast scheue Zurückhaltung gegenüber den Dingen des Lebens (sollte man gar von Demut sprechen?) als die richtige Strategie erweist, sich einem solch hoch komplexen und philosophisch überfrachteten Thema in lyrischen Texten zu nähern.

Eine junge Dorfschullehrerin (die Mutter des Autors) sitzt abends, von Heimweh geplagt, in ihrem Pensionszimmer – eine Szene wie aus einem Schwarzweißfilm der dreißiger Jahre (Kratzgriffel). Auf einem Klassentreffen erkennt jemand, dem seine Mitschüler fremd geworden sind (der Autor), plötzlich eine Kinderliebe wieder – ein flüchtiges Lächeln überbrückt die Jahrzehnte (Sechzig Jahre später). Gerd Forster hat seine Annäherungen an das unaufhaltsam Vorüberziehende in sechs Kapiteln zusammengefasst und so das zeitlich Disparate eines Konvoluts von 69 Texten schlüssig zusammengehalten. Versiegelte Minuten ist das erste überschrieben. Vergangenes, haltbar gemacht durch einfühlende Erinnerung – subtiles Leitmotiv am Anfang und in seiner Subtilität leitmotivisch für das, was folgt. In Gewesenes eintauchen, die Zeit bannen – oder umgekehrt: sich dem Sog der Zeit überlassen und auf die Fliehkraft der Worte und Wünsche vertrauen. Dem Versuch, einen Moment lang rauschhaft in der Gegenwart zu verharren, ist gleich zu Beginn eines der schönsten Gedichte des Bandes gewidmet: Kreisverkehr, unvollendet. Wie sich darin das Alltagsproblem einer verpassten Ausfahrt im Kreisel und die Erinnerung an eine längst vergangene Karussellfahrt überblenden und verwischen, um schließlich in einer existentiellen Frage zum Stillstand zu kommen – Ist ein Leben verändernder Richtungswechsel im Älterwerden, im Alter noch möglich? Wäre er Lust oder Last? –, das ist poetisch virtuos gehandhabt und zugleich ein Beispiel für Gerd Forsters bevorzugtes lyrisches Verfahren in Fliehende Felder.

Kreisverkehr, unvollendet

Ausfahrt verschlafen, Ehrenrunde,
du bist nicht in Eile, von keinem bedrängt:
Reitschule, Karussell,
nicht so rauschhaft selig aber
wie einst, die verwischten Bäume,
die fliegenden Häuser, Entfernung und
Immerwiederkehr vertrauter Gestalten,
lachend, winkend, weiter im Kreis,
in der Mitte ein Hügel, Sandsteinfindlinge
noch mit der Biss-Spur des Baggers,
Blumenfelder, symmetrieversessen,
die bonbonbunt lackierte Orgel,
quietschend, stöhnend, „Die Liebe na-ham
kein Ende mehr“, weitere Runden, ungestört,
eine Ausfahrt schwingt in aufgerissene Äcker,
noch ohne Schild: Zielerfindungen,
ein leichter Schwindel, wohin
mit der Fliehkraft treiben dich deine Wünsche?
Rohbauten wachsen da und dort.
Noch einmal, einmal noch
eine entscheidende Richtungswahl.

Am Ende doch wieder
Auf der gewohnten Bahn.

Nicht immer jedoch erscheint das Vergangene als das Leichte und Unbeschwerte, als das unverlorene „Findeglück“ (Versiegelte Minuten). Erinnerung, weiß der Autor, ist weniger Faktenlage denn Auswahl und Interpretation: eine Frage der Perspektive des Erinnernden. Wann ist eine Kindheit unglücklich oder glücklich zu nennen? Ein gutes Gedicht überlässt dem Leser die Antwort. So oder so etwa setzt Sirenengeheul und Bombennächte gegen kuhwarme Milch und amerikanische Kaugummis und schützt sich und seine Leser dadurch vor allzu viel Versöhnlichkeit und Melancholie, denen ein Erwachsener im Zurückdenken leicht ausgesetzt ist. Die kindliche Vorstellung aber, dass alle Erscheinungen der Natur beseelt sind, hat der Autor in seine Schreibgegenwart hinübergerettet. Waren es damals Nüsse in der Hosentasche, die als Versprechen galten, so ist es heute ein Stein, der zum lyrischen Dialog Anlass gibt. Als poeta doctus kennt Gerd Forster das archaische Inventar poetischen Sprechens; und die Art, wie er die Deutungshoheit der Natur beschwört und den Wechsel der Jahreszeiten, Nachtigall, Lerche und die Meereswellen zu Symbolen der Empathie erhebt, das erinnert zuweilen an die Naturmagische Schule, vor allem an die Hähergedichte Günter Eichs. Die Zeit besänftigen durch Trost und Tröstung in der Natur? Der Wunsch, wie Ammoniten „nach der finalen Entsorgung noch / eine lesbare Spur zu hinterlassen, / wenigstens für eine kleine Zeit“ (Achenseewesen), ist allzumenschlich; im Bewusstsein der Endlichkeit aber, angesichts von Alter, Krankheit und Tod, eine „absurde Bitte“ (Steinzeiten).

Es sind vor allem diese kontemplativen Denk-Bilder, die vom neuen Band im Gedächtnis bleiben. Beziehungsreich verknüpfen sie Gegenstände aus Natur, Musik, Literatur und Kunst mit Alltagsphänomenen, die dadurch gleichsam in einen ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen eintreten. In ihnen begegnen sich Thema und lyrisches Sprechen auf Augenhöhe. Aber Gerd Forster ist kein eskapistischer Dichter; er widmet sich daneben Themen, die tagesaktuelle Inhalte transportieren: unserer Zeit also. Im Kapitel Unter dem berechenbaren Mond etwa werden polnische Gastarbeiter bei der Spargelernte, afrikanische Flüchtlinge an den Grenzen Spaniens oder Straßenmusiker aus Osteuropa Anlass der Reflexion. Die Entrüstung über deren soziale Situation erreicht uns Mitteleuropäer meist nur abgeflacht, medial heruntergedimmt bis zur Gleichgültigkeit (Der Sturm). Ebenso wie das Schicksal eines kindlichen Mordopfers (Das Mädchen). Gerd Forster nähert sich diesem Tabuthema ebenso furchtlos, wie er die Zumutungen des Alterns ohne Scheu in Poesie verwandelt. Der Abstand der Älteren zum in unserer Gesellschaft scheinbar einzig konsensfähigen Lebensalter „Jugend“ lässt ihn nicht resignieren, sondern verführt zur Kontaktaufnahme: Ein Zuwinken kann da schon versöhnlich wirken (Supermarkt-Generationen); ebenso das beglückende Spiel mit der Enkelin (Zimmerzoo). Nur manchmal ist in diesen Gedichten so etwas wie Ungeduld, Unverständnis oder leiser Groll zu spüren – über die schnöde Missachtung der Vogelstimmen durch Discman-verstöpselte Jogger etwa (Fitness). Hier hätte ein wenig mehr Mut zu gerechtem Zorn gegenüber dem Anderen, Unverständlichen vor einem Anflug von Gekränktheit geschützt.

Zurückhaltend ist Gerd Forster auch, was die Form seiner Texte betrifft. Wie in seinen früheren Gedichten behält er den Duktus des fließenden Erzählens bei, verzichtet auf ein vordergründig erkennbares Versmaß, bleibt im Rhythmus zurückhaltend, aber musikalisch. Dabei wird er im Ton nie schnodderig, vermeidet jedes Anbiedern an die Generation der Sprachzertrümmerer. Von der Eleganz seines Stils wäre zu sprechen, von der Uneitelkeit des lyrischen Ichs, das das Beobachtete in den Vordergrund rückt. Dabei bleibt das Vertrauen des Autors in das lyrische Sprechen ungebrochen. Hier funktioniert er noch, triumphiert über Skepsis und Scheitern: der Trost in der Sprache, die Sinnstiftung durch Benennen. Was dazu beiträgt, dass der Forster-Ton auch dem ungeübteren Lyrik-Leser keine Barrieren setzt. Manchmal jedoch, beim Hintereinanderlesen, gleicht sich die Struktur vieler Texte (zu) auffällig – dann nämlich, wenn die Forsterschen Denk-Bilder als Pointe an den Schluss geraten und die Gedichte nicht nur sinnreich beschließen, sondern fast zu verschließen drohen. Es sei denn, das starke Thema entzieht sich letzter Deut- und Fassbarkeit – wie das absehbare Ende der uns gegebenen Spanne. Störungen im Lebensablauf, Krankheit, existentielle Zustände zwischen Leben und Tod, wie sie das letzte Kapitel Verwandte Symptome enthält, inspirieren den Dichter inhaltlich und gestalterisch zu schöner, das Genre bereichernder Offenheit. Und so liest sich die Hommage des Dichter-Musikers Gerd Forster an die Verwandlungskraft der Zeit (Lenau und die Violine) als Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Lenau und die Violine

Sexten und Quinten Signale zur fürstlichen Jagd
zu den Gipfeln hoch die den Himmel aufschlitzen
Gewitterlust tobende Läufe die Flüsse entlang
Waghalsige Sprünge im Dämmerlicht noch
Über die Furten Glissandi durchs Schilf mit einem
Seufzer verglühen sie irgendwo Flageoletts
Irrlichter drunten am Teich Pizzicati der Nacht
entrissene Sterne springen als Funken zwischen
die Schenkel der hingegossenen Damen ängstigt
denn keine das wunde Vibrato das seine Grenzen
verliert wie Meer und Steppe kaum noch geschützt
von der linken Schulter das randalierende Herz
unter dem flammend gemaserten Holz sehr ihr
seht ihr denn nicht wie der Bogen zuckt
nicht wie der bleiche Spieler sich schneidet da
klatscht ihr noch Beifall bemerkt denn niemand
den klaffenden Mund im Schatten der nieder
stürzenden Mähne voll knisternder Blitze die
Geige als drücke er taumelnd sich selbst an die Brust
er würgt sich das ist doch kein Spiel auch wenn sein
schlingernder Blick immer nach Spiegeln
sucht das ist doch kein Spiel mehr die Saiten zer
fetzt allesamt so fangt ihn doch wenigstens
auf

Chaussée. Zeitschrift für Literatur und Kultur der Pfalz, Heft 18/2006

Sabine Göttel     16.12.2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Sabine Göttel
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